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Vorsorgevollmacht

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Es ist manchmal nicht einfach. Ich will ja nicht jammern, aber doch, es muss auch mal sein – ich hab’s manchmal nicht leicht mit den beiden. Sie es auch nicht mit mir, das gebe ich zu. Die letzten Wochen waren schwierig, und deshalb habe ich auch so wenig gebloggt. Mir fehlten die Worte daf√ľr. Manchmal war ich der Verzweiflung nahe, manchmal w√ľtend, manchmal kurz vor der Resignation. Was ist passiert?

Sagen wir mal so, mein Vater macht dem Blog-Untertitel „Einen alten Baum verpflanzt man nicht. Oder vielleicht doch?“ gerade alle Ehre in Sachen Unentschlossenheit. Er hat es sich n√§mlich anders √ľberlegt. Das mit dem Umzug. Beziehungsweise, er hat es sich gar nicht √ľberlegt. Im Prinzip weist er jede √úberlegung von sich. Er will nicht mehr dar√ľber nachdenken.

Es soll sich jetzt gefälligst nichts mehr ändern.

Und zwar „nichts“ im Sinne von „gar nichts“. Er m√∂chte jetzt weder umziehen noch irgendwas an seiner aktuellen Wohnsituation verbessern, was allerdings dringend n√∂tig w√§re. Wenn schon kein Umzug, dann w√§re ja wenigstens denkbar, dass wir das f√ľnfst√∂ckige, treppenlastige Haus altersgerecht umbauen lassen. Aber nein.¬†W√§hrend meine Mutter durchaus am Umzug festh√§lt, denn es war schon immer ihr Wunschtraum, wieder zur√ľck in den Norden zu gehen, blockiert mein Vater¬†ihren Wunsch durch seinen Widerwillen. Nennt man Pattsituation, glaube ich.

Leider ist meine Mutter auch nicht gerade die Entscheidungsfreudigkeit in Person, was den Umzug betrifft. Erw√§hnte ich letztens, dass ich keinen Makler rufen darf, solange ihre Augen nicht wieder in Ordnung sind? Ja, erw√§hnte ich. Hintergrund: Das Dach meines Elternhauses ist kaputt, und der Makler sollte im Hinblick darauf mal die Lage checken und beurteilen, ob man es (angesichts der aktuellen Immobilienpreissituation in D√ľsseldorf und sowieso) erst reparieren und dann verkaufen sollte oder umgekehrt.

Der Maklertermin¬†war abgemachte Sache, bis Mama¬†mit der Augendiagnose um die Ecke kam und darauf beharrte,¬†es d√ľrfe kein Fremder ins Haus, nicht mal in meinem Beisein, und zwar so lange nicht, bis sie des Sehens wieder vollkommen m√§chtig sei. Ich seufzte, ich akzeptierte, ich organisierte Termine in der Augenklinik und fand mich damit ab. Immer sch√∂n ein Mini-Schrittchen nach dem anderen.

Bis mein Vater sich am Telefon verplapperte.

Ja, es war wieder eins unserer ber√ľhmt-ber√ľchtigten Telefonate, vor denen ich immer ein wenig Respekt habe, weil ich nie wei√ü, welche √úberraschung mich diesmal erwartet. So auch neulich. Nachdem wir das √ľbliche Einkaufs-Tamm-Tamm hinter uns gebracht hatten, fragte ich, wie es denn sonst so gehe.

Papa: „Ganz gut. Mir tun nur die Knie weh.“ (Tja, die b√∂sen Treppen, was soll ich sagen?)

Ich: „Nicht sch√∂n. Brauchst Du eine Salbe aus der Apotheke? Oder sollen wir einen Arzttermin machen?“

Papa (grummelig, er hasst √Ąrzte): „Nein, blo√ü nicht, geht schon. Ist blo√ü dieses Nasskalte hier im Haus.“

Ich (seufzend): „Ja, weil das Dach kaputt ist. Kein Wunder.“

Papa (√ľberrascht): „Wie, Du wei√üt davon?“

Ach, Papa. Langsam schl√§gt sich seine Krankheit leider auch auf das Ged√§chtnis nieder. Im Vergleich zu anderen Parkinson-Patienten, die ich kenne, ist er zwar geistig noch sehr fit, aber manchmal merkt man es doch. Bei meinem letzten Besuch in D√ľsseldorf hatten wir gerade erst √ľber das kaputte Dach gesprochen. Oder anders gesagt: Ich war √ľber die W√§schewanne¬†gestolpert, die mitten im Schlafzimmer stand und der Regensammlung diente, und hatte h√∂flich¬†um Aufkl√§rung gebeten.

Ich: „Klar wei√ü ich das noch, wir haben doch gerade erst dar√ľber gesprochen. Aber Mama will ja niemanden ins Haus lassen, bevor ihre Augen nicht wieder in Ordnung sind.“

Papa: „Wieso? Der Dachdecker war doch gerade erst da?!“

Okay. In diesem Moment wurde mir klar: Mama m√∂chte nicht, dass ich das organisiere, und zwar ganz unabh√§ngig von ihrem eingeschr√§nkten¬†Sehverm√∂gen. Ich h√§tte es wissen m√ľssen. Mit anderen Worten: Halt Dich da raus, das schaffen wir schon alleine.

Leider lassen sie sich ohne meine Hilfe¬†aber regelm√§√üig √ľbervorteilen.

Ich sage nur: Der neue Fernseher f√ľr¬†ein paar Tausender von Elektro M√ľller, der Luxusstaubsauger vom Vertreter, oder aber – auch eine sch√∂ne, neue Geschichte: die Anschlussfinanzierung, die ihnen angedreht wurde. Zwei Achtzigj√§hrigen f√ľr eine lachhafte Restschuld¬†eine Anschlussfinanzierung mit zehnj√§hriger Zinsbindung und nur einem Prozent Tilgung pro Jahr und nat√ľrlich sensationell niedriger Monatsrate anzubieten, finde ich kriminell.¬†Und bei Gelegenheit werde ich auch noch mal ein H√ľhnchen mit dem „ach so netten Herrn XY“ (Mama) von der gro√üen, gelben Bank rupfen. Die meine Eltern am ausgestreckten Arm verhungern l√§sst. Statt die Restschuld abzutragen, zahlen sie in den kommenden Jahren¬†quasi sowas wie Miete an die Bank, obwohl sie l√§ngst fertig sein k√∂nnten. H√§tten sie mal ihre Tochter gefragt, die bei einem Baufinanzierer arbeitet und sich damit bestens auskennt. Aber nein! All das zeigt: Sie wollen meine Hilfe nicht. Bei den ganzen Kleinigkeiten wie Fernseher und Co. kann ich das ja noch akzeptieren. Aber bei der Frage, wie und wo sie in Zukunft leben wollen, leider nicht.

Denn ich mache mir Sorgen, große Sorgen.

Es kann jederzeit etwas passieren, und dann bin ich, die einzige Hilfe weit und breit, 500 Kilometer weit weg. Und dann kann ich zusehen, wie ich alles in den Griff bekomme: Ihre Belange und meine, schlie√ülich habe ich auch Familie hier oben im Norden.¬†Abgesehen davon, dass es f√ľr mich auch nicht gerade leicht ist, auf Dauer ihren ganzen Alltag aus der Ferne zu organisieren, ihre Medikamentenversorgung, ihre Lebensmitteleink√§ufe, Arzttermine und so weiter und so fort. Ich habe das alles im Griff, ich mache das alles gern, und ich mache das alles nun auch schon sehr lange. Es zehrt aber auf Dauer an meinen Kr√§ften, alleine die viele Fahrerei ist wirklich anstrengend. So kann es nicht ewig weiter gehen.¬†Deshalb war ich sehr froh √ľber ihre¬†Entscheidung im letzten Fr√ľhjahr, den Umzug zu wagen. Und sehr desillusioniert, als ich merkte, dass sie es eigentlich gar nicht wollen, weil sie einfach nicht mitziehen.

Das machen meine Nerven nicht mit.

Jedenfalls nicht lange. Nach der Sache mit dem heimlich bestellten Dachdecker hatte ich genug. Es wurde noch mal Tacheles geredet. Ganz in Ruhe, ohne emotional zu werden, ganz sachlich und aufs Wesentliche fokussiert – worauf ich immer noch ein bisschen stolz bin, denn in der Regel ist mir bei diesen Gespr√§chen immer zum Heulen zumute, was selten zu irgendwas Gutem f√ľhrt.

Ich habe ihnen also ganz ruhig erkl√§rt, dass ich es leid bin. Sie haben im vergangenen M√§rz entschieden, umziehen zu wollen, torpedieren aber seither alle meine Organisationsversuche mit allen m√∂glichen Mitteln.¬†Wir haben zwar diverse¬†Vorsorgevollmachten notariell abgeschlossen, aber so lange sie im Vollbesitz ihrer geistigen Kr√§fte sind, kann ich ohne ihre Zustimmung nicht mal einen Stromvertrag k√ľndigen.

Das ist ja an sich auch gut so. Aber sie k√∂nnen sich nicht f√ľr einen Umzug entscheiden, meine Hilfe zwar grunds√§tzlich annehmen, mir aber dann bei jedem Kinkerlitzchen Steine in den Weg legen,¬†indem sie sich allerlei Ausreden einfallen lassen¬†und¬†Termine mit fadenscheiniger Begr√ľndung verschieben oder hinterr√ľcks einen Dachdecker engagieren, obwohl wir besprochen hatten, erst mal einen Fachmann f√ľr Hausverk√§ufe beurteilen zu lassen, ob das √ľberhaupt sinnvoll ist.

Also habe ich ihnen in diesem Gespr√§ch klar gemacht, dass der Wille zum Umzug von ihnen ausgehen muss, wenn √ľberhaupt.¬†Sie m√ľssen eine Entscheidung treffen und dann dahinter stehen. Ganz egal, wie sie ausf√§llt.¬†Und sie k√∂nnen mir Bescheid sagen, wenn das der Fall ist.¬†Vorher mache ich nichts mehr.¬†Nichts im Sinne von „gar nichts“. Seitdem warte ich und hake bei jedem Telefonat nach. Mit bisher mauem Erfolg und dem Resultat, dass Papa sich jetzt am Telefon verd√§chtig oft¬†viel tauber stellt, als er eigentlich ist. Aber ich bleibe hartn√§ckig.

Fun Fact am Rande: „Und, wie l√§uft es mit dem Block, Kind?“

Meine Eltern wissen, dass ich hier √ľber unsere gemeinsamen – wie soll ich es ausdr√ľcken – Erlebnisse schreibe. Mit knapp 80 haben sie zwar nur eine ganz vage Vorstellung davon, was ein Blog ist und wie man es ausspricht, aber ich konnte ihnen begreiflich machen, dass hier Fremde mitlesen und was das bedeutet. Sie sind einverstanden, haben vollstes Vertrauen, dass ich sie nicht blo√üstelle (ich bem√ľhe mich), und gleichzeitig sind sie ein bisschen stolz darauf.

Fragt mich meine Mutter neulich: „Und, wie l√§uft es mit Deinem Block?“

Ich: „Nunja. Am Rand steht: ‚Zwei Achtzigj√§hrige ziehen um.‘ Wenn Ihr so weiter macht, werde ich es wohl bald schlie√üen m√ľssen.“

Mama: „Kommt gar nicht infrage. Dann ziehen wir eben um.“

Die Hoffnung lebt.

Seit meinem letzten Besuch in D√ľsseldorf Anfang August ist meine Stimmung ein wenig getr√ľbt.¬†Grund: Meine Eltern strapazieren meine Geduld. Meine Eltern sind nicht gerade die entscheidungsfreudigsten, pragmatischsten Typen, beide nicht.¬†Wir kommen nicht so richtig vorw√§rts, was mir gar nicht behagt. Ich w√ľrde jetzt n√§mlich am liebsten die √Ąrmel hochkrempeln, Umzugsunternehmen bestellen, einen Makler anheuern, das Haus weiter entr√ľmpeln, die neue Wohnung anmieten und den Umzug √ľber die B√ľhne bringen. Aber alles, was ich darf, ist den Makler anheuern.

Besser als gar nichts, aber nicht gerade ein Quantensprung.

Denn da waren sie wieder, meine altbekannten Probleme. Mein Tempo – welches auch immer – ist nicht das Tempo, das meinen Eltern gef√§llt. Dem einen geht es viel zu schnell (Papa: „Also, das mit dem Umzug kann ich mir in den n√§chsten drei Jahren vorstellen!“), der anderen viel zu langsam (Mama: „Ich m√∂chte lieber heute als morgen raus aus diesem Loch“ – damit meint sie vor allem ihren Stadtteil, weniger das Haus).

Diese Ambivalenz macht das ganze Vorhaben nicht gerade leichter. Grundsätzlich ist es ja so: Ohne die Unterschriften und ohne die Zustimmung meiner Eltern darf ich aktuell rein gar nichts.

Ja, wir haben letztes Jahr die Vorsorgevollmachten unter Dach und Fach gebracht. Das bringt mir im Augenblick¬†aber noch n√ľscht. Denn in den Vorsorgevollmachten ist lediglich definiert, dass ich f√ľr sie entscheiden darf, sobald sie selbst nicht mehr dazu in der Lage sind. Das ist aber noch nicht der Fall. Sie sind sehr wohl noch dazu in der Lage, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, und zwar jeder f√ľr sich selbst. Eigentlich ja sch√∂n f√ľr sie, aber mir macht gerade das im Moment das Leben schwer, vor allem, weil der eine was anderes will als die andere.¬†Eigentlich m√ľssten sie sich erst mal einigen. Das wird aber nix, weil sie das Thema untereinander erst gar nicht ansprechen. Das macht eine Einigung ungleich schwieriger. Denn selbst bei meiner Mutter, die unbedingt zur√ľck in den Norden will, machen sich des√∂fteren Zweifel breit, ob sie das alles √ľberhaupt noch schaffen kann. Und mein Vater wirft dann zum passenden Zeitpunkt ein:

Einen alten Baum verpflanzt man nicht.

Schon macht meine Mutter wieder einen halben R√ľckzieher, und dann bin ich wieder gefragt, beziehungsweise meine √úberzeugungskraft. Ich hatte in letzter Zeit sehr viele Momente, in denen ich dachte: „NA DANN LASSEN WIR ES EBEN!!!“, aber das ist auch keine Alternative. Ich muss da durch, mit ihnen. Wir m√ľssen da durch, zusammen. Irgendwie. Ich kann sie nicht alleine lassen, dort unten. Umgekehrt wollen sie mir nicht zur Last fallen,¬†und generell¬†passt es ihnen gar nicht, dass sie mich ab und zu doch um Hilfe bitten m√ľssen,¬†wie beispielsweise beim Einkauf.¬†Ihre Hilfsbed√ľrftigkeit geht allerdings inzwischen schon weit dar√ľber hinaus.

Was meine Eltern nicht mehr können:

  • Das Haus verlassen:¬†Am Eingang ist kein Gel√§nder installiert, und ohne ein solches wird es leider schwierig,¬†aber eines anzubringen. Warum bringen wir keins an? Gro√üe Emp√∂rung: „Wir geh√∂ren doch nicht zum alten Eisen!!“
  • Aus Punkt eins ergibt sich, dass alles, was au√üenh√§usig stattfindet, zum Abenteuer wird.
    • Beispielsweise einkaufen:¬†Sie schaffen den Weg nicht mehr, der n√§chste Supermarkt liegt zirka einen Kilometer¬†Luftlinie entfernt. Warum schaffen wir keinen Rollator an? Antwort: „Wir sind doch noch keine Greise!“
    • Arzttermine machen:¬†Meine Mutter ist der Meinung, eine Herzinsuffizienz sei ein Klacks und bed√ľrfe keiner weiteren Beobachtung, mein Vater kann seinen Neurologen nicht ausstehen, was der Frequenz seiner Arztbesuche nicht gerade zutr√§glich ist, und abgesehen davon kommt er¬†nicht mehr alleine aus dem Taxi heraus. Dar√ľber spricht man aber selbstverst√§ndlich nicht so gerne.
    • Medikamente besorgen: Ich time meine Besuche dementsprechend.
    • Bargeld besorgen: Auch das erledige, wenn ich vor Ort¬†bin.
    • Bankgesch√§fte erledigen: Mache ich online f√ľr sie.
  • Innerh√§usig l√§uft es aber auch nicht besser:
    • Kochen im Sinne von „Mahlzeiten planen, dementsprechend den Einkauf planen, Mahlzeiten zubereiten“:¬†Der ganze Vorgang √ľberfordert sie, sie machen sich seit Wochen nur noch Dosensuppen warm, W√ľrstchen hei√ü oder rufen bei der Pommessbude gegen√ľber an. Die¬†Essen-Auf-R√§dern-Dienste fand meine Mutter allesamt kulinarisch unbefriedigend und zu teuer. Was ist auch schon so ein matschiges Rindergulasch gegen so eine richtig sch√∂ne Portion Pommer mit Mayo?
    • Kochen im Sinne von „Herd einschalten und Herd wieder ausschalten“: Mein Vater ist neulich vor den Kartoffeln eingeschlafen.
    • Den Haushalt in Schuss halten:¬†Sie kaufen zwar noch mit Begeisterung sauteure Staubsauger, die Anwendung strengt sie aber k√∂rperlich viel zu sehr an.
    • Die Treppen im Haus bew√§ltigen:¬†5 Stockwerke, jedes Zimmer liegt in einem anderen.
    • Den Rasen m√§hen: Das¬†machen netterweise die Nachbarn.

… und das sind nur die Punkte, die mir jetzt spontan einfallen.

Trotzdem läuft es ja noch. Irgendwie.

Manchmal muss ich mich schon wundern, wie sie es trotz aller Widrigkeiten noch hinkriegen, sich von Woche zu Woche zu hangeln. Was auch dazu beitr√§gt, dass sie der Meinung sind, es liefe doch an und f√ľr sich wie am Schn√ľrchen. Die Einsicht, dass sie mich in ihrer N√§he ben√∂tigen, ist trotz allem, was schon passiert ist, noch nicht wirklich gesackt. Was zur Folge hat, dass ich bei jedem Anruf mit unbekannter, D√ľsseldorfer Nummer zusammen zucke. Denn nat√ľrlich mache ich mir jeden Tag Sorgen.¬†Aber ganz offensichtlich m√ľssen sie erst wieder maik√§ferm√§√üig auf dem R√ľcken liegen, bevor sie mir zustimmen, wenn ich sage, dass wir den Umzug langsam mal ein weeeenig beschleunigen sollten. Ihr Motto dabei lautet:

Nerv uns nicht, wir wollen ja umziehen Рaber doch nicht jetzt!

Im Augenblick wei√ü ich nicht, was noch passieren muss, damit sie ihre Einstellung √§ndern. Dass ich jetzt zumindest mal den Makler engagieren darf, ist einzig und allein ein Zugest√§ndnis daran, dass sie ja vor einigen Wochen angek√ľndigt hatten, mitkommen zu wollen. Aber irgendwas sagt mir, dass sie hoffen, er w√ľrde das Haus als unverk√§uflich deklarieren.

Seit wir letztes Jahr die Vorsorgevollmacht und die Bankvollmachten unter Dach und Fach gebracht haben, kann ich f√ľr meine Eltern auch online Bankgesch√§fte erledigen. Fr√ľher musste meine Mutter zu Fu√ü zur Filiale laufen, wenn sie √úberweisungen t√§tigen wollte. Heute ruft sie mich an, gibt mir die Daten durch, und ich erledige das via Banking.

Mein Vater steht diesem ganzen Online-Bankgesch√§fte-Ding zwar skeptisch gegen√ľber:

Eigentlich gefällt mir das gar nicht so gut, dieses Bankinternetdings,

was ich sogar ganz gut nachvollziehen kann, aber es gibt ja keine Alternative. Keiner von beiden ist noch gut genug zu Fu√ü, um f√ľr jeden Hickser zur Bank zu gehen.

Ab¬†und an werfe ich deshalb auch mal einen Blick auf die Kontobewegungen und pr√ľfe, ob aktuelle Rechnungsbetr√§ge¬†fristgerecht vom Konto abgegangen sind. Und so kommt es, dass auch ich ab und zu mal sagen muss:

Eigentlich gefällt mir das gar nicht so gut, was ich da sehe.

Neulich¬†gucke ich da nichtsahnend¬†rein und wundere mich, dass meine Eltern offenbar regelm√§√üige Ratenzahlungen an einen bekannten, gro√üen, gr√ľnwei√üen Staubsaugerhersteller leisten, und das nicht zu knapp. Immer so um die hundert Euro, und das jeden Monat, seit einem halben Jahr. Ich wundere mich. Was kann dort so teuer sein? Okay, die stellen so eine K√ľchenmaschine her, die angeblich alles kann, und auf die alle scharf sind, obwohl sie wahnwitzig teuer ist. Aber K√ľchenmaschinen passen √ľberhaupt nicht zu meiner Mutter. Niemals w√ľrde sie sich daf√ľr viele Monate lang verschulden.

Nächstes Telefonat. Ich frage mal unauffällig nach.

Ich: „Sag mal Mama, mir ist da so neulich mal aufgefallen, Ihr zahlt jeden Monat hundert Euro an die Firma XY, was ist denn das?“

Mama: „Hundert Euro? Oh, da muss ich mal √ľberlegen. Ich bin mir nicht sicher, aber das m√ľsste noch der Staubsauger sein.“

Ich: „Der Staubsauger. Was f√ľr ein Staubsauger?“

Mama: „Na, wir haben einen neuen gekauft.“

Ich: „War der alte kaputt?“

Mama: „Nicht direkt.“

Nicht direkt? Wie kann ein Staubsauger „nicht direkt kaputt“ sein?

Ich: „??“

Mama: „Naja. Es bot sich gerade an.“

Ich (kneife die Augen zusammen): „Der FirmaXY-Vertreter stand mal wieder vor der T√ľr, stimmts?“

Mama: „Ja, und der war SO nett.“

Papa (aus dem Hintergrund): „Der hat das richtig gut gemacht! Da wollten wir dann am Ende nicht sagen: Nein, wir kaufen nichts. Der muss doch auch was verdienen. Das ist bestimmt kein leichter Job.“

Meine Eltern, die barmherzigen Samariter.

Ich (kneife die Augen noch fester zusammen): „Okay, wie viel?“

Mama: „Das war ein SUPER Angebot, einfach SUPER.“

Ich (wage kaum, zu atmen): „So teuer?“

Mama: „Ach naja. Qualit√§t hat eben ihren Preis. Die FirmaXY-Sauger halten ja auch sehr lange.“

Ich: „Du meinst, so wie Euer alter, der ja offenbar noch tadellos funktioniert?“

Mama: „…“

Ich (atme noch mal tief durch, Tr√§nen flie√üen inzwischen aus meinen zusammen gekniffenen Augen heraus): „Ich bin bereit. Sag es.“

Mama: „Nur 100 Euro im Monat, das ist doch nicht viel. Das Kreditangebot war auch sehr gut, nur 7,5% pro Jahr. “

Ich (kann nur noch hauchen, nicht mehr sprechen): „Wie lange?“

Mama: „Ich glaube, 18 Monate.“

Also 1.800 Euro. Ziemlich viel Staubzucker f√ľr einen ziemlich teuren Staubsauger.

Schweigeminute. Ich sammele mich. Es geht mich nichts an. Sie sind erwachsen. Ich habe kein Recht, ihnen deshalb Vorhaltungen zu machen. Ich w√ľrde¬†schlie√ülich auch keine Standpauke h√∂ren wollen, wenn ich eingestehen w√ľrde, dass ich mir gerade Schuhe f√ľr 280 Euro gekauft habe. Ein einziges Paar. Wenn ich es eingestehen w√ľrde. Was ich nat√ľrlich nicht t√§te, versteht sich. Es geht sie schlie√ülich auch nicht so viel an.

Ich:¬†„Was kann er, dass er so teuer ist? Hat er vergoldete Griffe, kann er fliegen, das Wetter vorhersagen, oder was?“ frage ich und merke schon, dass mein Ton ziemlich streng wird.

Also. Noch mal: Es geht mich nichts an. Leider kann ich trotzdem nicht verbergen, dass es mich nat√ľrlich aufregt. Ich pers√∂nlich habe noch nie mehr als 200 bis 300 Euro f√ľr einen Staubsauger ausgegeben und halte das auch durchaus f√ľr ausreichend. Ich kaufe sie in gro√üen Elektrofachm√§rkten oder online. Je nachdem, wo ich den besseren Preis bekomme. Das kennen meine Eltern¬†nicht. Zum Beispiel wird bei meinen Eltern¬†alles, was einen Stecker hat (bis auf den Staubsauger),¬†seit Jahren beim Elektrogesch√§ft¬†um die Ecke erworben. Das sind so L√§den, die gef√ľhlt aus dem letzten Jahrtausend stammen und so Namen tragen wie „Elektro St√ľwers“ . Und wo der Fernseher mal locker drei Mal so teuer ist wie bei einem gro√üen Megastore. Und der kann dann auch nicht fliegen, der Fernseher. Eins muss man Mama und Papa lassen: Ihre Einkaufspolitik zeichnet sich¬†in Sachen¬†Elektronik¬†durch Stringenz aus. Sie kaufen elektronische Gebrauchsgegenst√§nde grunds√§tzlich v√∂llig √ľberteuert, um den kleinen Einzelhandel zu st√§rken. Sie sind jedenfalls nicht dran schuld, wenn Buchh√§ndler und Fernsehl√§den wegen Amazon kaputt gehen. Gro√üherzige Samariter, sagte ich ja bereits.

Mama (klingt jetzt etwas hilflos):¬†„Aber er hat eine vollautomatische Bodenerkennung!“

Ich (seufze): „Ja, aber Ihr habt doch im ganzen Haus Teppich. Au√üer in der K√ľche und im Bad, da habt Ihr Fliesen. Er muss also gerade mal zwei verschiedene Bodenarten erkennen.“

Papa (ruft aus dem Hintergrund): „Und f√ľr den Teppich haben wir noch den Teppichfrischer gekauft.“

Man hört ihm einen gewissen Stolz an. Er freut sich.

Mama (beeilt sich zu sagen): „DEN haben wir aber nicht finanziert, den haben wir bar bezahlt.“

Ich will’s gar nicht wissen. Nein, ich will nicht wissen, was der nun wieder gekostet hat. Ich halte mir einfach die Ohren zu.

Papa: „Der war viel g√ľnstiger. Nur 1.200. Geht doch. F√ľr so ein super Ger√§t.“

F√ľr meinen f√ľnfmin√ľtigen Weinkrampf nutze ich nun die Mikrofon-Stummschaltungstaste an meinem Telefon. Ich m√∂chte¬†ihnen schlie√ülich nicht die Freude verderben.

Dazu sollte¬†man noch wissen, dass sich die Teppiche im Haus meiner Eltern in keinem exzellenten¬†Zustand befinden, weil sie bereits damals beim Hausbau im Jahr 1980 mit verlegt wurden und nun mehr oder weniger Museumsreife erlangt haben. Der Gedanke, dass da ein hochtechnologisches¬†Ger√§t ran muss, ist an sich ja gar nicht so verkehrt. Aber¬†es m√ľsste schon eher ein extraterristrisches her, um diese Teppiche wieder so richtig in Schuss zu bringen.

Ich (nachdem ich mich wieder beruhigt habe): „Ihr habt also einen neuen Staubsauger und einen neuen Teppicherfrischer gekauft.“

Papa ruft: „Jaha, bei uns kannst Du bald wieder vom Teppich essen!“

Ich: „Ach, lasst mal stecken.“ Nicht mal, wenn er mit Staubzucker garniert w√§re.

Manchmal f√ľhlt es sich an, als h√§tte ich pl√∂tzlich zwei Kinder mehr. Nur, dass sie 500 Kilometer entfernt wohnen, erwachsen und selbstbestimmt sind, in der Ferne aber immer weniger alleine zurecht kommen.

Allerdings:

W√§hrend Kinder vorw√§rts gehen, gr√∂√üer werden, dazulernen, l√§uft es bei meinen Eltern umgekehrt.¬†Die Entwicklung geht r√ľckw√§rts vonstatten. Jahrzehntelang waren sie erwachsen, hatten ihr Leben selbst im Griff, haben ihr eigenes Geld verdient, ein Haus gekauft, ein Kind gro√ügezogen. Und nun verlieren sie mehr und mehr, St√ľckchen f√ľr St√ľckchen die Bef√§higung dazu, ein selbstbestimmtes, unabh√§ngiges Leben f√ľhren zu k√∂nnen. Das ist bitter, und damit m√ľssen sie erst mal klar kommen,¬†und ich auch. Es ist seltsam, das mit anzusehen.

Gleichzeitig drehen sich die Verh√§ltnisse: Eltern werden so manches Mal zu bockigen, hilfsbed√ľrftigen Wesen, und die Kinder tragen auf einmal ein gutes St√ľck Verantwortung f√ľr das Leben von Mutter und Vater mit.

Pl√∂tzlich bin ich die Vern√ľnftige von uns und h√∂re mich selbst S√§tze sagen wie:

Wie habt Ihr Euch das denn alles vorgestellt? Wie soll es in Zukunft weitergehen?

Oder:

Das sagt einem doch schon der gesunde Menschenverstand, dass das alles so nicht bleiben kann.

Und dann sehen sie mich irritiert an, weil ich wie meine eigene Mutter klinge, die sonst auch immer den¬†„gesunden Menschenverstand“ bem√ľht hat, sobald ihr in meinem Leben etwas nicht in den Kram passte, wie zum Beispiel:

Das sagt einem doch schon der gesunde Menschenverstand, dass man nicht bis 6 Uhr nachts irgendwelche amerikanischen Basketballspiele guckt, wenn man am nächsten Morgen Mathe-Abitur schreibt!

Sagen wir mal so: Eine Nacht mehr Schlaf h√§tte an meiner Mathe-F√ľnf im Abi auch nichts mehr ge√§ndert, aber so ganz falsch lag Mama damit nat√ľrlich nicht.

Manchmal bewegen wir uns heute in einer Art verkehrten Welt.

F√ľr mich ist das eine ewige Gratwanderung. Gerade jetzt, wo die Entscheidung f√ľr einen Umzug gefallen ist, geht es darum, ihre W√ľnsche zu respektieren und so gut es geht umzusetzen.¬†Gleichzeitig werde ich aber auch Entscheidungen f√ľr sie treffen m√ľssen, zu denen sie gar nicht mehr in der Lage sind. Ein schmaler Grat zwischen¬†Interessenwahrung und Bevormundung, und das auf allen Ebenen des Alltags. Ich investiere diese Zeit und Energie sehr gern, denn schlie√ülich gebe ich ihnen damit etwas zur√ľck, was sie jahrelang ganz selbstverst√§ndlich f√ľr mich gemacht haben.¬†Allerdings habe ich auch einen Heidenrespekt vor dieser neuen Aufgabe.

Mit der Vorsorgevollmacht, die wir zum Gl√ľck im vergangenen Jahr notariell anfertigen lie√üen, geht einher, dass ich ihre gesetzliche Betreuung √ľbernehme, sobald sie nicht mehr gesch√§ftsf√§hig sind. Das ist dann tats√§chlich mit dem Sorgerecht f√ľr ein Kind vergleichbar. Ich hoffe, dieser Zeitpunkt liegt noch in weiter Ferne, w√ľrde aber leider keine Wetten darauf abschlie√üen. Ich habe Respekt vor ihm.

Betreuungsverf√ľgung, Patientenverf√ľgung, Vorsorgevollmacht, Bankvollmacht. Hatte ich alles schon mal geh√∂rt, mich aber nie mit auseinander gesetzt. Wozu auch. Das brauchen doch nur alte Leute.

Dann wurden meine Eltern plötzlich von einem Tag auf den anderen alt.

Und das erwischte mich eiskalt. Klar, sie gingen auf die Achtzig zu.¬†Ihr kalendarisches Alter war mir durchaus bekannt. Ich wusste nat√ľrlich auch von der Parkinson-Diagnose meines Vaters, der aber durch Medikamente gut eingestellt war. Mir war auch klar, dass meine Mutter¬†nicht mehr wie ein junges Reh durchs Haus sprang.¬†Aber bis¬†zu diesem Zeitpunkt¬†waren¬†sie gemeinsam noch dazu in der Lage, sich gr√∂√ütenteils selbst zu versorgen. Meine Mutter ging fast t√§glich einkaufen und kochte, mein Vater schwang den 1.800¬†Euro teuren Staubsauger (eine andere, sch√∂ne Anekdote, die ich bei Gelegenheit noch mal loswerden muss) und wischte Staub, das Haus war schon lange zu gro√ü – aber so halbwegs lie√ü sich das alles noch machen.

Dann landete meine Mutter von einem Tag auf den anderen mit einer Herzinsuffizienz im Krankenhaus.

Und das Leben drehte sich f√ľr die beiden mit einem Mal im Kreis. Wovon ich nichts mitbekam. Denn aus lauter Panik, ich k√∂nnte kommen, schimpfen und alles auf den Kopf stellen, erz√§hlten sie mir erst zwei Wochen sp√§ter davon, als meine Mutter das Krankenhaus schon l√§ngst wieder auf eigene Verantwortung verlassen hatte. Mir wurde am Telefon eifrig vorgegaukelt, wie toll in Ordnung alles sei, w√§hrend sie¬†im Hintergrund verzweifelt versuchten, den Alltag zu bew√§ltigen. Was nat√ľrlich nicht¬†funktionieren konnte. Die Nachbarn waren zwar so nett, einige Eink√§ufe zu √ľbernehmen, den Rasen mitzum√§hen, Getr√§nke aufzuf√ľllen, Pfand zur√ľckzubringen, den M√ľll rauszustellen…¬† dann besa√üen die ¬†aber doch glatt die Frechheit, mich √ľber Facebook √ľber den allgemeinen Zustand in meinem Elternhaus in Kenntnis zu setzen. Ich bin ihnen noch heute √§u√üerst dankbar daf√ľr.

Ich kam, schimpfte und stellte alles auf den Kopf.

Zuerst organisierte ich einen Mittagsdienst, der meine Eltern in der kommenden Zeit jeden Tag mit warmen Mahlzeiten versorgte. Sie hatten sich wochenlang von Dosensuppen ern√§hrt, was man ihnen ansah. Ich erkannte sie kaum wieder. Dann richtete ich ihnen ein Konto bei einem Online-Supermarkt ein und veranlasste, dass sie k√ľnftig regelm√§√üig Lieferungen bekamen. Ich lie√ü den Hausarzt meiner Mutter, der sich zun√§chst wenig kooperativ zeigte, zum Hausbesuch antanzen, um die Wahrheit √ľber ihren Zustand zu erfahren. Der mir graue Haare bescherte. Ich begann, die Tabletten meiner Eltern durchzuz√§hlen und auszurechnen, wann sie wieder neue br√§uchten, um meine kommenden Besuche dementsprechend zu terminieren. Ich setzte mich mit der n√§chstgelegenen Apotheke auseinander, f√ľllte Liefervertr√§ge aus und stritt mich mit dem in D√ľsseldorf-City¬†beheimateten Neurologen meines Vaters dar√ľber, weshalb fast 80-j√§hrige noch zum beschissenen Quartalsbeginn mit dem Taxi in die Innenstadt fahren m√ľssen, um die verschissene Krankenkassenkarte durchs verkackte Leseger√§t ziehen zu lassen. Ja, das war meine Ausdrucksweise in originalgetreuer Wiedergabe.¬†Die nette Sprechstundenhilfe des Neurologen kl√§rte mich sanft dar√ľber auf,¬†dass man die Karte¬†auch mit der Post schicken k√∂nne, meine Mutter sich aber bisher standhaft geweigert hatte, das zu tun.

Das sind wichtige Dokumente! Die stecke ich doch nicht in einen Briefkasten!,

soll meine Mutter mit dem Brustton der Emp√∂rung¬†wortw√∂rtlich in den H√∂rer geschnaubt haben, was ich der Sprechstundenhilfe leider sofort glauben musste, da meine Mutter die Wendung „wichtige Dokumente“ gerne benutzte.¬†Kleinlaut entschuldigte ich mich bei der Sprechstundenhilfe f√ľr mein unfl√§tiges Vokabular¬†und atmete zum zigsten Male in diesen Wochen gaaaanz tief durch. Es stellte sich heraus, dass meine Mutter in der Tat lieber den beschwerlichen Weg in die Innenstadt antrat als den zum Postkasten. Das Problem war, dass sie zu beidem¬†gar nicht mehr in der Lage war. Ich begann, mein Privatleben nach dem Medikamentenbedarf meiner Eltern auszurichten, indem ich meine Besuchsintervall dementsprechend plante.¬†Mein Nervenkost√ľm zeigte langsam erste Risse.

Dabei stand mir der vorläufige k.o.-Schlag erst noch bevor.

Denn¬†dann kam auch noch Frau Meier-Riepenstein (Name redaktionell verfremdet, Anm. d. Red.) von der Betreuungsstelle der Landeshauptstadt D√ľsseldorf und verpasste mir genau zur richtigen Zeit vier schallende Ohrfeigen, b√§m, b√§m, b√§m, b√§m:

Ach, Ihre Eltern haben keine Betreuungsverf√ľgung? Tja. Wenn Sie Pech haben, stuft irgendwann irgendein Arzt Ihre Mutter oder Ihren Vater als nicht mehr gesch√§ftsf√§hig an. Dann leitet er in die Wege, dass irgendein Richter Ihrem Elternteil einen gesetzlichen, vollkommen fremden Vormund vor die Nase setzt, wenn Sie Pech haben. Der kann dann Ihren Vater beispielsweise gegen seinen Willen in ein Pflegeheim bringen lassen. Da k√∂nnen Sie dann gar nichts machen, schon gar nicht aus der Ferne.

 

Ach, Ihre Eltern haben keine Patientenverf√ľgung? Na, dann seien Sie mal froh, dass das mit Ihrer Mutter diesmal so glimpflich gelaufen ist. Sonst h√§tten Sie und Ihr Vater beispielsweise entscheiden m√ľssen, ob die Ger√§te abgestellt werden sollen oder nicht.

 

Ach, Ihre Eltern haben keine Vorsorgevollmacht? Hm. Mal angenommen, einer Ihrer Elternteile kommt in Pflege, der andere muss¬†deshalb das Haus verkaufen. Das Haus geh√∂rt aber beiden. Ist Ihnen klar, dass zum Notartermin beide anwesend sein und beide unterschreiben m√ľssen? Wie bekommen Sie denn den pflegebed√ľrftigen Elternteil dorthin? Mit einer notariell beglaubigten Vorsorgevollmacht k√∂nnen Sie stattdessen Vertr√§ge k√ľndigen, Immobilien verkaufen und so weiter. Ohne Vorsorgevollmacht haben Sie unter Umst√§nden noch Ewigkeiten¬†lang die Sportvereinsmitgliedschaft Ihres Vaters am Bein, obwohl der da gar nicht mehr hingehen kann.

 

Ach, Ihre Eltern haben keine Bankvollmachten f√ľr ihre Konten erteilt? Wem geh√∂rt denn das Hauptgirokonto? Ach, Ihrem Vater alleine. Soso. Mal angenommen, ihm passiert was. Wissen Sie eigentlich, wie viel Ihre Mutter dann darf? Richtig: n√ľscht. Ihre Mutter ist zwar seine Ehefrau, aber solange das Konto nicht beiden geh√∂rt¬†und solange er ihr keine Bankvollmacht erteilt hat, darf sie rein gar nichts, Ehefrau hin oder her. Wenn Ihr Vater stirbt, wird das Konto sofort eingefroren, Ihre Mutter hat von einem Tag auf den anderen keinen Pfennig Geld mehr. Bis der Totenschein ausgestellt ist, mit dem sie das Konto wieder frei kriegt, k√∂nnen Wochen oder Monate vergehen. Was macht denn dann Ihre Mutter so lange?¬†√úbrigens reicht hier die Vorsorgevollmacht nicht aus. Die meisten Banken winken milde l√§chelnd ab, wenn Sie damit ankommen.¬†Die wollen alle, dass Sie die institutseigenen¬†Bankvollmachtsausdrucke ausf√ľllen. Da hilft Ihnen nicht mal eine notariell best√§tigte Vorsorgevollmacht weiter.

Ich bekam vom Zuh√∂ren hei√üe Wangen, nickte, schlug die H√§nde √ľber dem Kopf zusammen, zog mein Handy aus der Tasche und w√§hlte die Nummer des ortsans√§ssigen Notars.

Lest im n√§chsten Teil: „Papa, DU DARFST JETZT NICHT EINSCHLAFEN!“ –¬†Hausbesuch des Notars bei Mama und Papa, ein Abenteuer f√ľr sich.