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Generalvollmacht

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Vorgerstern rief mich der Hausarzt meiner Mama an, der sie in der Pflegeeinrichtung betreut. Es war ein sehr gutes, einfühlsames Gespräch, in dem er mir eröffnete, Mama weigere sich, ihre Medikamente zu nehmen – und er sei auch dafür, sie abzusetzen und auf Palliativmedizin umzusteigen.

Ein harter Schritt für mich.

Weil ich als Generalbevollmächtigte wieder eine Entscheidung treffen musste. Dass Mama die Einnahme der Medikamente verweigert, bedeutet ja nicht, dass ihr bewusst ist, welche Folgen das hat. Sie wäre auch geistig gar nicht mehr dazu in der Lage, das abzuschätzen, selbst, wenn ich versuchen würde, es ihr zu erklären. Soll man ihr nun die Medikamente drei Mal täglich reinzwingen? Hat sie nicht trotzdem das Recht, zu entscheiden, ob sie das noch möchte? Und schon längst gezeigt, dass sie es nicht mehr will?

Schwer.

Ich habe entschieden, dem Rat des erfahrenen Mediziners, der viele Ältere durch den Sterbeprozess begleitet, zu folgen. Wir sprachen auch kurz darüber, ob ein Hospiz nun der bessere Ort für sie wäre, verwarfen diese Idee aber schnell wieder. Selbst, wenn ich das wollte – es gäbe gar keine freien Plätze. Und sie jetzt nochmal umziehen lassen und aus der gewohnten Umgebung rausholen, das halte ich auch für keine gute Idee. Sie ist in ihrer Einrichtung gut versorgt und von bekannten Gesichtern umgehen, die es gut mit ihr meinen. Also bleibt sie, wo sie ist und bekommt Mittel zur Beruhigung.

Ich besuche sie täglich und frage mich vorher immer, ob sie mich noch erkennen wird.

Denn ich erinnere mich zu gut an Situationen, in denen sie ins Krankenhaus musste und einige Stunden ohne Medikation in der Notaufnahme lag. Danach hat sie mich schon nicht mehr wiedererkannt. Ich rechne jetzt also täglich damit, dass ich ihr freudiges Aufschauen und das kurze Leuchten in ihren Augen, wenn sie mich erblickt, zum letzten Mal sehe.

Das tut weh.

Gleichzeitig tut es mir gut, neben ihr zu sitzen. Ich gebe ihr zu trinken und füttere sie. Viel isst sie nicht mehr, aber ein paar Löffelchen immerhin. „Das tut guuut!“ murmelt sie dann und verlangt „Noch ein Schlückchen“ Wasser. Das Schreien hat nachgelassen, nur ab und zu bricht es sich noch Bahn. Wenn ich das Schälchen wegstelle, greift sie oft nach meinen Händen, um sie ganz fest zu halten. Ich schließe die Augen und versuche, diesen Moment des Festhaltens in meinem Gedächtnis abzuspeichern. Die schöne Wärme unserer Hände – meine sind immer viel kälter als ihre, und sie wärmt mich dabei.

Ich habe Angst vor dem Moment, wenn sie kalt wird.

Diese Kälte habe ich schon zwei Mal in meinem Leben spüren müssen. Es ist das Kälteste, das ich je angefasst habe. Am liebsten möchte ich Mamas Wärme konservieren. Dieselbe Wärme, mit der sie mich früher in den Schlaf gestreichelt und mir die Füße massiert hat. Das habe ich so geliebt als Kind. Ich weiß, dass ich diese Wärme nun nicht mehr lange in meinem Leben haben werde. Es fällt mir schwer, das zu akzeptieren. Das muss ich wohl. Ich hab‘ es ihr schließlich versprochen.

„Lass dich bloß nicht madig machen“, sagte sie gestern nämlich zu mir.

Diesen Ausdruck habe ich schon ewig nicht mehr gehört. Meine Oma hat das früher immer gesagt; vielleicht kommt das eher aus dem schlesischen Sprachraum. Es bedeutet soviel wie: „Lass dir nicht den Spaß an etwas nehmen / lass dich nicht unterkriegen“. Mama war gestern eigentlich sehr abwesend, wollte nur Wasser trinken und meine Hand halten. Plötzlich sah sie ganz klar zu mir auf und sagte genau diesen Satz, gefolgt von „Hab dich lieb, lieb, lieb“. Wenn man weiß, dass Liebesbekundungen nie so ihr Ding waren, kann man sich vorstellen, was das in diesem Moment für mich bedeutet hat.

„Ich lass mich nicht madig machen, keine Sorge“, antwortete ich also.

Und dass ich sie auch liebhabe, natürlich. Aber das sage ich ihr sowieso bei jedem Besuch mehrfach. Vor drei Tagen habe ich ihr noch Fotos von unseren Unternehmungen gezeigt, und sie hat noch darauf reagiert. Das wäre heute schon nicht mehr möglich gewesen. Der Kommunikationsrahmen ist von Tag zu Tag enger geworden, als wäre ihr Aufmerksamkeitskontingent erschöpft. Es reicht nur noch für „Etwas Wasser bitte“ und das Greifen nach meinen Händen.

Als ich heute reinkam, hörte ich Naturgeräusche und sah bunte Farben an den Wänden.

Die Pflegerinnen haben ihr zur Beruhigung einen Projektor hingestellt und ganz liebevoll eine kleine Lichterkette drumherum drapiert. Er spielte Dschungelgeräusche ab, was ich nicht ganz passend fand. Nachdem ich mir das einige Minuten angehört hatte, dachte ich, Möwengeräusche und Meeresrauschen wären viel schöner – schließlich hat Mama länger in Kiel gelebt und liebt alles, was mit der Küste zu tun hat. Also stand ich auf… und genau in dem Moment sprang das Gerät von alleine auf genau das Gewünschte um, ohne, dass ich es angefasst hätte. Wirklich wahr.

Vielleicht entwickele ich ja telepathische Fähigkeiten.

Jedenfalls war ich ziemlich überrascht. Und stellte kurz darauf fest, dass mich die Geräusche und die Lichter ebenfalls beruhigten. Ich blieb noch eine Weile sitzen, Hand in Hand. Mamas Atem wurde ruhiger, und jedesmal, wenn ich das registriere, weiß ich nicht, was mir lieber wäre: Dabei zu sein oder nicht dabei zu sein. Das ist aber eigentlich die falsche Frage. Ich hoffe einfach, egal, was passiert, dass sie weiß, wie oft ich bei ihr war.

Jedesmal verabschiede ich mich mit flauem Gefühl.

Ob es nun wohl das letzte Mal war? Ich weiß es nicht, aber ich kann auch nicht in der Einrichtung übernachten. Und Mama ist zäh – und so wütend, dass sie schon gehen muss. Aber ihr störrischer Geist wird immer schwächer, das merke ich. Jeder Tag mit ihr zählt. Ich fahre nach Hause, um Kraft zu tanken für den nächsten Besuch und hoffe, dass mein Handy bis morgen nicht klingelt.

Meine Mutter hatte schon immer ein besonderes Feingefühl für Timing. Und so kam sie anno 2017 mitten beim Essen anlässlich der Beisetzung meines Vaters auf die grandiose Idee, folgendes vom Stapel zu lassen:

Ich muss dir jetzt mal was erzählen. Seit Jahren schon trage ich ein Familiengeheimnis mit mir herum und traue mich nicht, dir davon zu erzählen.

Meine Mutter, setzt zu unpassendsten Gelegenheiten immer noch mühelos eins drauf.

Ich erinnere mich noch gut an die vielsagenden Blicke und die hochgezogenen Augenbrauen um uns herum. Am Tisch saßen nämlich nicht nur meine Mutter und ich – auch meine beste Freundin, mein Partner, die Familie meines verstorbenen Vaters und die besten Freunde meiner Eltern hörten nun mit gespitzten Ohren zu und harrten der Dinge.

Es klang, als wolle meine Mutter mir eröffnen, ich sei gar nicht ihr Kind.

Falsch geraten. Das war’s schonmal nicht. Ich konnte aufatmen. Stattdessen holte meine Mutter nun tief Luft – und man sah ihr an, dass sie sich wirklich ein Herz fassen musste und ein wenig Respekt vor meiner zu erwartenden Reaktion hatte. Bedeutungsschwer und höchst pathetisch formulierte sie die folgenden Worte:

Deine Tante B., also meine Schwester, ist gar nicht deine leibliche Tante. Gott sei Dank, nun ist es endlich raus.

Meine Mutter, sehr erleichtert.

Dann sah sie mich erwartungsvoll und ein wenig ängstlich an und rechnete damit, ich würde in Entsetzen ausbrechen.

Nun muss man wissen: Ich kenne Tante B. kaum.

Tante B. lebt mit ihrem Mann und meinen beiden Cousinen weit weg von uns im Süden Deutschlands. Ich habe sie während meiner Kindheit kaum gesehen. Sie war zwar meine Patentante, aber außer ein paar Taufgeschenken und hier und da mal einen Gruß zum Geburtstag verbinde ich wenig mit ihr.

Im Gegenteil.

Na meinetwegen.

erwiderte ich also, zur allgemeinen Erheiterung aller Anwesender.

Die Tante sei über diese Dinge auch schon seit Jahren im Bilde, sagte meine Mutter, nur bei mir hätte sie sich noch überwinden müssen, mich in Kenntnis zu setzen.

Damit hätte die Geschichte eigentlich abgehakt sein können. End of Story.

Eigentlich hätte ich an dieser Stelle sagen können: Danke für die Info, gut zu wissen, was gibt’s zum Nachtisch? Aber dann erzählte meine Mutter, woher sie das alles eigentlich wusste, und es tat sich ein Geflecht aus Geheimnissen und Merkwürdigkeiten auf, das mich hellhörig werden ließ.

Ich habe es meiner Berufskrankheit namens Neugierde (ich bin Redakteurin und recherchiere gern) zu verdanken, dass ich das Ganze dann doch nicht ganz auf sich beruhen lassen konnte – und ich bin heute noch immer mittendrin, alles zu entwirren.

Nur so viel zum Stand meiner Recherche: Im schlesischen Heimatort meiner Großeltern sind zufälligerweise im Geburtsjahr meiner Tante auffällig viele Babys verstorben – wesentlich mehr als in den Jahren zuvor und danach. Und ich möchte herausfinden, ob das tatsächlich nur an den schlechten Zeiten lag.

Oder ob hier systematisch Sterbeurkunden gefälscht wurden, um Kinder zu retten, vor den Deportationen 1942 beispielsweise.

Bisher habe ich nur Indizien. Zum Beispiel gibt es da eine Ortshebamme, deren Name meiner Mutter bekannt war und die in vielen dieser Urkunden auftaucht, und ein Kreiskrankenhaus, dessen Vorsteherin wohl auch einen gewissen Einfluss auf den Verlauf der Dinge gehabt haben dürfte.

Die ganze Geschichte hat für mich eine sehr persönliche Komponente. Unter anderem birgt sie das Potenzial, meinen Blick auf meine sehr geliebte Oma im Positiven wie natürlich auch im Negativen zu verändern – je nachdem, welche Rolle sie dabei gespielt hat.

Jedenfalls werde ich versuchen, der Sache auf den Grund zu gehen.

Und plane für den Anfang eine vor-Ort-Recherche beim Landesarchiv Berlin. Nach dem Krieg wurden die erhalten gebliebenen Personenstandsregister der ehemaligen deutschen Ostgebiete hierhin gebracht, und das Register aus dem Heimatort meiner Großeltern ist dabei. Wenn ich noch irgendwo Dokumente finde, welche die Herkunft meiner Mutter belegen, dann hier.

Denn meine erste Mission lautet: Die Geburtsurkunde meiner Mutter finden.

Als meine Oma damals im Krieg vor den Russen flüchten musste, stand ihr vermutlich nicht der Sinn danach, sich erst noch Abschriften der Geburtsurkunden ihrer beiden Mädchen zu besorgen, bevor sie sich mit ihrem spärlichen Hab und Gut auf den Weg in den Westen machte.

Deshalb konnte meine Mutter sich nie richtig legitimieren. In Kiel angekommen, wurde einfach per eidesstattlicher Versicherung besiegelt, wohin die beiden Mädchen gehörten – und fertig. Was sollte man auch sonst tun.

Als ich damals nach dem Tod meines Vaters Witwenrente für meine Mutter beantragte, wurde ihr aufgrund des fehlenden Dokuments immer noch der Status eines geduldeten Flüchtlings bescheinigt – nachdem sie bereits über 50 Jahre im Westen gelebt hatte. Das empfand ich als ungerecht. Es war mir damals schon ein Dorn im Auge, muss ich sagen.

Meine Mutter und ich sind uns einig: Es ist immer gut, sich legitimieren zu können und schwarz auf weiß zu haben, woher man kommt.

Da man die Geburtsurkunden noch lebender Personen u.a. aus datenschutzrechtlichen Gründen aber nicht online einsehen kann, werde ich mich also demnächst mit einer Vollmacht unter dem Arm auf den Weg nach Berlin machen. Bald geht es los – ich werde berichten.

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