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Vor zwei Wochen bist du noch am Rollator durch dein Zimmer im Pflegeheim gelaufen, um dich an deinen Tisch zu setzen und dein geliebtes Matjesbrötchen zu mampfen, das ich dir ab und zu mitbringe. Jetzt liegst du hilflos im Krankenhaus, kannst deine Beine nicht mehr bewegen und dich nichtmal mehr alleine aufsetzen. Und das alles ist irreparabel. Draußen hört es nicht auf zu schneien – als wollte der tiefste Winter uns beiden zeigen, wie lang er werden kann.

Mich erinnert die Situation ein bisschen an April 2017.

Damals verfasste ich einen Blogbeitrag mit dem Titel „Am vorläufigen Ende des Weges“ . Meine Eltern lebten beide noch in Düsseldorf und ich in Hamburg – und nichts ging mehr bei ihnen. Ich hatte zuvor zwei Jahre lang aus der Ferne ihren Haushalt organisiert, bis es nicht mehr praktikabel war. Wir wollten die beiden nach Hamburg umsiedeln, aber sie weigerten sich. Wollten nicht sehen, was ich kommen sah: Wenig später ist Papa im Badezimmer gestürzt und im Krankenhaus verstorben.

Jetzt fühlt es sich wieder ähnlich an.

Wieder spüre ich: Ein Ende ist nah. Doch diesmal bleibt mir wenigstens das Gefühl erspart, nicht alles für Mama getan zu haben. Im Gegenteil. Wir hatten noch fast 8 schöne Jahre zusammen hier in Hamburg. 7 davon lebte sie in unserer Nachbarwohnung, anderthalb in der Pflegeeinrichtung. All unsere wunderbaren Ausflüge und sogar Kreuzfahrten möchte ich nicht missen.

Doch leicht war es natürlich auch nicht immer („Ich brauche keinen Rollator„, „Ich brauche keinen Pflegedienst!“, „Ich bin nicht dement“…). Nicht zu vergessen: Mamas heimlicher Klosterfrau-Melissengeist-Konsum, der sie samt Alkoholdelir ins Krankenhaus brachte, woraufhin klar war: Alleine zu Hause, das geht so nicht mehr. Als ich ein Machtwort sprechen musste, weil der Umzug in die stationäre Pflege unumgänglich war… selten habe ich mich so beschissen gefühlt, wie in diesem Moment.

Aber im Nachhinein war es das Beste, was wir machen konnten.

Sie hatte in der Pflegeeinrichtung nämlich noch ein richtig tolles Jahr. Sie hat dort im Chor gesungen und es geliebt, die Feste der Einrichtung mitzugestalten. Es fielen Sätze wie „Endlich führe ich hier das Leben, das ich schon immer hätte führen sollen! – Warum bin ich nicht schon viel eher hier eingezogen?!“, und ich wusste – alles richtig gemacht.

Doch dann ging es vor drei Monaten gesundheitlich abwärts, und zwar rapide.

Ich weiß ja, wie schnell das in ihrem Alter gehen kann. Immerhin ist Mama inzwischen 87. Da darf mich eigentlich nichts mehr überraschen. Trotzdem bin ich ganz betäubt davon, wie fix sie von „Ich gehe noch am Rollator“ zur totalen Bettlägerigkeit gelangt ist und sich nichtmal mehr richtig aufsetzen kann. Das ist jetzt leider der Stand der Dinge.

Jetzt liegt sie im Krankenhaus, so hilflos, und ich bin traurig.

Wir wissen heute noch nicht, was sie alles hat – aber es ist viel. Unter anderem eine Leberzirrhose. Wären wir in den USA, hätte ich wahrscheinlich gute Chancen darauf, Klosterfrau in Mamas Namen zu verklagen. Dieses hochprozentige Zeug, das für ältere Damen und Herren als Wundermittel der Natur daherkommt, ganz harmlos. Seit ihrem Umzug in die Einrichtung ist damit natürlich Feierabend gewesen – leider haben Leber und Niere ein gutes Gedächtnis.

Ach, Mama.

Wir wollten doch noch nach Kapstadt und Alaska. Stattdessen sitze ich nun täglich an deinem Bett und füttere dich, weil es sonst keiner hier im Krankenhaus macht und weil es hier auch sonst keinen interessiert, ob du was gegessen hast oder nicht. Selber essen kannst du nicht mehr, weil das Aufsetzen unmöglich ist.

(Update: Das muss ich revidieren. Ich hatte in den ersten Tagen den Eindruck, niemand registriert, ob sie gegessen hat oder nicht, das stimmt aber nicht. Die Pfleger:innen hier kümmern sich sogar sehr liebevoll und nehmen sich Zeit, ihr das Essen anzureichen. Ich hab es auch schon anders erlebt und deshalb voreilige Schlüsse gezogen. Und natürlich helfe ich trotzdem weiterhin mit).

Und dann wurde dir auch noch der „Knopf“ geklaut.

Heute komme ich in dein Zimmer und stelle fest: Du hast eine neue Bettnachbarin. Eine ältere Dame, ähnlich hilflos wie du, die viel schläft, und an deren Bett kein Notrufknopf installiert ist. In der Hand hält sie deinen Notrufknopf, den man ihr einfach hinübergezogen hat. Das macht mich sprachlos und wütend.

Könnten die beiden noch miteinander kommunizieren, wäre das vielleicht kein Problem. Dann könnten sie sich gegenseitig Bescheid geben, damit die Andere den Knopf drückt. Sie nehmen sich aber kaum noch gegenseitig wahr, können kaum über den Bettrand zur Anderen hinüber schauen. Im Zweifel wäre Mama also vollkommen aufgeschmissen.

Wie skrupellos kann man sein, einer offensichtlich hilflosen Patientin einfach den Notrufknopf wegzunehmen?

Wer auch immer das zu verantworten hat (den Pflegern zufolge die anderen Angehörigen), kann sich schonmal warm anziehen, sollten wir uns begegnen.

Ich habe kurz überlegt, den Notrufknopf einfach wieder dahin zu legen, wo er hingehört. Stattdessen bin ich natürlich losgestiefelt und habe einen zweiten organisiert, wie es sich gehört.

Wäre ich nicht täglich hier, wie würde es dann für dich laufen, Mama?

Sie kümmern sich hier gut um Dich, aber die Wärme zwischen uns lässt sich nicht ersetzen. Und die brauchst du ganz dringend, das sehe ich an Deinem erleichterten Gesicht, wenn ich komme. Denn in nur wenigen Tagen hast du eine Muskelkontraktur erlitten. Die Muskeln versteifen irreparabel, wenn man sie nicht bewegt. Das war mir bekannt, aber mir war nicht klar, wie verdammt schnell das gehen kann.

Ironie des Schicksals, dass du ausgerechnet jetzt geistig noch voll fit bist.

Wir hatten ja in der Vergangenheit auch immer mal wieder Momente (vor dem Umzug ins Pflegeheim zB), in denen die Demenz voll durchschlug und du mich nichtmal wiedererkannt hast. Nun, da dein Körper vollends aufgibt, bist du hingegen komplett geistig anwesend. Was für ein unfairer Mist eigentlich. Andererseits bin ich natürlich froh, dass wir noch miteinander sprechen können.

Es redet ja sonst niemand mit mir.

Die Ärzte nehmen, seit du eingeliefert wurdest, permanent Reißaus vor mir. Niemand hält mich auf dem Laufenden, ich telefoniere ständig hinterher, und es ist dem puren Zufall zu verdanken, wenn ich überhaupt mal was erfahre. Ich weiß also immerhin, dass du eine Lebererkrankung im Endstadium hast, habe aber nach wie vor keine Ahnung, was bei diversen anderen Untersuchungen herausgekommen ist. Du fragst auch nicht danach, willst es gar nicht wissen, es würde dich überfordern – du spürst ja ohnehin, was los ist. Und ich schwanke: Soll ich dich mit meinem Wissen quälen? Und hast Du nicht ein Recht darauf, mehr zu erfahren?

Aber Du strahlst so, wenn ich endlich da bin.

Und es fällt mir schwer, dir so unerbittlich die Wahrheit um die Ohren zu hauen. Du wirst nie wieder aufstehen, und du wirst nie wieder gesund. Mehr weiß ich auch nicht, aber das reicht mir persönlich auch schon vollkommen. Alles, woran ich denken kann, ist: Wie gut, dass wir letzten Sommer noch die schöne Bootstour über den Schweriner See gemacht haben. Wie schön, dass wir noch ein paar Mal zusammen im Restaurant waren. Wie schade, dass ich so wenig Zeit für dich hatte in den letzten Wochen des Jahres 2025. Diese Situation verlangt mir viel Kraft ab, die Ungewissheit raubt mir den letzten Nerv. Aber wie muss es erst für dich sein…

Morgen bin ich wieder da, gebe dir zu essen und halte deine Hand.

Ich mache mich extra immer hübsch für dich, schminke mich und ziehe mich schick an, damit das Letzte, was du vielleicht siehst, nicht diese abgehalfterte, müde, blasse und augenberingte Variante von mir ist, die mir zurzeit jeden Morgen aus dem Spiegel entgegenschaut. Ich möchte nicht, dass du dir Sorgen um mich machst. Du fragst ohnehin schon zu oft nach, ob bei „uns“ alles in Ordnung ist, weil du Angst hast, mich „alleine“ zu lassen. Bei „uns“ ist alles in Ordnung, sage ich dann, und sehe den Zweifel in deinem Blick. Ich stehe seit vielen Jahren auf meinen eigenen Beinen, bin aber doch immer dein Kind geblieben.

So stapfe ich hier grad traurig mittags mit Happy durch den Schnee.

Du hast den Wiener Opernball gestern verpasst.

Den wir immer zusammen geschaut haben. Ich hab ein bisschen für dich mitgeguckt und dir heute davon erzählt. Du hast gelächelt und deine Lieblingsmelodie gesummt. Wie sehr mich diese stundenlange, nicht enden wollende Übertragung des Wiener Pomps in den letzten Jahren genervt hat. Wie gerne würde ich ihn jetzt nochmal mit dir gucken. Ich summe den Wiener Walzer mit dir mit, bis du einschläfst, und fahre nach Hause, ins Ungewisse, wie jeden Tag momentan.

Abseits von den vielen, oftmals amüsanten Supermarkt-Telefonaten, die ich mit meinen Eltern so führe, gab es rund um die Frage, wie es mit ihnen weiter gehen soll,  in den letzten Wochen und Monaten viele ernste Momente, in denen wir gemeinsam wichtige Entscheidungen treffen mussten.

Seit zirka anderthalb Jahren organisiere ich den Haushalt meiner Eltern aus der Ferne. Und zwar ziemlich genau seit meine Mutter mit einer Herzinsuffizienz im Krankenhaus gelandet war, ohne mir ein Sterbenswörtchen davon zu verraten.

Damals war ich erst mal sprachlos, und dann bekam ich auch noch die vier verbalen Backpfeifen verpasst.

Ich musste mir plötzlich über alle möglichen Dinge Gedanken machen, über rechtliche Schritte wie die Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung und Bankvollmachten, aber auch ganz grundsätzlich über die Frage, wie lange es noch so weitergehen sollte / konnte wie bisher.

Wie lange würden meine Eltern noch allein zu Hause zurecht kommen?

Kamen sie es überhaupt noch?

Und wer hatte eigentlich das Recht, darüber zu urteilen und zu entscheiden?

Von Beginn an begleitete mich ein Mythos, nämlich der vom Notarzt, der, einmal gerufen, jederzeit dafür sorgen könne, dass meine Eltern im Pflegeheim landen, nachdem er ihre häusliche Umgebung als nicht mehr tragbar eingestuft hätte. Keine schöne Aussicht, vor allem, wenn man Eltern hat, die einem Notfälle gern mal verschweigen. Ich möchte das nächste Mal nur ungern nach zwei Wochen von den Nachbarn erfahren, dass einer von beiden seit 14 Tagen im Heim lebt.

Ich hatte damals ein sehr hilfreiches Gespräch mit der Leiterin eines ortsansässigen Pflegeheims. Für mich stand zwar direkt außer Frage, meine Eltern ins Pflegeheim zu geben, aber ich suchte jemanden, der sich mit dem Thema „Selbstbestimmung im Alter“ auskannte und mir den ein oder anderen guten Ratschlag geben konnte. Denn: Wenn auch das Pflegeheim für uns keine Lösung darstellte, so war doch relativ schnell klar, dass meine Eltern bald zumindest Hilfe in den eigenen vier Wänden benötigen würden. Doch auch das war bis dato ein absolutes Tabu-Thema für sie gewesen.

Ich konnte sie ja noch nicht mal zu simplen Hilfsmitteln wie einem Rollator oder einer Abstützstange am Bett überreden.

Ein fremder Mensch in ihrem Haus geschweige denn das Beantragen einer Pflegestufe – für Mama und Papa undenkbar! Aber für mich lag auf der Hand, dass sie Hilfe brauchten, nur leider half das gute Zureden nichts.

Jedenfalls klärte mich die Heimleiterin darüber auf, dass Ärzte Patienten nicht einfach so einweisen können. Und sie gab mir einen grundsätzlichen Rat, an dem ich mich bis heute festhalte. Sie sagte mir, sie hätte schon oft erlebt, dass Angehörige den Willen der Betroffenen ignorieren und einfach Dinge entscheiden, koste es, was es wolle. Dafür ziehen sie bis vors Betreuungsgericht, um quasi eine Entmündigung zu erreichen. Hat der Betroffene den Angehörigen zuvor freiwillig über die Vorsorgevollmacht als Betreuer bestimmt (was bei meinen Eltern und mir jetzt der Fall ist), kann der Angehörige ein psychologisches Gutachten erstellen lassen, um die Geschäftsfähigkeit des Betroffenen festzustellen. Ist diese nicht mehr gegeben, setzt das Betreuungsgericht den in der Vorsorgevollmacht definierten Betreuer ein, und dieser hat dann in der Regel die Möglichkeit, den Betroffenen in ein Pflegeheim zu geben. Notfalls auch gegen den Willen. In diesem Moment wurde mir erst richtig bewusst, wie viel Verantwortung damit einher geht, dass ich für Mama und Papa laut Vorsorgevollmacht als Betreuerin definiert bin.

Die Heimleiterin riet mir, ihren Willen zu respektieren.

Denn was bringt es, wenn die pflegebedürftige Person zwar perfekt versorgt ist, man sich bis zur quasi-Entmündigung dermaßen entzweit hat, dass man kein Wort mehr miteinander spricht? Ist das ein erstrebenswerter Zustand? Ist es richtig, den Betroffenen endgültig seiner Selbstbestimmung zu berauben, nur, um ihn in guten Händen zu wissen? Sie erzählte mir, sie hätte schon viele Angehörige gesehen, die den harten Weg gegangen, letztlich aber am Zerwürfnis verzweifelt waren. Ich würde das ebenso wenig wegstecken können, klar. Gleichzeitig muss ich aber ständig abwägen: Kann ich ihren Verbleib in den eigenen vier Wänden verantworten, und wenn ja, wie lange noch? Papa schläft vor dem Herd ein und kann jederzeit eine der Treppen hinabfallen, Mama kann das Haus nicht mehr ohne stützende Hilfe verlassen, und keiner von beiden ist dazu in der Lage, Alltagsbesorgungen zu erledigen, was beispielsweise die Medikamentenversorgung erschwert.

Aber reicht das schon aus, um ihnen ungewollte Hilfe – in welcher Form auch immer – aufzuzwingen? Ist es nicht schon eine Frechheit sondergleichen von mir, überhaupt darüber nachzudenken, ob und wann ich den Weg über das Betreuungsgericht gehen soll?

Und wann ist „nicht mehr geschäftsfähig“ eigentlich „nicht mehr geschäftsfähig genug“?

Für mich steht spätestens seit dem Gespräch mit der Heimleiterin fest: Ich handele nicht gegen ihren Willen. Niemals soll es so weit kommen. Das Problem ist nur, dass ich es auch nicht für immer garantieren kann. Vielleicht gibt es in Zukunft einen Moment, in dem ich merke, dass ich es eben doch nicht mehr verantworten kann, nichts zu unternehmen. Das ist aus 500 Kilometern Entfernung aber vergleichsweise schwieriger zu beurteilen als aus der Nachbarschaft. Vielleicht wird es auch einfach der Moment sein, in dem ich vollends damit überfordert bin, ständig runterzufahren. Dahinter verbirgt sich die Frage: Wie weit muss / kann ich mich aufopfern, und ab wann habe ich das Recht, dabei auch an mich zu denken? Ich vermag nicht zu prognostizieren, wann ich an den Punkt komme, an dem ich plötzlich doch den harten Weg gehen würde, um eine dringend notwendige Verbesserung gegen ihren Willen herbeizuführen, und wenn sie nur im Engagement eines Pflegedienstes innerhalb der eigenen vier Wände besteht.

Davon mal abgesehen: Ich bin davon überzeugt, dass sie in meiner Nähe lebend noch viel länger ein selbstbestimmtes Leben in ihrem eigenen Zuhause führen könnten als in Düsseldorf. Deshalb kämpfe ich dafür, sie vom Umzug zu überzeugen.

Apropos „überzeugen“ – genau da liegt der Hase begraben: Sie müssen wollen.

Ein Oxymoron, doch genau so ist es: Wenn ihr Wille fehlt, kann ich nichts machen. Im März wollten sie, aber jetzt hat Papa es sich anders überlegt. Nun bin ich hinsichtlich organisatorischer Dinge zur Passivität verdammt, und mir bleibt bloß die Rolle der zeigefingerhebenden Nörgeltochter, deren Argumente ohnehin die meiste Zeit zum einen Ohr rein und zum anderen Ohr wieder rausgehen. Wenn ich sie nicht noch vom Umzug überzeugen kann, dann hangeln wir uns in Zukunft in Düsseldorf von körperlicher Einschränkung zu körperlicher Einschränkung, für die wir dann jeweils vor Ort Lösungen finden müssen.

Keine sehr erbauliche Aussicht. Deshalb arbeite ich aber noch lange nicht gegen ihren Willen an, gegen ihre Selbstbestimmung oder gegen ihr Recht darauf, eigene Entscheidungen für ihr Leben zu treffen. Wie auch immer das Ganze ausgeht, wo auch immer der Weg einmal endet – solange ich die Wahl habe, bleibe ich lieber die zeigefingerhebende Nörgeltochter, statt zur elendigen Verräterin zu werden, die ihnen alles mögliche aufgezwungen hat. Am Ende zählt nur, wie wir uns gegenseitig in Erinnerung behalten werden. An diesem Ziel orientiere ich mich, vor allem in den dunkleren Momenten, in denen ich damit hadere, wenig tun zu können.

Solange ich die Wahl habe.

Manchmal fühlt es sich an, als hätte ich plötzlich zwei Kinder mehr. Nur, dass sie 500 Kilometer entfernt wohnen, erwachsen und selbstbestimmt sind, in der Ferne aber immer weniger alleine zurecht kommen.

Allerdings:

Während Kinder vorwärts gehen, größer werden, dazulernen, läuft es bei meinen Eltern umgekehrt. Die Entwicklung geht rückwärts vonstatten. Jahrzehntelang waren sie erwachsen, hatten ihr Leben selbst im Griff, haben ihr eigenes Geld verdient, ein Haus gekauft, ein Kind großgezogen. Und nun verlieren sie mehr und mehr, Stückchen für Stückchen die Befähigung dazu, ein selbstbestimmtes, unabhängiges Leben führen zu können. Das ist bitter, und damit müssen sie erst mal klar kommen, und ich auch. Es ist seltsam, das mit anzusehen.

Gleichzeitig drehen sich die Verhältnisse: Eltern werden so manches Mal zu bockigen, hilfsbedürftigen Wesen, und die Kinder tragen auf einmal ein gutes Stück Verantwortung für das Leben von Mutter und Vater mit.

Plötzlich bin ich die Vernünftige von uns und höre mich selbst Sätze sagen wie:

Wie habt Ihr Euch das denn alles vorgestellt? Wie soll es in Zukunft weitergehen?

Oder:

Das sagt einem doch schon der gesunde Menschenverstand, dass das alles so nicht bleiben kann.

Und dann sehen sie mich irritiert an, weil ich wie meine eigene Mutter klinge, die sonst auch immer den „gesunden Menschenverstand“ bemüht hat, sobald ihr in meinem Leben etwas nicht in den Kram passte, wie zum Beispiel:

Das sagt einem doch schon der gesunde Menschenverstand, dass man nicht bis 6 Uhr nachts irgendwelche amerikanischen Basketballspiele guckt, wenn man am nächsten Morgen Mathe-Abitur schreibt!

Sagen wir mal so: Eine Nacht mehr Schlaf hätte an meiner Mathe-Fünf im Abi auch nichts mehr geändert, aber so ganz falsch lag Mama damit natürlich nicht.

Manchmal bewegen wir uns heute in einer Art verkehrten Welt.

Für mich ist das eine ewige Gratwanderung. Gerade jetzt, wo die Entscheidung für einen Umzug gefallen ist, geht es darum, ihre Wünsche zu respektieren und so gut es geht umzusetzen. Gleichzeitig werde ich aber auch Entscheidungen für sie treffen müssen, zu denen sie gar nicht mehr in der Lage sind. Ein schmaler Grat zwischen Interessenwahrung und Bevormundung, und das auf allen Ebenen des Alltags. Ich investiere diese Zeit und Energie sehr gern, denn schließlich gebe ich ihnen damit etwas zurück, was sie jahrelang ganz selbstverständlich für mich gemacht haben. Allerdings habe ich auch einen Heidenrespekt vor dieser neuen Aufgabe.

Mit der Vorsorgevollmacht, die wir zum Glück im vergangenen Jahr notariell anfertigen ließen, geht einher, dass ich ihre gesetzliche Betreuung übernehme, sobald sie nicht mehr geschäftsfähig sind. Das ist dann tatsächlich mit dem Sorgerecht für ein Kind vergleichbar. Ich hoffe, dieser Zeitpunkt liegt noch in weiter Ferne, würde aber leider keine Wetten darauf abschließen. Ich habe Respekt vor ihm.

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