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Mamas letzter Weg

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Du hast es geschafft, liebe Mama. Die Qual der letzten Wochen hat ein Ende. Gestern Nachmittag bist du von uns gegangen, eine Stunde, bevor ich zu dir wollte. Irgendwie glaube ich, du wolltest mich in diesem Moment nicht an deiner Seite haben. Sonst hättest du vielleicht noch gewartet. Ich bin traurig und esse dir zu Ehren ein Matjesbrötchen. Bei Papa war es die Marzipanschokolade, bei dir eben ein viel zu kleines Stückchen Fischfilet mit etwas labberigem Salatblatt zwischen zwei sehr trockenen Brötchenhälften. Du hast es geliebt. Du fehlst mir sehr. Erstaunlicherweise denke ich dabei vor allem an die Dinge, mit denen du mich früher wahnsinnig gemacht hast.

Aber es sind eben auch die liebenswerten Angewohnheiten, die dich so ausgezeichnet haben.

Wenn ich meinen Besuch bei dir angekündigt habe, riefst du grundsätzlich 5 Minuten vor dem vereinbarten Zeitpunkt bei mir an, um nachzufragen, wo ich denn bliebe. Deine Ungeduld war legendär. Wie oft hat mich dieses Handyklingeln endlos gestresst. Heute schaue ich traurig in meine Anrufliste. 3. Februar, 16:56 Uhr steht da bei deinem allerletzten Anruf – vier Minuten vor 5. Ich stand gerade an der letzten Ampel und fluchte leise, bevor ich freundlich in die Freisprechanlage rief, ich sei gleich da. Doch dieses Nachhaken, das war nicht nur Ungeduld, das war vor allem Ausdruck deiner immerwährenden Sorge um mich.

Wie damals, als du in meiner ersten Schulwoche die Polizei zur Schule gerufen hast, weil ich nicht nach Hause gekommen war.

Du hattest schon immer ein Händchen für den ganz großen Auftritt, bzw. wusstest, wie man dafür sorgt, dass die eigene Tochter bereits am dritten Tag ihrer Schullaufbahn im Handumdrehen schulbekannt (oder besser gesagt, zum Schulgespött) wird. Was war passiert? Mein Schulweg betrug ungefähr 150 Meter, er ging gerade die Straße hinunter, und ich musste dabei nur eine kleine Nebenstraße überqueren.

Ziemlich sichere Sache also.

Leider habe ich mich tagsüber mit meinem neuen Sitznachbarn gestritten, sodass wir beide nachsitzen mussten. Tafel wischen, Stühle hochstellen, etc. Deshalb erschien ich also nicht zur bekannten Uhrzeit zu Hause. Du liefst mir beunruhigt entgegen – aber irgendwie müssen wir uns auf der kurzen Strecke wohl verpasst haben. Jedenfalls klingelte ich vergeblich zu Hause an der Tür, während du im Direktorenbüro einen solches Theater veranstaltet hast, dass wenig später ein Polizeiauto auf dem Schulhof stand, und zwar zehn Minuten, bevor die letzte Stunde zu Ende war und der gesamte Hof von neugierigen Kindern geflutet wurde.

Während mir die Nachbarin meiner Eltern Asyl gab, gabst du dem Nervenzusammenbruch nahe eine Vermisstenanzeige auf.

Das Ganze löste sich dann natürlich schnell auf – aber ich war am nächsten Tag gebrandmarkt, und du hattest dir den Preis für die ängstlichste Mutter des Jahres verdient. Damals war ich 6 und du 47, also so alt wie ich heute. Aber auch mit 47 und 88 hatte sich an deiner mütterlichen Besorgnis rein gar nichts geändert. Jetzt fehlt mir das, und noch viel mehr.

Ich vermisse sogar dein „lautes Organ“.

So hat Papa das immer genannt, wenn dir mal wieder nicht auffiel, dass du mit deinen Erzählungen das gesamte Restaurant unterhalten hast (was mir übrigens auch ab und zu passiert).

Nein, die leisen Töne lagen dir nicht. Du warst aus vollem Halse Sängerin (Krefelder Stadttheater! 1956!)! Du wolltest Rampenlicht, und das in fast jeder Minute deines Lebens. Singen war dein Lebenselixier. Von Vicky Leandros‘ „Ich liebe das Leben“ bis zu deinem Lieblingsstück „O habet Acht (vor den Kindern der Nacht)“ aus dem Zigeunerbaron, das wir alle ehrlich gesagt immer ganz schön gruselig fanden (und dass man „Zigeuner“ nicht mehr sagt, war dir auch nicht mehr beizubringen).

Ich werde es vermissen, mit dir über den Sonntagsstammtisch zu reden.

Jeden Sonntag kurz vor dem Mittagessen war er dein Pflichtprogramm: Der Sonntagsstammtisch im Bayerischen Rundfunk. Ich musste ihn auch immer schauen – bzw, mich informieren, wer dagewesen ist, weil du mit mir darüber reden wolltest. Du konntest dich stundenlang über den „neuen“ Moderator echauffieren, der deinen Liebling Helmut Markwort abgelöst hatte (2018 schon, aber das ist ja quasi gestern gewesen!), der Markwort selbstverständlich „nicht das Wasser reichen“ konnte. Erst der zweite Nachfolger, Hans Werner Kilz, fand – hallelujah – endlich deine Zustimmung. Was ich in deinem Auftrag und in deinem Namen in mehreren Beschwerde-Mails an die Redaktion kundtun musste.

Apropos Zuschauerpost: Ich glaube, auch die NDR-Klassik-Nachtsendung wird ihre treueste Hörerin vermissen.

Da du nachts oft nicht schlafen konntest, lief dein Lieblings-Klassiksender bis in die frühen Stunden. Und du warst im Morgengrauen mit Sicherheit die aufmerksamste Zuhörerin. Dir entging kein Fehler in der Anmoderation irgendeiner Beethoven-Symphonie. Du hast sie alle notiert – und wieder durfte ich dann vermittelnd tätig werden. Sie haben auch jedesmal geantwortet und sich dann vielmals für ihre tausenden „Faux pas“ entschuldigt. Es könne natürlich nicht jeder ein so umfassendes Beethoven-Wissen vorweisen wie du. Du wurdest auch nicht müde, das zu betonen und mir mein mangelndes Klassik-Verständnis unter die Nase zu reiben.

Ja, du warst das größte Beethoven-Fangirl, wie man heute so schön sagt.

Deswegen waren wir auch an Silvester zur Neunten in der Leiszhalle und zum Klavierkonzert in der Elbphilharmonie. Von der Neunten warst du begeistert, aber das Klavierkonzert hat dir weniger zugesagt. Dem Pianisten fehlte deiner Meinung nach die Liebe zum Künstler, schimpftest du lautstark während der Aufführung. Da man mich aufgrund eines Buchungsfehlers am anderen Ende des Saales platziert hatte (skandalös!), kann ich dir heute noch versichern, dass ich dort jedes Wort deiner Kritik laut und deutlich verstanden habe – und der restliche Saal inklusive Pianist ebenso. Die gute Akustik der Elbphilharmonie war uns ja aber bereits bestens bekannt, seit du bei einem anderen Silvesterkonzert („Die lustige Witwe“) mitten in einer Atempause deine mitgebrachte Butterbrotdose fallengelassen hast.

Niemand brachte mich je so nachhaltig dazu, im Erdboden zu versinken.

Zum Beispiel, wenn du jede neue, offensichtlich nicht mitteleuropäische Pflegekraft in der Einrichtung erstmal nach ihrer „wahren“ Herkunft gefragt hast. Auch hier war dir keine Political Correctness mehr zu vermitteln, und ich habe mich oft für dich entschuldigt. Ja, deine laute, oft unangebrachte Art war mir oft zu viel oder unangenehm und meinem eigenen Wesen so fern. Aber sie gehörte nunmal zu dir, sie war Teil deiner unumstößlichen Grundeinstellung, und auch dafür habe ich dich sehr lieb.

Es war so schön, dass du bei uns warst.

Es war so schön, dass du den Schritt nach Hamburg nach Papas‘ Tod mit uns gegangen bist. Oft habe ich mir gewünscht, er hätte sich doch noch dazu durchringen können. Durch seine sture Ablehnung haben wir vermutlich einige Jahre gemeinsame Zeit verloren. Damit hadere ich. Wo wir mit dir abends den Wiener Opernball geguckt haben und auf Kreuzfahrt in London oder am Strand in Kiel waren, hätten wir mit Papa prima zum Fußball gehen, sonntags Rommé spielen und Doppelpass gucken können. Er wollte nicht, und du damals auch noch nicht. Aber dann hast du den Umzug doch mitgemacht. Und schau dir an, wie viel wir alle gewonnen haben. Du hast in den neun Jahren bei uns so viel erlebt wie in 20 Jahren zuvor in Düsseldorf nicht. Das macht mich am allerglücklichsten – und das bleibt mir erhalten. Genau wie Deine Begeisterungsfähigkeit – denn die haben wir gemein.

Deine große Liebe fürs Leben, dein Festhalten an jedem Atemzug.

Das werde ich wohl am meisten vermissen. Deine unbändige Lebensfreude, die immer in dir geschlummert hat, selbst in den dunkelsten Phasen. So sehr hast du noch darum gekämpft, bleiben zu dürfen. Nein, du warst alles andere als fertig mit dem Leben. Leider hatte dein Körper andere Pläne. Mit den Erinnerungen und Eindrücken aus den schweren, letzten Wochen, die dich so verändert haben, werde ich noch länger zu tun haben. Das wird mich noch lange beschäftigen.

Am Ende waren meine Nerven auch sehr angespannt.

Ich konnte nicht mehr. Nachdem ich über Wochen hinweg jeden Tag, sobald ich konnte, an deinem Bett gesessen und währenddessen jeden Schrei und jedes Rufen, das aus dir hochstieg, mitausgehalten habe, war meine Kraft am Ende auch erschöpft. Dein lautes Organ wurde langsam heiser, und ich immer ungeduldiger. Du hast es – vermutlich – gar nicht mehr mitbekommen; hattest mich schon seit Tagen nicht mehr wiedererkannt oder auf mich reagiert. Ich weiß also nicht, wie viel du von meiner Verzweiflung noch spürtest. All die Tage hatte ich tapfer durchgehalten; aber am Nachmittag vor deinem Tod bin ich auch neben dir zusammengebrochen, konnte meine beruhigende Fassade nicht mehr aufrechterhalten.

Ich habe neben dir um dich geweint.

Und ich habe offen gesagt, dass ich auch nicht mehr kann. Du hast in diesem Stadium nochmal Kriegserlebnisse durchgemacht, „Feuer“ gebrüllt, deine Mutti angesprochen, die du wohl in dem Moment sehen konntest. Ich versuchte, deine Erinnerungen auf die schönen Erlebnisse deines Lebens umzulenken, dein Leben in Kiel, dein Leben mit Papa. Aber das hatte immer nur ganz kurz Erfolg. Ich konnte dir nicht mehr helfen, und das hat mir letzten Rest Kraft genommen. Also habe ich um deine Erlösung gebeten – denn niemand hat so ein Ende verdient, in dem er immer nur kämpft und der Kampf ums Überleben zur Qual wird.

Vielleicht hast du meine Bitten gehört.

Vielleicht hast du in diesem Moment verstanden, dass du loslassen kannst. Denn am nächsten Tag hast du beschlossen, zu gehen, bevor ich kam. Ich konnte noch ein bisschen Mama-Wärme von dir spüren, bevor ich mich endgültig verabschieden musste.

Danke, Mama.

Danke, dass du noch so lange bei uns warst. Danke für alle Sonntagsessen, zu denen du mit deinem anfangs so ungeliebten Rollator aus der Nachbarwohnung fröhlich angejückelt kamst. Danke für deine laute Lache, deine kindliche Freude, deine Liebe zum Meer und dafür, dass du nie einen Hehl um deinen Stolz auf mich gemacht hast. Danke für dein Temperament und die eintausend lustigen Anekdoten, die du uns beschert hast. All das wird mich weiter durch mein Leben tragen. Vielleicht sogar bis nach Alaska.

Während der letzten Tage, die ich an Mamas Bett verbrachte, erfahre ich in der Einrichtung immer wieder, wie unterschiedlich das Lebensende aussehen kann. Was mich dabei vor allem beschäftigt, ist ein gewisses Ausgeliefertsein, das ich dabei wahrnehme. Warum ich daraufhin meine eigene Patientenverfügung nochmal anpassen werde, davon möchte ich heute erzählen.

Die einen dürfen nicht gehen, die anderen können nicht

Bei Mama ist es ja nun so: Der Körper will nicht mehr, aber sie ist noch gar nicht bereit für ihr Ende. Wenn ich zwischendurch auf den Gang hinaus gehe, begegnen mir Bewohner:innen im Rollstuhl oder am Rollator, bei denen es genau umgekehrt ist: Die wollen nicht mehr, aber ihr Körper ist noch zu fit.

Wie unfassbar unfair.

Unter anderem gibt es eine Bewohnerin, die immer wieder durch die Gänge wandelt und ankündigt, sich jetzt gleich aus dem nächsten Fenster stürzen zu wollen. Das funktioniert natürlich nicht, denn alle Fenster sind hier selbstverständlich bestens gesichert. Sie läuft also immer ziemlich erfolglos umher. Gleichzeitig ist sie aber dement und vergisst immer wieder, wie oft sie mit ihrem Vorhaben schon gescheitert ist. Die Pfleger:innen bringen sie immer wieder geduldig zurück in ihr Zimmer. Auf den ersten Blick hat diese Tragik vielleicht etwas Komisches an sich.

Aber bei näherem Hinsehen ist es nicht komisch, sondern grauenhaft.

Mamas Seele ist ihrem Körper ausgeliefert, der immer weiter nachgibt – und diese suizidgefährdete Dame ist ihrem Körper ebenso ausgeliefert, weil er einfach nicht nachgeben will. Beide können nicht mehr selbst über ihr Schicksal entscheiden. Mich macht das sehr nachdenklich. Möchte ich so enden? Bestimmt nicht.

Gleichzeitig habe ich selbst aber eine Patientenverfügung, in der ich für mich lebenserhaltende Maßnahmen wünsche.

Allerdings war mir bisher auch nicht in Gänze klar, was das bedeuten kann. Bisher hatte ich nur ein typisches Krankenhaus-Koma-Szenario vor Augen und dachte: Na ja, solange die Hoffnung, dass ich wieder aufwache, nicht ganz gestorben ist, wäre es doch tragisch, diese Möglichkeit nicht aufrechtzuerhalten. Schließlich bin ich eine Kämpfernatur – ich war davon überzeugt, bei mir ist alles möglich. Aber durch die Erfahrung, die ich gerade mit Mama mache, sehe ich das nun ganz anders.

Mir ist klargeworden, wie belastend meine Entscheidung für meine Angehörigen werden könnte.

Mama hat im Gegensatz zu mir – dem Himmel sei Dank! – eine Patientenverfügung, in der sie sich gegen lebenserhaltende Maßnahmen im Angesicht des nahenden Todes ausspricht. Dadurch bin ich als Generalbevollmächtigte verpflichtet, dafür zu sorgen, dass dieser Wille Berücksichtigung findet. Ich muss also nicht selbst entscheiden, was mit ihr passieren soll, denn ihr Wille ist für mich, für ihre Ärzt:innen und für die Pflegeeinrichtung bindend.

Das macht einen himmelweiten Unterschied in einer solchen Lage wie der jetzigen.

Denn was wäre gewesen, wenn Mama in ihrer Patientenverfügung – so wie ich zurzeit – das Festhalten an lebenserhaltenden Maßnahmen festgelegt hätte? Die Konsequenzen daraus hätten sich in den vergangenen Tagen sehr deutlich gezeigt.

Als mich zum Beispiel ihr Hausarzt letzte Woche anrief und erzählte, sie verweigere nun die Einnahme ihrer Medikamente, und er würde dafür plädieren, dass wir sie absetzen und auf Palliativmedizin umstellen, hätte ich das ablehnen müssen, um ihrem Willen nachzukommen, obwohl klar war, dass die Weitergabe der regulären Medikamente aus therapeutischer Sicht keinen Sinn mehr machen. Gleichzeitig hätte man Mama aber nicht gegen ihren Willen zur Medikamenteneinnahme zwingen dürfen, denn das fiele nämlich wiederum unter Körperverletzung.

Was passiert im Fall so einer Patt-Situation?

Falls Mama also beim Verfassen der Patientenverfügung für lebenserhaltende Maßnahmen gewesen wäre, diese aber nun quasi durch die Verweigerung der Medikamente selbst ablehnt und nicht gezwungen werden kann, würde man ihrem „natürlichen, akuten Willen“, den sie ja in diesem Moment äußert, stattgeben. Mich hätte das aber in ein schlimmes Dilemma zwischen ihrem einstigen, schriftlichen Befehl und ihrem aktuellen Leiden gebracht.

Ähnlich hätte es auch ausgesehen, wenn sie erst gar keine Patientenverfügung gehabt hätte. Schwierig wird es dann erst recht, wenn Ärzt:innen und Angehörige sich nicht über die Weiterbehandlung einig werden. Wenn der Arzt zum Beispiel, wie in unserem Fall jetzt, Palliativmedizin verschreiben wollen, die Angehörigen das aber – aus welchem Grund auch immer – ablehnen. Dann muss nämlich das Betreuungsgericht eingeschaltet werden.

Und dann noch das Ratespiel: Was würde sie jetzt wollen?!

Ohne Patientenverfügung, hätten wir herumrätseln müssen, was sie wohl gewollt hätte. Bei einer Patientenverfügung mit dem Wunsch nach lebensverlängernden Maßnahmen hätte ich mit dem behandelnden Arzt über das Absetzen der Medikamente (was übrigens unter passive Sterbehilfe fällt) und über die Palliativmedizin (= indirekte Sterbehilfe) diskutieren müssen.

Ihr zuletzt schriftlich fixierter Wille und ihr durch die Weigerung geäußerter „natürlicher Wille“ hätten im Widerspruch gestanden – und wir hätten uns alle rechtlich auf ziemlich dünnes Eis begeben mit der Entscheidung, die Medikamente tatsächlich abzusetzen und auf Linderung statt Heilung umzuswitchen. Was hierzulande nur dann legal ist, solange der Wille der Patientin Berücksichtigung findet. Dieser Punkt wäre ja zumindest strittig geblieben.

Dadurch wurde mir klar: Ich muss meine Patientenverfügung anpassen.

Denn natürlich würde ich nicht wollen, dass meine Angehörigen gezwungen werden, gegen meinen schriftlich fixierten Willen zu handeln, herumzuraten, was ich nun wollen würde und sich dabei auch noch rechtlich aufs Glatteis wagen. Ich möchte nicht nur, dass allen vollkommen klar ist, was ich wollte, sondern auch, dass sie sich darauf berufen können und dieser Entscheidungslast gar nicht erst ausgesetzt werden. So lange ich bei meiner Variante „pro Lebenserhaltung“ bleibe, könnte ich das aber gar nicht für sie ausschließen.

Klarheit und Rechtssicherheit sind das Wichtigste in dieser Lage.

Zum Glück war Mama in diesem Punkt besser unterwegs als ich bisher. Trotz dieser Entlastung bedeutet das aber natürlich noch lange nicht, dass es mir mit all dem gut geht. In der Therapie von „Heilung“ auf „Linderung“ umzusteigen, heißt gleichzeitig: Ich kann ihr nicht mehr anders helfen. Wir alle können ihr nicht mehr anders helfen.

Was macht das mit mir?

Obwohl ich weiß, dass formal und rechtlich gesehen alles so seine Richtigkeit hat – fühle ich mich trotzdem miserabel. Alles, was ich mir für sie wünsche, ist weniger Qual, mehr Erträglichkeit – Ruhe und Frieden für ihre Seele. Ich möchte einfach nur, dass sie es ihr leichter gemacht wird. Ich hoffe, sie spürt das. Denn in Momenten, in denen sie plötzlich kurz „da“ ist und unbedingt aufstehen möchte und „hier raus“ will, muss ich mich selbst immer wieder daran erinnern, dass ich nichts dafür kann, dass ich alles tue, um ihr zu helfen, und dass ich genau damit ihren Willen ausführe bzw. ausführen lasse.

Es ist so eine Sache mit der Eigenverantwortung.

Wenn dann nämlich plötzlich die nicht ignorierbaren Konsequenzen der eigenen Entscheidungen direkt vor einem liegen, entsteht eben trotzdem ein emotionaler Druck auf die Angehörige, in diesem Fall mich, die daneben sitzt und der Mama ganz konkret jetzt, hier, in diesem Moment, nicht mehr aus der grauenhaften Lage (ans Bett gefesselt zu sein) heraushelfen kann. Natürlich sage ich ihr dann, dass es mir leid tut, dass sie nicht aufstehen kann, und dass ich es nicht ändern kann. Ich versuche, sie zu beruhigen und halte ihre Hand. Aber ihren verzweifelten Blick in den wenigen, wachen Momenten, den werde ich wohl auch nicht mehr vergessen. Ich habe Angst, dass sie mich innerlich verflucht, dass ich ihr nicht helfe – gleichzeitig weiß ich, dass sie nicht mehr so klar zu denken in der Lage ist.

Der Tod ist knallhart.

Er nimmt keine Rücksicht darauf, ob man gerade möchte oder nicht. Ob man es beschleunigen will, wie die suizidgefährdete Mitbewohnerin, oder ob man gerne noch ein bisschen länger bleiben will, wie Mama.

Er kommt, wenn er kommt. Und dann wird abgerechnet und eine Summe unter den Strich geschrieben; die Summe aller Entscheidungen, die man zuvor getroffen hat und die einen an diesen Punkt geführt haben. Ob man gesund gelebt hat oder nicht. Ob man sich genug sportlich betätigt hat oder nicht. Ob man Alkohol getrunken hat oder nicht. Ob man eine Patientenverfügung hat – oder nicht, und wie sie formuliert ist.

Erst dann wird einem, wenn man Pech hat, noch sehr schmerzlich bewusst, was die eigenen Entscheidungen jetzt im Ernstfall bedeuten.

Das ist wohl die härteste, ultimative Form von „Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen“. Ich brauche die Gewissheit, meine Liebsten in einer solchen Situation nicht auch noch komplett mit allen Entscheidungen zu überfordern.

Vorgerstern rief mich der Hausarzt meiner Mama an, der sie in der Pflegeeinrichtung betreut. Es war ein sehr gutes, einfühlsames Gespräch, in dem er mir eröffnete, Mama weigere sich, ihre Medikamente zu nehmen – und er sei auch dafür, sie abzusetzen und auf Palliativmedizin umzusteigen.

Ein harter Schritt für mich.

Weil ich als Generalbevollmächtigte wieder eine Entscheidung treffen musste. Dass Mama die Einnahme der Medikamente verweigert, bedeutet ja nicht, dass ihr bewusst ist, welche Folgen das hat. Sie wäre auch geistig gar nicht mehr dazu in der Lage, das abzuschätzen, selbst, wenn ich versuchen würde, es ihr zu erklären. Soll man ihr nun die Medikamente drei Mal täglich reinzwingen? Hat sie nicht trotzdem das Recht, zu entscheiden, ob sie das noch möchte? Und schon längst gezeigt, dass sie es nicht mehr will?

Schwer.

Ich habe entschieden, dem Rat des erfahrenen Mediziners, der viele Ältere durch den Sterbeprozess begleitet, zu folgen. Wir sprachen auch kurz darüber, ob ein Hospiz nun der bessere Ort für sie wäre, verwarfen diese Idee aber schnell wieder. Selbst, wenn ich das wollte – es gäbe gar keine freien Plätze. Und sie jetzt nochmal umziehen lassen und aus der gewohnten Umgebung rausholen, das halte ich auch für keine gute Idee. Sie ist in ihrer Einrichtung gut versorgt und von bekannten Gesichtern umgehen, die es gut mit ihr meinen. Also bleibt sie, wo sie ist und bekommt Mittel zur Beruhigung.

Ich besuche sie täglich und frage mich vorher immer, ob sie mich noch erkennen wird.

Denn ich erinnere mich zu gut an Situationen, in denen sie ins Krankenhaus musste und einige Stunden ohne Medikation in der Notaufnahme lag. Danach hat sie mich schon nicht mehr wiedererkannt. Ich rechne jetzt also täglich damit, dass ich ihr freudiges Aufschauen und das kurze Leuchten in ihren Augen, wenn sie mich erblickt, zum letzten Mal sehe.

Das tut weh.

Gleichzeitig tut es mir gut, neben ihr zu sitzen. Ich gebe ihr zu trinken und füttere sie. Viel isst sie nicht mehr, aber ein paar Löffelchen immerhin. „Das tut guuut!“ murmelt sie dann und verlangt „Noch ein Schlückchen“ Wasser. Das Schreien hat nachgelassen, nur ab und zu bricht es sich noch Bahn. Wenn ich das Schälchen wegstelle, greift sie oft nach meinen Händen, um sie ganz fest zu halten. Ich schließe die Augen und versuche, diesen Moment des Festhaltens in meinem Gedächtnis abzuspeichern. Die schöne Wärme unserer Hände – meine sind immer viel kälter als ihre, und sie wärmt mich dabei.

Ich habe Angst vor dem Moment, wenn sie kalt wird.

Diese Kälte habe ich schon zwei Mal in meinem Leben spüren müssen. Es ist das Kälteste, das ich je angefasst habe. Am liebsten möchte ich Mamas Wärme konservieren. Dieselbe Wärme, mit der sie mich früher in den Schlaf gestreichelt und mir die Füße massiert hat. Das habe ich so geliebt als Kind. Ich weiß, dass ich diese Wärme nun nicht mehr lange in meinem Leben haben werde. Es fällt mir schwer, das zu akzeptieren. Das muss ich wohl. Ich hab‘ es ihr schließlich versprochen.

„Lass dich bloß nicht madig machen“, sagte sie gestern nämlich zu mir.

Diesen Ausdruck habe ich schon ewig nicht mehr gehört. Meine Oma hat das früher immer gesagt; vielleicht kommt das eher aus dem schlesischen Sprachraum. Es bedeutet soviel wie: „Lass dir nicht den Spaß an etwas nehmen / lass dich nicht unterkriegen“. Mama war gestern eigentlich sehr abwesend, wollte nur Wasser trinken und meine Hand halten. Plötzlich sah sie ganz klar zu mir auf und sagte genau diesen Satz, gefolgt von „Hab dich lieb, lieb, lieb“. Wenn man weiß, dass Liebesbekundungen nie so ihr Ding waren, kann man sich vorstellen, was das in diesem Moment für mich bedeutet hat.

„Ich lass mich nicht madig machen, keine Sorge“, antwortete ich also.

Und dass ich sie auch liebhabe, natürlich. Aber das sage ich ihr sowieso bei jedem Besuch mehrfach. Vor drei Tagen habe ich ihr noch Fotos von unseren Unternehmungen gezeigt, und sie hat noch darauf reagiert. Das wäre heute schon nicht mehr möglich gewesen. Der Kommunikationsrahmen ist von Tag zu Tag enger geworden, als wäre ihr Aufmerksamkeitskontingent erschöpft. Es reicht nur noch für „Etwas Wasser bitte“ und das Greifen nach meinen Händen.

Als ich heute reinkam, hörte ich Naturgeräusche und sah bunte Farben an den Wänden.

Die Pflegerinnen haben ihr zur Beruhigung einen Projektor hingestellt und ganz liebevoll eine kleine Lichterkette drumherum drapiert. Er spielte Dschungelgeräusche ab, was ich nicht ganz passend fand. Nachdem ich mir das einige Minuten angehört hatte, dachte ich, Möwengeräusche und Meeresrauschen wären viel schöner – schließlich hat Mama länger in Kiel gelebt und liebt alles, was mit der Küste zu tun hat. Also stand ich auf… und genau in dem Moment sprang das Gerät von alleine auf genau das Gewünschte um, ohne, dass ich es angefasst hätte. Wirklich wahr.

Vielleicht entwickele ich ja telepathische Fähigkeiten.

Jedenfalls war ich ziemlich überrascht. Und stellte kurz darauf fest, dass mich die Geräusche und die Lichter ebenfalls beruhigten. Ich blieb noch eine Weile sitzen, Hand in Hand. Mamas Atem wurde ruhiger, und jedesmal, wenn ich das registriere, weiß ich nicht, was mir lieber wäre: Dabei zu sein oder nicht dabei zu sein. Das ist aber eigentlich die falsche Frage. Ich hoffe einfach, egal, was passiert, dass sie weiß, wie oft ich bei ihr war.

Jedesmal verabschiede ich mich mit flauem Gefühl.

Ob es nun wohl das letzte Mal war? Ich weiß es nicht, aber ich kann auch nicht in der Einrichtung übernachten. Und Mama ist zäh – und so wütend, dass sie schon gehen muss. Aber ihr störrischer Geist wird immer schwächer, das merke ich. Jeder Tag mit ihr zählt. Ich fahre nach Hause, um Kraft zu tanken für den nächsten Besuch und hoffe, dass mein Handy bis morgen nicht klingelt.

Vorgestern wurde Mama „austherapiert“ aus dem Krankenhaus entlassen und zurück ins Pflegeheim verlegt. Jeden Tag fahre ich zu ihr, ohne zu wissen, was mich diesmal erwartet. Es ist eine Achterbahnfahrt sondergleichen. Ich habe das Bedürfnis, diesen Weg hier zu begleiten. Schreiben hilft mir – und so lange ich darüber schreiben kann, ist die Geschichte noch nicht zu Ende.

Die Rückkehr war ein Schock für Mama.

Denn ihre Beine funktionieren ja nicht mehr. Das hatte sie im Krankenhaus allerdings noch nicht realisiert. Dort ist es schließlich normal, ausschließlich zu liegen – alle liegen hier. Aber in der Pflegeeinrichtung nicht – dort war „am Rollator gehen“ angesagt. In dieser gewohnten Umgebung nun nicht mehr laufen zu können, ist schlimm für sie. Auf einmal sieht sie: „Ich bin jetzt bettlägerig“. Eine Erkenntnis wie ein Schlag in die Magengrube, der seelische Höllenqualen verursacht.

Seitdem brüllt sie sich den Schmerz aus dem Leib.

Jeden Tag. Anfangs dachte ich, das Schmerzmittel sei nicht hoch genug dosiert. Schnell wurde mir aber klar: Sie schreit vor Ungerechtigkeit. Das hat sie früher auch schon gemacht. Manche Menschen werden bei seelischem Schmerz ganz still und leise – Mama nicht. Sie testet nochmal mit aller Kraft ihrer Lungen aus, wie laut sie noch werden kann.

Damals in ihrer neuen Wohnung hatte sie auch schonmal solch eine Phase.

Kurz nach dem Umzug nach Hamburg vor sieben Jahren kam sie nicht gut mit dem Umbruch in ihrem Leben und dem Verlust ihres Ehemannes klar. Nachts, als es ruhig wurde, quälten sie plötzlich wieder die Erinnerungen an ihre Kindheit im Bombenkeller, und das Trauma brach sich durch laute, unkontrollierte Schreie Bahn. Die neuen Nachbarn waren davon mäßig begeistert, aber ich konnte sie besänftigen. Ich wusste, wenn Mama sich erstmal an die neue Lebenssituation gewöhnt hätte, würden die Schreie nachlassen – und so kam es dann auch. Das Leben mit uns in Hamburg nahm schöne Züge an, und ihre geschundene Seele fand wieder Ruhe.

Aufgrund dieser Erfahrung kann ich heute heraushören, um welche Sorte Schreie es sich handelt.

Es erinnert mich an die Zeit, als meine Tochter noch ein Baby war. Da war ich nach kurzer Zeit als Mama irgendwann auch imstande, zu unterscheiden, ob es sich um ernsthaftes oder um launisches Brüllen handelte. So ähnlich ist es bei Mama jetzt auch. Deshalb weiß ich auch, dass eine Erhöhung der Schmerzmitteldosis nichts an ihrem Wehklagen ändern würden. Zumal sie ohnehin schon eine hohe Dosis bekommt. Stattdessen wird Mama nun zusätzlich Palliativmittel bekommen, die sie geistig beruhigen.

Gleichzeitig ist mir klar: Wenn sie ruhiger wird, naht das Ende unserer gemeinsamen Zeit.

Als ich vorgestern ankam, dachte ich kurz, ich käme zu spät. Ihr Gesicht hatte schon dieses Maskenhafte an sich, das ich von Papa damals kenne. Ihre Augen waren halb geöffnet, und sie reagierte nicht sofort auf mein: „Mama?!“. Doch kurz darauf kehrte Leben in ihren Blick zurück, und sie freute sich über meinen Besuch. Ich atmete tief durch, und wir tauschten ein paar Sätze aus – dann kamen die Schreie zurück. Fast bereute ich meinen Besuch; hatte ich sie doch aus der angenehmeren Ruhe geholt.

Deshalb blieb ich am Tag darauf vorsichtshalber erst vor der Tür stehen.

Um zu lauschen, ob sie ruhig war oder ohnehin schon brüllte. Allerdings war ihr lautes Organ schon vom Flur aus zu hören. Immerhin konnte ich diesmal keine Ruhe stören, wo zuvor schon keine gewesen war. Nach einer halben Stunde neben ihr klingelten mir die Ohren. Sie erkannte mich zwar und begrüßte mich auch – aber dann driftete sie ab in eine Art anderen Bewusstseinszustand, in dem sie fast nicht mehr ansprechbar ist, und der nur aus Verzweiflung und Schreien besteht. Gestern gesellten sich Erinnerungen hinzu, sie rief „Feuer!“ und wollte, dass „jemand endlich ihre Hände nähme“.

Also hielt ich sie fest – und sie schaute durch mich hindurch.

Auch das kenne ich von Papa damals. Als sein Leben sich im Krankenhaus dem Ende zuneigte, driftete sein Geist bei offenen Augen immer mehr in vergangene Sphären ab. Es sind wohl die Erlebnisse, die einen am meisten geprägt haben, die das Gedächtnis in diesem besonderen Übergangsstatus wieder hervorspült und real werden lässt. Papa war plötzlich wieder im Gerichtssaal, in dem er sich nach 30 Jahren treuer Betriebszugehörigkeit kurz vor der Rente stehend gegen eine betriebsbedingte Kündigung zur Wehr setzen musste.

Ich hörte ihn seine eigene Verteidigung formulieren.

Und wusste, dass ich Abschied nehmen musste. Auch Papa hatte damals seine klaren Momente zwischendurch. Dann forderte er Umarmungen von mir ein, wurde ganz weich und liebevoll. Mama hingegen erteilt wie eh und je Befehle, sobald sie wieder im Hier und Jetzt ist.

„Mehr Tee!“ „Wo ist mein Handtuch?!“ „Kissen unter meinen Kopf!“

Sie pfeift, ich springe. Es ist das Einzige, was ich gerade für sie tun kann. In den ruhigeren Momenten singe ich für sie Lieder, die sie früher für mich summte, wenn ich einschlafen sollte. Im Moment hat „Der Mond ist aufgegangen“ die beruhigendste Wirkung auf sie. Inzwischen kann ich alle drölfzig Strophen auswendig. Gestern bin ich der Abwechslung halber mal auf das Summen ihres Lieblingsliedes von Vicky Leandros, „Ich liebe das Leben“, umgestiegen (mit Text wäre es mir zu makaber vorgekommen). Mamas unzufriedenes Grunzen ließ mich aber schnell wieder auf Matthias Claudius‘ Mond umschwenken.

Eine Pflegerin kam herein.

Sie erzählte, dass sie Mama inzwischen zu dritt wenden müssen, weil sie sich so wehrt. Jede Bewegung tut ihr weh, aber was muss, das muss. Mama wird dabei aggressiv. Es fielen Begriffe wie „Kneifvorfall“ – wieder eine Parallele zum Kleinkind-Dasein. Ich weiß, dass die Pflegerinnen hier sehr vorsichtig mit ihr umgehen und konnte nicht umhin, mich für Mamas Aggressrion entschuldigen zu wollen. Aber die Pflegerin sagte, ich solle mir keine Gedanken machen, das seien sie schon gewöhnt.

Ich erfuhr außerdem, dass sie jetzt alle halbe Stunde nach ihr gucken.

„Sichtkontrolle“ nennt sich das. Heute hätte es schon einen Moment gegeben, in dem auch die Pflegerin kurz dachte, jetzt sei es soweit. „Ich weiß“, seufzte ich mit Tränen in den Augen. „Ich rechne auch schon immer damit.“ Sie lächelte mir zu. „Es ist alles so schnell gegangen auf einmal, nicht?“ meinte sie dann und schaute Mama wehmütig an. „Vor wenigen Wochen ist sie noch trällernd zum Chor gegangen und hat mit uns Feste gefeiert.“

Ich muss direkt ans Oktoberfest 2024 denken.

Als Mama mich quasi genötigt hat, dem Fest in meinem stilechten Dirndl beizuwohnen, weil sie ein bisschen mit mir angeben wollte. Ich habe mich dementsprechend ein bisschen vorgeführt gefühlt. Heute bin ich froh, dass ich den Spaß mitgemacht habe.

Anno 2024: Ready for Oktoberfest in Mamas Einrichtung

Die Pflegerin und ich tauschten weiter Anekdoten aus.

„Früher hat sie mich morgens beim Anlegen der Thrombose-Strümpfe immer gefragt, was ich zur weltpolitischen Lage sage. Und mir erzählt, was Trump und Putin wieder verbrochen haben. Dann haben wir zusammen den Kopf geschüttelt und gesagt, die Welt ist verrückt geworden“, erinnerte sich die Pflegerin, und ich musste schmunzeln. Typisch Mama. Immer zu allem ne Meinung.

Auch jetzt beobachtete sie uns und hörte uns zu.

Ihr Gehör hat stark nachgelassen, aber ich bin mir sicher – das Gespräch zwischen der Pflegerin und mir hat sie heute mitgeschnitten. Plötzlich wurden nämlich ihre Augen wacher: „Das mit der Bauchspeicheldrüse, das stimmt übrigens nicht!“, posaunte sie plötzlich ganz klar heraus.

Die Pflegerin runzelte vielsagend ihre Stirn.

Dazu muss man wissen: Die Ärzte im Krankenhaus haben Mamas Diagnosen größtenteils nur mir mitgeteilt, weil Mama geistig nicht anwesend genug war. Irgendwo hat sie aber zumindest das mit der „schwachen Bauchspeicheldrüse“ aufgeschnappt. Erstaunlich eigentlich, wir haben sie wohl unterschätzt. Natürlich glaubt sie den Ärzten kein Wort und regt sich fürchterlich auf.

Deshalb haben wir ihr das mit der Leberzirrhose noch gar nicht erzählt.

Weil es sie noch mehr stressen würde als die Sache mit der Bauchspeicheldrüse. Ich will ehrlich sein – das Schweigen fällt mir in diesem Fall gar nicht so leicht. Am liebsten würde ich es ihr noch aufs Butterbrot schmieren: „Schönen Gruß vom Klosterfrau Melissengeist, Deine Leber hat es nicht so locker genommen.“ Es gibt schon noch einen jähzornigen Teil in mir, der „Ich hab’s dir ja gesagt“ spielen möchte. Der müsste ihr dann aber auch die abertausend Momente in Erinnerung rufen, in denen ich sagte: „Wenn du dich nicht bewegst, wirst du bettlägerig“ und ihr zur nun erfolgten Muskelkontraktion „gratulieren“.

Ich übe mich lieber im Loslassen.

Ich lasse diese Erinnerung genauso los wie die zig Restaurantbesuche, bei denen sie zur „Feier des Tages“ dringend noch einen Schnaps oder einen Cocktail bestellen musste, die ich hinter ihrem Rücken gegen umdrehungsfreie Varianten austauschen ließ. Manchmal ging das schief – und ich musste sie im letzten Moment in die nächste Pflanze oder selber kippen. Nicht selten bin ich nach unseren Restaurant-Ausflügen beschwipster nach Hause gefahren als geplant.

Wer bin ich, ihr jetzt noch Vorhaltungen zu machen.

Vielleicht will ich mit 80 auch nur noch so daliegen, meinen geliebten Molinari kippen, eine Schachtel Marlboro rauchen und in Ruhe gelassen werden. Von einer nervenden Meckertante von Tochter zu einem gesunden Lebensstil drangsaliert zu werden, ist dann sicher auch nicht mehr Teil meiner Wunschliste.

Das Allergemeinste: Mama ist noch gar nicht bereit für die letzte Ruhe.

Bevor die gesundheitlichen Probleme im November begannen, war sie noch voller Lebensfreude, voller Gesang, voll willens, weiterzumachen. Aber dafür hat sie dann trotzdem zu wenig getan und unterschätzt, wie schnell der alte Körper dann den Geist aufgibt. Ich bin voller Mitgefühl für sie.

Selten war es so ätzend, Recht zu behalten.

Nun ist es, wie es ist – und wir müssen beide damit klarkommen. „Wir wollen doch noch zusammen sein“, sagte sie neulich voll des Bedauerns im Krankenhaus zu mir. Ja, das wollen wir, Mama – habe ich geantwortet und ihre Wange gestreichelt.

Heute fuhr ich mit einem warmen Gefühl nach Hause.

Das schöne Gespräch mit der Pflegerin hat mir gut getan. Zu wissen, dass sie in guten Händen ist, selbst, wenn sie kneift und brüllt, hilft mir sehr. Ich hoffe im Moment einfach von Tag zu Tag, dass sie mich morgen noch wiedererkennt und wir in ihren wachen Momenten noch ein Wort miteinander wechseln können. Und wenn ich nur Handlungsanweisungen erhalte, bevor sie irgendwann ganz in der anderen Welt bleibt.

Vor zwei Wochen bist du noch am Rollator durch dein Zimmer im Pflegeheim gelaufen, um dich an deinen Tisch zu setzen und dein geliebtes Matjesbrötchen zu mampfen, das ich dir ab und zu mitbringe. Jetzt liegst du hilflos im Krankenhaus, kannst deine Beine nicht mehr bewegen und dich nichtmal mehr alleine aufsetzen. Und das alles ist irreparabel. Draußen hört es nicht auf zu schneien – als wollte der tiefste Winter uns beiden zeigen, wie lang er werden kann.

Mich erinnert die Situation ein bisschen an April 2017.

Damals verfasste ich einen Blogbeitrag mit dem Titel „Am vorläufigen Ende des Weges“ . Meine Eltern lebten beide noch in Düsseldorf und ich in Hamburg – und nichts ging mehr bei ihnen. Ich hatte zuvor zwei Jahre lang aus der Ferne ihren Haushalt organisiert, bis es nicht mehr praktikabel war. Wir wollten die beiden nach Hamburg umsiedeln, aber sie weigerten sich. Wollten nicht sehen, was ich kommen sah: Wenig später ist Papa im Badezimmer gestürzt und im Krankenhaus verstorben.

Jetzt fühlt es sich wieder ähnlich an.

Wieder spüre ich: Ein Ende ist nah. Doch diesmal bleibt mir wenigstens das Gefühl erspart, nicht alles für Mama getan zu haben. Im Gegenteil. Wir hatten noch fast 8 schöne Jahre zusammen hier in Hamburg. 7 davon lebte sie in unserer Nachbarwohnung, anderthalb in der Pflegeeinrichtung. All unsere wunderbaren Ausflüge und sogar Kreuzfahrten möchte ich nicht missen.

Doch leicht war es natürlich auch nicht immer („Ich brauche keinen Rollator„, „Ich brauche keinen Pflegedienst!“, „Ich bin nicht dement“…). Nicht zu vergessen: Mamas heimlicher Klosterfrau-Melissengeist-Konsum, der sie samt Alkoholdelir ins Krankenhaus brachte, woraufhin klar war: Alleine zu Hause, das geht so nicht mehr. Als ich ein Machtwort sprechen musste, weil der Umzug in die stationäre Pflege unumgänglich war… selten habe ich mich so beschissen gefühlt, wie in diesem Moment.

Aber im Nachhinein war es das Beste, was wir machen konnten.

Sie hatte in der Pflegeeinrichtung nämlich noch ein richtig tolles Jahr. Sie hat dort im Chor gesungen und es geliebt, die Feste der Einrichtung mitzugestalten. Es fielen Sätze wie „Endlich führe ich hier das Leben, das ich schon immer hätte führen sollen! – Warum bin ich nicht schon viel eher hier eingezogen?!“, und ich wusste – alles richtig gemacht.

Doch dann ging es vor drei Monaten gesundheitlich abwärts, und zwar rapide.

Ich weiß ja, wie schnell das in ihrem Alter gehen kann. Immerhin ist Mama inzwischen 87. Da darf mich eigentlich nichts mehr überraschen. Trotzdem bin ich ganz betäubt davon, wie fix sie von „Ich gehe noch am Rollator“ zur totalen Bettlägerigkeit gelangt ist und sich nichtmal mehr richtig aufsetzen kann. Das ist jetzt leider der Stand der Dinge.

Jetzt liegt sie im Krankenhaus, so hilflos, und ich bin traurig.

Wir wissen heute noch nicht, was sie alles hat – aber es ist viel. Unter anderem eine Leberzirrhose. Wären wir in den USA, hätte ich wahrscheinlich gute Chancen darauf, Klosterfrau in Mamas Namen zu verklagen. Dieses hochprozentige Zeug, das für ältere Damen und Herren als Wundermittel der Natur daherkommt, ganz harmlos. Seit ihrem Umzug in die Einrichtung ist damit natürlich Feierabend gewesen – leider haben Leber und Niere ein gutes Gedächtnis.

Ach, Mama.

Wir wollten doch noch nach Kapstadt und Alaska. Stattdessen sitze ich nun täglich an deinem Bett und füttere dich, weil es sonst keiner hier im Krankenhaus macht und weil es hier auch sonst keinen interessiert, ob du was gegessen hast oder nicht. Selber essen kannst du nicht mehr, weil das Aufsetzen unmöglich ist.

(Update: Das muss ich revidieren. Ich hatte in den ersten Tagen den Eindruck, niemand registriert, ob sie gegessen hat oder nicht, das stimmt aber nicht. Die Pfleger:innen hier kümmern sich sogar sehr liebevoll und nehmen sich Zeit, ihr das Essen anzureichen. Ich hab es auch schon anders erlebt und deshalb voreilige Schlüsse gezogen. Und natürlich helfe ich trotzdem weiterhin mit).

Und dann wurde dir auch noch der „Knopf“ geklaut.

Heute komme ich in dein Zimmer und stelle fest: Du hast eine neue Bettnachbarin. Eine ältere Dame, ähnlich hilflos wie du, die viel schläft, und an deren Bett kein Notrufknopf installiert ist. In der Hand hält sie deinen Notrufknopf, den man ihr einfach hinübergezogen hat. Das macht mich sprachlos und wütend.

Könnten die beiden noch miteinander kommunizieren, wäre das vielleicht kein Problem. Dann könnten sie sich gegenseitig Bescheid geben, damit die Andere den Knopf drückt. Sie nehmen sich aber kaum noch gegenseitig wahr, können kaum über den Bettrand zur Anderen hinüber schauen. Im Zweifel wäre Mama also vollkommen aufgeschmissen.

Wie skrupellos kann man sein, einer offensichtlich hilflosen Patientin einfach den Notrufknopf wegzunehmen?

Wer auch immer das zu verantworten hat (den Pflegern zufolge die anderen Angehörigen), kann sich schonmal warm anziehen, sollten wir uns begegnen.

Ich habe kurz überlegt, den Notrufknopf einfach wieder dahin zu legen, wo er hingehört. Stattdessen bin ich natürlich losgestiefelt und habe einen zweiten organisiert, wie es sich gehört.

Wäre ich nicht täglich hier, wie würde es dann für dich laufen, Mama?

Sie kümmern sich hier gut um Dich, aber die Wärme zwischen uns lässt sich nicht ersetzen. Und die brauchst du ganz dringend, das sehe ich an Deinem erleichterten Gesicht, wenn ich komme. Denn in nur wenigen Tagen hast du eine Muskelkontraktur erlitten. Die Muskeln versteifen irreparabel, wenn man sie nicht bewegt. Das war mir bekannt, aber mir war nicht klar, wie verdammt schnell das gehen kann.

Ironie des Schicksals, dass du ausgerechnet jetzt geistig noch voll fit bist.

Wir hatten ja in der Vergangenheit auch immer mal wieder Momente (vor dem Umzug ins Pflegeheim zB), in denen die Demenz voll durchschlug und du mich nichtmal wiedererkannt hast. Nun, da dein Körper vollends aufgibt, bist du hingegen komplett geistig anwesend. Was für ein unfairer Mist eigentlich. Andererseits bin ich natürlich froh, dass wir noch miteinander sprechen können.

Es redet ja sonst niemand mit mir.

Die Ärzte nehmen, seit du eingeliefert wurdest, permanent Reißaus vor mir. Niemand hält mich auf dem Laufenden, ich telefoniere ständig hinterher, und es ist dem puren Zufall zu verdanken, wenn ich überhaupt mal was erfahre. Ich weiß also immerhin, dass du eine Lebererkrankung im Endstadium hast, habe aber nach wie vor keine Ahnung, was bei diversen anderen Untersuchungen herausgekommen ist. Du fragst auch nicht danach, willst es gar nicht wissen, es würde dich überfordern – du spürst ja ohnehin, was los ist. Und ich schwanke: Soll ich dich mit meinem Wissen quälen? Und hast Du nicht ein Recht darauf, mehr zu erfahren?

Aber Du strahlst so, wenn ich endlich da bin.

Und es fällt mir schwer, dir so unerbittlich die Wahrheit um die Ohren zu hauen. Du wirst nie wieder aufstehen, und du wirst nie wieder gesund. Mehr weiß ich auch nicht, aber das reicht mir persönlich auch schon vollkommen. Alles, woran ich denken kann, ist: Wie gut, dass wir letzten Sommer noch die schöne Bootstour über den Schweriner See gemacht haben. Wie schön, dass wir noch ein paar Mal zusammen im Restaurant waren. Wie schade, dass ich so wenig Zeit für dich hatte in den letzten Wochen des Jahres 2025. Diese Situation verlangt mir viel Kraft ab, die Ungewissheit raubt mir den letzten Nerv. Aber wie muss es erst für dich sein…

Morgen bin ich wieder da, gebe dir zu essen und halte deine Hand.

Ich mache mich extra immer hübsch für dich, schminke mich und ziehe mich schick an, damit das Letzte, was du vielleicht siehst, nicht diese abgehalfterte, müde, blasse und augenberingte Variante von mir ist, die mir zurzeit jeden Morgen aus dem Spiegel entgegenschaut. Ich möchte nicht, dass du dir Sorgen um mich machst. Du fragst ohnehin schon zu oft nach, ob bei „uns“ alles in Ordnung ist, weil du Angst hast, mich „alleine“ zu lassen. Bei „uns“ ist alles in Ordnung, sage ich dann, und sehe den Zweifel in deinem Blick. Ich stehe seit vielen Jahren auf meinen eigenen Beinen, bin aber doch immer dein Kind geblieben.

So stapfe ich hier grad traurig mittags mit Happy durch den Schnee.

Du hast den Wiener Opernball gestern verpasst.

Den wir immer zusammen geschaut haben. Ich hab ein bisschen für dich mitgeguckt und dir heute davon erzählt. Du hast gelächelt und deine Lieblingsmelodie gesummt. Wie sehr mich diese stundenlange, nicht enden wollende Übertragung des Wiener Pomps in den letzten Jahren genervt hat. Wie gerne würde ich ihn jetzt nochmal mit dir gucken. Ich summe den Wiener Walzer mit dir mit, bis du einschläfst, und fahre nach Hause, ins Ungewisse, wie jeden Tag momentan.

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