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Mamas Umzug

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Nun ist es passiert. Mama wohnt drei Haust├╝ren weiter. Und das h├Ârt sich so simpel an, aber in Wahrheit war es ein Akt. Umziehen ist ja immer einer. Und wenn man nicht selbst umzieht, sondern den Umzug f├╝r jemand anderen organisiert, und wenn dieser andere jemand die eigene Mutter ist, und wenn mit dem Umzug nicht nur organisatorischer Aufwand, sondern auch der Abschied vom eigenen Elternhaus einher geht, dann ist es eben doch noch mal was ganz anderes. Ich werde mal versuchen, die letzten drei Wochen anhand der mir am h├Ąufigsten gestellten Fragen Revue passieren zu lassen. Hier meine Top5:

1.) Wo ist mein… (hier wahllos irgendeinen Haushaltsgegenstand einsetzen)?

Es ist ja nicht so, als sei ich besonders chaotisch, wenn es ums Umziehen geht. Es gab schon Umz├╝ge, da hatte ich zu viel Zeit und habe jeden Karton durchnummeriert und den Inhalt feins├Ąuberlich in einer Excel-Liste dokumentiert. So einen Unsinn mache ich nach sieben Umz├╝gen in neun Jahren nicht mehr, aber es hat dennoch alles seine Ordnung bei mir, nat├╝rlich auch beim Umzug meiner Mutter. Das Problem ist nur, dass sie ja nichts mehr sieht. Sie hat also selbst nicht gesehen, in welche Kartons ich was gepackt habe und in welchen Schrank ich es wieder ausgepackt habe. Und was sie nicht selbst sieht, glaubt sie nicht. Wo k├Ąmen wir denn da hin, wenn sie sich auf meine Erz├Ąhlungen verlie├če. Alles selbst nachzupr├╝fen, ist ihr aber zu anstrengend. Hinzu kommt, dass der Ortswechsel sie sowieso mental ├╝berfordert. Und so stellt sie mir drei Millionen Mal an einem Tag dieselbe Frage nach dem Verbleib ein und desselben Gegenstandes, die ich ihr nat├╝rlich gerne beantworte, und dann hat sie diese Information nach f├╝nf Minuten wieder vergessen. Als w├Ąre sie geblitzdingst worden. Vielleicht rei├čt bei uns aber auch einfach nur st├Ąndig die Matrix. Was wei├č denn ich!?!

2.) Wann kommst Du wieder?

Zwanzig Jahre. So lange lebe ich fernab meiner Eltern ein eigenst├Ąndiges Leben in Hamburg. Kommen und gehen, wann man will, tun und lassen, was man will. Das ist nun Geschichte. Ich habe jetzt wieder eine Mutter. Nicht, dass ich vorher keine gehabt h├Ątte, aber sie ist eben nicht pr├Ąsent gewesen. Meine Mutter lebte ihrerseits schon immer nach dem sch├Ânen Motto „Was ich nicht wei├č, macht mich nicht hei├č.“ Jahrelang hatte sie also kaum eine Ahnung, was ich im Alltag so treibe und konnte sich daher auch nicht einmischen. Nun wei├č sie praktisch alles: Wo ich wann hingehe, welche Besorgungen ich mache, mit wem ich wann – und vor allem wie lange – verabredet bin. Das ist f├╝r beide Seiten noch gew├Âhnungsbed├╝rftig. Sie hat pl├Âtzlich wieder Action in ihrem Leben, und ich einen Kontrolletti an meiner Seite. Wer sich mit 38 schon immer mal wieder f├╝hlen wollte wie mit 14, dem kann ich das Modell „Mama zieht zu mir“ nur w├Ąrmstens empfehlen. Ein wahrer Jungbrunnen. Haha. Ha.

 

3.) Kann ich hier noch irgendwas selbst entscheiden?

Eine rhetorische Frage, ├╝ber die ich mich anfangs stets aufgeregt habe, um dann festzustellen, dass genau das ihre Absicht gewesen ist. Seitdem antworte ich nur noch: „Nat├╝rlich nicht. Warum auch?“ und erreiche damit jedesmal eine leichte Pulsver├Ąnderung auf der Gegenseite. Ich wei├č, ich darf die herzkranke Frau nicht zu sehr aufregen, aber alles gefallen lassen muss ich mir deshalb noch lange nicht. Mama konnte aufgrund ihrer gesundheitlichen Defizite keine einzige Kiste selbst packen. Also habe ich das alles gemacht, und ich habe es gern getan. Anfangs war ich au├čerdem bem├╝ht, sie bei jedem Einzelteil um ihre Meinung zu fragen, hinsichtlich der Entscheidung, was mitsollte und was wegkonnte. Das erwies sich als mehr oder weniger unpraktikabel, weil wir auf diese Weise drei Stunden pro Kiste brauchten, aber nur ein einziges Wochenende Zeit hatten, um alles einzupacken. Und weil Mama stets nach zehn Minuten keine Lust mehr hatte, Entscheidungen zu treffen. Also blieb auch das an mir h├Ąngen. Ich musste mir also beispielsweise die Frage, ob die stumpfe, uralte Krups-Brotschneidemaschine in der neuen K├╝che tats├Ąchlich noch Verwendung finden w├╝rde, selbst beantworten. Ergebnis: Sie steht noch in D├╝sseldorf. Das ist nat├╝rlich unverzeihlich. Immer, wenn Mama herausfindet, dass ich irgendetwas ohne sie entschieden habe, wird mir mit dem Brustton abgrundtiefster Emp├Ârung Frage Nummer drei gestellt. Wir drehen uns in letzter Zeit des├Âfteren im Kreise.

4.) Warum musst Du nur immer so ├╝bertreiben?

Direkt in der ersten Woche habe ich mit Mama die ersten Arztbesuche hier in Hamburg absolviert. Wir haben gleich mehrere Baustellen zu beackern: Das Herz muss regelm├Ą├čig zum ├ärzte-T├ťV, es fehlt noch die Grauer-Star-OP am linken Auge, und die H├╝fte d├╝rfte auch mal wieder zum Onkel Doktor. Mit dem Hausarzt haben wir angefangen, und dort bekommt man ja erst mal einen Fragebogen zum allgemeinen Gesundheitszustand in die Hand gedr├╝ckt. Es war nicht gerade leicht, bei der Beantwortung der einzelnen Punkte einen gemeinsamen Nenner zu finden. Als wir uns zur Frage nach dem regelm├Ą├čigen Alkoholkonsum durchgek├Ąmpft hatten, waren Mutter und Tochter aufgrund der vorangegangenen Wortgefechte nicht gerade bester Stimmung. Nun folgte also: Trinken Sie regelm├Ą├čig Alkohol?┬áDazu muss man wissen: Mama hat in den letzten zwei, drei Wochen eine Vorliebe f├╝r Underberg als Betthupferl entwickelt. Ich beobachte diese Entwicklung argw├Âhnisch, muss ihr aber zugestehen: H├Ątte ich erst vor Kurzem meinen Mann verloren, mit dem ich 43 Jahre verheiratet war, und h├Ątte meine Tochter mich drangsaliert, 500 Kilometer zu ihr in den Norden zu ziehen, herzkrank und nichtssehend, br├Ąuchte ich vermutlich abends mehr als einen Underberg vor dem Einschlafen. Das ├Ąndert aber nichts an der Tatsache, dass man auf diese Frage nicht einfach guten Gewissens mit „Nein!“ antworten kann. Ich kreuzte „Gelegentlich“ an und bekam oben stehende Frage zu h├Âren. Mal wieder.

5.) Warum bist Du noch nicht wieder zur├╝ck?

Diese Frage schlie├čt sich in der Regel nahtlos an Frage 2 an. Mama hat jetzt wieder Festnetz in Hamburg, und sie macht regen Gebrauch davon. Gestern klingelte mein Handy, als ich gerade in der Spirituosenabteilung des Supermarktes stand. „Du wolltest doch um halb sechs wieder da sein!“, schallte es mir um f├╝nf nach halb sechs im vorwurfsvollen Ton entgegen. Da hatte sie wohl irgendwie vergessen, dass sie mich zwei Stunden zuvor mit einer Einkaufsliste von der L├Ąnge einer abgewickelten Klopapierrolle losgeschickt hatte, um in mindestens f├╝nf verschiedenen Gesch├Ąften ihre W├╝nsche zu erf├╝llen, und ich verteidigte mich wahrheitsgem├Ą├č mit der Angabe, ich sei gerade auf der Suche nach ihrem Martini Rosso, nach dem sie ausdr├╝cklich verlangt hatte, weil sie mal Abwechslung vom Underberg wollte. So viel zum Thema „gelegentlich“. ┬áSie wechselte wie immer geschickt das Thema, indem sie mir einen Vortrag ├╝ber P├╝nktlichkeit und Zuverl├Ąssigkeit hielt, ohne zu merken, dass ich mein Smartphone in den Einkaufskorb gelegt hatte und nur noch am Rande zuh├Ârte. Bis sie mir in voller Lautst├Ąrke die Frage stellte, ob ich auch brav an diesem nasskalten Regentag mein Unterhemd angezogen hatte. Da habe ich dann aufgelegt. Unter den mitleidigen Blicken der anderen Kunden vor dem Schnapsregal.

Fazit nach drei Wochen

Ja, wir m├╝ssen uns noch eingrooven. Ja, ich habe das alles so gewollt. Ja, ich bin vielleicht ein bisschen bescheuert. Nein, es ist nicht immer einfach. Aber es macht mich einfach nur gl├╝cklich und froh, dass sie hier ist, in meiner N├Ąhe. Es ist ein Geschenk, Zeit mit ihr verbringen zu d├╝rfen und mich um sie zu k├╝mmern. Vorgestern waren wir zusammen an der Ostsee, von der sie nicht gedacht hatte, sie in ihrem Leben noch mal zu sehen zu bekommen. Die Freudentr├Ąnen in ihren Augen waren und sind all das wert.

Die letzten Wochen waren schwer f├╝r uns alle. Nach Papas Tod bin ich fast zwei Wochen lang nur gerannt, um Dinge zu organisieren. Gerannt, um die Bestattung auf die Beine zu stellen, f├╝r die ich gef├╝hlte 3 Millionen Entscheidungen treffen musste. Gerannt, um fristgerecht alle┬áFormalit├Ąten zu erledigen. Gerannt,…