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Lonari

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Du hast es geschafft, liebe Mama. Die Qual der letzten Wochen hat ein Ende. Gestern Nachmittag bist du von uns gegangen, eine Stunde, bevor ich zu dir wollte. Irgendwie glaube ich, du wolltest mich in diesem Moment nicht an deiner Seite haben. Sonst hättest du vielleicht noch gewartet. Ich bin traurig und esse dir zu Ehren ein Matjesbrötchen. Bei Papa war es die Marzipanschokolade, bei dir eben ein viel zu kleines Stückchen Fischfilet mit etwas labberigem Salatblatt zwischen zwei sehr trockenen Brötchenhälften. Du hast es geliebt. Du fehlst mir sehr. Erstaunlicherweise denke ich dabei vor allem an die Dinge, mit denen du mich früher wahnsinnig gemacht hast.

Aber es sind eben auch die liebenswerten Angewohnheiten, die dich so ausgezeichnet haben.

Wenn ich meinen Besuch bei dir angekündigt habe, riefst du grundsätzlich 5 Minuten vor dem vereinbarten Zeitpunkt bei mir an, um nachzufragen, wo ich denn bliebe. Deine Ungeduld war legendär. Wie oft hat mich dieses Handyklingeln endlos gestresst. Heute schaue ich traurig in meine Anrufliste. 3. Februar, 16:56 Uhr steht da bei deinem allerletzten Anruf – vier Minuten vor 5. Ich stand gerade an der letzten Ampel und fluchte leise, bevor ich freundlich in die Freisprechanlage rief, ich sei gleich da. Doch dieses Nachhaken, das war nicht nur Ungeduld, das war vor allem Ausdruck deiner immerwährenden Sorge um mich.

Wie damals, als du in meiner ersten Schulwoche die Polizei zur Schule gerufen hast, weil ich nicht nach Hause gekommen war.

Du hattest schon immer ein Händchen für den ganz großen Auftritt, bzw. wusstest, wie man dafür sorgt, dass die eigene Tochter bereits am dritten Tag ihrer Schullaufbahn im Handumdrehen schulbekannt (oder besser gesagt, zum Schulgespött) wird. Was war passiert? Mein Schulweg betrug ungefähr 150 Meter, er ging gerade die Straße hinunter, und ich musste dabei nur eine kleine Nebenstraße überqueren.

Ziemlich sichere Sache also.

Leider habe ich mich tagsüber mit meinem neuen Sitznachbarn gestritten, sodass wir beide nachsitzen mussten. Tafel wischen, Stühle hochstellen, etc. Deshalb erschien ich also nicht zur bekannten Uhrzeit zu Hause. Du liefst mir beunruhigt entgegen – aber irgendwie müssen wir uns auf der kurzen Strecke wohl verpasst haben. Jedenfalls klingelte ich vergeblich zu Hause an der Tür, während du im Direktorenbüro einen solches Theater veranstaltet hast, dass wenig später ein Polizeiauto auf dem Schulhof stand, und zwar zehn Minuten, bevor die letzte Stunde zu Ende war und der gesamte Hof von neugierigen Kindern geflutet wurde.

Während mir die Nachbarin meiner Eltern Asyl gab, gabst du dem Nervenzusammenbruch nahe eine Vermisstenanzeige auf.

Das Ganze löste sich dann natürlich schnell auf – aber ich war am nächsten Tag gebrandmarkt, und du hattest dir den Preis für die ängstlichste Mutter des Jahres verdient. Damals war ich 6 und du 47, also so alt wie ich heute. Aber auch mit 47 und 88 hatte sich an deiner mütterlichen Besorgnis rein gar nichts geändert. Jetzt fehlt mir das, und noch viel mehr.

Ich vermisse sogar dein „lautes Organ“.

So hat Papa das immer genannt, wenn dir mal wieder nicht auffiel, dass du mit deinen Erzählungen das gesamte Restaurant unterhalten hast (was mir übrigens auch ab und zu passiert).

Nein, die leisen Töne lagen dir nicht. Du warst aus vollem Halse Sängerin (Krefelder Stadttheater! 1956!)! Du wolltest Rampenlicht, und das in fast jeder Minute deines Lebens. Singen war dein Lebenselixier. Von Vicky Leandros‘ „Ich liebe das Leben“ bis zu deinem Lieblingsstück „O habet Acht (vor den Kindern der Nacht)“ aus dem Zigeunerbaron, das wir alle ehrlich gesagt immer ganz schön gruselig fanden (und dass man „Zigeuner“ nicht mehr sagt, war dir auch nicht mehr beizubringen).

Ich werde es vermissen, mit dir über den Sonntagsstammtisch zu reden.

Jeden Sonntag kurz vor dem Mittagessen war er dein Pflichtprogramm: Der Sonntagsstammtisch im Bayerischen Rundfunk. Ich musste ihn auch immer schauen – bzw, mich informieren, wer dagewesen ist, weil du mit mir darüber reden wolltest. Du konntest dich stundenlang über den „neuen“ Moderator echauffieren, der deinen Liebling Helmut Markwort abgelöst hatte (2018 schon, aber das ist ja quasi gestern gewesen!), der Markwort selbstverständlich „nicht das Wasser reichen“ konnte. Erst der zweite Nachfolger, Hans Werner Kilz, fand – hallelujah – endlich deine Zustimmung. Was ich in deinem Auftrag und in deinem Namen in mehreren Beschwerde-Mails an die Redaktion kundtun musste.

Apropos Zuschauerpost: Ich glaube, auch die NDR-Klassik-Nachtsendung wird ihre treueste Hörerin vermissen.

Da du nachts oft nicht schlafen konntest, lief dein Lieblings-Klassiksender bis in die frühen Stunden. Und du warst im Morgengrauen mit Sicherheit die aufmerksamste Zuhörerin. Dir entging kein Fehler in der Anmoderation irgendeiner Beethoven-Symphonie. Du hast sie alle notiert – und wieder durfte ich dann vermittelnd tätig werden. Sie haben auch jedesmal geantwortet und sich dann vielmals für ihre tausenden „Faux pas“ entschuldigt. Es könne natürlich nicht jeder ein so umfassendes Beethoven-Wissen vorweisen wie du. Du wurdest auch nicht müde, das zu betonen und mir mein mangelndes Klassik-Verständnis unter die Nase zu reiben.

Ja, du warst das größte Beethoven-Fangirl, wie man heute so schön sagt.

Deswegen waren wir auch an Silvester zur Neunten in der Leiszhalle und zum Klavierkonzert in der Elbphilharmonie. Von der Neunten warst du begeistert, aber das Klavierkonzert hat dir weniger zugesagt. Dem Pianisten fehlte deiner Meinung nach die Liebe zum Künstler, schimpftest du lautstark während der Aufführung. Da man mich aufgrund eines Buchungsfehlers am anderen Ende des Saales platziert hatte (skandalös!), kann ich dir heute noch versichern, dass ich dort jedes Wort deiner Kritik laut und deutlich verstanden habe – und der restliche Saal inklusive Pianist ebenso. Die gute Akustik der Elbphilharmonie war uns ja aber bereits bestens bekannt, seit du bei einem anderen Silvesterkonzert („Die lustige Witwe“) mitten in einer Atempause deine mitgebrachte Butterbrotdose fallengelassen hast.

Niemand brachte mich je so nachhaltig dazu, im Erdboden zu versinken.

Zum Beispiel, wenn du jede neue, offensichtlich nicht mitteleuropäische Pflegekraft in der Einrichtung erstmal nach ihrer „wahren“ Herkunft gefragt hast. Auch hier war dir keine Political Correctness mehr zu vermitteln, und ich habe mich oft für dich entschuldigt. Ja, deine laute, oft unangebrachte Art war mir oft zu viel oder unangenehm und meinem eigenen Wesen so fern. Aber sie gehörte nunmal zu dir, sie war Teil deiner unumstößlichen Grundeinstellung, und auch dafür habe ich dich sehr lieb.

Es war so schön, dass du bei uns warst.

Es war so schön, dass du den Schritt nach Hamburg nach Papas‘ Tod mit uns gegangen bist. Oft habe ich mir gewünscht, er hätte sich doch noch dazu durchringen können. Durch seine sture Ablehnung haben wir vermutlich einige Jahre gemeinsame Zeit verloren. Damit hadere ich. Wo wir mit dir abends den Wiener Opernball geguckt haben und auf Kreuzfahrt in London oder am Strand in Kiel waren, hätten wir mit Papa prima zum Fußball gehen, sonntags Rommé spielen und Doppelpass gucken können. Er wollte nicht, und du damals auch noch nicht. Aber dann hast du den Umzug doch mitgemacht. Und schau dir an, wie viel wir alle gewonnen haben. Du hast in den neun Jahren bei uns so viel erlebt wie in 20 Jahren zuvor in Düsseldorf nicht. Das macht mich am allerglücklichsten – und das bleibt mir erhalten. Genau wie Deine Begeisterungsfähigkeit – denn die haben wir gemein.

Deine große Liebe fürs Leben, dein Festhalten an jedem Atemzug.

Das werde ich wohl am meisten vermissen. Deine unbändige Lebensfreude, die immer in dir geschlummert hat, selbst in den dunkelsten Phasen. So sehr hast du noch darum gekämpft, bleiben zu dürfen. Nein, du warst alles andere als fertig mit dem Leben. Leider hatte dein Körper andere Pläne. Mit den Erinnerungen und Eindrücken aus den schweren, letzten Wochen, die dich so verändert haben, werde ich noch länger zu tun haben. Das wird mich noch lange beschäftigen.

Am Ende waren meine Nerven auch sehr angespannt.

Ich konnte nicht mehr. Nachdem ich über Wochen hinweg jeden Tag, sobald ich konnte, an deinem Bett gesessen und währenddessen jeden Schrei und jedes Rufen, das aus dir hochstieg, mitausgehalten habe, war meine Kraft am Ende auch erschöpft. Dein lautes Organ wurde langsam heiser, und ich immer ungeduldiger. Du hast es – vermutlich – gar nicht mehr mitbekommen; hattest mich schon seit Tagen nicht mehr wiedererkannt oder auf mich reagiert. Ich weiß also nicht, wie viel du von meiner Verzweiflung noch spürtest. All die Tage hatte ich tapfer durchgehalten; aber am Nachmittag vor deinem Tod bin ich auch neben dir zusammengebrochen, konnte meine beruhigende Fassade nicht mehr aufrechterhalten.

Ich habe neben dir um dich geweint.

Und ich habe offen gesagt, dass ich auch nicht mehr kann. Du hast in diesem Stadium nochmal Kriegserlebnisse durchgemacht, „Feuer“ gebrüllt, deine Mutti angesprochen, die du wohl in dem Moment sehen konntest. Ich versuchte, deine Erinnerungen auf die schönen Erlebnisse deines Lebens umzulenken, dein Leben in Kiel, dein Leben mit Papa. Aber das hatte immer nur ganz kurz Erfolg. Ich konnte dir nicht mehr helfen, und das hat mir letzten Rest Kraft genommen. Also habe ich um deine Erlösung gebeten – denn niemand hat so ein Ende verdient, in dem er immer nur kämpft und der Kampf ums Überleben zur Qual wird.

Vielleicht hast du meine Bitten gehört.

Vielleicht hast du in diesem Moment verstanden, dass du loslassen kannst. Denn am nächsten Tag hast du beschlossen, zu gehen, bevor ich kam. Ich konnte noch ein bisschen Mama-Wärme von dir spüren, bevor ich mich endgültig verabschieden musste.

Danke, Mama.

Danke, dass du noch so lange bei uns warst. Danke für alle Sonntagsessen, zu denen du mit deinem anfangs so ungeliebten Rollator aus der Nachbarwohnung fröhlich angejückelt kamst. Danke für deine laute Lache, deine kindliche Freude, deine Liebe zum Meer und dafür, dass du nie einen Hehl um deinen Stolz auf mich gemacht hast. Danke für dein Temperament und die eintausend lustigen Anekdoten, die du uns beschert hast. All das wird mich weiter durch mein Leben tragen. Vielleicht sogar bis nach Alaska.

Während der letzten Tage, die ich an Mamas Bett verbrachte, erfahre ich in der Einrichtung immer wieder, wie unterschiedlich das Lebensende aussehen kann. Was mich dabei vor allem beschäftigt, ist ein gewisses Ausgeliefertsein, das ich dabei wahrnehme. Warum ich daraufhin meine eigene Patientenverfügung nochmal anpassen werde, davon möchte ich heute erzählen.

Die einen dürfen nicht gehen, die anderen können nicht

Bei Mama ist es ja nun so: Der Körper will nicht mehr, aber sie ist noch gar nicht bereit für ihr Ende. Wenn ich zwischendurch auf den Gang hinaus gehe, begegnen mir Bewohner:innen im Rollstuhl oder am Rollator, bei denen es genau umgekehrt ist: Die wollen nicht mehr, aber ihr Körper ist noch zu fit.

Wie unfassbar unfair.

Unter anderem gibt es eine Bewohnerin, die immer wieder durch die Gänge wandelt und ankündigt, sich jetzt gleich aus dem nächsten Fenster stürzen zu wollen. Das funktioniert natürlich nicht, denn alle Fenster sind hier selbstverständlich bestens gesichert. Sie läuft also immer ziemlich erfolglos umher. Gleichzeitig ist sie aber dement und vergisst immer wieder, wie oft sie mit ihrem Vorhaben schon gescheitert ist. Die Pfleger:innen bringen sie immer wieder geduldig zurück in ihr Zimmer. Auf den ersten Blick hat diese Tragik vielleicht etwas Komisches an sich.

Aber bei näherem Hinsehen ist es nicht komisch, sondern grauenhaft.

Mamas Seele ist ihrem Körper ausgeliefert, der immer weiter nachgibt – und diese suizidgefährdete Dame ist ihrem Körper ebenso ausgeliefert, weil er einfach nicht nachgeben will. Beide können nicht mehr selbst über ihr Schicksal entscheiden. Mich macht das sehr nachdenklich. Möchte ich so enden? Bestimmt nicht.

Gleichzeitig habe ich selbst aber eine Patientenverfügung, in der ich für mich lebenserhaltende Maßnahmen wünsche.

Allerdings war mir bisher auch nicht in Gänze klar, was das bedeuten kann. Bisher hatte ich nur ein typisches Krankenhaus-Koma-Szenario vor Augen und dachte: Na ja, solange die Hoffnung, dass ich wieder aufwache, nicht ganz gestorben ist, wäre es doch tragisch, diese Möglichkeit nicht aufrechtzuerhalten. Schließlich bin ich eine Kämpfernatur – ich war davon überzeugt, bei mir ist alles möglich. Aber durch die Erfahrung, die ich gerade mit Mama mache, sehe ich das nun ganz anders.

Mir ist klargeworden, wie belastend meine Entscheidung für meine Angehörigen werden könnte.

Mama hat im Gegensatz zu mir – dem Himmel sei Dank! – eine Patientenverfügung, in der sie sich gegen lebenserhaltende Maßnahmen im Angesicht des nahenden Todes ausspricht. Dadurch bin ich als Generalbevollmächtigte verpflichtet, dafür zu sorgen, dass dieser Wille Berücksichtigung findet. Ich muss also nicht selbst entscheiden, was mit ihr passieren soll, denn ihr Wille ist für mich, für ihre Ärzt:innen und für die Pflegeeinrichtung bindend.

Das macht einen himmelweiten Unterschied in einer solchen Lage wie der jetzigen.

Denn was wäre gewesen, wenn Mama in ihrer Patientenverfügung – so wie ich zurzeit – das Festhalten an lebenserhaltenden Maßnahmen festgelegt hätte? Die Konsequenzen daraus hätten sich in den vergangenen Tagen sehr deutlich gezeigt.

Als mich zum Beispiel ihr Hausarzt letzte Woche anrief und erzählte, sie verweigere nun die Einnahme ihrer Medikamente, und er würde dafür plädieren, dass wir sie absetzen und auf Palliativmedizin umstellen, hätte ich das ablehnen müssen, um ihrem Willen nachzukommen, obwohl klar war, dass die Weitergabe der regulären Medikamente aus therapeutischer Sicht keinen Sinn mehr machen. Gleichzeitig hätte man Mama aber nicht gegen ihren Willen zur Medikamenteneinnahme zwingen dürfen, denn das fiele nämlich wiederum unter Körperverletzung.

Was passiert im Fall so einer Patt-Situation?

Falls Mama also beim Verfassen der Patientenverfügung für lebenserhaltende Maßnahmen gewesen wäre, diese aber nun quasi durch die Verweigerung der Medikamente selbst ablehnt und nicht gezwungen werden kann, würde man ihrem „natürlichen, akuten Willen“, den sie ja in diesem Moment äußert, stattgeben. Mich hätte das aber in ein schlimmes Dilemma zwischen ihrem einstigen, schriftlichen Befehl und ihrem aktuellen Leiden gebracht.

Ähnlich hätte es auch ausgesehen, wenn sie erst gar keine Patientenverfügung gehabt hätte. Schwierig wird es dann erst recht, wenn Ärzt:innen und Angehörige sich nicht über die Weiterbehandlung einig werden. Wenn der Arzt zum Beispiel, wie in unserem Fall jetzt, Palliativmedizin verschreiben wollen, die Angehörigen das aber – aus welchem Grund auch immer – ablehnen. Dann muss nämlich das Betreuungsgericht eingeschaltet werden.

Und dann noch das Ratespiel: Was würde sie jetzt wollen?!

Ohne Patientenverfügung, hätten wir herumrätseln müssen, was sie wohl gewollt hätte. Bei einer Patientenverfügung mit dem Wunsch nach lebensverlängernden Maßnahmen hätte ich mit dem behandelnden Arzt über das Absetzen der Medikamente (was übrigens unter passive Sterbehilfe fällt) und über die Palliativmedizin (= indirekte Sterbehilfe) diskutieren müssen.

Ihr zuletzt schriftlich fixierter Wille und ihr durch die Weigerung geäußerter „natürlicher Wille“ hätten im Widerspruch gestanden – und wir hätten uns alle rechtlich auf ziemlich dünnes Eis begeben mit der Entscheidung, die Medikamente tatsächlich abzusetzen und auf Linderung statt Heilung umzuswitchen. Was hierzulande nur dann legal ist, solange der Wille der Patientin Berücksichtigung findet. Dieser Punkt wäre ja zumindest strittig geblieben.

Dadurch wurde mir klar: Ich muss meine Patientenverfügung anpassen.

Denn natürlich würde ich nicht wollen, dass meine Angehörigen gezwungen werden, gegen meinen schriftlich fixierten Willen zu handeln, herumzuraten, was ich nun wollen würde und sich dabei auch noch rechtlich aufs Glatteis wagen. Ich möchte nicht nur, dass allen vollkommen klar ist, was ich wollte, sondern auch, dass sie sich darauf berufen können und dieser Entscheidungslast gar nicht erst ausgesetzt werden. So lange ich bei meiner Variante „pro Lebenserhaltung“ bleibe, könnte ich das aber gar nicht für sie ausschließen.

Klarheit und Rechtssicherheit sind das Wichtigste in dieser Lage.

Zum Glück war Mama in diesem Punkt besser unterwegs als ich bisher. Trotz dieser Entlastung bedeutet das aber natürlich noch lange nicht, dass es mir mit all dem gut geht. In der Therapie von „Heilung“ auf „Linderung“ umzusteigen, heißt gleichzeitig: Ich kann ihr nicht mehr anders helfen. Wir alle können ihr nicht mehr anders helfen.

Was macht das mit mir?

Obwohl ich weiß, dass formal und rechtlich gesehen alles so seine Richtigkeit hat – fühle ich mich trotzdem miserabel. Alles, was ich mir für sie wünsche, ist weniger Qual, mehr Erträglichkeit – Ruhe und Frieden für ihre Seele. Ich möchte einfach nur, dass sie es ihr leichter gemacht wird. Ich hoffe, sie spürt das. Denn in Momenten, in denen sie plötzlich kurz „da“ ist und unbedingt aufstehen möchte und „hier raus“ will, muss ich mich selbst immer wieder daran erinnern, dass ich nichts dafür kann, dass ich alles tue, um ihr zu helfen, und dass ich genau damit ihren Willen ausführe bzw. ausführen lasse.

Es ist so eine Sache mit der Eigenverantwortung.

Wenn dann nämlich plötzlich die nicht ignorierbaren Konsequenzen der eigenen Entscheidungen direkt vor einem liegen, entsteht eben trotzdem ein emotionaler Druck auf die Angehörige, in diesem Fall mich, die daneben sitzt und der Mama ganz konkret jetzt, hier, in diesem Moment, nicht mehr aus der grauenhaften Lage (ans Bett gefesselt zu sein) heraushelfen kann. Natürlich sage ich ihr dann, dass es mir leid tut, dass sie nicht aufstehen kann, und dass ich es nicht ändern kann. Ich versuche, sie zu beruhigen und halte ihre Hand. Aber ihren verzweifelten Blick in den wenigen, wachen Momenten, den werde ich wohl auch nicht mehr vergessen. Ich habe Angst, dass sie mich innerlich verflucht, dass ich ihr nicht helfe – gleichzeitig weiß ich, dass sie nicht mehr so klar zu denken in der Lage ist.

Der Tod ist knallhart.

Er nimmt keine Rücksicht darauf, ob man gerade möchte oder nicht. Ob man es beschleunigen will, wie die suizidgefährdete Mitbewohnerin, oder ob man gerne noch ein bisschen länger bleiben will, wie Mama.

Er kommt, wenn er kommt. Und dann wird abgerechnet und eine Summe unter den Strich geschrieben; die Summe aller Entscheidungen, die man zuvor getroffen hat und die einen an diesen Punkt geführt haben. Ob man gesund gelebt hat oder nicht. Ob man sich genug sportlich betätigt hat oder nicht. Ob man Alkohol getrunken hat oder nicht. Ob man eine Patientenverfügung hat – oder nicht, und wie sie formuliert ist.

Erst dann wird einem, wenn man Pech hat, noch sehr schmerzlich bewusst, was die eigenen Entscheidungen jetzt im Ernstfall bedeuten.

Das ist wohl die härteste, ultimative Form von „Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen“. Ich brauche die Gewissheit, meine Liebsten in einer solchen Situation nicht auch noch komplett mit allen Entscheidungen zu überfordern.

Vorgerstern rief mich der Hausarzt meiner Mama an, der sie in der Pflegeeinrichtung betreut. Es war ein sehr gutes, einfühlsames Gespräch, in dem er mir eröffnete, Mama weigere sich, ihre Medikamente zu nehmen – und er sei auch dafür, sie abzusetzen und auf Palliativmedizin umzusteigen.

Ein harter Schritt für mich.

Weil ich als Generalbevollmächtigte wieder eine Entscheidung treffen musste. Dass Mama die Einnahme der Medikamente verweigert, bedeutet ja nicht, dass ihr bewusst ist, welche Folgen das hat. Sie wäre auch geistig gar nicht mehr dazu in der Lage, das abzuschätzen, selbst, wenn ich versuchen würde, es ihr zu erklären. Soll man ihr nun die Medikamente drei Mal täglich reinzwingen? Hat sie nicht trotzdem das Recht, zu entscheiden, ob sie das noch möchte? Und schon längst gezeigt, dass sie es nicht mehr will?

Schwer.

Ich habe entschieden, dem Rat des erfahrenen Mediziners, der viele Ältere durch den Sterbeprozess begleitet, zu folgen. Wir sprachen auch kurz darüber, ob ein Hospiz nun der bessere Ort für sie wäre, verwarfen diese Idee aber schnell wieder. Selbst, wenn ich das wollte – es gäbe gar keine freien Plätze. Und sie jetzt nochmal umziehen lassen und aus der gewohnten Umgebung rausholen, das halte ich auch für keine gute Idee. Sie ist in ihrer Einrichtung gut versorgt und von bekannten Gesichtern umgehen, die es gut mit ihr meinen. Also bleibt sie, wo sie ist und bekommt Mittel zur Beruhigung.

Ich besuche sie täglich und frage mich vorher immer, ob sie mich noch erkennen wird.

Denn ich erinnere mich zu gut an Situationen, in denen sie ins Krankenhaus musste und einige Stunden ohne Medikation in der Notaufnahme lag. Danach hat sie mich schon nicht mehr wiedererkannt. Ich rechne jetzt also täglich damit, dass ich ihr freudiges Aufschauen und das kurze Leuchten in ihren Augen, wenn sie mich erblickt, zum letzten Mal sehe.

Das tut weh.

Gleichzeitig tut es mir gut, neben ihr zu sitzen. Ich gebe ihr zu trinken und füttere sie. Viel isst sie nicht mehr, aber ein paar Löffelchen immerhin. „Das tut guuut!“ murmelt sie dann und verlangt „Noch ein Schlückchen“ Wasser. Das Schreien hat nachgelassen, nur ab und zu bricht es sich noch Bahn. Wenn ich das Schälchen wegstelle, greift sie oft nach meinen Händen, um sie ganz fest zu halten. Ich schließe die Augen und versuche, diesen Moment des Festhaltens in meinem Gedächtnis abzuspeichern. Die schöne Wärme unserer Hände – meine sind immer viel kälter als ihre, und sie wärmt mich dabei.

Ich habe Angst vor dem Moment, wenn sie kalt wird.

Diese Kälte habe ich schon zwei Mal in meinem Leben spüren müssen. Es ist das Kälteste, das ich je angefasst habe. Am liebsten möchte ich Mamas Wärme konservieren. Dieselbe Wärme, mit der sie mich früher in den Schlaf gestreichelt und mir die Füße massiert hat. Das habe ich so geliebt als Kind. Ich weiß, dass ich diese Wärme nun nicht mehr lange in meinem Leben haben werde. Es fällt mir schwer, das zu akzeptieren. Das muss ich wohl. Ich hab‘ es ihr schließlich versprochen.

„Lass dich bloß nicht madig machen“, sagte sie gestern nämlich zu mir.

Diesen Ausdruck habe ich schon ewig nicht mehr gehört. Meine Oma hat das früher immer gesagt; vielleicht kommt das eher aus dem schlesischen Sprachraum. Es bedeutet soviel wie: „Lass dir nicht den Spaß an etwas nehmen / lass dich nicht unterkriegen“. Mama war gestern eigentlich sehr abwesend, wollte nur Wasser trinken und meine Hand halten. Plötzlich sah sie ganz klar zu mir auf und sagte genau diesen Satz, gefolgt von „Hab dich lieb, lieb, lieb“. Wenn man weiß, dass Liebesbekundungen nie so ihr Ding waren, kann man sich vorstellen, was das in diesem Moment für mich bedeutet hat.

„Ich lass mich nicht madig machen, keine Sorge“, antwortete ich also.

Und dass ich sie auch liebhabe, natürlich. Aber das sage ich ihr sowieso bei jedem Besuch mehrfach. Vor drei Tagen habe ich ihr noch Fotos von unseren Unternehmungen gezeigt, und sie hat noch darauf reagiert. Das wäre heute schon nicht mehr möglich gewesen. Der Kommunikationsrahmen ist von Tag zu Tag enger geworden, als wäre ihr Aufmerksamkeitskontingent erschöpft. Es reicht nur noch für „Etwas Wasser bitte“ und das Greifen nach meinen Händen.

Als ich heute reinkam, hörte ich Naturgeräusche und sah bunte Farben an den Wänden.

Die Pflegerinnen haben ihr zur Beruhigung einen Projektor hingestellt und ganz liebevoll eine kleine Lichterkette drumherum drapiert. Er spielte Dschungelgeräusche ab, was ich nicht ganz passend fand. Nachdem ich mir das einige Minuten angehört hatte, dachte ich, Möwengeräusche und Meeresrauschen wären viel schöner – schließlich hat Mama länger in Kiel gelebt und liebt alles, was mit der Küste zu tun hat. Also stand ich auf… und genau in dem Moment sprang das Gerät von alleine auf genau das Gewünschte um, ohne, dass ich es angefasst hätte. Wirklich wahr.

Vielleicht entwickele ich ja telepathische Fähigkeiten.

Jedenfalls war ich ziemlich überrascht. Und stellte kurz darauf fest, dass mich die Geräusche und die Lichter ebenfalls beruhigten. Ich blieb noch eine Weile sitzen, Hand in Hand. Mamas Atem wurde ruhiger, und jedesmal, wenn ich das registriere, weiß ich nicht, was mir lieber wäre: Dabei zu sein oder nicht dabei zu sein. Das ist aber eigentlich die falsche Frage. Ich hoffe einfach, egal, was passiert, dass sie weiß, wie oft ich bei ihr war.

Jedesmal verabschiede ich mich mit flauem Gefühl.

Ob es nun wohl das letzte Mal war? Ich weiß es nicht, aber ich kann auch nicht in der Einrichtung übernachten. Und Mama ist zäh – und so wütend, dass sie schon gehen muss. Aber ihr störrischer Geist wird immer schwächer, das merke ich. Jeder Tag mit ihr zählt. Ich fahre nach Hause, um Kraft zu tanken für den nächsten Besuch und hoffe, dass mein Handy bis morgen nicht klingelt.

Vorgestern wurde Mama „austherapiert“ aus dem Krankenhaus entlassen und zurück ins Pflegeheim verlegt. Jeden Tag fahre ich zu ihr, ohne zu wissen, was mich diesmal erwartet. Es ist eine Achterbahnfahrt sondergleichen. Ich habe das Bedürfnis, diesen Weg hier zu begleiten. Schreiben hilft mir – und so lange ich darüber schreiben kann, ist die Geschichte noch nicht zu Ende.

Die Rückkehr war ein Schock für Mama.

Denn ihre Beine funktionieren ja nicht mehr. Das hatte sie im Krankenhaus allerdings noch nicht realisiert. Dort ist es schließlich normal, ausschließlich zu liegen – alle liegen hier. Aber in der Pflegeeinrichtung nicht – dort war „am Rollator gehen“ angesagt. In dieser gewohnten Umgebung nun nicht mehr laufen zu können, ist schlimm für sie. Auf einmal sieht sie: „Ich bin jetzt bettlägerig“. Eine Erkenntnis wie ein Schlag in die Magengrube, der seelische Höllenqualen verursacht.

Seitdem brüllt sie sich den Schmerz aus dem Leib.

Jeden Tag. Anfangs dachte ich, das Schmerzmittel sei nicht hoch genug dosiert. Schnell wurde mir aber klar: Sie schreit vor Ungerechtigkeit. Das hat sie früher auch schon gemacht. Manche Menschen werden bei seelischem Schmerz ganz still und leise – Mama nicht. Sie testet nochmal mit aller Kraft ihrer Lungen aus, wie laut sie noch werden kann.

Damals in ihrer neuen Wohnung hatte sie auch schonmal solch eine Phase.

Kurz nach dem Umzug nach Hamburg vor sieben Jahren kam sie nicht gut mit dem Umbruch in ihrem Leben und dem Verlust ihres Ehemannes klar. Nachts, als es ruhig wurde, quälten sie plötzlich wieder die Erinnerungen an ihre Kindheit im Bombenkeller, und das Trauma brach sich durch laute, unkontrollierte Schreie Bahn. Die neuen Nachbarn waren davon mäßig begeistert, aber ich konnte sie besänftigen. Ich wusste, wenn Mama sich erstmal an die neue Lebenssituation gewöhnt hätte, würden die Schreie nachlassen – und so kam es dann auch. Das Leben mit uns in Hamburg nahm schöne Züge an, und ihre geschundene Seele fand wieder Ruhe.

Aufgrund dieser Erfahrung kann ich heute heraushören, um welche Sorte Schreie es sich handelt.

Es erinnert mich an die Zeit, als meine Tochter noch ein Baby war. Da war ich nach kurzer Zeit als Mama irgendwann auch imstande, zu unterscheiden, ob es sich um ernsthaftes oder um launisches Brüllen handelte. So ähnlich ist es bei Mama jetzt auch. Deshalb weiß ich auch, dass eine Erhöhung der Schmerzmitteldosis nichts an ihrem Wehklagen ändern würden. Zumal sie ohnehin schon eine hohe Dosis bekommt. Stattdessen wird Mama nun zusätzlich Palliativmittel bekommen, die sie geistig beruhigen.

Gleichzeitig ist mir klar: Wenn sie ruhiger wird, naht das Ende unserer gemeinsamen Zeit.

Als ich vorgestern ankam, dachte ich kurz, ich käme zu spät. Ihr Gesicht hatte schon dieses Maskenhafte an sich, das ich von Papa damals kenne. Ihre Augen waren halb geöffnet, und sie reagierte nicht sofort auf mein: „Mama?!“. Doch kurz darauf kehrte Leben in ihren Blick zurück, und sie freute sich über meinen Besuch. Ich atmete tief durch, und wir tauschten ein paar Sätze aus – dann kamen die Schreie zurück. Fast bereute ich meinen Besuch; hatte ich sie doch aus der angenehmeren Ruhe geholt.

Deshalb blieb ich am Tag darauf vorsichtshalber erst vor der Tür stehen.

Um zu lauschen, ob sie ruhig war oder ohnehin schon brüllte. Allerdings war ihr lautes Organ schon vom Flur aus zu hören. Immerhin konnte ich diesmal keine Ruhe stören, wo zuvor schon keine gewesen war. Nach einer halben Stunde neben ihr klingelten mir die Ohren. Sie erkannte mich zwar und begrüßte mich auch – aber dann driftete sie ab in eine Art anderen Bewusstseinszustand, in dem sie fast nicht mehr ansprechbar ist, und der nur aus Verzweiflung und Schreien besteht. Gestern gesellten sich Erinnerungen hinzu, sie rief „Feuer!“ und wollte, dass „jemand endlich ihre Hände nähme“.

Also hielt ich sie fest – und sie schaute durch mich hindurch.

Auch das kenne ich von Papa damals. Als sein Leben sich im Krankenhaus dem Ende zuneigte, driftete sein Geist bei offenen Augen immer mehr in vergangene Sphären ab. Es sind wohl die Erlebnisse, die einen am meisten geprägt haben, die das Gedächtnis in diesem besonderen Übergangsstatus wieder hervorspült und real werden lässt. Papa war plötzlich wieder im Gerichtssaal, in dem er sich nach 30 Jahren treuer Betriebszugehörigkeit kurz vor der Rente stehend gegen eine betriebsbedingte Kündigung zur Wehr setzen musste.

Ich hörte ihn seine eigene Verteidigung formulieren.

Und wusste, dass ich Abschied nehmen musste. Auch Papa hatte damals seine klaren Momente zwischendurch. Dann forderte er Umarmungen von mir ein, wurde ganz weich und liebevoll. Mama hingegen erteilt wie eh und je Befehle, sobald sie wieder im Hier und Jetzt ist.

„Mehr Tee!“ „Wo ist mein Handtuch?!“ „Kissen unter meinen Kopf!“

Sie pfeift, ich springe. Es ist das Einzige, was ich gerade für sie tun kann. In den ruhigeren Momenten singe ich für sie Lieder, die sie früher für mich summte, wenn ich einschlafen sollte. Im Moment hat „Der Mond ist aufgegangen“ die beruhigendste Wirkung auf sie. Inzwischen kann ich alle drölfzig Strophen auswendig. Gestern bin ich der Abwechslung halber mal auf das Summen ihres Lieblingsliedes von Vicky Leandros, „Ich liebe das Leben“, umgestiegen (mit Text wäre es mir zu makaber vorgekommen). Mamas unzufriedenes Grunzen ließ mich aber schnell wieder auf Matthias Claudius‘ Mond umschwenken.

Eine Pflegerin kam herein.

Sie erzählte, dass sie Mama inzwischen zu dritt wenden müssen, weil sie sich so wehrt. Jede Bewegung tut ihr weh, aber was muss, das muss. Mama wird dabei aggressiv. Es fielen Begriffe wie „Kneifvorfall“ – wieder eine Parallele zum Kleinkind-Dasein. Ich weiß, dass die Pflegerinnen hier sehr vorsichtig mit ihr umgehen und konnte nicht umhin, mich für Mamas Aggressrion entschuldigen zu wollen. Aber die Pflegerin sagte, ich solle mir keine Gedanken machen, das seien sie schon gewöhnt.

Ich erfuhr außerdem, dass sie jetzt alle halbe Stunde nach ihr gucken.

„Sichtkontrolle“ nennt sich das. Heute hätte es schon einen Moment gegeben, in dem auch die Pflegerin kurz dachte, jetzt sei es soweit. „Ich weiß“, seufzte ich mit Tränen in den Augen. „Ich rechne auch schon immer damit.“ Sie lächelte mir zu. „Es ist alles so schnell gegangen auf einmal, nicht?“ meinte sie dann und schaute Mama wehmütig an. „Vor wenigen Wochen ist sie noch trällernd zum Chor gegangen und hat mit uns Feste gefeiert.“

Ich muss direkt ans Oktoberfest 2024 denken.

Als Mama mich quasi genötigt hat, dem Fest in meinem stilechten Dirndl beizuwohnen, weil sie ein bisschen mit mir angeben wollte. Ich habe mich dementsprechend ein bisschen vorgeführt gefühlt. Heute bin ich froh, dass ich den Spaß mitgemacht habe.

Anno 2024: Ready for Oktoberfest in Mamas Einrichtung

Die Pflegerin und ich tauschten weiter Anekdoten aus.

„Früher hat sie mich morgens beim Anlegen der Thrombose-Strümpfe immer gefragt, was ich zur weltpolitischen Lage sage. Und mir erzählt, was Trump und Putin wieder verbrochen haben. Dann haben wir zusammen den Kopf geschüttelt und gesagt, die Welt ist verrückt geworden“, erinnerte sich die Pflegerin, und ich musste schmunzeln. Typisch Mama. Immer zu allem ne Meinung.

Auch jetzt beobachtete sie uns und hörte uns zu.

Ihr Gehör hat stark nachgelassen, aber ich bin mir sicher – das Gespräch zwischen der Pflegerin und mir hat sie heute mitgeschnitten. Plötzlich wurden nämlich ihre Augen wacher: „Das mit der Bauchspeicheldrüse, das stimmt übrigens nicht!“, posaunte sie plötzlich ganz klar heraus.

Die Pflegerin runzelte vielsagend ihre Stirn.

Dazu muss man wissen: Die Ärzte im Krankenhaus haben Mamas Diagnosen größtenteils nur mir mitgeteilt, weil Mama geistig nicht anwesend genug war. Irgendwo hat sie aber zumindest das mit der „schwachen Bauchspeicheldrüse“ aufgeschnappt. Erstaunlich eigentlich, wir haben sie wohl unterschätzt. Natürlich glaubt sie den Ärzten kein Wort und regt sich fürchterlich auf.

Deshalb haben wir ihr das mit der Leberzirrhose noch gar nicht erzählt.

Weil es sie noch mehr stressen würde als die Sache mit der Bauchspeicheldrüse. Ich will ehrlich sein – das Schweigen fällt mir in diesem Fall gar nicht so leicht. Am liebsten würde ich es ihr noch aufs Butterbrot schmieren: „Schönen Gruß vom Klosterfrau Melissengeist, Deine Leber hat es nicht so locker genommen.“ Es gibt schon noch einen jähzornigen Teil in mir, der „Ich hab’s dir ja gesagt“ spielen möchte. Der müsste ihr dann aber auch die abertausend Momente in Erinnerung rufen, in denen ich sagte: „Wenn du dich nicht bewegst, wirst du bettlägerig“ und ihr zur nun erfolgten Muskelkontraktion „gratulieren“.

Ich übe mich lieber im Loslassen.

Ich lasse diese Erinnerung genauso los wie die zig Restaurantbesuche, bei denen sie zur „Feier des Tages“ dringend noch einen Schnaps oder einen Cocktail bestellen musste, die ich hinter ihrem Rücken gegen umdrehungsfreie Varianten austauschen ließ. Manchmal ging das schief – und ich musste sie im letzten Moment in die nächste Pflanze oder selber kippen. Nicht selten bin ich nach unseren Restaurant-Ausflügen beschwipster nach Hause gefahren als geplant.

Wer bin ich, ihr jetzt noch Vorhaltungen zu machen.

Vielleicht will ich mit 80 auch nur noch so daliegen, meinen geliebten Molinari kippen, eine Schachtel Marlboro rauchen und in Ruhe gelassen werden. Von einer nervenden Meckertante von Tochter zu einem gesunden Lebensstil drangsaliert zu werden, ist dann sicher auch nicht mehr Teil meiner Wunschliste.

Das Allergemeinste: Mama ist noch gar nicht bereit für die letzte Ruhe.

Bevor die gesundheitlichen Probleme im November begannen, war sie noch voller Lebensfreude, voller Gesang, voll willens, weiterzumachen. Aber dafür hat sie dann trotzdem zu wenig getan und unterschätzt, wie schnell der alte Körper dann den Geist aufgibt. Ich bin voller Mitgefühl für sie.

Selten war es so ätzend, Recht zu behalten.

Nun ist es, wie es ist – und wir müssen beide damit klarkommen. „Wir wollen doch noch zusammen sein“, sagte sie neulich voll des Bedauerns im Krankenhaus zu mir. Ja, das wollen wir, Mama – habe ich geantwortet und ihre Wange gestreichelt.

Heute fuhr ich mit einem warmen Gefühl nach Hause.

Das schöne Gespräch mit der Pflegerin hat mir gut getan. Zu wissen, dass sie in guten Händen ist, selbst, wenn sie kneift und brüllt, hilft mir sehr. Ich hoffe im Moment einfach von Tag zu Tag, dass sie mich morgen noch wiedererkennt und wir in ihren wachen Momenten noch ein Wort miteinander wechseln können. Und wenn ich nur Handlungsanweisungen erhalte, bevor sie irgendwann ganz in der anderen Welt bleibt.

Vor zwei Wochen bist du noch am Rollator durch dein Zimmer im Pflegeheim gelaufen, um dich an deinen Tisch zu setzen und dein geliebtes Matjesbrötchen zu mampfen, das ich dir ab und zu mitbringe. Jetzt liegst du hilflos im Krankenhaus, kannst deine Beine nicht mehr bewegen und dich nichtmal mehr alleine aufsetzen. Und das alles ist irreparabel. Draußen hört es nicht auf zu schneien – als wollte der tiefste Winter uns beiden zeigen, wie lang er werden kann.

Mich erinnert die Situation ein bisschen an April 2017.

Damals verfasste ich einen Blogbeitrag mit dem Titel „Am vorläufigen Ende des Weges“ . Meine Eltern lebten beide noch in Düsseldorf und ich in Hamburg – und nichts ging mehr bei ihnen. Ich hatte zuvor zwei Jahre lang aus der Ferne ihren Haushalt organisiert, bis es nicht mehr praktikabel war. Wir wollten die beiden nach Hamburg umsiedeln, aber sie weigerten sich. Wollten nicht sehen, was ich kommen sah: Wenig später ist Papa im Badezimmer gestürzt und im Krankenhaus verstorben.

Jetzt fühlt es sich wieder ähnlich an.

Wieder spüre ich: Ein Ende ist nah. Doch diesmal bleibt mir wenigstens das Gefühl erspart, nicht alles für Mama getan zu haben. Im Gegenteil. Wir hatten noch fast 8 schöne Jahre zusammen hier in Hamburg. 7 davon lebte sie in unserer Nachbarwohnung, anderthalb in der Pflegeeinrichtung. All unsere wunderbaren Ausflüge und sogar Kreuzfahrten möchte ich nicht missen.

Doch leicht war es natürlich auch nicht immer („Ich brauche keinen Rollator„, „Ich brauche keinen Pflegedienst!“, „Ich bin nicht dement“…). Nicht zu vergessen: Mamas heimlicher Klosterfrau-Melissengeist-Konsum, der sie samt Alkoholdelir ins Krankenhaus brachte, woraufhin klar war: Alleine zu Hause, das geht so nicht mehr. Als ich ein Machtwort sprechen musste, weil der Umzug in die stationäre Pflege unumgänglich war… selten habe ich mich so beschissen gefühlt, wie in diesem Moment.

Aber im Nachhinein war es das Beste, was wir machen konnten.

Sie hatte in der Pflegeeinrichtung nämlich noch ein richtig tolles Jahr. Sie hat dort im Chor gesungen und es geliebt, die Feste der Einrichtung mitzugestalten. Es fielen Sätze wie „Endlich führe ich hier das Leben, das ich schon immer hätte führen sollen! – Warum bin ich nicht schon viel eher hier eingezogen?!“, und ich wusste – alles richtig gemacht.

Doch dann ging es vor drei Monaten gesundheitlich abwärts, und zwar rapide.

Ich weiß ja, wie schnell das in ihrem Alter gehen kann. Immerhin ist Mama inzwischen 87. Da darf mich eigentlich nichts mehr überraschen. Trotzdem bin ich ganz betäubt davon, wie fix sie von „Ich gehe noch am Rollator“ zur totalen Bettlägerigkeit gelangt ist und sich nichtmal mehr richtig aufsetzen kann. Das ist jetzt leider der Stand der Dinge.

Jetzt liegt sie im Krankenhaus, so hilflos, und ich bin traurig.

Wir wissen heute noch nicht, was sie alles hat – aber es ist viel. Unter anderem eine Leberzirrhose. Wären wir in den USA, hätte ich wahrscheinlich gute Chancen darauf, Klosterfrau in Mamas Namen zu verklagen. Dieses hochprozentige Zeug, das für ältere Damen und Herren als Wundermittel der Natur daherkommt, ganz harmlos. Seit ihrem Umzug in die Einrichtung ist damit natürlich Feierabend gewesen – leider haben Leber und Niere ein gutes Gedächtnis.

Ach, Mama.

Wir wollten doch noch nach Kapstadt und Alaska. Stattdessen sitze ich nun täglich an deinem Bett und füttere dich, weil es sonst keiner hier im Krankenhaus macht und weil es hier auch sonst keinen interessiert, ob du was gegessen hast oder nicht. Selber essen kannst du nicht mehr, weil das Aufsetzen unmöglich ist.

(Update: Das muss ich revidieren. Ich hatte in den ersten Tagen den Eindruck, niemand registriert, ob sie gegessen hat oder nicht, das stimmt aber nicht. Die Pfleger:innen hier kümmern sich sogar sehr liebevoll und nehmen sich Zeit, ihr das Essen anzureichen. Ich hab es auch schon anders erlebt und deshalb voreilige Schlüsse gezogen. Und natürlich helfe ich trotzdem weiterhin mit).

Und dann wurde dir auch noch der „Knopf“ geklaut.

Heute komme ich in dein Zimmer und stelle fest: Du hast eine neue Bettnachbarin. Eine ältere Dame, ähnlich hilflos wie du, die viel schläft, und an deren Bett kein Notrufknopf installiert ist. In der Hand hält sie deinen Notrufknopf, den man ihr einfach hinübergezogen hat. Das macht mich sprachlos und wütend.

Könnten die beiden noch miteinander kommunizieren, wäre das vielleicht kein Problem. Dann könnten sie sich gegenseitig Bescheid geben, damit die Andere den Knopf drückt. Sie nehmen sich aber kaum noch gegenseitig wahr, können kaum über den Bettrand zur Anderen hinüber schauen. Im Zweifel wäre Mama also vollkommen aufgeschmissen.

Wie skrupellos kann man sein, einer offensichtlich hilflosen Patientin einfach den Notrufknopf wegzunehmen?

Wer auch immer das zu verantworten hat (den Pflegern zufolge die anderen Angehörigen), kann sich schonmal warm anziehen, sollten wir uns begegnen.

Ich habe kurz überlegt, den Notrufknopf einfach wieder dahin zu legen, wo er hingehört. Stattdessen bin ich natürlich losgestiefelt und habe einen zweiten organisiert, wie es sich gehört.

Wäre ich nicht täglich hier, wie würde es dann für dich laufen, Mama?

Sie kümmern sich hier gut um Dich, aber die Wärme zwischen uns lässt sich nicht ersetzen. Und die brauchst du ganz dringend, das sehe ich an Deinem erleichterten Gesicht, wenn ich komme. Denn in nur wenigen Tagen hast du eine Muskelkontraktur erlitten. Die Muskeln versteifen irreparabel, wenn man sie nicht bewegt. Das war mir bekannt, aber mir war nicht klar, wie verdammt schnell das gehen kann.

Ironie des Schicksals, dass du ausgerechnet jetzt geistig noch voll fit bist.

Wir hatten ja in der Vergangenheit auch immer mal wieder Momente (vor dem Umzug ins Pflegeheim zB), in denen die Demenz voll durchschlug und du mich nichtmal wiedererkannt hast. Nun, da dein Körper vollends aufgibt, bist du hingegen komplett geistig anwesend. Was für ein unfairer Mist eigentlich. Andererseits bin ich natürlich froh, dass wir noch miteinander sprechen können.

Es redet ja sonst niemand mit mir.

Die Ärzte nehmen, seit du eingeliefert wurdest, permanent Reißaus vor mir. Niemand hält mich auf dem Laufenden, ich telefoniere ständig hinterher, und es ist dem puren Zufall zu verdanken, wenn ich überhaupt mal was erfahre. Ich weiß also immerhin, dass du eine Lebererkrankung im Endstadium hast, habe aber nach wie vor keine Ahnung, was bei diversen anderen Untersuchungen herausgekommen ist. Du fragst auch nicht danach, willst es gar nicht wissen, es würde dich überfordern – du spürst ja ohnehin, was los ist. Und ich schwanke: Soll ich dich mit meinem Wissen quälen? Und hast Du nicht ein Recht darauf, mehr zu erfahren?

Aber Du strahlst so, wenn ich endlich da bin.

Und es fällt mir schwer, dir so unerbittlich die Wahrheit um die Ohren zu hauen. Du wirst nie wieder aufstehen, und du wirst nie wieder gesund. Mehr weiß ich auch nicht, aber das reicht mir persönlich auch schon vollkommen. Alles, woran ich denken kann, ist: Wie gut, dass wir letzten Sommer noch die schöne Bootstour über den Schweriner See gemacht haben. Wie schön, dass wir noch ein paar Mal zusammen im Restaurant waren. Wie schade, dass ich so wenig Zeit für dich hatte in den letzten Wochen des Jahres 2025. Diese Situation verlangt mir viel Kraft ab, die Ungewissheit raubt mir den letzten Nerv. Aber wie muss es erst für dich sein…

Morgen bin ich wieder da, gebe dir zu essen und halte deine Hand.

Ich mache mich extra immer hübsch für dich, schminke mich und ziehe mich schick an, damit das Letzte, was du vielleicht siehst, nicht diese abgehalfterte, müde, blasse und augenberingte Variante von mir ist, die mir zurzeit jeden Morgen aus dem Spiegel entgegenschaut. Ich möchte nicht, dass du dir Sorgen um mich machst. Du fragst ohnehin schon zu oft nach, ob bei „uns“ alles in Ordnung ist, weil du Angst hast, mich „alleine“ zu lassen. Bei „uns“ ist alles in Ordnung, sage ich dann, und sehe den Zweifel in deinem Blick. Ich stehe seit vielen Jahren auf meinen eigenen Beinen, bin aber doch immer dein Kind geblieben.

So stapfe ich hier grad traurig mittags mit Happy durch den Schnee.

Du hast den Wiener Opernball gestern verpasst.

Den wir immer zusammen geschaut haben. Ich hab ein bisschen für dich mitgeguckt und dir heute davon erzählt. Du hast gelächelt und deine Lieblingsmelodie gesummt. Wie sehr mich diese stundenlange, nicht enden wollende Übertragung des Wiener Pomps in den letzten Jahren genervt hat. Wie gerne würde ich ihn jetzt nochmal mit dir gucken. Ich summe den Wiener Walzer mit dir mit, bis du einschläfst, und fahre nach Hause, ins Ungewisse, wie jeden Tag momentan.

Ich spreche ja oft darüber, dass Care-Arbeit kostet (Nerven, Zeit, Geld – nicht selten die Karriere) und beschwere mich, dass die gesellschaftliche Leistung Pflegender Angehöriger nicht genug beachtet wird. Dabei ist mir aufgefallen, dass wir noch viel zu wenig über dieses „Mehr“ an Leistung sprechen.

Was ist denn dieses „Mehr“ eigentlich?

Dieser Frage möchte ich mich heute mit einem konkreten Praxisbeispiel nähern. Nehmen wir unseren „Fall“. Ich habe meine Mutter 2017 von Düsseldorf nach Hamburg geholt. Sie hat einen Pflegegrad bekommen, und ich habe seitdem einen „Nebenjob“ als Pflegende Angehörige. In den ersten 7 Jahren, also bis 2024, bestand dieses „Mehr“ an Arbeit aus einem zweiten Haushalt, denn Mama lebte neben uns, konnte ihren Haushalt aber nicht mehr selber führen.

Ich habe also zwei Haushalte gestemmt.

Mit allem „Drum und Dran“, was eben so zu einem Haushalt mit einer 80-jährigen gehört. Putzen, aufräumen, einkaufen, Grauer-Star-OPs, Arzttermine aller Art, Stromrechnungen, Notruftelefon, Mietverhältnis, Hausmeister, Gartenarbeit (sie hatte eine große Terrasse) und und und. Plus: Pflege natürlich. Mithilfe eines Pflegedienstes – aber ein Großteil blieb ja trotzdem bei mir. Und dazu noch Medikamentenorga, Abstimmungsrunden, etc. etc. etc. Wir hatten ein gutes, funktionierendes System – bis es nicht mehr ging. Bis die Demenz erforderte, dass jemand 24/7 auf sie aufpasst, und nicht nur 2 Mal am Tag. Was wir nicht mehr leisten konnten und die Reise Richtung vollstationäre Pflege antreten mussten.

Nun lebt Mama in einer Pflegeeinrichtung.

Bin ich damit „fein raus“? Nein. Möchte ich auch gar nicht sein. Trotzdem kommt mir manchmal der Gedanke, ob ich mich überhaupt noch „Pflegende Angehörige“ nennen darf, denn den Hauptjob der Pflege übernehmen ja nun andere für mich.

Und dann stehe ich wieder in ihrem Badezimmer und reinige ihr Gebiss, während ich das Universum verfluche und mich frage, wann Karma endlich mal Paybacktag hat.

Blöde Frage also: Natürlich bin ich trotzdem noch Pflegende Angehörige, obwohl sie nun in einer Einrichtung lebt. Ich arbeite schließlich immer noch mit. Hat sie genügend Kleidung? Nein – ich kaufe etwas nach. Der Rollator muss mal wieder gereinigt werden? Ich nehme den Putzlappen mit. Sie benötigt neue Hausschuhe? Ich bestelle, wir probieren an, zu klein, ich schicke zurück. Sie möchte in der Mediathek ihre Lieblingssendung gucken? Ich fahre hin und mache sie an (mit 87 lernt sie nicht mehr, wie man den Fire-TV-Stick bedient).

Oder widme mich eben ihren dritten Zähnen.

Denn Mama hat zwar Demenz – aber immer noch einen starken, eigenen Willen: An ihr Gebiss darf keiner ran, außer mir. Da können sich die besten PflegerInnen der besten Einrichtung auf den Kopf stellen und lachen. Sie weigert sich. Das Problem ist: Manchmal weigert sie sich auch zwei Wochen lang – wenn ich mal krank bin und nicht kommen kann. Und zum Thema „Selberputzen“ hat sie ein zwiegespaltenes Verhältnis. Hinzu kommt, sie ist nicht mehr so geschickt, und beim Epic Battle „Gebiss vs. Keramikwaschbecken“ gewinnt leider meistens das Waschbecken. Was teuer werden kann. Sehr teuer. Sie trägt ja Zähne im Gegenwert eines Kleinwagens im Mund.

Also mache ich das.

Ich mache immer noch diese Lieblings-Jobs, die man als Pflegende Angehörige so besonders toll findet. Ein Gebiss reinigen, das zwei Wochen lang kein Tageslicht gesehen hat, gehört definitiv zu meinen „Highlights“. Karma schuldet mir inzwischen eine Menge. Zumal dieser Reinigungsprozedur auch immer ein Wortgefecht voraus geht. Ich muss Mama immer erst von der Notwendigkeit des Vorgangs überzeugen. Sie also zu etwas überreden, worauf ich selbst – gelinde gesagt – gar keinen Bock habe.

Zu diesem Thema gibt es einschlägige Erfahrungswerte.

Das weggammelnde Gebiss hat mich schonmal meine kompletten Osterferien gekostet, weil ihr Gaumen per Not-OP gerettet werden musste. Nachdem sie mir gegenüber wochenlang behauptet hatte, der Pflegedienst würde das Gebiss regelmäßig reinigen, während sie dem Pflegedienst erzählte, ihre Tochter hätte diese Aufgabe übernommen.

Und so landete sie dann auf dem OP-Tisch unserer verzweifelten Zahnärztin.

Die mich heute noch, Jahre später, bei jedem Kontrolltermin, mit so einem nervösen Zucken um die Mundwinkel herum fragt, wie es meiner werten Frau Mutter ginge. Dieses Erlebnis hat mal eben eine ganze Zahnarztpraxis traumatisiert.

Wie schön für Mama, dass sie sich heute dank der Demenz überhaupt nicht mehr daran erinnert. Weshalb sie natürlich auch keine „Learnings“ daraus ziehen kann. Ich hab es dagegen leider noch sehr präsent vor Augen.

Matjesbrötchen oder für immer Suppe – das ist hier die Frage.

Mit diesem Argument kriege ich sie immer. Entweder du lässt mich putzen, oder das war’s mit den Matjesbrötchen. Die Haltung „Ich reinige meine Zähne nicht“ wird nämlich über kurz oder lang gleichbedeutend sein mit „Ich kann für den Rest meiner Tage Suppe schlürfen“ – denn ein Ersatzgebiss im Wert eines zweiten Kleinwagens wird es nicht geben, da bin ich rigoros. Bevor sie aber auf ihr geliebtes Matjesbrötchen verzichtet, beißt sie eben in den sauren Apfel – oder eben in die Zahnbürste.

Apropos Matjesbrötchen und das „Mehr“.

Das ist ja auch noch so eine schöne Geschichte für sich. Seit einigen Wochen ist Mama also scharf auf Matjesbrötchen. In ihrer Einrichtung wird zwar exzellent gekocht, „frischen Fisch gibt es aber viel zu selten“, sagt sie. Ich bin also eine reizende Tochter und fahre vor fast jedem Besuch den Umweg zum Fischladen, besteche den Verkäufer, mir noch eine Extrascheibe Matjes aufs Brötchen zu legen und mache mich nicht selten nur mit diesem einen Brötchen bewaffnet auf die halbstündige Autotour in Mamas Einrichtung.

Zehn Minuten bevor ich ankomme, klingelt schon mein Telefon, wo denn ihr Matjesbrötchen bliebe.

Nicht, dass sie sich so sehr auf meinen Besuch freuen würde oder darauf, mit mir zu quatschen. Nein, sie freut sich nur aufs Matjesbrötchen. Ich könnte auch im Drive-By-Modus einfach vorbeifahren und ihr das Brötchen durchs offene Fenster schleudern – damit wäre sie genauso glücklich. Aber nein, ich setze mich daneben, während sie selig ihr Matjesbrötchen futtert, ohne ansonsten großen Wert auf meine Anwesenheit zu legen.

„Du kannst auch wieder gehen!“, sagt sie dann.

Und ich merke ihr an, dass sie gern ihre Ruhe vor mir hätte, obwohl sie vorschiebt, mir nicht meine wertvolle Zeit stehlen zu wollen. Aber diese störrische Tochter bleibt einfach sitzen und verlangt nach der Mahlzeit auch noch die Herausgabe des Gebisses zwecks Reinigung. Wir könnten beide nicht genervter sein.

Aber watt mutt, datt mutt.

Sobald ich mir vielsagend die Einmalhandschuhe überstreife, lege ich gleichzeitig in atemberaubende Tempo eine Transformation von der Mustertochter zur Meckertante hin. Schon bin ich nicht mehr der hilfreiche Matjesbrötchen-Lieferservice, sondern die anstrengende Nervziege mit ihrem Reinigungsfimmel.

Und das – meine Damen und Herren – ist nun ein Paradebeispiel für dieses „Mehr“.

Nur ein sehr kleines Beispiel. Und nichts im Vergleich zu dem, was ich vorher an Care-Arbeit geleistet habe, als Mama noch nebenan wohnte. Wir stemmen all sowas einfach mit, wir Pflegenden Angehörigen, neben unseren Vollzeitjobs, unseren Kindern, unseren Haustieren, unseren Ehemännern und sonstigen Verpflichtungen.

Und wir erzählen viel zu wenig davon, finde ich.

Ich will das wieder ändern. Denn genau dafür habe ich vor nunmehr 10 Jahren, zu Beginn meiner Reise als Pflegende Angehörige, dieses Blog ins Leben gerufen. Care-Arbeit muss sichtbarer werden.

Und dabei kann es nicht immer nur um das selige Lächeln beim Anblick eines Matjesbrötchens gehen.

Um das Ausmaß von Care-Arbeit Pflegender Angehöriger zu zeigen, müssen auch die Aufwände ans Licht, die mich den Karma-Paybacktag herbeifluchen lassen. Trotz allem fürchte ich den Tag, an dem ich von dieser Aufgabe entbunden sein werde. Und genau dieses Wechselbad der Gefühle zwischen Pflichtbewusstsein, völliger Überforderung, Lichtblicken und Dankbarkeit, dieser Extra-Aufwand, den wir betreiben, damit das ganze Pflegesystem hierzulande nicht zusammenbricht – das ist dieses „Mehr“, das viel zu wenig gesehen wird.

Meine Mutter ist echt ne Marke. Anders kann ich das nicht ausdrücken. Monatelang machen wir uns von Februar bis Ende Mai 2024 die größten Sorgen um sie, weil sie – noch zu Hause wohnend – ständig Krampfanfälle bekam, zwischen Krankenhaus und Wohnung hin- und herpendelte und zwischenzeitlich volldemente Phasen hatte, in denen sie mich nicht mehr wiedererkannte und sich weigerte, den Platz in der vollstationären Pflege anzunehmen. Obwohl feststand, dass sie alleine zu Hause nicht mehr klar kommen würde und ausgeschlossen war, sie zu uns zu holen.

Mit Ruhe und Klarheit konnte ich sie dann ja doch vom Gegenteil überzeugen – und was geschah? Sie lebte sich in der neuen Umgebung ein und blühte regelrecht auf. Ich würde sagen, sie ist wieder ganz die Alte – was wir ausschließlich der tollen Rundum-Betreuung zu verdanken haben, die ihr nun widerfährt.

Sie ist sogar so sehr „ganz die Alte“, dass sie nun eine Reise nach Alaska plant.

Kein Witz. Mama will nach Alaska. Es ist ihr völliger Ernst. Wir haben also einen neuen Punkt für die Bucketlist (siehe Kasten hier).

„Warum ausgerechnet Alaska, Mama?“

„Ich bin in meiner letzten Lebensphase angekommen, das muss man realistisch sehen. Und ich möchte, bevor ich das Zeitliche segne, sagen können: Ich bin einmal um die Welt gereist. Stand heute bin ich nichtmal aus Europa rausgekommen.“

Punkt für sie.

Da ich mir Alaska als Reiseziel für uns allerdings nur schwer vorstellen konnte, versuchte ich, dagegen zu halten:

„Aber Japan oder Australien und Neuseeland liegen auch am anderen Ende der Welt – und da ist es wenigstens… etwas wärmer!“

Wildes Kopfschütteln. Keine Chance.

„Ich habe schon als junges Mädchen von Alaska geträumt.“ Da ist es wieder, das Totschlagargument vom Kindheitstraum.

„Ja, aber das hast du die letzten Jahre auch von einer Kreuzfahrt nach Monaco, einer Reise mit der transsibirischen Eisenbahn und einer Big-Five-Safari behauptet!“, rufe ich ihr in Erinnerung.

„Ja, und ich frag mich, wieso haben wir das alles noch nicht gemacht, hm?!“ – Vorwurfsvolle Blicke allüberall.

Ja, entschuldige bitte, dass ich die letzten Jahre unter anderem n bisschen damit beschäftigt war, dein Überleben zu sichern.

Das habe ich natürlich nicht gesagt. Aber eventuell gedacht. Brächte auch gar nichts, das vorzubringen – denn sie erinnert sich nicht an die x Krankenhausrunden in 7 Jahren – 4 davon alleine im letzten Jahr. Sie hat sich bloß immer gewundert, wieso die Pfleger auf der Neurologie sie schon so gut kannten, quasi alles über sie wussten und sie mit High Five begrüßten.

Gesagt habe ich stattdessen…

„Wir haben doch viel gemacht! Zwei Kreuzfahrten, Mama, zwei! Wir sind von Kiel nach Oslo und von Hamburg zum Buckingham Palast geschippert. Und denk an all die schönen Ausflüge, wir waren in Kiel, an der Ostsee, an der Nordsee, in Krautsand…“

Teilweise erinnert sie sich zwar auch daran nur noch schemenhaft, aber die Erinnerungen kommen zurück, wenn sie die Fotos davon betrachtet.

„Du kannst doch Krautsand nicht mit Alaska vergleichen!“

Okay.

Tja.

Und da stehen wir nun. Und ich darf mir mal wieder anhören, ich sähe immer nur die Probleme und nie die Lösungen. Aber was weiß ich schon:

  • „Klar schaff ich trotz Thrombose einen 9-Stunden-Flug Frankfurt/Washington! Dann steh ich halt regelmäßig auf und laufe!“ (am Rollator durch den engen Gang, oder wie?!?)
  • „Ansonsten bin ich topfit! Epilepsie – so n Quatsch! Ach, die paar Herzproblemchen. Das schaff ich locker! Ich hab hier meinen eigenen Physio, mit dem ich trainiere!“ (Lange Fußwege sind nicht so ihre Spezialität zurzeit, gelinde gesagt…)
  • „Na und, dann sterb ich halt auf der Reise meines Lebens! Gibt es was Schöneres?!“
  • „Natürlich kommen L, T und Happy mit! Die paar Stunden Frachtraum wird der Hund doch wohl überstehen! Und das Schiff legt einmal am Tag an, das wird als Gassi doch wohl reichen!“
  • „Nein, ich will in den USA und in Kanada nicht von Bord. Ich will nur Alaska sehen, und das auch nur vom Schiff aus!“ (wie damals bei „Ich will bloß den Buckingham Palast sehen, alles andere spare ich mir!“)
  • „Ach Quatsch, so teuer ist das gar nicht!“ (14 Tage Alaska, minimum 3.000 Euro pro Person, reichlich Kohle, um alles nur von Bord aus zu betrachten).

Bei uns wundert sich auch schon keiner mehr darüber.

Wenn ich zu Hause T und L von Omas Plänen erzähle, nicken die nur und sagen: Ja, wieso nicht. Machen wir das halt.

Ich bin hier mal wieder die einzige Bedenkenträgerin, die sich über den Wandel ihres Zustandes wundert, überall Hürden sieht und sich das Ganze nur schwer vorstellen kann. Aber wenn alle das so „easy-peasy“ finden, muss ich wohl meine Blockadehaltung auch nochmal überdenken.

Aber eins steht fest: Der Hund fliegt nicht 9 Stunden im Frachtraum. Wenigstens dabei setze ich mich durch!

Und Krautsand kann sehrwohl mithalten. Sieht man ja auf dem Titelbild.

Mama ist seit Juni 2024 in der vollstationären Pflege. Das musste sein und war ein langer Weg: Von „Ich lebe noch ganz alleine zu Hause“ über „Ich schlafe zu lange, nehme meine Tabletten nicht mehr regelmäßig genug und rutsche in einen epileptischen Anfall“ bis „Ich drehe zwei Runden übers Krankenhaus und ziehe dann ins Pflegeheim“ haben wir zusammen zwischen März und Juli eine Menge durchgemacht.

Wir waren tatsächlich in einem grauenhaften Kreislauf gefangen – bei dem uns ausgerechnet Mamas „kleine Erinnerungslücken, die doch jeder mal hat“ und die wir gefälligst nicht „Demenz“ nennen dürfen, am Ende sogar noch geholfen haben, ihn zu durchbrechen.

Aber von vorne.

März 2024: Mama lebte zwar noch alleine zu Hause, aber ich sah den Tag X schon seit Wochen kommen. Trotz der guten Betreuung durch den ambulanten Pflegedienst, der ihr zwei Mal täglich die Tabletten stellte und ihr bei verschiedenen Dingen half, kam es vor, dass sie den Tag komplett verschlief und dadurch die Einnahme-Intervalle für ihre Medikamente nicht rechtzeitig einhielt.

Bei Epilepsie ist das aber besonders wichtig.

Ergebnis: Sie aß und trank in dieser Zeit zu wenig, rutschte ins Delir ab und kam nicht wieder von alleine heraus. Sie fiel aus dem Bett, was sie sich im Nachhinein selbst nie erklären konnte, und musste in einer dieser Nächte mehrfach den Notrufknopf drücken. Man half ihr immer wieder zurück ins Bett, sie fiel immer wieder raus.

Ins Krankenhaus? Nein, um Gottes Willen, was sollte sie denn da?

Zwei Mal konnte sie innerhalb einer Nacht die Sanitäter bequatschen, sie nicht einzuliefern – bis der Bereitschaftsdienst des Hausnotrufservice mich beim dritten Mal endlich anrief und ich um 3 Uhr nachts aus allen Wolken fallend ein schlaftrunkenes Machtwort sprach.

Wir gingen in Runde 1 und nahmen einen Kurschatten namens Eckhardt mit.

Tatütata, ab ins Krankenhaus, Diagnose Schlüsselbeinbruch und Verdacht auf Schlaganfall, zwei Wochen Aufenthalt, anschließend Geriatrische Reha. Dort blühte sie innerhalb kürzester Zeit dermaßen auf, dass sie sich sogar einen leichten Kurschatten namens Eckhardt anlachte, mit dem sie am Ende Telefonnummern tauschte und von dem sie heute nichts mehr weiß (oder behauptet, nichts mehr davon zu wissen – wer weiß das manchmal schon so genau...).

Schon nach zwei Wochen ReHa erinnerte sie sich gar nicht mehr daran, wie sie eigentlich hier gelandet war. Sie hatte auch keine Schmerzen mehr.

Irgendwas mit Schlüsselbeinbruch, jaja – Nonsens. Wann sollte das passiert sein?!

Da sie also nur die guten Zeiten zu Hause vor Augen hatte, wollte sie logischerweise nach der ReHa dorthin zurück. Wieso auch nicht – sie kam doch noch super alleine zurecht! Meine dezenten Hinweise, dass es anders gewesen sein könnte, wurden geflissentlich ignoriert. Mama bescherte mir durch ihre Sturheit einen Kampf gegen Windmühlen, der mich unendlich viele Nerven gekostet hat.

Aber ich setzte mich zumindest kurzfristig durch und organisierte ihr nach der ReHa einen Platz in der Kurzzeitpflege, um Zeit zu gewinnen.

Wohlgemerkt in derselben Einrichtung, in der sie 2023 schon gewesen war und in der es ihr so gut gefallen hatte, dass sie beim Abschied geweint hatte. Was sie heute natürlich jetzt nicht mehr wusste. Ende vom Lied: Diesmal gefiel es ihr überhaupt nicht. Die Zimmernachbarin war ihr zu jammerig, die Straße draußen zu laut, die Pflegerinnen zu unfreundlich…

Die behaupten immer, sie kennen mich! So ein Quatsch!!!

Abgesehen von den „kleinen Erinnerungslücken“ wirkte sie dort aber nach kurzer Zeit wieder komplett fit. Und bequatschte mich, noch mal nach Hause zu dürfen. Ich redete mit Engelszungen auf sie ein, aber sie wollte unbedingt zurück.

Nun ist es so, dass ich sie nicht zwingen kann, in der Einrichtung zu bleiben.

Das ist halt die Krux: So lange sie noch geschäftsfähig ist – und das ist sie -, kann sie alleine entscheiden, wo sie sein möchte. Ich kann ihr da immer nur beratend zur Seite stehen, so quälend das manchmal auch ist.

Mir mangelte es auch nicht an Deutlichkeit: Ich schwor ihr Stein und Bein, dass sie keine 7 Tage alleine zu Hause zurecht käme, ohne, dass etwas passieren würde, wurde aber als elendige Schwarzmalerin abgekanzelt. Also zuckte ich irgendwann seufzend mit den Schultern und sagte: So sei es.

Auf ging’s in Runde 2.

Mai, 2024: Es stellte sich heraus, dass ich mit meiner Prognose sogar noch zu optimistisch gewesen war. Es dauerte nämlich nach ihrer Rückkehr nach Hause noch nicht mal 5 Tage, bis das ganze Spielchen wieder von vorne losging.

Bis sie also wieder komplett bettlägerig war und nichts mehr ging, von 100 Prozent die Alte direkt hinein in den epileptischen Anfall und rien ne va plus. Und wieder einmal, wie schon so oft in den vergangenen Monaten, war es kompletter Zufall und reines Glück, dass ich sie rechtzeitig fand.

Weil ich jeden Tag mehrfach anrief und nachgucken fuhr, wenn sie nicht reagierte.

Ein herrliches Schreckensszenario für mich. Ich habe heute noch vor Augen, wie ich immer den Schlüssel im Schloss ihrer Haustür umdrehte und innerlich aufatmete, wenn mir ihr fröhliches „Hallooohooo“ entgegen kam.

Was an diesem Tag im Mai dann eben nicht der Fall war. Diesmal lautete die Diagnose: epileptischer Anfall. Wieder blieb sie für einige Tage zur Beobachtung im Krankenhaus. Doch dieses Mal hatte ich die Faxen dicke, ließ mich nicht von ihr bequatschen und bemühte mich um einen Platz in der vollstationären Pflege.

Den wir dann tatsächlich auch bekamen, dem Himmel sei Dank (ein Sechser im Lotto heutzutage!).

Wieder in derselben Einrichtung, in der es ihr während der Kurzzeitpflege zwei Wochen zuvor nicht gefallen hatte, im Jahr zuvor aber außerordentlich gut. Ich schickte Stoßgebete zum Himmel, sie möge sich nur noch ans vorige Jahr erinnern.

Und wurde quasi erhört – wenn auch nicht ganz so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Genau genommen hätte ihr Umzug ein traumatisches Erlebnis für mich werden können, wenn die sensible Pflegerin der Einrichtung nicht so geistesgegenwärtig gehandelt und mich an der Tür abgefangen hätte, als ich Mama noch am ersten Tag dort besuchen wollte.

„Ihre Mutter wird Sie heute nicht wiedererkennen“, sagte sie.

Da war er, dieser Moment, den man als Angehörige einer Demenzpatientin natürlich schon all die Jahre kommen sieht und fürchtet. Ich bin der Pflegerin so dankbar, dass sie mich nicht ins offene Messer rennen ließ, sondern mir die Chance gab, vorher einmal durchzuschnaufen und mich auf die Situation gedanklich einzustellen. Und sie hatte Recht. Mama schaute mich mit leeren Augen an und fragte:

Wer sind Sie denn?

Mama sollte den ganzen Nachmittag lang nicht drauf kommen, wer sie da geduldig durch den sonnigen Park schob. Sie hielt mich für eine Pflegekraft des Hauses.

Der Auslöser für diesen Zustand: Als meine Mutter per Krankentransport aus der Klinik in die neue alte Einrichtung gebracht wurde, hatte sie mal wieder die Demenz-Medikamente nicht rechtzeitig bekommen. Sprich: Das Krankenhaus hat nicht drauf geachtet, und die Pflegeeinrichtung durfte das nun ausbaden.

Was nun folgte, war ein verrücktes Wechselbad der Gefühle.

Denn schon nach wenigen Tagen hier war sie wieder ganz die Alte und ein Meckerheini wie eh und je.

Der natürlich aber wieder nicht verstand, was er hier sollte –

…zwischen den ganzen Dementen?!?

Es war Mama nicht zu vermitteln, dass sie genauso dement wäre wie „die“, wenn sie ihre Tabletten nicht regelmäßig nähme. Wie soll sie das auch verstehen, ich verstehe es ja selbst kaum. Aber es ist real:

Nimmt sie die Tabletten, ist sie wie früher. Nimmt sie sie nicht, ist sie voll dement. Angeknipst, ausgeknipst, und das manchmal innerhalb von Stunden.

Noch verrückter: Mama ist gar nicht klar, was für ein Glück sie hat, dass die Medikamente überhaupt noch dazu in der Lage sind, sie bei Bewusstsein zu halten. Was bei den anderen in ihrer Abteilung eben teilweise schon nicht mehr der Fall ist. Irgendwie kann ich verstehen, dass das ihre Auffassungsgabe übersteigt. Denn ich finde das ehrlich gesagt auch fast unglaublich zu beobachten.

Das Problem daran: Mama müsste darauf vertrauen, wenn ich ihr sage – zu Hause stirbst du. Das tat sie aber nicht.

Ich musste in dieser Phase bei jedem einzelnen Besuch brutal deutlich werden:

Beim nächsten Mal finde ich dich vielleicht nicht mehr rechtzeitig. Und dann bist du weg. Dir kann’s dann ja egal sein, aber vielleicht denkst du dabei auch ein Mal an mich.

Doch nichts davon kam bei ihr an. Ob ich das nun sagte oder mein Freund T oder die Pflegerin oder der Hausarzt oder ein Sack Reis in China. Sie wollte es nicht hören. Ich war der Verzweiflung nahe und kam mir vor wie die Protagonistin eines nicht enden wollenden Albtraums, dazu verdammt, meine Mutter immer rechtzeitig zu finden und ständig Gewehr bei Fuß zu stehen.

Aber ich beschloss, nicht sofort zu reagieren, sie nicht sofort wieder nach Hause zu bringen – sondern das Ganze erstmal auszusitzen. Zumal ich auch gar keine Kraft mehr für weitere Runden übers Krankenhaus gehabt hätte. Zumal wir in den Monaten davor ja auch schon ein paar gedreht hatten.

Es folgten mehrere Wochen Gemecker, und ich kam mir vor, wie damals bei der Kita-Eingewöhnung meiner Tochter.

Wobei diese im Vergleich wesentlich unkomplizierter verlaufen war.

Fast jeden Tag ging ich hin, fast jeden Tag musste ich gute Nerven mitnehmen und wusste nie, was mich erwartete.

Mamas Erinnerungen an den vorangegangenen Aufenthalt in der Einrichtung waren zwar nicht zurückgekehrt, dafür war sie aber in Sachen Kritik leider auch wieder ganz die Alte.

Straße immer noch zu laut, Pflegerinnen immer noch so dreist („Die wollen mich abends ausziehen! Ist das zu fassen?!“). Bettnachbarinnen immer noch suboptimal.

Mecker, mecker, mecker. Für mich war das nur schwer auszuhalten, ihr ungerechtes Gemecker.

Denn dass sie jetzt wieder sehr viel mehr gute als schlechte Zeiten hatte, verdankten wir ausschließlich der guten Betreuung im Pflegeheim.

Das nämlich nicht nur äußerst sensible Mitarbeiterinnen hat, sondern sich auch sonst sehr liebevoll um alle Bewohner und Angehörige kümmert. Wenn ich dort bin – und das bin ich oft – sehe ich immer, wie sehr sich hier um alle und jeden bemüht wird.

Alle sind immer freundlich, der Gesundheitszustand der einzelnen Bewohner wird genau unter die Lupe genommen, Ärzte kommen regelmäßig ins Haus, beim täglichen Veranstaltungsprogramm ist für jeden was dabei (ich finde zB toll, mit welchen Geschicklichkeitsspielen hier gerade Demenz- und Parkinsonpatienten animiert werden), es gibt hier regelmäßig Besuchshunde zum Streicheln, alle Feste werden ordentlich gefeiert, gerade wurde immer EM zusammen geguckt, es gibt Singrunden, der Pastor kommt regelmäßig, im Erdgeschoss gibt’s nen Friseur, es wird für alles gesorgt und es ist immer was los.

Für mich das Wichtigste: Ich kann auch als Angehörige jederzeit mit jedem reden, darf fast zu jeder Tageszeit unangekündigt ins offene Haus reinschneien, und für jedes Problem wird eine Lösung gefunden.

Trotzdem nahm das Gemoser kein Ende, und ich machte ich mir wochenlang Sorgen darum, wie schlecht es ihr in der Einrichtung ging. Obwohl ich doch vom Grunde meines Herzens wusste, wie richtig das alles war und dass sie jetzt endlich gut aufgehoben war.

Der Witz ist: Das hätte ich mir alles sparen können. Die ganzen Sorgen waren vollkommen überflüssig.

Warum? Weil ich die Rechnung ohne ihre Demenz gemacht und gar nicht bedacht hatte, dass Mama nach einer Weile einfach alles schon wieder vergessen haben würde.

So klar sie tagtäglich unter guter Medikation auch zu sein scheint, so viel vergisst sie aber doch von dem, was gerade erst geschehen war. Irgendwann hatte sie folgerichtig also auch schon wieder keine Ahnung, wie sie überhaupt in der vollstationären Pflege gelandet war.

Und das spielte uns diesmal sehr in die Karten. Denn bei meiner Mutter ist das so: Wenn sie erstmal eine Weile irgendwo ist und sich daran gewöhnt hat, hat sie wieder große Angst vor der Veränderung – auch, wenn diese Veränderung bedeutet hätte, in ihre eigene Wohnung zurückkehren zu können. Sprich: Auf einmal hatte sie selbst davor Muffensausen.

Woran ich das bemerkte? Nun, das Gemecker wurde von Besuch zu Besuch weniger.

Nun könnte man denken, sie hätte einfach kapituliert, aber so war es nicht. Die Wahrheit ist: Sie fing an, sich dort wohler zu fühlen.

  • Plötzlich ging sie zu Singrunden und trällerte ihre geliebten Arien.
  • Dann war sie bei Gedächtnisspielen dabei gewesen und konnte mit ihrem Wissen über die Hauptstädte der Welt auftrumpfen.
  • Dann schwärmte sie vom leckeren Mittagessen (auch, wenn ihr Frühstück und Abendbrot manchmal etwas karg erschienen, weshalb ich ihr mal die ein oder andere Stulle extra mitbrachte).
  • Letztlich sah sie nach einem Friseurbesuch unten im Erdgeschoss 10 Jahre jünger aus und erhielt überall Komplimente, die sie in ihrem leeren Zuhause nicht bekommen hätte.

Und last but not least zog eine Bettnachbarin ein, die noch älter war und kein Wort mehr von sich gab.

Ich will hier nicht ins Detail gehen – aber ich glaube, meine meistens recht fidele, laute, singende Mutter fällt in ihrem „angeknipsten“ Zustand in so einem Pflegeheim ziemlich aus dem Rahmen. Wenn man sie in ein Zimmer mit jemandem steckt, der vielleicht etwas von seinem Lebensmut eingebüßt hat, ist Mama möglicherweise gar nicht mal die allerschlechteste Medizin (und sei es, dass sie derjenigen so sehr auf den Wecker fällt, dass die von alleine anfängt, sich bemerkbar zu machen…)

Auf einmal meckerte sie bei meinen Besuchen also nicht mehr, sondern erzählte begeistert, wie sie die Bettnachbarin zum Reden animiert hatte.

Und wie die Pflegerinnen verschwörerisch zwinkernd den Daumen in ihre Richtung hochreckten, nachdem sie das mitbekommen hatten. Plötzlich fühlte Mama sich hier gebraucht.

Und fragte überhaupt nicht mehr danach, wann sie endlich wieder nach Hause könne. Stattdessen sagte sie eines schönen Nachmittags zu mir – und diesen Moment hätte ich am liebsten für die Ewigkeit aufgenommen (um ihn ihr im Zweifelsfall auch später nochmal vorspielen zu können):

„Ja, ich musste erst selbst fühlen, dass ich die Geborgenheit hier brauche“.

Dann sprach sie davon, sie könne nie wieder ohne so einen Notrufknopf direkt am Bett leben und ohne die Gewissheit, dass selbst mitten in der Nacht sofort jemand käme, wenn sie Hilfe benötigte. Und dass sie froh sei, hier zu sein.

Ich dachte erst, ich hätte mich verhört – aber dann war ich unglaublich erleichtert, dass sie es endlich kapiert hatte und mir keine Vorhaltungen mehr machte.

Und wie geht’s nun weiter?

Nachdem sie nun also verinnerlicht hat, dass sie am richtigen Ort ist, ist jetzt klar, dass es definitiv kein Zurück mehr nach Hause gibt. Ende September lösen wir ihre Wohnung auf. Die Möbel werden größtenteils erstmal eingelagert.

Aber meine Mutter ist ja immer für eine Überraschung gut.

Zwar fühlt sie sich nun wohl, und eigentlich ist alles bestens – aber nun äußerte sie immer wieder, sie hätte gern wieder das Gefühl, in unserer Nachbarschaft zu sein. Aktuell müssen wir 35 Minuten mit dem Auto fahren, um zu ihr zu kommen. Das ist nicht schlimm, aber es fühlt sich für sie zu weit weg an.

Und ich mache auch keinen Hehl daraus, dass es auch für uns praktischer wäre, sie in der Nähe zu haben.

Sprich: Sie steht bei einer Einrichtung in unserer Nachbarschaft auf der Warteliste.

Ob und wann sie da was bekommt, steht aber noch in den Sternen. Und ob sie sich dann, wenn es so weit ist, überhaupt noch an ihren Wunsch erinnert, nochmal umziehen zu wollen, auch.

Wichtig wäre natürlich auch, dass sie sich dann in der neuen Einrichtung genauso wohl fühlt wie in der alten. Das könnte eine neue Herausforderung werden, denn zum Einen ist die alte Einrichtung schwer zu toppen, und zum Anderen erzählte sie neulich….

Meine Bettnachbarin und ihr Mann sind für mich auch schon wie Famillie.

Woraufhin ich mir so denke:

Nachtigall, ick hör dir trapsen.

Ich verwette meinen linken Arm darauf: Sie wird nicht wieder rauswollen, wenn es irgendwann so weit wäre.

Aber dann ist das so – und was gibt’s Besseres? Sie ist angekommen.

Und ich kann auch endlich mal wieder durchatmen. Endlich keine Sorgen mehr. Endlich bin ich den ständigen Druck los, immer rechtzeitig da zu sein, wenn’s brennt. Endlich weiß ich sie gut aufgehoben. Endlich ist sie wieder gut drauf, nicht mehr bettlägerig – und wir können noch richtig schöne Sachen unternehmen. Das haben wir die letzten Wochen auch schon fleißig gemacht:

Los ging’s Ende Juni mit einem Ausflug nach Krautsand an die Elbe, den sie sich schon lange gewünscht hat.

Es folgte ein Nachmittag in die Heimat ihrer Kindheit, Kiel, Anfang Juli mit Besuch am Falckensteiner Strand und Kaffeetrinken inklusive Ausblick auf ihr neues Lieblingskreuzfahrtschiff „Mein Schiff 7“ am Norwegenkai.

Gestern waren wir schick essen am Elbufer in Finkenwerder… und es werden hoffentlich noch viele Ausflüge folgen. Mama plant eine weitere Kreuzfahrt für Ostern 2025. Wenn sie so weitermacht, halte ich das nicht für unrealistisch.

Die Reise, der Kampf, die vielen Nerven – es hat sich gelohnt. Ich atme tief durch.

Meine Mutter hatte schon immer ein besonderes Feingefühl für Timing. Und so kam sie anno 2017 mitten beim Essen anlässlich der Beisetzung meines Vaters auf die grandiose Idee, folgendes vom Stapel zu lassen:

Ich muss dir jetzt mal was erzählen. Seit Jahren schon trage ich ein Familiengeheimnis mit mir herum und traue mich nicht, dir davon zu erzählen.

Meine Mutter, setzt zu unpassendsten Gelegenheiten immer noch mühelos eins drauf.

Ich erinnere mich noch gut an die vielsagenden Blicke und die hochgezogenen Augenbrauen um uns herum. Am Tisch saßen nämlich nicht nur meine Mutter und ich – auch meine beste Freundin, mein Partner, die Familie meines verstorbenen Vaters und die besten Freunde meiner Eltern hörten nun mit gespitzten Ohren zu und harrten der Dinge.

Es klang, als wolle meine Mutter mir eröffnen, ich sei gar nicht ihr Kind.

Falsch geraten. Das war’s schonmal nicht. Ich konnte aufatmen. Stattdessen holte meine Mutter nun tief Luft – und man sah ihr an, dass sie sich wirklich ein Herz fassen musste und ein wenig Respekt vor meiner zu erwartenden Reaktion hatte. Bedeutungsschwer und höchst pathetisch formulierte sie die folgenden Worte:

Deine Tante B., also meine Schwester, ist gar nicht deine leibliche Tante. Gott sei Dank, nun ist es endlich raus.

Meine Mutter, sehr erleichtert.

Dann sah sie mich erwartungsvoll und ein wenig ängstlich an und rechnete damit, ich würde in Entsetzen ausbrechen.

Nun muss man wissen: Ich kenne Tante B. kaum.

Tante B. lebt mit ihrem Mann und meinen beiden Cousinen weit weg von uns im Süden Deutschlands. Ich habe sie während meiner Kindheit kaum gesehen. Sie war zwar meine Patentante, aber außer ein paar Taufgeschenken und hier und da mal einen Gruß zum Geburtstag verbinde ich wenig mit ihr.

Im Gegenteil.

Na meinetwegen.

erwiderte ich also, zur allgemeinen Erheiterung aller Anwesender.

Die Tante sei über diese Dinge auch schon seit Jahren im Bilde, sagte meine Mutter, nur bei mir hätte sie sich noch überwinden müssen, mich in Kenntnis zu setzen.

Damit hätte die Geschichte eigentlich abgehakt sein können. End of Story.

Eigentlich hätte ich an dieser Stelle sagen können: Danke für die Info, gut zu wissen, was gibt’s zum Nachtisch? Aber dann erzählte meine Mutter, woher sie das alles eigentlich wusste, und es tat sich ein Geflecht aus Geheimnissen und Merkwürdigkeiten auf, das mich hellhörig werden ließ.

Ich habe es meiner Berufskrankheit namens Neugierde (ich bin Redakteurin und recherchiere gern) zu verdanken, dass ich das Ganze dann doch nicht ganz auf sich beruhen lassen konnte – und ich bin heute noch immer mittendrin, alles zu entwirren.

Nur so viel zum Stand meiner Recherche: Im schlesischen Heimatort meiner Großeltern sind zufälligerweise im Geburtsjahr meiner Tante auffällig viele Babys verstorben – wesentlich mehr als in den Jahren zuvor und danach. Und ich möchte herausfinden, ob das tatsächlich nur an den schlechten Zeiten lag.

Oder ob hier systematisch Sterbeurkunden gefälscht wurden, um Kinder zu retten, vor den Deportationen 1942 beispielsweise.

Bisher habe ich nur Indizien. Zum Beispiel gibt es da eine Ortshebamme, deren Name meiner Mutter bekannt war und die in vielen dieser Urkunden auftaucht, und ein Kreiskrankenhaus, dessen Vorsteherin wohl auch einen gewissen Einfluss auf den Verlauf der Dinge gehabt haben dürfte.

Die ganze Geschichte hat für mich eine sehr persönliche Komponente. Unter anderem birgt sie das Potenzial, meinen Blick auf meine sehr geliebte Oma im Positiven wie natürlich auch im Negativen zu verändern – je nachdem, welche Rolle sie dabei gespielt hat.

Jedenfalls werde ich versuchen, der Sache auf den Grund zu gehen.

Und plane für den Anfang eine vor-Ort-Recherche beim Landesarchiv Berlin. Nach dem Krieg wurden die erhalten gebliebenen Personenstandsregister der ehemaligen deutschen Ostgebiete hierhin gebracht, und das Register aus dem Heimatort meiner Großeltern ist dabei. Wenn ich noch irgendwo Dokumente finde, welche die Herkunft meiner Mutter belegen, dann hier.

Denn meine erste Mission lautet: Die Geburtsurkunde meiner Mutter finden.

Als meine Oma damals im Krieg vor den Russen flüchten musste, stand ihr vermutlich nicht der Sinn danach, sich erst noch Abschriften der Geburtsurkunden ihrer beiden Mädchen zu besorgen, bevor sie sich mit ihrem spärlichen Hab und Gut auf den Weg in den Westen machte.

Deshalb konnte meine Mutter sich nie richtig legitimieren. In Kiel angekommen, wurde einfach per eidesstattlicher Versicherung besiegelt, wohin die beiden Mädchen gehörten – und fertig. Was sollte man auch sonst tun.

Als ich damals nach dem Tod meines Vaters Witwenrente für meine Mutter beantragte, wurde ihr aufgrund des fehlenden Dokuments immer noch der Status eines geduldeten Flüchtlings bescheinigt – nachdem sie bereits über 50 Jahre im Westen gelebt hatte. Das empfand ich als ungerecht. Es war mir damals schon ein Dorn im Auge, muss ich sagen.

Meine Mutter und ich sind uns einig: Es ist immer gut, sich legitimieren zu können und schwarz auf weiß zu haben, woher man kommt.

Da man die Geburtsurkunden noch lebender Personen u.a. aus datenschutzrechtlichen Gründen aber nicht online einsehen kann, werde ich mich also demnächst mit einer Vollmacht unter dem Arm auf den Weg nach Berlin machen. Bald geht es los – ich werde berichten.

Wow, ich kann gar nicht fassen, dass schon 5 Jahre vergangen sind seit meinem letzten Eintrag. Ich habe fünf Jahre nicht mehr von Mama und ihren Erlebnissen berichtet. In der Zwischenzeit ist Corona an uns vorbei gedonnert (sie hat es bisher gut überstanden), meine Tochter L ist ein Teenager geworden, wir mussten einen schweren Schicksalsschlag erleben und sind selbst noch mal umgezogen.

Und dabei ist es gar nicht so, dass es nichts zu berichten gegeben hätte – im Gegenteil. Sogar fast nur gute Dinge. Wir konnten nämlich ziemlich viele Punkte von der Bucket-List abarbeiten, und davon will ich heute einmal berichten.

Die Bucket-List: Von Oslo nach London nach Helgoland nach Cuxhaven nach Kiel

Mama hat und hatte ja noch viel vor. Immer, wenn ihre Gesundheit es zuließ, haben wir sie mit ihrem Rollator eingepackt und sind losgedüst. Meine Mutter hat ein Faible für den europäischen Hochadel und dessen Behausungen, die sie aber immer nur von außen sehen möchte. Und zu allererst wollte sie mit der Colorline von Kiel nach Oslo.

Station eins: Einmal Norwegen und zurück

Bei bestem Wetter liefen wir aus, von Kiel nach Oslo auf der ColorMagic. Video: Mission MamaPapa

Und Norwegens Fjorde empfingen uns ebenfalls mit Kaiserwetter, die Einfahrt in den Hafen von Oslo war einfach nur traumhaft:

Die Fahrt durch den Oslofjord.
Die Fahrt durch den Oslofjord. Foto: Mission MamaPapa

Das Schloss war dann gar nicht mal so spektaktulär – aber meine Mutter hatte Gefallen an der ganzen Reiserei gefunden.

Unsere größte Tour ging mit der AIDAprima von Hamburg nach Southampton.

Ich möchte einmal im Leben den Buckingham Palast sehen. London interessiert mich nicht, ich will bloß dorthin, aus dem Taxi aussteigen, einmal gucken, und wieder zurück.

Meine Mutter. Hatte schon immer ihre ganz eigenen Vorstellungen, die man nicht immer verstehen muss.

Mamas Wunsch war uns Befehl. Wir suchten also nach einer möglichst komfortablen Lösung. Da sie von jeher ein großer Fan von Kreuzfahrten war, aber nie eine „richtige“ gemacht hatte, lag es irgendwie auf der Hand: Wir stiegen im Sommer 2022 also in Hamburg-Steinwerder aufs Schiff, ließen uns über Nacht nach England schippern und setzten uns dort in einen Bus, der uns nach London bis fast vors Schloss fuhr. Mama stieg aus, staunte, blieb ca. 30 Minuten staunend an derselben Stelle stehen, und dann stiegen wir wieder ein. Sie hatte genug gesehen.

Oma am Rollator vor dem Buckingham Palace.
Sommer 2022: Oma am Rollator vor dem Buckingham Palace.

Ich brauche keine Besichtigung. Ich will das Schloss bloß von außen sehen.

Oma auf die Frage, ob wir nicht auch in den Palast hineinwollen, wenn wir schon da sind. Aber nein!

Nächste Station: Cuxhaven. Hauptsache Meer.

Wenn man sich Mamas Bucket-List näher ansieht, fällt auf, dass die meisten Orte, die sie bereisen will, irgendwas mit Meer zu tun haben. Das liegt daran, dass sie einen Teil ihrer Kindheit nach dem Krieg in Kiel verbracht hat, wo ihr Vater stationiert war. Meine Mutter konnte an meiner Heimat Düsseldorf, dem Rheinland und allem, was südlich von Hamburg liegt, nie viel Gefallen finden. Gelebt hat sie dort nur, weil mein Vater dort war und dort partout nicht weg wollte.

7 Jahre Hamburg liegen nun hinter ihr – 7 Jahre fast an der Küste, auf jeden Fall im Norden, das gefällt ihr. Hier lebt es sich ganz anders –

…allein DIE LUFT! Diese wunderbare Luft hier.

Mama liebt das Meer, die Schiffe und den Hafen.

Auf ihrer Liste standen Nordsee-Besuche, und einer davon führte uns nach Cuxhaven direkt an den Strand von Duhnen:

Meine Mutter mit Rollator am Strand von Cuxhaven-Duhnen
Mama und ihr Fischerhütchen, diesmal wieder in der weißen Variante, am Strand von Cuxhaven-Duhnen.

Wir haben ihr einen Camping-Stuhl gekauft, den man ganz klein zusammenfalten kann, damit sie immer eine passende Sitzgelegenheit dabei hat. Da sitzt sie dann und schaut aufs Meer und ist glücklich. Die Nordsee hat es ihr besonders angetan.

Noch mehr Meer: Helgoland

Als ich ein Kind war, waren wir auf Langeoog (2x sogar), auf Wangerooge, auf Juist, auf Pellworm, auf diversen Halligen, in Kiel, auf Fehmarn und sonstwo an der deutschen Küste. Nur auf Helgoland, da sind wir nie gewesen. Das wurmte meine Mutter schon sehr lange.

Gesagt, getan. August 2021 – hallo, Halunder Jet. In Hamburg zu wohnen ist ja schon ganz praktisch, wenn man schnell ans Meer will. Der Helgoland-Express fährt hier ab und nahm uns mit. Und tadaaa:

Mama in Helgoland. Heute wieder mit blauem Fischerhütchen.
Mama in Helgoland. Heute wieder mit blauem Fischerhütchen. Foto: Mission MamaPapa

Fand sie gut dort. Direkt nach der Ankunft startete das Rollator-Rennen der mitgereisten SeniorInnen, und meine Mutter lag geschwindigkeitsmäßig im Mittelfeld. Leider haben wir es trotzdem nicht bis zum Oberland geschafft, bevor der Jet die Rückfahrt antrat.

Das wurmt sie jetzt noch mehr, deshalb müssen wir dieses Jahr nochmal hin.

Nächstes Mal nehmen wir am Anleger direkt ein Taxi bis zum Aufzug zum Oberland.

Mama, hat Learnings eingefahren und skizziert den Plan fürs nächste Mal.

Und in Kiel waren wir natürlich auch mal wieder.

Immer, wenn Mama das Laboer Ehrenmal sieht, kommen ihr die Tränen. Inzwischen ist leider auch ihre Demenz ein wenig vorangeschritten, sodass sie immer, wenn wir mal wieder nach Kiel fahren, denkt, sie wäre zum ersten Mal seit Langem wieder da. Dabei waren wir regelmäßig dort in den letzten Jahren:

Ein Glas Aperol Spritz im Sonnenlicht.
Wegen ihrer Medikamente darf Mama so gut wie keinen Alkohol trinken. Aber ein Gläschen Aperol im Sonnenschein durfte es in Kiel neulich mal sein.

Und 2024?

Tatsächlich haben wir noch nicht viele Pläne für dieses Jahr. Mamas Gesundheitszustand ist seit einigen Wochen etwas… volatil. Erkältungen, Magendarm-Probleme, die Demenz und das Alter machen ihr zu schaffen. Zurzeit kommt sie immer noch gut in ihrer Wohnung klar, mit Hilfe des Pflegedienstes, der Tochter und des Schwiegersohns.

Aber sie braucht immer sehr lange, um sich gesundheitlich wieder zu erholen, wenn sie angeschlagen war. Deshalb sind die Gelegenheiten, zu denen wir etwas unternehmen können, seltener geworden. Ich versuche, die Momente deshalb immer besonders zu genießen.

Und hoffe, es kommen noch einige Momente, in denen wir zusammen lachen und staunen können, wie in den letzten 7 Jahren, die wir hier gemeinsam verbringen.

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