Tag

Gesundheit

Browsing

Vorgestern wurde Mama „austherapiert“ aus dem Krankenhaus entlassen und zurück ins Pflegeheim verlegt. Jeden Tag fahre ich zu ihr, ohne zu wissen, was mich diesmal erwartet. Es ist eine Achterbahnfahrt sondergleichen. Ich habe das Bedürfnis, diesen Weg hier zu begleiten. Schreiben hilft mir – und so lange ich darüber schreiben kann, ist die Geschichte noch nicht zu Ende.

Die Rückkehr war ein Schock für Mama.

Denn ihre Beine funktionieren ja nicht mehr. Das hatte sie im Krankenhaus allerdings noch nicht realisiert. Dort ist es schließlich normal, ausschließlich zu liegen – alle liegen hier. Aber in der Pflegeeinrichtung nicht – dort war „am Rollator gehen“ angesagt. In dieser gewohnten Umgebung nun nicht mehr laufen zu können, ist schlimm für sie. Auf einmal sieht sie: „Ich bin jetzt bettlägerig“. Eine Erkenntnis wie ein Schlag in die Magengrube, der seelische Höllenqualen verursacht.

Seitdem brüllt sie sich den Schmerz aus dem Leib.

Jeden Tag. Anfangs dachte ich, das Schmerzmittel sei nicht hoch genug dosiert. Schnell wurde mir aber klar: Sie schreit vor Ungerechtigkeit. Das hat sie früher auch schon gemacht. Manche Menschen werden bei seelischem Schmerz ganz still und leise – Mama nicht. Sie testet nochmal mit aller Kraft ihrer Lungen aus, wie laut sie noch werden kann.

Damals in ihrer neuen Wohnung hatte sie auch schonmal solch eine Phase.

Kurz nach dem Umzug nach Hamburg vor sieben Jahren kam sie nicht gut mit dem Umbruch in ihrem Leben und dem Verlust ihres Ehemannes klar. Nachts, als es ruhig wurde, quälten sie plötzlich wieder die Erinnerungen an ihre Kindheit im Bombenkeller, und das Trauma brach sich durch laute, unkontrollierte Schreie Bahn. Die neuen Nachbarn waren davon mäßig begeistert, aber ich konnte sie besänftigen. Ich wusste, wenn Mama sich erstmal an die neue Lebenssituation gewöhnt hätte, würden die Schreie nachlassen – und so kam es dann auch. Das Leben mit uns in Hamburg nahm schöne Züge an, und ihre geschundene Seele fand wieder Ruhe.

Aufgrund dieser Erfahrung kann ich heute heraushören, um welche Sorte Schreie es sich handelt.

Es erinnert mich an die Zeit, als meine Tochter noch ein Baby war. Da war ich nach kurzer Zeit als Mama irgendwann auch imstande, zu unterscheiden, ob es sich um ernsthaftes oder um launisches Brüllen handelte. So ähnlich ist es bei Mama jetzt auch. Deshalb weiß ich auch, dass eine Erhöhung der Schmerzmitteldosis nichts an ihrem Wehklagen ändern würden. Zumal sie ohnehin schon eine hohe Dosis bekommt. Stattdessen wird Mama nun zusätzlich Palliativmittel bekommen, die sie geistig beruhigen.

Gleichzeitig ist mir klar: Wenn sie ruhiger wird, naht das Ende unserer gemeinsamen Zeit.

Als ich vorgestern ankam, dachte ich kurz, ich käme zu spät. Ihr Gesicht hatte schon dieses Maskenhafte an sich, das ich von Papa damals kenne. Ihre Augen waren halb geöffnet, und sie reagierte nicht sofort auf mein: „Mama?!“. Doch kurz darauf kehrte Leben in ihren Blick zurück, und sie freute sich über meinen Besuch. Ich atmete tief durch, und wir tauschten ein paar Sätze aus – dann kamen die Schreie zurück. Fast bereute ich meinen Besuch; hatte ich sie doch aus der angenehmeren Ruhe geholt.

Deshalb blieb ich am Tag darauf vorsichtshalber erst vor der Tür stehen.

Um zu lauschen, ob sie ruhig war oder ohnehin schon brüllte. Allerdings war ihr lautes Organ schon vom Flur aus zu hören. Immerhin konnte ich diesmal keine Ruhe stören, wo zuvor schon keine gewesen war. Nach einer halben Stunde neben ihr klingelten mir die Ohren. Sie erkannte mich zwar und begrüßte mich auch – aber dann driftete sie ab in eine Art anderen Bewusstseinszustand, in dem sie fast nicht mehr ansprechbar ist, und der nur aus Verzweiflung und Schreien besteht. Gestern gesellten sich Erinnerungen hinzu, sie rief „Feuer!“ und wollte, dass „jemand endlich ihre Hände nähme“.

Also hielt ich sie fest – und sie schaute durch mich hindurch.

Auch das kenne ich von Papa damals. Als sein Leben sich im Krankenhaus dem Ende zuneigte, driftete sein Geist bei offenen Augen immer mehr in vergangene Sphären ab. Es sind wohl die Erlebnisse, die einen am meisten geprägt haben, die das Gedächtnis in diesem besonderen Übergangsstatus wieder hervorspült und real werden lässt. Papa war plötzlich wieder im Gerichtssaal, in dem er sich nach 30 Jahren treuer Betriebszugehörigkeit kurz vor der Rente stehend gegen eine betriebsbedingte Kündigung zur Wehr setzen musste.

Ich hörte ihn seine eigene Verteidigung formulieren.

Und wusste, dass ich Abschied nehmen musste. Auch Papa hatte damals seine klaren Momente zwischendurch. Dann forderte er Umarmungen von mir ein, wurde ganz weich und liebevoll. Mama hingegen erteilt wie eh und je Befehle, sobald sie wieder im Hier und Jetzt ist.

„Mehr Tee!“ „Wo ist mein Handtuch?!“ „Kissen unter meinen Kopf!“

Sie pfeift, ich springe. Es ist das Einzige, was ich gerade für sie tun kann. In den ruhigeren Momenten singe ich für sie Lieder, die sie früher für mich summte, wenn ich einschlafen sollte. Im Moment hat „Der Mond ist aufgegangen“ die beruhigendste Wirkung auf sie. Inzwischen kann ich alle drölfzig Strophen auswendig. Gestern bin ich der Abwechslung halber mal auf das Summen ihres Lieblingsliedes von Vicky Leandros, „Ich liebe das Leben“, umgestiegen (mit Text wäre es mir zu makaber vorgekommen). Mamas unzufriedenes Grunzen ließ mich aber schnell wieder auf Matthias Claudius‘ Mond umschwenken.

Eine Pflegerin kam herein.

Sie erzählte, dass sie Mama inzwischen zu dritt wenden müssen, weil sie sich so wehrt. Jede Bewegung tut ihr weh, aber was muss, das muss. Mama wird dabei aggressiv. Es fielen Begriffe wie „Kneifvorfall“ – wieder eine Parallele zum Kleinkind-Dasein. Ich weiß, dass die Pflegerinnen hier sehr vorsichtig mit ihr umgehen und konnte nicht umhin, mich für Mamas Aggressrion entschuldigen zu wollen. Aber die Pflegerin sagte, ich solle mir keine Gedanken machen, das seien sie schon gewöhnt.

Ich erfuhr außerdem, dass sie jetzt alle halbe Stunde nach ihr gucken.

„Sichtkontrolle“ nennt sich das. Heute hätte es schon einen Moment gegeben, in dem auch die Pflegerin kurz dachte, jetzt sei es soweit. „Ich weiß“, seufzte ich mit Tränen in den Augen. „Ich rechne auch schon immer damit.“ Sie lächelte mir zu. „Es ist alles so schnell gegangen auf einmal, nicht?“ meinte sie dann und schaute Mama wehmütig an. „Vor wenigen Wochen ist sie noch trällernd zum Chor gegangen und hat mit uns Feste gefeiert.“

Ich muss direkt ans Oktoberfest 2024 denken.

Als Mama mich quasi genötigt hat, dem Fest in meinem stilechten Dirndl beizuwohnen, weil sie ein bisschen mit mir angeben wollte. Ich habe mich dementsprechend ein bisschen vorgeführt gefühlt. Heute bin ich froh, dass ich den Spaß mitgemacht habe.

Anno 2024: Ready for Oktoberfest in Mamas Einrichtung

Die Pflegerin und ich tauschten weiter Anekdoten aus.

„Früher hat sie mich morgens beim Anlegen der Thrombose-Strümpfe immer gefragt, was ich zur weltpolitischen Lage sage. Und mir erzählt, was Trump und Putin wieder verbrochen haben. Dann haben wir zusammen den Kopf geschüttelt und gesagt, die Welt ist verrückt geworden“, erinnerte sich die Pflegerin, und ich musste schmunzeln. Typisch Mama. Immer zu allem ne Meinung.

Auch jetzt beobachtete sie uns und hörte uns zu.

Ihr Gehör hat stark nachgelassen, aber ich bin mir sicher – das Gespräch zwischen der Pflegerin und mir hat sie heute mitgeschnitten. Plötzlich wurden nämlich ihre Augen wacher: „Das mit der Bauchspeicheldrüse, das stimmt übrigens nicht!“, posaunte sie plötzlich ganz klar heraus.

Die Pflegerin runzelte vielsagend ihre Stirn.

Dazu muss man wissen: Die Ärzte im Krankenhaus haben Mamas Diagnosen größtenteils nur mir mitgeteilt, weil Mama geistig nicht anwesend genug war. Irgendwo hat sie aber zumindest das mit der „schwachen Bauchspeicheldrüse“ aufgeschnappt. Erstaunlich eigentlich, wir haben sie wohl unterschätzt. Natürlich glaubt sie den Ärzten kein Wort und regt sich fürchterlich auf.

Deshalb haben wir ihr das mit der Leberzirrhose noch gar nicht erzählt.

Weil es sie noch mehr stressen würde als die Sache mit der Bauchspeicheldrüse. Ich will ehrlich sein – das Schweigen fällt mir in diesem Fall gar nicht so leicht. Am liebsten würde ich es ihr noch aufs Butterbrot schmieren: „Schönen Gruß vom Klosterfrau Melissengeist, Deine Leber hat es nicht so locker genommen.“ Es gibt schon noch einen jähzornigen Teil in mir, der „Ich hab’s dir ja gesagt“ spielen möchte. Der müsste ihr dann aber auch die abertausend Momente in Erinnerung rufen, in denen ich sagte: „Wenn du dich nicht bewegst, wirst du bettlägerig“ und ihr zur nun erfolgten Muskelkontraktion „gratulieren“.

Ich übe mich lieber im Loslassen.

Ich lasse diese Erinnerung genauso los wie die zig Restaurantbesuche, bei denen sie zur „Feier des Tages“ dringend noch einen Schnaps oder einen Cocktail bestellen musste, die ich hinter ihrem Rücken gegen umdrehungsfreie Varianten austauschen ließ. Manchmal ging das schief – und ich musste sie im letzten Moment in die nächste Pflanze oder selber kippen. Nicht selten bin ich nach unseren Restaurant-Ausflügen beschwipster nach Hause gefahren als geplant.

Wer bin ich, ihr jetzt noch Vorhaltungen zu machen.

Vielleicht will ich mit 80 auch nur noch so daliegen, meinen geliebten Molinari kippen, eine Schachtel Marlboro rauchen und in Ruhe gelassen werden. Von einer nervenden Meckertante von Tochter zu einem gesunden Lebensstil drangsaliert zu werden, ist dann sicher auch nicht mehr Teil meiner Wunschliste.

Das Allergemeinste: Mama ist noch gar nicht bereit für die letzte Ruhe.

Bevor die gesundheitlichen Probleme im November begannen, war sie noch voller Lebensfreude, voller Gesang, voll willens, weiterzumachen. Aber dafür hat sie dann trotzdem zu wenig getan und unterschätzt, wie schnell der alte Körper dann den Geist aufgibt. Ich bin voller Mitgefühl für sie.

Selten war es so ätzend, Recht zu behalten.

Nun ist es, wie es ist – und wir müssen beide damit klarkommen. „Wir wollen doch noch zusammen sein“, sagte sie neulich voll des Bedauerns im Krankenhaus zu mir. Ja, das wollen wir, Mama – habe ich geantwortet und ihre Wange gestreichelt.

Heute fuhr ich mit einem warmen Gefühl nach Hause.

Das schöne Gespräch mit der Pflegerin hat mir gut getan. Zu wissen, dass sie in guten Händen ist, selbst, wenn sie kneift und brüllt, hilft mir sehr. Ich hoffe im Moment einfach von Tag zu Tag, dass sie mich morgen noch wiedererkennt und wir in ihren wachen Momenten noch ein Wort miteinander wechseln können. Und wenn ich nur Handlungsanweisungen erhalte, bevor sie irgendwann ganz in der anderen Welt bleibt.

Vor zwei Wochen bist du noch am Rollator durch dein Zimmer im Pflegeheim gelaufen, um dich an deinen Tisch zu setzen und dein geliebtes Matjesbrötchen zu mampfen, das ich dir ab und zu mitbringe. Jetzt liegst du hilflos im Krankenhaus, kannst deine Beine nicht mehr bewegen und dich nichtmal mehr alleine aufsetzen. Und das alles ist irreparabel. Draußen hört es nicht auf zu schneien – als wollte der tiefste Winter uns beiden zeigen, wie lang er werden kann.

Mich erinnert die Situation ein bisschen an April 2017.

Damals verfasste ich einen Blogbeitrag mit dem Titel „Am vorläufigen Ende des Weges“ . Meine Eltern lebten beide noch in Düsseldorf und ich in Hamburg – und nichts ging mehr bei ihnen. Ich hatte zuvor zwei Jahre lang aus der Ferne ihren Haushalt organisiert, bis es nicht mehr praktikabel war. Wir wollten die beiden nach Hamburg umsiedeln, aber sie weigerten sich. Wollten nicht sehen, was ich kommen sah: Wenig später ist Papa im Badezimmer gestürzt und im Krankenhaus verstorben.

Jetzt fühlt es sich wieder ähnlich an.

Wieder spüre ich: Ein Ende ist nah. Doch diesmal bleibt mir wenigstens das Gefühl erspart, nicht alles für Mama getan zu haben. Im Gegenteil. Wir hatten noch fast 8 schöne Jahre zusammen hier in Hamburg. 7 davon lebte sie in unserer Nachbarwohnung, anderthalb in der Pflegeeinrichtung. All unsere wunderbaren Ausflüge und sogar Kreuzfahrten möchte ich nicht missen.

Doch leicht war es natürlich auch nicht immer („Ich brauche keinen Rollator„, „Ich brauche keinen Pflegedienst!“, „Ich bin nicht dement“…). Nicht zu vergessen: Mamas heimlicher Klosterfrau-Melissengeist-Konsum, der sie samt Alkoholdelir ins Krankenhaus brachte, woraufhin klar war: Alleine zu Hause, das geht so nicht mehr. Als ich ein Machtwort sprechen musste, weil der Umzug in die stationäre Pflege unumgänglich war… selten habe ich mich so beschissen gefühlt, wie in diesem Moment.

Aber im Nachhinein war es das Beste, was wir machen konnten.

Sie hatte in der Pflegeeinrichtung nämlich noch ein richtig tolles Jahr. Sie hat dort im Chor gesungen und es geliebt, die Feste der Einrichtung mitzugestalten. Es fielen Sätze wie „Endlich führe ich hier das Leben, das ich schon immer hätte führen sollen! – Warum bin ich nicht schon viel eher hier eingezogen?!“, und ich wusste – alles richtig gemacht.

Doch dann ging es vor drei Monaten gesundheitlich abwärts, und zwar rapide.

Ich weiß ja, wie schnell das in ihrem Alter gehen kann. Immerhin ist Mama inzwischen 87. Da darf mich eigentlich nichts mehr überraschen. Trotzdem bin ich ganz betäubt davon, wie fix sie von „Ich gehe noch am Rollator“ zur totalen Bettlägerigkeit gelangt ist und sich nichtmal mehr richtig aufsetzen kann. Das ist jetzt leider der Stand der Dinge.

Jetzt liegt sie im Krankenhaus, so hilflos, und ich bin traurig.

Wir wissen heute noch nicht, was sie alles hat – aber es ist viel. Unter anderem eine Leberzirrhose. Wären wir in den USA, hätte ich wahrscheinlich gute Chancen darauf, Klosterfrau in Mamas Namen zu verklagen. Dieses hochprozentige Zeug, das für ältere Damen und Herren als Wundermittel der Natur daherkommt, ganz harmlos. Seit ihrem Umzug in die Einrichtung ist damit natürlich Feierabend gewesen – leider haben Leber und Niere ein gutes Gedächtnis.

Ach, Mama.

Wir wollten doch noch nach Kapstadt und Alaska. Stattdessen sitze ich nun täglich an deinem Bett und füttere dich, weil es sonst keiner hier im Krankenhaus macht und weil es hier auch sonst keinen interessiert, ob du was gegessen hast oder nicht. Selber essen kannst du nicht mehr, weil das Aufsetzen unmöglich ist.

(Update: Das muss ich revidieren. Ich hatte in den ersten Tagen den Eindruck, niemand registriert, ob sie gegessen hat oder nicht, das stimmt aber nicht. Die Pfleger:innen hier kümmern sich sogar sehr liebevoll und nehmen sich Zeit, ihr das Essen anzureichen. Ich hab es auch schon anders erlebt und deshalb voreilige Schlüsse gezogen. Und natürlich helfe ich trotzdem weiterhin mit).

Und dann wurde dir auch noch der „Knopf“ geklaut.

Heute komme ich in dein Zimmer und stelle fest: Du hast eine neue Bettnachbarin. Eine ältere Dame, ähnlich hilflos wie du, die viel schläft, und an deren Bett kein Notrufknopf installiert ist. In der Hand hält sie deinen Notrufknopf, den man ihr einfach hinübergezogen hat. Das macht mich sprachlos und wütend.

Könnten die beiden noch miteinander kommunizieren, wäre das vielleicht kein Problem. Dann könnten sie sich gegenseitig Bescheid geben, damit die Andere den Knopf drückt. Sie nehmen sich aber kaum noch gegenseitig wahr, können kaum über den Bettrand zur Anderen hinüber schauen. Im Zweifel wäre Mama also vollkommen aufgeschmissen.

Wie skrupellos kann man sein, einer offensichtlich hilflosen Patientin einfach den Notrufknopf wegzunehmen?

Wer auch immer das zu verantworten hat (den Pflegern zufolge die anderen Angehörigen), kann sich schonmal warm anziehen, sollten wir uns begegnen.

Ich habe kurz überlegt, den Notrufknopf einfach wieder dahin zu legen, wo er hingehört. Stattdessen bin ich natürlich losgestiefelt und habe einen zweiten organisiert, wie es sich gehört.

Wäre ich nicht täglich hier, wie würde es dann für dich laufen, Mama?

Sie kümmern sich hier gut um Dich, aber die Wärme zwischen uns lässt sich nicht ersetzen. Und die brauchst du ganz dringend, das sehe ich an Deinem erleichterten Gesicht, wenn ich komme. Denn in nur wenigen Tagen hast du eine Muskelkontraktur erlitten. Die Muskeln versteifen irreparabel, wenn man sie nicht bewegt. Das war mir bekannt, aber mir war nicht klar, wie verdammt schnell das gehen kann.

Ironie des Schicksals, dass du ausgerechnet jetzt geistig noch voll fit bist.

Wir hatten ja in der Vergangenheit auch immer mal wieder Momente (vor dem Umzug ins Pflegeheim zB), in denen die Demenz voll durchschlug und du mich nichtmal wiedererkannt hast. Nun, da dein Körper vollends aufgibt, bist du hingegen komplett geistig anwesend. Was für ein unfairer Mist eigentlich. Andererseits bin ich natürlich froh, dass wir noch miteinander sprechen können.

Es redet ja sonst niemand mit mir.

Die Ärzte nehmen, seit du eingeliefert wurdest, permanent Reißaus vor mir. Niemand hält mich auf dem Laufenden, ich telefoniere ständig hinterher, und es ist dem puren Zufall zu verdanken, wenn ich überhaupt mal was erfahre. Ich weiß also immerhin, dass du eine Lebererkrankung im Endstadium hast, habe aber nach wie vor keine Ahnung, was bei diversen anderen Untersuchungen herausgekommen ist. Du fragst auch nicht danach, willst es gar nicht wissen, es würde dich überfordern – du spürst ja ohnehin, was los ist. Und ich schwanke: Soll ich dich mit meinem Wissen quälen? Und hast Du nicht ein Recht darauf, mehr zu erfahren?

Aber Du strahlst so, wenn ich endlich da bin.

Und es fällt mir schwer, dir so unerbittlich die Wahrheit um die Ohren zu hauen. Du wirst nie wieder aufstehen, und du wirst nie wieder gesund. Mehr weiß ich auch nicht, aber das reicht mir persönlich auch schon vollkommen. Alles, woran ich denken kann, ist: Wie gut, dass wir letzten Sommer noch die schöne Bootstour über den Schweriner See gemacht haben. Wie schön, dass wir noch ein paar Mal zusammen im Restaurant waren. Wie schade, dass ich so wenig Zeit für dich hatte in den letzten Wochen des Jahres 2025. Diese Situation verlangt mir viel Kraft ab, die Ungewissheit raubt mir den letzten Nerv. Aber wie muss es erst für dich sein…

Morgen bin ich wieder da, gebe dir zu essen und halte deine Hand.

Ich mache mich extra immer hübsch für dich, schminke mich und ziehe mich schick an, damit das Letzte, was du vielleicht siehst, nicht diese abgehalfterte, müde, blasse und augenberingte Variante von mir ist, die mir zurzeit jeden Morgen aus dem Spiegel entgegenschaut. Ich möchte nicht, dass du dir Sorgen um mich machst. Du fragst ohnehin schon zu oft nach, ob bei „uns“ alles in Ordnung ist, weil du Angst hast, mich „alleine“ zu lassen. Bei „uns“ ist alles in Ordnung, sage ich dann, und sehe den Zweifel in deinem Blick. Ich stehe seit vielen Jahren auf meinen eigenen Beinen, bin aber doch immer dein Kind geblieben.

So stapfe ich hier grad traurig mittags mit Happy durch den Schnee.

Du hast den Wiener Opernball gestern verpasst.

Den wir immer zusammen geschaut haben. Ich hab ein bisschen für dich mitgeguckt und dir heute davon erzählt. Du hast gelächelt und deine Lieblingsmelodie gesummt. Wie sehr mich diese stundenlange, nicht enden wollende Übertragung des Wiener Pomps in den letzten Jahren genervt hat. Wie gerne würde ich ihn jetzt nochmal mit dir gucken. Ich summe den Wiener Walzer mit dir mit, bis du einschläfst, und fahre nach Hause, ins Ungewisse, wie jeden Tag momentan.

Mama wohnt jetzt seit fast zwölf Monaten bei uns in Hamburg. Wenn ich so zurück blicke, muss ich sagen, das war eine schöne Zeit bisher. Wir hatten schon so viele, schöne Momente, und sie sieht ihre Enkelin nun aufwachsen. Es gibt immer noch Tage, an denen ich das gar nicht glauben kann. Wie viel sich verändert hat, und wie gut es ihr inzwischen geht. Sie hat eine schöne, eigene Wohnung, in der sie gut zurecht kommt, mit einer großen Sonnenterrasse, auf der sie im Sommer sehr gern sitzt. Sehr komfortabel. Genau so wie das wirklich leckere Mittagessen auf Rädern, das sie fast täglich bezieht und sehr genießt, nachdem sie ja monatelang von mir bekocht wurde und dies zwar akzeptabel, aber bei Weitem nicht zufriedenstellend fand (ich werde das auch noch mal irgendwann verbloggen müssen).

Sie hat aus dem Stand Pflegegrad 3 bekommen.

Von wegen „Ich doch nicht!“, aber auch das ist noch einen schönen, weiteren Blogeintrag wert. Seitdem erhält sie nun täglich Besuch vom Pflegedienst, der morgens kommt, um die Medikamentengabe zu überwachen. Eigentlich kann sie das selbst, aber darum geht es irgendwie gar nicht. Es verschafft mir zwar Gewissheit, dass sie die Herzpillen täglich korrekt nimmt (vor der letzten Augen-OP fielen ihr einzelne Tabletten gern mal unbemerkt runter).

Aber viel wichtiger ist: Der Besuch gibt ihrem Tag Struktur, und die Pflegebediensteten sind zu Bekannten geworden. Durch den Notrufknopf an ihrem Arm kann ich sie nun halbwegs beruhigt alleine lassen, wenn ich an zwei Tagen in der Woche nach Lübeck muss. Und jeden Mittwoch schickt uns der Pflegedienst seit einiger Zeit die Haushaltshilfe Frau D., die mir das Putzen von Mamas Wohnung größtenteils abnimmt und mit ihr spazieren geht. Eine richtig strenge, resolute Dame, die Mama Beine macht, wenn sie keine Lust hat, rauszugehen oder in ihrem eigenen Haushalt zu helfen. Frau D. lässt sich nicht abwimmeln und dringt besser zu ihr durch als ich.

Aber ich bin ja auch nur die Tochter, auf mich muss man ja nicht hören.

Aber wenn eine nahezu Fremde einen Vortrag zum Thema „Wie wichtig Bewegung im Alltag ist“, dann fängt Mama ab dem nächsten Tag an, täglich Morgengymnastik zu machen. Eine bittersüße Erfahrung für mich, aber das Ergebnis zählt, und dann ist ja auch egal, wer sie dazu gebracht hat, Frau D. oder ich. Da darf ich nicht eitel sein. Ich liebe Frau D.  Ich wüsste schon gar nicht mehr, was wir ohne sie machen würden. Neben ihrer Hartnäckigkeit ist sie auch noch mit Humor ausgestattet. Beides braucht sie auch, bei meiner Mutter. Genauso wie der Optiker, bei dem wir heute waren. Der brauchte auch sehr viel Humor. Und Geduld. Ganz viel Geduld. Mamas zweite Augen-OP ist sehr gut verlaufen. Sie sieht jetzt wieder richtig viel, aber mit dem Lesen hapert es leider noch. Sie braucht eine Brille. Das passt ihr nicht, denn sie hat ja noch NIE eine Brille gebraucht, und wie sieht sie denn dann aus, mit so einem Nasenfahrrad, und wenn sie eine bekommt, dann trägt sie die mit Sicherheit nicht draußen.

Tritratrullalla.

Ein Theater. Aber sie kann es drehen und wenden, wie sie will. Lesen klappt nicht. Und das ist natürlich hinderlich, wenn man seine heißgeliebten Opern-Arien nicht mehr nachsingen kann, weil man die Noten und den Text nicht erkennt (ihren direkten Nachbarn stehen lustige Zeiten bevor!). Jedenfalls fanden wir uns heute beim Optiker wieder, um ihrer Gesichtsverunstaltung Vorschub zu leisten. Wir wurden gebeten, uns zunächst ein Gestell auszusuchen. Mama hatte keine Lust dazu, also stand ich auf, ließ meinen Scanner-Blick durch den Laden wandern und fand zielsicher das einzige Modell, bei dem ich mir sicher war, dass es ihr gefallen würde. Volltreffer. Ich kenne meine Mutter eben doch schon etwas länger. So weit, so unkompliziert. Doch dann folgte der schwierigere Part, das Vermessen der Augen mit verschiedenen Gläsern und Gerätschaften.

Optiker: „Und wie ist es jetzt?“

Mama: „Hervorragend, ganz hervorragend!“

Optiker: „Nein, ich meine, ist es jetzt besser oder schlechter?“

Mama: „Das weiß ich doch jetzt nicht mehr.“

Optiker: „Okay, drehen wir noch mal zurück.“ (klick) „Jetzt?“

Mama: „Nein, also DAS geht gar nicht.“

Optiker: „Alles klar, wieder zurück zur besseren Variante.“ (klick) „Stimmt’s?“

Mama: „Hm, nein, keine Änderung.“

Optiker: „Aber gerade sagten Sie doch, das wäre ganz hervorragend?“

Mama: „Geht so. Ich finde, es geht so.“

Ich (denke): „Willkommen in meiner Welt, lieber, armer Optiker.“

Optiker: „Und so?“

Mama: „Ja, das ist SUPER, jetzt sehe ich alles richtig scharf.“

Optiker (klickt): „Und jetzt?“

Mama: „Ja, ganz toll.“

Optiker: „Also besser als gerade?“

Mama: „Besser als was?“

Optiker: „ALS DAS GLAS DAVOR!!!!“

Mama: „Ach so. Nee, ungefähr gleich gut.“

Optiker (klick): „Und jetzt?“

Mama: „Keine Änderung.“

Optiker (klickt): „Und jetzt?“

Mama: „Immer noch. Gleich gut.“

Optiker (klickt): „Jetzt besser?“

Mama: „Immer noch gleich gut.“

Optiker (klickt): „Und nun?“

Mama: „Also, das zwei Gläser vorher, das war RICHTIG gut.“

Optiker: „Aha. Dann drehe ich das jetzt noch mal zurück.“ (klickt)

Mama: „Nein, furchtbar. Ganz schlecht.“

Ich entwickelte langsam Zweifel, ob der Optiker jemals dazu imstande sein würde, die richtige Stärke für Mama zu identifizieren. Sie machte es ihm wirklich nicht leicht.

Optiker: „Jetzt lesen Sie mal die Buchstaben in der ersten Reihe vor.“

Mama (kneift die Augen zusammen): „(………..) Ist das ein A?“

Optiker: „Das frage ich SIE!“

[Es war ein H]

Mama: „Also, A, G, K, F, O.“

[Alles falsch]

Mama: „Oder warten Sie. A, F, L, X, C. Ist doch richtig, oder?“

Optiker: „Nicht ganz, wir nehmen mal eine andere Tafel.“

Mama (vom Ehrgeiz getrieben, man hat ja schließlich noch Augen wie ein Adler!): „Nein, warten Sie, das kriege ich noch hin!“

Optiker: „Werte Dame, ich glaube, Sie haben den Sinn des Tests nicht verstanden. Es geht nicht darum, es zu schaffen. Sie können hier ja auch nicht durchfallen. Ich möchte ja nur herausfinden, was sie tatsächlich noch entziffern können.“

Mama (empört): „Sie sind ja nicht gerade motivierend!“

Optiker: „Es war nicht meine Absicht, Sie zu demotivieren. Dazu gibt es auch gar keinen Grund. Mit dem linken Auge kriegen Sie mit Brille wieder 80 Prozent.“

Mama: „Der Augenarzt hat aber was von 60 Prozent gesagt.“

Optiker: „Vielleicht war das ein Schätzwert?“

Mama: „Aber da muss man sich doch drauf verlassen können, dass man 60 Prozent bekommt, wenn der das sagt.“

Optiker: „Aber 80 Prozent sind doch besser, freuen Sie sich doch!“

Mama: „Auf nichts ist mehr Verlass! Ich frage mich auch, wieso ich nach der OP auf dem linken Auge besser sehe, als auf dem rechten?“

Optiker: „Das müssen Sie Ihren Augenarzt fragen.“

Mama: „Ja, aber auf dessen Angaben kann man ja offenbar nichts geben.“

Optiker: „Noch mal zurück zur Tafel. Die zweite Reihe bitte.“

Mama: „7, 4, 6, 8, 9.“

[Es waren alles Buchstaben]

Optiker (der Verzweiflung nahe): „Sind Sie sicher?“

Mama: „Natürlich bin ich mir sicher.“

Optiker: „Also, dann fangen wir jetzt noch mal von vorne an.“

Ich habe einen guten Arbeitgeber, bei dem man 10 Extra-Urlaubstage pro Jahr dazu kaufen kann. Das habe ich gemacht, und diese Tage nutze ich für die Termine, zu denen ich meine Mutter begleiten muss. Am heutigen Nachmittag hatte ich mir also Urlaub genommen. Manchmal ist arbeiten weniger nervenaufreibend.

Pin It