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Licht und Schatten

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Vorgestern wurde Mama „austherapiert“ aus dem Krankenhaus entlassen und zurück ins Pflegeheim verlegt. Jeden Tag fahre ich zu ihr, ohne zu wissen, was mich diesmal erwartet. Es ist eine Achterbahnfahrt sondergleichen. Ich habe das Bedürfnis, diesen Weg hier zu begleiten. Schreiben hilft mir – und so lange ich darüber schreiben kann, ist die Geschichte noch nicht zu Ende.

Die Rückkehr war ein Schock für Mama.

Denn ihre Beine funktionieren ja nicht mehr. Das hatte sie im Krankenhaus allerdings noch nicht realisiert. Dort ist es schließlich normal, ausschließlich zu liegen – alle liegen hier. Aber in der Pflegeeinrichtung nicht – dort war „am Rollator gehen“ angesagt. In dieser gewohnten Umgebung nun nicht mehr laufen zu können, ist schlimm für sie. Auf einmal sieht sie: „Ich bin jetzt bettlägerig“. Eine Erkenntnis wie ein Schlag in die Magengrube, der seelische Höllenqualen verursacht.

Seitdem brüllt sie sich den Schmerz aus dem Leib.

Jeden Tag. Anfangs dachte ich, das Schmerzmittel sei nicht hoch genug dosiert. Schnell wurde mir aber klar: Sie schreit vor Ungerechtigkeit. Das hat sie früher auch schon gemacht. Manche Menschen werden bei seelischem Schmerz ganz still und leise – Mama nicht. Sie testet nochmal mit aller Kraft ihrer Lungen aus, wie laut sie noch werden kann.

Damals in ihrer neuen Wohnung hatte sie auch schonmal solch eine Phase.

Kurz nach dem Umzug nach Hamburg vor sieben Jahren kam sie nicht gut mit dem Umbruch in ihrem Leben und dem Verlust ihres Ehemannes klar. Nachts, als es ruhig wurde, quälten sie plötzlich wieder die Erinnerungen an ihre Kindheit im Bombenkeller, und das Trauma brach sich durch laute, unkontrollierte Schreie Bahn. Die neuen Nachbarn waren davon mäßig begeistert, aber ich konnte sie besänftigen. Ich wusste, wenn Mama sich erstmal an die neue Lebenssituation gewöhnt hätte, würden die Schreie nachlassen – und so kam es dann auch. Das Leben mit uns in Hamburg nahm schöne Züge an, und ihre geschundene Seele fand wieder Ruhe.

Aufgrund dieser Erfahrung kann ich heute heraushören, um welche Sorte Schreie es sich handelt.

Es erinnert mich an die Zeit, als meine Tochter noch ein Baby war. Da war ich nach kurzer Zeit als Mama irgendwann auch imstande, zu unterscheiden, ob es sich um ernsthaftes oder um launisches Brüllen handelte. So ähnlich ist es bei Mama jetzt auch. Deshalb weiß ich auch, dass eine Erhöhung der Schmerzmitteldosis nichts an ihrem Wehklagen ändern würden. Zumal sie ohnehin schon eine hohe Dosis bekommt. Stattdessen wird Mama nun zusätzlich Palliativmittel bekommen, die sie geistig beruhigen.

Gleichzeitig ist mir klar: Wenn sie ruhiger wird, naht das Ende unserer gemeinsamen Zeit.

Als ich vorgestern ankam, dachte ich kurz, ich käme zu spät. Ihr Gesicht hatte schon dieses Maskenhafte an sich, das ich von Papa damals kenne. Ihre Augen waren halb geöffnet, und sie reagierte nicht sofort auf mein: „Mama?!“. Doch kurz darauf kehrte Leben in ihren Blick zurück, und sie freute sich über meinen Besuch. Ich atmete tief durch, und wir tauschten ein paar Sätze aus – dann kamen die Schreie zurück. Fast bereute ich meinen Besuch; hatte ich sie doch aus der angenehmeren Ruhe geholt.

Deshalb blieb ich am Tag darauf vorsichtshalber erst vor der Tür stehen.

Um zu lauschen, ob sie ruhig war oder ohnehin schon brüllte. Allerdings war ihr lautes Organ schon vom Flur aus zu hören. Immerhin konnte ich diesmal keine Ruhe stören, wo zuvor schon keine gewesen war. Nach einer halben Stunde neben ihr klingelten mir die Ohren. Sie erkannte mich zwar und begrüßte mich auch – aber dann driftete sie ab in eine Art anderen Bewusstseinszustand, in dem sie fast nicht mehr ansprechbar ist, und der nur aus Verzweiflung und Schreien besteht. Gestern gesellten sich Erinnerungen hinzu, sie rief „Feuer!“ und wollte, dass „jemand endlich ihre Hände nähme“.

Also hielt ich sie fest – und sie schaute durch mich hindurch.

Auch das kenne ich von Papa damals. Als sein Leben sich im Krankenhaus dem Ende zuneigte, driftete sein Geist bei offenen Augen immer mehr in vergangene Sphären ab. Es sind wohl die Erlebnisse, die einen am meisten geprägt haben, die das Gedächtnis in diesem besonderen Übergangsstatus wieder hervorspült und real werden lässt. Papa war plötzlich wieder im Gerichtssaal, in dem er sich nach 30 Jahren treuer Betriebszugehörigkeit kurz vor der Rente stehend gegen eine betriebsbedingte Kündigung zur Wehr setzen musste.

Ich hörte ihn seine eigene Verteidigung formulieren.

Und wusste, dass ich Abschied nehmen musste. Auch Papa hatte damals seine klaren Momente zwischendurch. Dann forderte er Umarmungen von mir ein, wurde ganz weich und liebevoll. Mama hingegen erteilt wie eh und je Befehle, sobald sie wieder im Hier und Jetzt ist.

„Mehr Tee!“ „Wo ist mein Handtuch?!“ „Kissen unter meinen Kopf!“

Sie pfeift, ich springe. Es ist das Einzige, was ich gerade für sie tun kann. In den ruhigeren Momenten singe ich für sie Lieder, die sie früher für mich summte, wenn ich einschlafen sollte. Im Moment hat „Der Mond ist aufgegangen“ die beruhigendste Wirkung auf sie. Inzwischen kann ich alle drölfzig Strophen auswendig. Gestern bin ich der Abwechslung halber mal auf das Summen ihres Lieblingsliedes von Vicky Leandros, „Ich liebe das Leben“, umgestiegen (mit Text wäre es mir zu makaber vorgekommen). Mamas unzufriedenes Grunzen ließ mich aber schnell wieder auf Matthias Claudius‘ Mond umschwenken.

Eine Pflegerin kam herein.

Sie erzählte, dass sie Mama inzwischen zu dritt wenden müssen, weil sie sich so wehrt. Jede Bewegung tut ihr weh, aber was muss, das muss. Mama wird dabei aggressiv. Es fielen Begriffe wie „Kneifvorfall“ – wieder eine Parallele zum Kleinkind-Dasein. Ich weiß, dass die Pflegerinnen hier sehr vorsichtig mit ihr umgehen und konnte nicht umhin, mich für Mamas Aggressrion entschuldigen zu wollen. Aber die Pflegerin sagte, ich solle mir keine Gedanken machen, das seien sie schon gewöhnt.

Ich erfuhr außerdem, dass sie jetzt alle halbe Stunde nach ihr gucken.

„Sichtkontrolle“ nennt sich das. Heute hätte es schon einen Moment gegeben, in dem auch die Pflegerin kurz dachte, jetzt sei es soweit. „Ich weiß“, seufzte ich mit Tränen in den Augen. „Ich rechne auch schon immer damit.“ Sie lächelte mir zu. „Es ist alles so schnell gegangen auf einmal, nicht?“ meinte sie dann und schaute Mama wehmütig an. „Vor wenigen Wochen ist sie noch trällernd zum Chor gegangen und hat mit uns Feste gefeiert.“

Ich muss direkt ans Oktoberfest 2024 denken.

Als Mama mich quasi genötigt hat, dem Fest in meinem stilechten Dirndl beizuwohnen, weil sie ein bisschen mit mir angeben wollte. Ich habe mich dementsprechend ein bisschen vorgeführt gefühlt. Heute bin ich froh, dass ich den Spaß mitgemacht habe.

Anno 2024: Ready for Oktoberfest in Mamas Einrichtung

Die Pflegerin und ich tauschten weiter Anekdoten aus.

„Früher hat sie mich morgens beim Anlegen der Thrombose-Strümpfe immer gefragt, was ich zur weltpolitischen Lage sage. Und mir erzählt, was Trump und Putin wieder verbrochen haben. Dann haben wir zusammen den Kopf geschüttelt und gesagt, die Welt ist verrückt geworden“, erinnerte sich die Pflegerin, und ich musste schmunzeln. Typisch Mama. Immer zu allem ne Meinung.

Auch jetzt beobachtete sie uns und hörte uns zu.

Ihr Gehör hat stark nachgelassen, aber ich bin mir sicher – das Gespräch zwischen der Pflegerin und mir hat sie heute mitgeschnitten. Plötzlich wurden nämlich ihre Augen wacher: „Das mit der Bauchspeicheldrüse, das stimmt übrigens nicht!“, posaunte sie plötzlich ganz klar heraus.

Die Pflegerin runzelte vielsagend ihre Stirn.

Dazu muss man wissen: Die Ärzte im Krankenhaus haben Mamas Diagnosen größtenteils nur mir mitgeteilt, weil Mama geistig nicht anwesend genug war. Irgendwo hat sie aber zumindest das mit der „schwachen Bauchspeicheldrüse“ aufgeschnappt. Erstaunlich eigentlich, wir haben sie wohl unterschätzt. Natürlich glaubt sie den Ärzten kein Wort und regt sich fürchterlich auf.

Deshalb haben wir ihr das mit der Leberzirrhose noch gar nicht erzählt.

Weil es sie noch mehr stressen würde als die Sache mit der Bauchspeicheldrüse. Ich will ehrlich sein – das Schweigen fällt mir in diesem Fall gar nicht so leicht. Am liebsten würde ich es ihr noch aufs Butterbrot schmieren: „Schönen Gruß vom Klosterfrau Melissengeist, Deine Leber hat es nicht so locker genommen.“ Es gibt schon noch einen jähzornigen Teil in mir, der „Ich hab’s dir ja gesagt“ spielen möchte. Der müsste ihr dann aber auch die abertausend Momente in Erinnerung rufen, in denen ich sagte: „Wenn du dich nicht bewegst, wirst du bettlägerig“ und ihr zur nun erfolgten Muskelkontraktion „gratulieren“.

Ich übe mich lieber im Loslassen.

Ich lasse diese Erinnerung genauso los wie die zig Restaurantbesuche, bei denen sie zur „Feier des Tages“ dringend noch einen Schnaps oder einen Cocktail bestellen musste, die ich hinter ihrem Rücken gegen umdrehungsfreie Varianten austauschen ließ. Manchmal ging das schief – und ich musste sie im letzten Moment in die nächste Pflanze oder selber kippen. Nicht selten bin ich nach unseren Restaurant-Ausflügen beschwipster nach Hause gefahren als geplant.

Wer bin ich, ihr jetzt noch Vorhaltungen zu machen.

Vielleicht will ich mit 80 auch nur noch so daliegen, meinen geliebten Molinari kippen, eine Schachtel Marlboro rauchen und in Ruhe gelassen werden. Von einer nervenden Meckertante von Tochter zu einem gesunden Lebensstil drangsaliert zu werden, ist dann sicher auch nicht mehr Teil meiner Wunschliste.

Das Allergemeinste: Mama ist noch gar nicht bereit für die letzte Ruhe.

Bevor die gesundheitlichen Probleme im November begannen, war sie noch voller Lebensfreude, voller Gesang, voll willens, weiterzumachen. Aber dafür hat sie dann trotzdem zu wenig getan und unterschätzt, wie schnell der alte Körper dann den Geist aufgibt. Ich bin voller Mitgefühl für sie.

Selten war es so ätzend, Recht zu behalten.

Nun ist es, wie es ist – und wir müssen beide damit klarkommen. „Wir wollen doch noch zusammen sein“, sagte sie neulich voll des Bedauerns im Krankenhaus zu mir. Ja, das wollen wir, Mama – habe ich geantwortet und ihre Wange gestreichelt.

Heute fuhr ich mit einem warmen Gefühl nach Hause.

Das schöne Gespräch mit der Pflegerin hat mir gut getan. Zu wissen, dass sie in guten Händen ist, selbst, wenn sie kneift und brüllt, hilft mir sehr. Ich hoffe im Moment einfach von Tag zu Tag, dass sie mich morgen noch wiedererkennt und wir in ihren wachen Momenten noch ein Wort miteinander wechseln können. Und wenn ich nur Handlungsanweisungen erhalte, bevor sie irgendwann ganz in der anderen Welt bleibt.

Vor zwei Wochen bist du noch am Rollator durch dein Zimmer im Pflegeheim gelaufen, um dich an deinen Tisch zu setzen und dein geliebtes Matjesbrötchen zu mampfen, das ich dir ab und zu mitbringe. Jetzt liegst du hilflos im Krankenhaus, kannst deine Beine nicht mehr bewegen und dich nichtmal mehr alleine aufsetzen. Und das alles ist irreparabel. Draußen hört es nicht auf zu schneien – als wollte der tiefste Winter uns beiden zeigen, wie lang er werden kann.

Mich erinnert die Situation ein bisschen an April 2017.

Damals verfasste ich einen Blogbeitrag mit dem Titel „Am vorläufigen Ende des Weges“ . Meine Eltern lebten beide noch in Düsseldorf und ich in Hamburg – und nichts ging mehr bei ihnen. Ich hatte zuvor zwei Jahre lang aus der Ferne ihren Haushalt organisiert, bis es nicht mehr praktikabel war. Wir wollten die beiden nach Hamburg umsiedeln, aber sie weigerten sich. Wollten nicht sehen, was ich kommen sah: Wenig später ist Papa im Badezimmer gestürzt und im Krankenhaus verstorben.

Jetzt fühlt es sich wieder ähnlich an.

Wieder spüre ich: Ein Ende ist nah. Doch diesmal bleibt mir wenigstens das Gefühl erspart, nicht alles für Mama getan zu haben. Im Gegenteil. Wir hatten noch fast 8 schöne Jahre zusammen hier in Hamburg. 7 davon lebte sie in unserer Nachbarwohnung, anderthalb in der Pflegeeinrichtung. All unsere wunderbaren Ausflüge und sogar Kreuzfahrten möchte ich nicht missen.

Doch leicht war es natürlich auch nicht immer („Ich brauche keinen Rollator„, „Ich brauche keinen Pflegedienst!“, „Ich bin nicht dement“…). Nicht zu vergessen: Mamas heimlicher Klosterfrau-Melissengeist-Konsum, der sie samt Alkoholdelir ins Krankenhaus brachte, woraufhin klar war: Alleine zu Hause, das geht so nicht mehr. Als ich ein Machtwort sprechen musste, weil der Umzug in die stationäre Pflege unumgänglich war… selten habe ich mich so beschissen gefühlt, wie in diesem Moment.

Aber im Nachhinein war es das Beste, was wir machen konnten.

Sie hatte in der Pflegeeinrichtung nämlich noch ein richtig tolles Jahr. Sie hat dort im Chor gesungen und es geliebt, die Feste der Einrichtung mitzugestalten. Es fielen Sätze wie „Endlich führe ich hier das Leben, das ich schon immer hätte führen sollen! – Warum bin ich nicht schon viel eher hier eingezogen?!“, und ich wusste – alles richtig gemacht.

Doch dann ging es vor drei Monaten gesundheitlich abwärts, und zwar rapide.

Ich weiß ja, wie schnell das in ihrem Alter gehen kann. Immerhin ist Mama inzwischen 87. Da darf mich eigentlich nichts mehr überraschen. Trotzdem bin ich ganz betäubt davon, wie fix sie von „Ich gehe noch am Rollator“ zur totalen Bettlägerigkeit gelangt ist und sich nichtmal mehr richtig aufsetzen kann. Das ist jetzt leider der Stand der Dinge.

Jetzt liegt sie im Krankenhaus, so hilflos, und ich bin traurig.

Wir wissen heute noch nicht, was sie alles hat – aber es ist viel. Unter anderem eine Leberzirrhose. Wären wir in den USA, hätte ich wahrscheinlich gute Chancen darauf, Klosterfrau in Mamas Namen zu verklagen. Dieses hochprozentige Zeug, das für ältere Damen und Herren als Wundermittel der Natur daherkommt, ganz harmlos. Seit ihrem Umzug in die Einrichtung ist damit natürlich Feierabend gewesen – leider haben Leber und Niere ein gutes Gedächtnis.

Ach, Mama.

Wir wollten doch noch nach Kapstadt und Alaska. Stattdessen sitze ich nun täglich an deinem Bett und füttere dich, weil es sonst keiner hier im Krankenhaus macht und weil es hier auch sonst keinen interessiert, ob du was gegessen hast oder nicht. Selber essen kannst du nicht mehr, weil das Aufsetzen unmöglich ist.

(Update: Das muss ich revidieren. Ich hatte in den ersten Tagen den Eindruck, niemand registriert, ob sie gegessen hat oder nicht, das stimmt aber nicht. Die Pfleger:innen hier kümmern sich sogar sehr liebevoll und nehmen sich Zeit, ihr das Essen anzureichen. Ich hab es auch schon anders erlebt und deshalb voreilige Schlüsse gezogen. Und natürlich helfe ich trotzdem weiterhin mit).

Und dann wurde dir auch noch der „Knopf“ geklaut.

Heute komme ich in dein Zimmer und stelle fest: Du hast eine neue Bettnachbarin. Eine ältere Dame, ähnlich hilflos wie du, die viel schläft, und an deren Bett kein Notrufknopf installiert ist. In der Hand hält sie deinen Notrufknopf, den man ihr einfach hinübergezogen hat. Das macht mich sprachlos und wütend.

Könnten die beiden noch miteinander kommunizieren, wäre das vielleicht kein Problem. Dann könnten sie sich gegenseitig Bescheid geben, damit die Andere den Knopf drückt. Sie nehmen sich aber kaum noch gegenseitig wahr, können kaum über den Bettrand zur Anderen hinüber schauen. Im Zweifel wäre Mama also vollkommen aufgeschmissen.

Wie skrupellos kann man sein, einer offensichtlich hilflosen Patientin einfach den Notrufknopf wegzunehmen?

Wer auch immer das zu verantworten hat (den Pflegern zufolge die anderen Angehörigen), kann sich schonmal warm anziehen, sollten wir uns begegnen.

Ich habe kurz überlegt, den Notrufknopf einfach wieder dahin zu legen, wo er hingehört. Stattdessen bin ich natürlich losgestiefelt und habe einen zweiten organisiert, wie es sich gehört.

Wäre ich nicht täglich hier, wie würde es dann für dich laufen, Mama?

Sie kümmern sich hier gut um Dich, aber die Wärme zwischen uns lässt sich nicht ersetzen. Und die brauchst du ganz dringend, das sehe ich an Deinem erleichterten Gesicht, wenn ich komme. Denn in nur wenigen Tagen hast du eine Muskelkontraktur erlitten. Die Muskeln versteifen irreparabel, wenn man sie nicht bewegt. Das war mir bekannt, aber mir war nicht klar, wie verdammt schnell das gehen kann.

Ironie des Schicksals, dass du ausgerechnet jetzt geistig noch voll fit bist.

Wir hatten ja in der Vergangenheit auch immer mal wieder Momente (vor dem Umzug ins Pflegeheim zB), in denen die Demenz voll durchschlug und du mich nichtmal wiedererkannt hast. Nun, da dein Körper vollends aufgibt, bist du hingegen komplett geistig anwesend. Was für ein unfairer Mist eigentlich. Andererseits bin ich natürlich froh, dass wir noch miteinander sprechen können.

Es redet ja sonst niemand mit mir.

Die Ärzte nehmen, seit du eingeliefert wurdest, permanent Reißaus vor mir. Niemand hält mich auf dem Laufenden, ich telefoniere ständig hinterher, und es ist dem puren Zufall zu verdanken, wenn ich überhaupt mal was erfahre. Ich weiß also immerhin, dass du eine Lebererkrankung im Endstadium hast, habe aber nach wie vor keine Ahnung, was bei diversen anderen Untersuchungen herausgekommen ist. Du fragst auch nicht danach, willst es gar nicht wissen, es würde dich überfordern – du spürst ja ohnehin, was los ist. Und ich schwanke: Soll ich dich mit meinem Wissen quälen? Und hast Du nicht ein Recht darauf, mehr zu erfahren?

Aber Du strahlst so, wenn ich endlich da bin.

Und es fällt mir schwer, dir so unerbittlich die Wahrheit um die Ohren zu hauen. Du wirst nie wieder aufstehen, und du wirst nie wieder gesund. Mehr weiß ich auch nicht, aber das reicht mir persönlich auch schon vollkommen. Alles, woran ich denken kann, ist: Wie gut, dass wir letzten Sommer noch die schöne Bootstour über den Schweriner See gemacht haben. Wie schön, dass wir noch ein paar Mal zusammen im Restaurant waren. Wie schade, dass ich so wenig Zeit für dich hatte in den letzten Wochen des Jahres 2025. Diese Situation verlangt mir viel Kraft ab, die Ungewissheit raubt mir den letzten Nerv. Aber wie muss es erst für dich sein…

Morgen bin ich wieder da, gebe dir zu essen und halte deine Hand.

Ich mache mich extra immer hübsch für dich, schminke mich und ziehe mich schick an, damit das Letzte, was du vielleicht siehst, nicht diese abgehalfterte, müde, blasse und augenberingte Variante von mir ist, die mir zurzeit jeden Morgen aus dem Spiegel entgegenschaut. Ich möchte nicht, dass du dir Sorgen um mich machst. Du fragst ohnehin schon zu oft nach, ob bei „uns“ alles in Ordnung ist, weil du Angst hast, mich „alleine“ zu lassen. Bei „uns“ ist alles in Ordnung, sage ich dann, und sehe den Zweifel in deinem Blick. Ich stehe seit vielen Jahren auf meinen eigenen Beinen, bin aber doch immer dein Kind geblieben.

So stapfe ich hier grad traurig mittags mit Happy durch den Schnee.

Du hast den Wiener Opernball gestern verpasst.

Den wir immer zusammen geschaut haben. Ich hab ein bisschen für dich mitgeguckt und dir heute davon erzählt. Du hast gelächelt und deine Lieblingsmelodie gesummt. Wie sehr mich diese stundenlange, nicht enden wollende Übertragung des Wiener Pomps in den letzten Jahren genervt hat. Wie gerne würde ich ihn jetzt nochmal mit dir gucken. Ich summe den Wiener Walzer mit dir mit, bis du einschläfst, und fahre nach Hause, ins Ungewisse, wie jeden Tag momentan.

Nachdem sich mein Vater im März vergangenen Jahres endlich dazu durchgerungen hatte, dem Umzug zuzustimmen, um es sich dann im November anders zu überlegen, sich dann im Dezember aber noch mal Bedenkzeit erbat, warte ich auf das Ende eben dieser. Wenn wir mittwochs die Bestellung erledigen, frage ich meist noch mal ganz dezent nach, ob denn die Entscheidungsfindung nun in Bälde abgeschlossen sei. Nicht, dass ich mir noch große Hoffnungen auf eine konkrete Ansage machen würde, aber manchmal überraschen mich die Antworten dann doch. So wie beim letzten Mal. Da kam sie auch so plötzlich, die Antwort. Zwischen Milchtütenproblematik und Apfelsaftbestandsdiskussion. Mit anderen Worten: Ich war darauf in dieser Sekunde nicht vorbereitet. Es lief ungefähr folgendermaßen ab.

Mama: „Wir brauchen Orangensaft. Insgesamt sechs Mal.“

Ich: „Alles klar.“

Mama: „Und diesmal keine Milch. Um Gottes Willen, keine Milch! Davon ist noch massenhaft da.“

Mir ist zwar schleierhaft, was sie mit „massenhaft“ meint, denn meinen Berechnungen zufolge dürfte es sich allerhöchstens noch um 1 einsame Tüte handeln, aber gut. Ich bin inzwischen weit davon entfernt, die Mengenplanung meiner Mutter infrage zu stellen. Weshalb sollte sie auch innerhalb einer Woche nicht sechs Flaschen Orangensaft, dafür aber nur eine Tüte Milch verbrauchen. Wer bin ich, das zu kritisieren?

Ich: „Okay. Keine Milch. Keine Sorge, ich bestelle keine Milch.“

Papa (zählt derweil im Hintergrund wie immer den Getränkebestand durch): „Apfelsaft ist alle.“

Mama: „Nein, keinen Apfelsaft. Ich habe schon Orangensaft bestellt.“

Ich (kann nun doch nicht umhin, einen vorsichtigen Gegenvorschlag zu machen, begebe mich aber mal wieder auf ganz dünnes Eis): „Du könntest es ja anders aufteilen. Statt sechs Flaschen O-Saft vielleicht nur 3, dafür aber auch 3 Flaschen Apfelsaft.“

Mama (hörbar erzürnt): „Nein.“

Ende der Durchsage.

Mama: „Ich wollte zwischendurch mal fragen, wie geht es eigentlich L?“(meiner Tochter, Anm. d. Red.)

Papa (ungeduldig): „Nein, jetzt machen wir erst mal die Bestellung fertig!“

Läuft ja mal wieder wie am Schnürchen heute.

Mama: „Ich werde mich doch wohl noch nach meinem Enkelkind erkundigen dürfen, oder seit wann ist das verboten?!?“

Papa: „Ja? Na dann könnte ich ja auch mittendrin erzählen, dass wir uns eine neue Variante in Sachen Umzug überlegt haben!“

Ich (aufhorchend): „Ach ja? Welche denn?“

Papa (kapitulierend): „Wir werden uns eine kleine Wohnung in Düsseldorf mieten und eine Ferienwohnung in Hamburg kaufen. So können wir einige Wochen im Jahr an beiden Orten verbringen. Die perfekte Lösung.“

Stille. Denn ich brauche so 5-10 Sekunden, um die Informationen zu verarbeiten. Mir kommt die Lösung nämlich nicht ganz so perfekt vor, wie sie mir angepriesen wird. Mir schießen stattdessen so Tatsachen durch den Kopf wie die Immobilität meiner Eltern oder beispielsweise die Frage, ob das Modell „ein Wohnsitz in Düsseldorf und einer in Hamburg“ finanziell gesehen im Verhältnis zur Rente meiner Eltern nicht eine Spur zu mondän daherkommt. Aber ich will nicht direkt den Spielverderber geben, wo ich schließlich froh sein kann, dass sie offenbar endlich damit angefangen haben, miteinander darüber zu sprechen (und nicht bloß mit mir, am Telefon, weil ich regelmäßig damit herumnerve).

Ich: „Äh. Hm. Ja. Und wie kommt Ihr dann immer von Hamburg nach Düsseldorf und wieder zurück?“

Papa (verständnislos): „Wieso? Du fährst uns, das ist doch wohl klar!“

Ich: „Ach so?“

Papa: „Ja, etwa nicht?“

Ich: „Öhm. Wie oft denn so?“

Papa: „Na, alle paar Wochen höchstens.“

Ich: „…“

Papa: „Was hast du denn nun daran wieder auszusetzen?!“

Ja, echt mal, dem undankbaren Kind kann man es aber auch nie recht machen!

Mal unter uns gesagt: Ich halte das nicht für praktikabel. Und zwar nicht deshalb, weil ich sie nicht fahren würde. Inzwischen würde ich sie auch freiwillig zum Mond und wieder zurück fliegen, wenn das bedeutete, dass ich sie einige Wochen im Jahr in meiner Nähe hätte und mich kümmern könnte. Das Problem, das ich darin sehe: Sie sind zu solchen Fahrten vermutlich gar nicht mehr in der Lage. Viereinhalb Stunden pro Tour – das darf man mit 80 auch nicht unterschätzen. Aber, ich habe ja nunmal vor, sie in allem zu unterstützen, ganz egal, wie ihre Entscheidung ausfällt. Und wenn es das ist, was sie möchten – so sei es.

Ich: „Gar nichts, Papa. Ich bin voll bei Euch.“

Wo auch immer.

Manchmal fühlt es sich an, als hätte ich plötzlich zwei Kinder mehr. Nur, dass sie 500 Kilometer entfernt wohnen, erwachsen und selbstbestimmt sind, in der Ferne aber immer weniger alleine zurecht kommen.

Allerdings:

Während Kinder vorwärts gehen, größer werden, dazulernen, läuft es bei meinen Eltern umgekehrt. Die Entwicklung geht rückwärts vonstatten. Jahrzehntelang waren sie erwachsen, hatten ihr Leben selbst im Griff, haben ihr eigenes Geld verdient, ein Haus gekauft, ein Kind großgezogen. Und nun verlieren sie mehr und mehr, Stückchen für Stückchen die Befähigung dazu, ein selbstbestimmtes, unabhängiges Leben führen zu können. Das ist bitter, und damit müssen sie erst mal klar kommen, und ich auch. Es ist seltsam, das mit anzusehen.

Gleichzeitig drehen sich die Verhältnisse: Eltern werden so manches Mal zu bockigen, hilfsbedürftigen Wesen, und die Kinder tragen auf einmal ein gutes Stück Verantwortung für das Leben von Mutter und Vater mit.

Plötzlich bin ich die Vernünftige von uns und höre mich selbst Sätze sagen wie:

Wie habt Ihr Euch das denn alles vorgestellt? Wie soll es in Zukunft weitergehen?

Oder:

Das sagt einem doch schon der gesunde Menschenverstand, dass das alles so nicht bleiben kann.

Und dann sehen sie mich irritiert an, weil ich wie meine eigene Mutter klinge, die sonst auch immer den „gesunden Menschenverstand“ bemüht hat, sobald ihr in meinem Leben etwas nicht in den Kram passte, wie zum Beispiel:

Das sagt einem doch schon der gesunde Menschenverstand, dass man nicht bis 6 Uhr nachts irgendwelche amerikanischen Basketballspiele guckt, wenn man am nächsten Morgen Mathe-Abitur schreibt!

Sagen wir mal so: Eine Nacht mehr Schlaf hätte an meiner Mathe-Fünf im Abi auch nichts mehr geändert, aber so ganz falsch lag Mama damit natürlich nicht.

Manchmal bewegen wir uns heute in einer Art verkehrten Welt.

Für mich ist das eine ewige Gratwanderung. Gerade jetzt, wo die Entscheidung für einen Umzug gefallen ist, geht es darum, ihre Wünsche zu respektieren und so gut es geht umzusetzen. Gleichzeitig werde ich aber auch Entscheidungen für sie treffen müssen, zu denen sie gar nicht mehr in der Lage sind. Ein schmaler Grat zwischen Interessenwahrung und Bevormundung, und das auf allen Ebenen des Alltags. Ich investiere diese Zeit und Energie sehr gern, denn schließlich gebe ich ihnen damit etwas zurück, was sie jahrelang ganz selbstverständlich für mich gemacht haben. Allerdings habe ich auch einen Heidenrespekt vor dieser neuen Aufgabe.

Mit der Vorsorgevollmacht, die wir zum Glück im vergangenen Jahr notariell anfertigen ließen, geht einher, dass ich ihre gesetzliche Betreuung übernehme, sobald sie nicht mehr geschäftsfähig sind. Das ist dann tatsächlich mit dem Sorgerecht für ein Kind vergleichbar. Ich hoffe, dieser Zeitpunkt liegt noch in weiter Ferne, würde aber leider keine Wetten darauf abschließen. Ich habe Respekt vor ihm.

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