Ich spreche ja oft darüber, dass Care-Arbeit kostet (Nerven, Zeit, Geld – nicht selten die Karriere) und beschwere mich, dass die gesellschaftliche Leistung Pflegender Angehöriger nicht genug beachtet wird. Dabei ist mir aufgefallen, dass wir noch viel zu wenig über dieses „Mehr“ an Leistung sprechen.
Was ist denn dieses „Mehr“ eigentlich?
Dieser Frage möchte ich mich heute mit einem konkreten Praxisbeispiel nähern. Nehmen wir unseren „Fall“. Ich habe meine Mutter 2017 von Düsseldorf nach Hamburg geholt. Sie hat einen Pflegegrad bekommen, und ich habe seitdem einen „Nebenjob“ als Pflegende Angehörige. In den ersten 7 Jahren, also bis 2024, bestand dieses „Mehr“ an Arbeit aus einem zweiten Haushalt, denn Mama lebte neben uns, konnte ihren Haushalt aber nicht mehr selber führen.
Ich habe also zwei Haushalte gestemmt.
Mit allem „Drum und Dran“, was eben so zu einem Haushalt mit einer 80-jährigen gehört. Putzen, aufräumen, einkaufen, Grauer-Star-OPs, Arzttermine aller Art, Stromrechnungen, Notruftelefon, Mietverhältnis, Hausmeister, Gartenarbeit (sie hatte eine große Terrasse) und und und. Plus: Pflege natürlich. Mithilfe eines Pflegedienstes – aber ein Großteil blieb ja trotzdem bei mir. Und dazu noch Medikamentenorga, Abstimmungsrunden, etc. etc. etc. Wir hatten ein gutes, funktionierendes System – bis es nicht mehr ging. Bis die Demenz erforderte, dass jemand 24/7 auf sie aufpasst, und nicht nur 2 Mal am Tag. Was wir nicht mehr leisten konnten und die Reise Richtung vollstationäre Pflege antreten mussten.
Nun lebt Mama in einer Pflegeeinrichtung.
Bin ich damit „fein raus“? Nein. Möchte ich auch gar nicht sein. Trotzdem kommt mir manchmal der Gedanke, ob ich mich überhaupt noch „Pflegende Angehörige“ nennen darf, denn den Hauptjob der Pflege übernehmen ja nun andere für mich.
Und dann stehe ich wieder in ihrem Badezimmer und reinige ihr Gebiss, während ich das Universum verfluche und mich frage, wann Karma endlich mal Paybacktag hat.
Blöde Frage also: Natürlich bin ich trotzdem noch Pflegende Angehörige, obwohl sie nun in einer Einrichtung lebt. Ich arbeite schließlich immer noch mit. Hat sie genügend Kleidung? Nein – ich kaufe etwas nach. Der Rollator muss mal wieder gereinigt werden? Ich nehme den Putzlappen mit. Sie benötigt neue Hausschuhe? Ich bestelle, wir probieren an, zu klein, ich schicke zurück. Sie möchte in der Mediathek ihre Lieblingssendung gucken? Ich fahre hin und mache sie an (mit 87 lernt sie nicht mehr, wie man den Fire-TV-Stick bedient).
Oder widme mich eben ihren dritten Zähnen.
Denn Mama hat zwar Demenz – aber immer noch einen starken, eigenen Willen: An ihr Gebiss darf keiner ran, außer mir. Da können sich die besten PflegerInnen der besten Einrichtung auf den Kopf stellen und lachen. Sie weigert sich. Das Problem ist: Manchmal weigert sie sich auch zwei Wochen lang – wenn ich mal krank bin und nicht kommen kann. Und zum Thema „Selberputzen“ hat sie ein zwiegespaltenes Verhältnis. Hinzu kommt, sie ist nicht mehr so geschickt, und beim Epic Battle „Gebiss vs. Keramikwaschbecken“ gewinnt leider meistens das Waschbecken. Was teuer werden kann. Sehr teuer. Sie trägt ja Zähne im Gegenwert eines Kleinwagens im Mund.
Also mache ich das.
Ich mache immer noch diese Lieblings-Jobs, die man als Pflegende Angehörige so besonders toll findet. Ein Gebiss reinigen, das zwei Wochen lang kein Tageslicht gesehen hat, gehört definitiv zu meinen „Highlights“. Karma schuldet mir inzwischen eine Menge. Zumal dieser Reinigungsprozedur auch immer ein Wortgefecht voraus geht. Ich muss Mama immer erst von der Notwendigkeit des Vorgangs überzeugen. Sie also zu etwas überreden, worauf ich selbst – gelinde gesagt – gar keinen Bock habe.
Zu diesem Thema gibt es einschlägige Erfahrungswerte.
Das weggammelnde Gebiss hat mich schonmal meine kompletten Osterferien gekostet, weil ihr Gaumen per Not-OP gerettet werden musste. Nachdem sie mir gegenüber wochenlang behauptet hatte, der Pflegedienst würde das Gebiss regelmäßig reinigen, während sie dem Pflegedienst erzählte, ihre Tochter hätte diese Aufgabe übernommen.
Und so landete sie dann auf dem OP-Tisch unserer verzweifelten Zahnärztin.
Die mich heute noch, Jahre später, bei jedem Kontrolltermin, mit so einem nervösen Zucken um die Mundwinkel herum fragt, wie es meiner werten Frau Mutter ginge. Dieses Erlebnis hat mal eben eine ganze Zahnarztpraxis traumatisiert.
Wie schön für Mama, dass sie sich heute dank der Demenz überhaupt nicht mehr daran erinnert. Weshalb sie natürlich auch keine „Learnings“ daraus ziehen kann. Ich hab es dagegen leider noch sehr präsent vor Augen.
Matjesbrötchen oder für immer Suppe – das ist hier die Frage.
Mit diesem Argument kriege ich sie immer. Entweder du lässt mich putzen, oder das war’s mit den Matjesbrötchen. Die Haltung „Ich reinige meine Zähne nicht“ wird nämlich über kurz oder lang gleichbedeutend sein mit „Ich kann für den Rest meiner Tage Suppe schlürfen“ – denn ein Ersatzgebiss im Wert eines zweiten Kleinwagens wird es nicht geben, da bin ich rigoros. Bevor sie aber auf ihr geliebtes Matjesbrötchen verzichtet, beißt sie eben in den sauren Apfel – oder eben in die Zahnbürste.
Apropos Matjesbrötchen und das „Mehr“.
Das ist ja auch noch so eine schöne Geschichte für sich. Seit einigen Wochen ist Mama also scharf auf Matjesbrötchen. In ihrer Einrichtung wird zwar exzellent gekocht, „frischen Fisch gibt es aber viel zu selten“, sagt sie. Ich bin also eine reizende Tochter und fahre vor fast jedem Besuch den Umweg zum Fischladen, besteche den Verkäufer, mir noch eine Extrascheibe Matjes aufs Brötchen zu legen und mache mich nicht selten nur mit diesem einen Brötchen bewaffnet auf die halbstündige Autotour in Mamas Einrichtung.
Zehn Minuten bevor ich ankomme, klingelt schon mein Telefon, wo denn ihr Matjesbrötchen bliebe.
Nicht, dass sie sich so sehr auf meinen Besuch freuen würde oder darauf, mit mir zu quatschen. Nein, sie freut sich nur aufs Matjesbrötchen. Ich könnte auch im Drive-By-Modus einfach vorbeifahren und ihr das Brötchen durchs offene Fenster schleudern – damit wäre sie genauso glücklich. Aber nein, ich setze mich daneben, während sie selig ihr Matjesbrötchen futtert, ohne ansonsten großen Wert auf meine Anwesenheit zu legen.
„Du kannst auch wieder gehen!“, sagt sie dann.
Und ich merke ihr an, dass sie gern ihre Ruhe vor mir hätte, obwohl sie vorschiebt, mir nicht meine wertvolle Zeit stehlen zu wollen. Aber diese störrische Tochter bleibt einfach sitzen und verlangt nach der Mahlzeit auch noch die Herausgabe des Gebisses zwecks Reinigung. Wir könnten beide nicht genervter sein.
Aber watt mutt, datt mutt.
Sobald ich mir vielsagend die Einmalhandschuhe überstreife, lege ich gleichzeitig in atemberaubende Tempo eine Transformation von der Mustertochter zur Meckertante hin. Schon bin ich nicht mehr der hilfreiche Matjesbrötchen-Lieferservice, sondern die anstrengende Nervziege mit ihrem Reinigungsfimmel.
Und das – meine Damen und Herren – ist nun ein Paradebeispiel für dieses „Mehr“.
Nur ein sehr kleines Beispiel. Und nichts im Vergleich zu dem, was ich vorher an Care-Arbeit geleistet habe, als Mama noch nebenan wohnte. Wir stemmen all sowas einfach mit, wir Pflegenden Angehörigen, neben unseren Vollzeitjobs, unseren Kindern, unseren Haustieren, unseren Ehemännern und sonstigen Verpflichtungen.
Und wir erzählen viel zu wenig davon, finde ich.
Ich will das wieder ändern. Denn genau dafür habe ich vor nunmehr 10 Jahren, zu Beginn meiner Reise als Pflegende Angehörige, dieses Blog ins Leben gerufen. Care-Arbeit muss sichtbarer werden.
Und dabei kann es nicht immer nur um das selige Lächeln beim Anblick eines Matjesbrötchens gehen.
Um das Ausmaß von Care-Arbeit Pflegender Angehöriger zu zeigen, müssen auch die Aufwände ans Licht, die mich den Karma-Paybacktag herbeifluchen lassen. Trotz allem fürchte ich den Tag, an dem ich von dieser Aufgabe entbunden sein werde. Und genau dieses Wechselbad der Gefühle zwischen Pflichtbewusstsein, völliger Überforderung, Lichtblicken und Dankbarkeit, dieser Extra-Aufwand, den wir betreiben, damit das ganze Pflegesystem hierzulande nicht zusammenbricht – das ist dieses „Mehr“, das viel zu wenig gesehen wird.
