Du hast es geschafft, liebe Mama. Die Qual der letzten Wochen hat ein Ende. Gestern Nachmittag bist du von uns gegangen, eine Stunde, bevor ich zu dir wollte. Irgendwie glaube ich, du wolltest mich in diesem Moment nicht an deiner Seite haben. Sonst hättest du vielleicht noch gewartet. Ich bin traurig und esse dir zu Ehren ein Matjesbrötchen. Bei Papa war es die Marzipanschokolade, bei dir eben ein viel zu kleines Stückchen Fischfilet mit etwas labberigem Salatblatt zwischen zwei sehr trockenen Brötchenhälften. Du hast es geliebt. Du fehlst mir sehr. Erstaunlicherweise denke ich dabei vor allem an die Dinge, mit denen du mich früher wahnsinnig gemacht hast.
Aber es sind eben auch die liebenswerten Angewohnheiten, die dich so ausgezeichnet haben.
Wenn ich meinen Besuch bei dir angekündigt habe, riefst du grundsätzlich 5 Minuten vor dem vereinbarten Zeitpunkt bei mir an, um nachzufragen, wo ich denn bliebe. Deine Ungeduld war legendär. Wie oft hat mich dieses Handyklingeln endlos gestresst. Heute schaue ich traurig in meine Anrufliste. 3. Februar, 16:56 Uhr steht da bei deinem allerletzten Anruf – vier Minuten vor 5. Ich stand gerade an der letzten Ampel und fluchte leise, bevor ich freundlich in die Freisprechanlage rief, ich sei gleich da. Doch dieses Nachhaken, das war nicht nur Ungeduld, das war vor allem Ausdruck deiner immerwährenden Sorge um mich.
Wie damals, als du in meiner ersten Schulwoche die Polizei zur Schule gerufen hast, weil ich nicht nach Hause gekommen war.
Du hattest schon immer ein Händchen für den ganz großen Auftritt, bzw. wusstest, wie man dafür sorgt, dass die eigene Tochter bereits am dritten Tag ihrer Schullaufbahn im Handumdrehen schulbekannt (oder besser gesagt, zum Schulgespött) wird. Was war passiert? Mein Schulweg betrug ungefähr 150 Meter, er ging gerade die Straße hinunter, und ich musste dabei nur eine kleine Nebenstraße überqueren.
Ziemlich sichere Sache also.
Leider habe ich mich tagsüber mit meinem neuen Sitznachbarn gestritten, sodass wir beide nachsitzen mussten. Tafel wischen, Stühle hochstellen, etc. Deshalb erschien ich also nicht zur bekannten Uhrzeit zu Hause. Du liefst mir beunruhigt entgegen – aber irgendwie müssen wir uns auf der kurzen Strecke wohl verpasst haben. Jedenfalls klingelte ich vergeblich zu Hause an der Tür, während du im Direktorenbüro einen solches Theater veranstaltet hast, dass wenig später ein Polizeiauto auf dem Schulhof stand, und zwar zehn Minuten, bevor die letzte Stunde zu Ende war und der gesamte Hof von neugierigen Kindern geflutet wurde.
Während mir die Nachbarin meiner Eltern Asyl gab, gabst du dem Nervenzusammenbruch nahe eine Vermisstenanzeige auf.
Das Ganze löste sich dann natürlich schnell auf – aber ich war am nächsten Tag gebrandmarkt, und du hattest dir den Preis für die ängstlichste Mutter des Jahres verdient. Damals war ich 6 und du 47, also so alt wie ich heute. Aber auch mit 47 und 88 hatte sich an deiner mütterlichen Besorgnis rein gar nichts geändert. Jetzt fehlt mir das, und noch viel mehr.
Ich vermisse sogar dein „lautes Organ“.
So hat Papa das immer genannt, wenn dir mal wieder nicht auffiel, dass du mit deinen Erzählungen das gesamte Restaurant unterhalten hast (was mir übrigens auch ab und zu passiert).
Nein, die leisen Töne lagen dir nicht. Du warst aus vollem Halse Sängerin (Krefelder Stadttheater! 1956!)! Du wolltest Rampenlicht, und das in fast jeder Minute deines Lebens. Singen war dein Lebenselixier. Von Vicky Leandros‘ „Ich liebe das Leben“ bis zu deinem Lieblingsstück „O habet Acht (vor den Kindern der Nacht)“ aus dem Zigeunerbaron, das wir alle ehrlich gesagt immer ganz schön gruselig fanden (und dass man „Zigeuner“ nicht mehr sagt, war dir auch nicht mehr beizubringen).
Ich werde es vermissen, mit dir über den Sonntagsstammtisch zu reden.
Jeden Sonntag kurz vor dem Mittagessen war er dein Pflichtprogramm: Der Sonntagsstammtisch im Bayerischen Rundfunk. Ich musste ihn auch immer schauen – bzw, mich informieren, wer dagewesen ist, weil du mit mir darüber reden wolltest. Du konntest dich stundenlang über den „neuen“ Moderator echauffieren, der deinen Liebling Helmut Markwort abgelöst hatte (2018 schon, aber das ist ja quasi gestern gewesen!), der Markwort selbstverständlich „nicht das Wasser reichen“ konnte. Erst der zweite Nachfolger, Hans Werner Kilz, fand – hallelujah – endlich deine Zustimmung. Was ich in deinem Auftrag und in deinem Namen in mehreren Beschwerde-Mails an die Redaktion kundtun musste.
Apropos Zuschauerpost: Ich glaube, auch die NDR-Klassik-Nachtsendung wird ihre treueste Hörerin vermissen.
Da du nachts oft nicht schlafen konntest, lief dein Lieblings-Klassiksender bis in die frühen Stunden. Und du warst im Morgengrauen mit Sicherheit die aufmerksamste Zuhörerin. Dir entging kein Fehler in der Anmoderation irgendeiner Beethoven-Symphonie. Du hast sie alle notiert – und wieder durfte ich dann vermittelnd tätig werden. Sie haben auch jedesmal geantwortet und sich dann vielmals für ihre tausenden „Faux pas“ entschuldigt. Es könne natürlich nicht jeder ein so umfassendes Beethoven-Wissen vorweisen wie du. Du wurdest auch nicht müde, das zu betonen und mir mein mangelndes Klassik-Verständnis unter die Nase zu reiben.
Ja, du warst das größte Beethoven-Fangirl, wie man heute so schön sagt.
Deswegen waren wir auch an Silvester zur Neunten in der Leiszhalle und zum Klavierkonzert in der Elbphilharmonie. Von der Neunten warst du begeistert, aber das Klavierkonzert hat dir weniger zugesagt. Dem Pianisten fehlte deiner Meinung nach die Liebe zum Künstler, schimpftest du lautstark während der Aufführung. Da man mich aufgrund eines Buchungsfehlers am anderen Ende des Saales platziert hatte (skandalös!), kann ich dir heute noch versichern, dass ich dort jedes Wort deiner Kritik laut und deutlich verstanden habe – und der restliche Saal inklusive Pianist ebenso. Die gute Akustik der Elbphilharmonie war uns ja aber bereits bestens bekannt, seit du bei einem anderen Silvesterkonzert („Die lustige Witwe“) mitten in einer Atempause deine mitgebrachte Butterbrotdose fallengelassen hast.
Niemand brachte mich je so nachhaltig dazu, im Erdboden zu versinken.
Zum Beispiel, wenn du jede neue, offensichtlich nicht mitteleuropäische Pflegekraft in der Einrichtung erstmal nach ihrer „wahren“ Herkunft gefragt hast. Auch hier war dir keine Political Correctness mehr zu vermitteln, und ich habe mich oft für dich entschuldigt. Ja, deine laute, oft unangebrachte Art war mir oft zu viel oder unangenehm und meinem eigenen Wesen so fern. Aber sie gehörte nunmal zu dir, sie war Teil deiner unumstößlichen Grundeinstellung, und auch dafür habe ich dich sehr lieb.
Es war so schön, dass du bei uns warst.
Es war so schön, dass du den Schritt nach Hamburg nach Papas‘ Tod mit uns gegangen bist. Oft habe ich mir gewünscht, er hätte sich doch noch dazu durchringen können. Durch seine sture Ablehnung haben wir vermutlich einige Jahre gemeinsame Zeit verloren. Damit hadere ich. Wo wir mit dir abends den Wiener Opernball geguckt haben und auf Kreuzfahrt in London oder am Strand in Kiel waren, hätten wir mit Papa prima zum Fußball gehen, sonntags Rommé spielen und Doppelpass gucken können. Er wollte nicht, und du damals auch noch nicht. Aber dann hast du den Umzug doch mitgemacht. Und schau dir an, wie viel wir alle gewonnen haben. Du hast in den neun Jahren bei uns so viel erlebt wie in 20 Jahren zuvor in Düsseldorf nicht. Das macht mich am allerglücklichsten – und das bleibt mir erhalten. Genau wie Deine Begeisterungsfähigkeit – denn die haben wir gemein.
Deine große Liebe fürs Leben, dein Festhalten an jedem Atemzug.
Das werde ich wohl am meisten vermissen. Deine unbändige Lebensfreude, die immer in dir geschlummert hat, selbst in den dunkelsten Phasen. So sehr hast du noch darum gekämpft, bleiben zu dürfen. Nein, du warst alles andere als fertig mit dem Leben. Leider hatte dein Körper andere Pläne. Mit den Erinnerungen und Eindrücken aus den schweren, letzten Wochen, die dich so verändert haben, werde ich noch länger zu tun haben. Das wird mich noch lange beschäftigen.
Am Ende waren meine Nerven auch sehr angespannt.
Ich konnte nicht mehr. Nachdem ich über Wochen hinweg jeden Tag, sobald ich konnte, an deinem Bett gesessen und währenddessen jeden Schrei und jedes Rufen, das aus dir hochstieg, mitausgehalten habe, war meine Kraft am Ende auch erschöpft. Dein lautes Organ wurde langsam heiser, und ich immer ungeduldiger. Du hast es – vermutlich – gar nicht mehr mitbekommen; hattest mich schon seit Tagen nicht mehr wiedererkannt oder auf mich reagiert. Ich weiß also nicht, wie viel du von meiner Verzweiflung noch spürtest. All die Tage hatte ich tapfer durchgehalten; aber am Nachmittag vor deinem Tod bin ich auch neben dir zusammengebrochen, konnte meine beruhigende Fassade nicht mehr aufrechterhalten.
Ich habe neben dir um dich geweint.
Und ich habe offen gesagt, dass ich auch nicht mehr kann. Du hast in diesem Stadium nochmal Kriegserlebnisse durchgemacht, „Feuer“ gebrüllt, deine Mutti angesprochen, die du wohl in dem Moment sehen konntest. Ich versuchte, deine Erinnerungen auf die schönen Erlebnisse deines Lebens umzulenken, dein Leben in Kiel, dein Leben mit Papa. Aber das hatte immer nur ganz kurz Erfolg. Ich konnte dir nicht mehr helfen, und das hat mir letzten Rest Kraft genommen. Also habe ich um deine Erlösung gebeten – denn niemand hat so ein Ende verdient, in dem er immer nur kämpft und der Kampf ums Überleben zur Qual wird.
Vielleicht hast du meine Bitten gehört.
Vielleicht hast du in diesem Moment verstanden, dass du loslassen kannst. Denn am nächsten Tag hast du beschlossen, zu gehen, bevor ich kam. Ich konnte noch ein bisschen Mama-Wärme von dir spüren, bevor ich mich endgültig verabschieden musste.
Danke, Mama.
Danke, dass du noch so lange bei uns warst. Danke für alle Sonntagsessen, zu denen du mit deinem anfangs so ungeliebten Rollator aus der Nachbarwohnung fröhlich angejückelt kamst. Danke für deine laute Lache, deine kindliche Freude, deine Liebe zum Meer und dafür, dass du nie einen Hehl um deinen Stolz auf mich gemacht hast. Danke für dein Temperament und die eintausend lustigen Anekdoten, die du uns beschert hast. All das wird mich weiter durch mein Leben tragen. Vielleicht sogar bis nach Alaska.






