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Vollstationäre Pflege

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Vor zwei Wochen bist du noch am Rollator durch dein Zimmer im Pflegeheim gelaufen, um dich an deinen Tisch zu setzen und dein geliebtes Matjesbrötchen zu mampfen, das ich dir ab und zu mitbringe. Jetzt liegst du hilflos im Krankenhaus, kannst deine Beine nicht mehr bewegen und dich nichtmal mehr alleine aufsetzen. Und das alles ist irreparabel. Draußen hört es nicht auf zu schneien – als wollte der tiefste Winter uns beiden zeigen, wie lang er werden kann.

Mich erinnert die Situation ein bisschen an April 2017.

Damals verfasste ich einen Blogbeitrag mit dem Titel „Am vorläufigen Ende des Weges“ . Meine Eltern lebten beide noch in Düsseldorf und ich in Hamburg – und nichts ging mehr bei ihnen. Ich hatte zuvor zwei Jahre lang aus der Ferne ihren Haushalt organisiert, bis es nicht mehr praktikabel war. Wir wollten die beiden nach Hamburg umsiedeln, aber sie weigerten sich. Wollten nicht sehen, was ich kommen sah: Wenig später ist Papa im Badezimmer gestürzt und im Krankenhaus verstorben.

Jetzt fühlt es sich wieder ähnlich an.

Wieder spüre ich: Ein Ende ist nah. Doch diesmal bleibt mir wenigstens das Gefühl erspart, nicht alles für Mama getan zu haben. Im Gegenteil. Wir hatten noch fast 8 schöne Jahre zusammen hier in Hamburg. 7 davon lebte sie in unserer Nachbarwohnung, anderthalb in der Pflegeeinrichtung. All unsere wunderbaren Ausflüge und sogar Kreuzfahrten möchte ich nicht missen.

Doch leicht war es natürlich auch nicht immer („Ich brauche keinen Rollator„, „Ich brauche keinen Pflegedienst!“, „Ich bin nicht dement“…). Nicht zu vergessen: Mamas heimlicher Klosterfrau-Melissengeist-Konsum, der sie samt Alkoholdelir ins Krankenhaus brachte, woraufhin klar war: Alleine zu Hause, das geht so nicht mehr. Als ich ein Machtwort sprechen musste, weil der Umzug in die stationäre Pflege unumgänglich war… selten habe ich mich so beschissen gefühlt, wie in diesem Moment.

Aber im Nachhinein war es das Beste, was wir machen konnten.

Sie hatte in der Pflegeeinrichtung nämlich noch ein richtig tolles Jahr. Sie hat dort im Chor gesungen und es geliebt, die Feste der Einrichtung mitzugestalten. Es fielen Sätze wie „Endlich führe ich hier das Leben, das ich schon immer hätte führen sollen! – Warum bin ich nicht schon viel eher hier eingezogen?!“, und ich wusste – alles richtig gemacht.

Doch dann ging es vor drei Monaten gesundheitlich abwärts, und zwar rapide.

Ich weiß ja, wie schnell das in ihrem Alter gehen kann. Immerhin ist Mama inzwischen 87. Da darf mich eigentlich nichts mehr überraschen. Trotzdem bin ich ganz betäubt davon, wie fix sie von „Ich gehe noch am Rollator“ zur totalen Bettlägerigkeit gelangt ist und sich nichtmal mehr richtig aufsetzen kann. Das ist jetzt leider der Stand der Dinge.

Jetzt liegt sie im Krankenhaus, so hilflos, und ich bin traurig.

Wir wissen heute noch nicht, was sie alles hat – aber es ist viel. Unter anderem eine Leberzirrhose. Wären wir in den USA, hätte ich wahrscheinlich gute Chancen darauf, Klosterfrau in Mamas Namen zu verklagen. Dieses hochprozentige Zeug, das für ältere Damen und Herren als Wundermittel der Natur daherkommt, ganz harmlos. Seit ihrem Umzug in die Einrichtung ist damit natürlich Feierabend gewesen – leider haben Leber und Niere ein gutes Gedächtnis.

Ach, Mama.

Wir wollten doch noch nach Kapstadt und Alaska. Stattdessen sitze ich nun täglich an deinem Bett und füttere dich, weil es sonst keiner hier im Krankenhaus macht und weil es hier auch sonst keinen interessiert, ob du was gegessen hast oder nicht. Selber essen kannst du nicht mehr, weil das Aufsetzen unmöglich ist.

(Update: Das muss ich revidieren. Ich hatte in den ersten Tagen den Eindruck, niemand registriert, ob sie gegessen hat oder nicht, das stimmt aber nicht. Die Pfleger:innen hier kümmern sich sogar sehr liebevoll und nehmen sich Zeit, ihr das Essen anzureichen. Ich hab es auch schon anders erlebt und deshalb voreilige Schlüsse gezogen. Und natürlich helfe ich trotzdem weiterhin mit).

Und dann wurde dir auch noch der „Knopf“ geklaut.

Heute komme ich in dein Zimmer und stelle fest: Du hast eine neue Bettnachbarin. Eine ältere Dame, ähnlich hilflos wie du, die viel schläft, und an deren Bett kein Notrufknopf installiert ist. In der Hand hält sie deinen Notrufknopf, den man ihr einfach hinübergezogen hat. Das macht mich sprachlos und wütend.

Könnten die beiden noch miteinander kommunizieren, wäre das vielleicht kein Problem. Dann könnten sie sich gegenseitig Bescheid geben, damit die Andere den Knopf drückt. Sie nehmen sich aber kaum noch gegenseitig wahr, können kaum über den Bettrand zur Anderen hinüber schauen. Im Zweifel wäre Mama also vollkommen aufgeschmissen.

Wie skrupellos kann man sein, einer offensichtlich hilflosen Patientin einfach den Notrufknopf wegzunehmen?

Wer auch immer das zu verantworten hat (den Pflegern zufolge die anderen Angehörigen), kann sich schonmal warm anziehen, sollten wir uns begegnen.

Ich habe kurz überlegt, den Notrufknopf einfach wieder dahin zu legen, wo er hingehört. Stattdessen bin ich natürlich losgestiefelt und habe einen zweiten organisiert, wie es sich gehört.

Wäre ich nicht täglich hier, wie würde es dann für dich laufen, Mama?

Sie kümmern sich hier gut um Dich, aber die Wärme zwischen uns lässt sich nicht ersetzen. Und die brauchst du ganz dringend, das sehe ich an Deinem erleichterten Gesicht, wenn ich komme. Denn in nur wenigen Tagen hast du eine Muskelkontraktur erlitten. Die Muskeln versteifen irreparabel, wenn man sie nicht bewegt. Das war mir bekannt, aber mir war nicht klar, wie verdammt schnell das gehen kann.

Ironie des Schicksals, dass du ausgerechnet jetzt geistig noch voll fit bist.

Wir hatten ja in der Vergangenheit auch immer mal wieder Momente (vor dem Umzug ins Pflegeheim zB), in denen die Demenz voll durchschlug und du mich nichtmal wiedererkannt hast. Nun, da dein Körper vollends aufgibt, bist du hingegen komplett geistig anwesend. Was für ein unfairer Mist eigentlich. Andererseits bin ich natürlich froh, dass wir noch miteinander sprechen können.

Es redet ja sonst niemand mit mir.

Die Ärzte nehmen, seit du eingeliefert wurdest, permanent Reißaus vor mir. Niemand hält mich auf dem Laufenden, ich telefoniere ständig hinterher, und es ist dem puren Zufall zu verdanken, wenn ich überhaupt mal was erfahre. Ich weiß also immerhin, dass du eine Lebererkrankung im Endstadium hast, habe aber nach wie vor keine Ahnung, was bei diversen anderen Untersuchungen herausgekommen ist. Du fragst auch nicht danach, willst es gar nicht wissen, es würde dich überfordern – du spürst ja ohnehin, was los ist. Und ich schwanke: Soll ich dich mit meinem Wissen quälen? Und hast Du nicht ein Recht darauf, mehr zu erfahren?

Aber Du strahlst so, wenn ich endlich da bin.

Und es fällt mir schwer, dir so unerbittlich die Wahrheit um die Ohren zu hauen. Du wirst nie wieder aufstehen, und du wirst nie wieder gesund. Mehr weiß ich auch nicht, aber das reicht mir persönlich auch schon vollkommen. Alles, woran ich denken kann, ist: Wie gut, dass wir letzten Sommer noch die schöne Bootstour über den Schweriner See gemacht haben. Wie schön, dass wir noch ein paar Mal zusammen im Restaurant waren. Wie schade, dass ich so wenig Zeit für dich hatte in den letzten Wochen des Jahres 2025. Diese Situation verlangt mir viel Kraft ab, die Ungewissheit raubt mir den letzten Nerv. Aber wie muss es erst für dich sein…

Morgen bin ich wieder da, gebe dir zu essen und halte deine Hand.

Ich mache mich extra immer hübsch für dich, schminke mich und ziehe mich schick an, damit das Letzte, was du vielleicht siehst, nicht diese abgehalfterte, müde, blasse und augenberingte Variante von mir ist, die mir zurzeit jeden Morgen aus dem Spiegel entgegenschaut. Ich möchte nicht, dass du dir Sorgen um mich machst. Du fragst ohnehin schon zu oft nach, ob bei „uns“ alles in Ordnung ist, weil du Angst hast, mich „alleine“ zu lassen. Bei „uns“ ist alles in Ordnung, sage ich dann, und sehe den Zweifel in deinem Blick. Ich stehe seit vielen Jahren auf meinen eigenen Beinen, bin aber doch immer dein Kind geblieben.

So stapfe ich hier grad traurig mittags mit Happy durch den Schnee.

Du hast den Wiener Opernball gestern verpasst.

Den wir immer zusammen geschaut haben. Ich hab ein bisschen für dich mitgeguckt und dir heute davon erzählt. Du hast gelächelt und deine Lieblingsmelodie gesummt. Wie sehr mich diese stundenlange, nicht enden wollende Übertragung des Wiener Pomps in den letzten Jahren genervt hat. Wie gerne würde ich ihn jetzt nochmal mit dir gucken. Ich summe den Wiener Walzer mit dir mit, bis du einschläfst, und fahre nach Hause, ins Ungewisse, wie jeden Tag momentan.

Mama ist seit Juni 2024 in der vollstationären Pflege. Das musste sein und war ein langer Weg: Von „Ich lebe noch ganz alleine zu Hause“ über „Ich schlafe zu lange, nehme meine Tabletten nicht mehr regelmäßig genug und rutsche in einen epileptischen Anfall“ bis „Ich drehe zwei Runden übers Krankenhaus und ziehe dann ins Pflegeheim“ haben wir zusammen zwischen März und Juli eine Menge durchgemacht.

Wir waren tatsächlich in einem grauenhaften Kreislauf gefangen – bei dem uns ausgerechnet Mamas „kleine Erinnerungslücken, die doch jeder mal hat“ und die wir gefälligst nicht „Demenz“ nennen dürfen, am Ende sogar noch geholfen haben, ihn zu durchbrechen.

Aber von vorne.

März 2024: Mama lebte zwar noch alleine zu Hause, aber ich sah den Tag X schon seit Wochen kommen. Trotz der guten Betreuung durch den ambulanten Pflegedienst, der ihr zwei Mal täglich die Tabletten stellte und ihr bei verschiedenen Dingen half, kam es vor, dass sie den Tag komplett verschlief und dadurch die Einnahme-Intervalle für ihre Medikamente nicht rechtzeitig einhielt.

Bei Epilepsie ist das aber besonders wichtig.

Ergebnis: Sie aß und trank in dieser Zeit zu wenig, rutschte ins Delir ab und kam nicht wieder von alleine heraus. Sie fiel aus dem Bett, was sie sich im Nachhinein selbst nie erklären konnte, und musste in einer dieser Nächte mehrfach den Notrufknopf drücken. Man half ihr immer wieder zurück ins Bett, sie fiel immer wieder raus.

Ins Krankenhaus? Nein, um Gottes Willen, was sollte sie denn da?

Zwei Mal konnte sie innerhalb einer Nacht die Sanitäter bequatschen, sie nicht einzuliefern – bis der Bereitschaftsdienst des Hausnotrufservice mich beim dritten Mal endlich anrief und ich um 3 Uhr nachts aus allen Wolken fallend ein schlaftrunkenes Machtwort sprach.

Wir gingen in Runde 1 und nahmen einen Kurschatten namens Eckhardt mit.

Tatütata, ab ins Krankenhaus, Diagnose Schlüsselbeinbruch und Verdacht auf Schlaganfall, zwei Wochen Aufenthalt, anschließend Geriatrische Reha. Dort blühte sie innerhalb kürzester Zeit dermaßen auf, dass sie sich sogar einen leichten Kurschatten namens Eckhardt anlachte, mit dem sie am Ende Telefonnummern tauschte und von dem sie heute nichts mehr weiß (oder behauptet, nichts mehr davon zu wissen – wer weiß das manchmal schon so genau...).

Schon nach zwei Wochen ReHa erinnerte sie sich gar nicht mehr daran, wie sie eigentlich hier gelandet war. Sie hatte auch keine Schmerzen mehr.

Irgendwas mit Schlüsselbeinbruch, jaja – Nonsens. Wann sollte das passiert sein?!

Da sie also nur die guten Zeiten zu Hause vor Augen hatte, wollte sie logischerweise nach der ReHa dorthin zurück. Wieso auch nicht – sie kam doch noch super alleine zurecht! Meine dezenten Hinweise, dass es anders gewesen sein könnte, wurden geflissentlich ignoriert. Mama bescherte mir durch ihre Sturheit einen Kampf gegen Windmühlen, der mich unendlich viele Nerven gekostet hat.

Aber ich setzte mich zumindest kurzfristig durch und organisierte ihr nach der ReHa einen Platz in der Kurzzeitpflege, um Zeit zu gewinnen.

Wohlgemerkt in derselben Einrichtung, in der sie 2023 schon gewesen war und in der es ihr so gut gefallen hatte, dass sie beim Abschied geweint hatte. Was sie heute natürlich jetzt nicht mehr wusste. Ende vom Lied: Diesmal gefiel es ihr überhaupt nicht. Die Zimmernachbarin war ihr zu jammerig, die Straße draußen zu laut, die Pflegerinnen zu unfreundlich…

Die behaupten immer, sie kennen mich! So ein Quatsch!!!

Abgesehen von den „kleinen Erinnerungslücken“ wirkte sie dort aber nach kurzer Zeit wieder komplett fit. Und bequatschte mich, noch mal nach Hause zu dürfen. Ich redete mit Engelszungen auf sie ein, aber sie wollte unbedingt zurück.

Nun ist es so, dass ich sie nicht zwingen kann, in der Einrichtung zu bleiben.

Das ist halt die Krux: So lange sie noch geschäftsfähig ist – und das ist sie -, kann sie alleine entscheiden, wo sie sein möchte. Ich kann ihr da immer nur beratend zur Seite stehen, so quälend das manchmal auch ist.

Mir mangelte es auch nicht an Deutlichkeit: Ich schwor ihr Stein und Bein, dass sie keine 7 Tage alleine zu Hause zurecht käme, ohne, dass etwas passieren würde, wurde aber als elendige Schwarzmalerin abgekanzelt. Also zuckte ich irgendwann seufzend mit den Schultern und sagte: So sei es.

Auf ging’s in Runde 2.

Mai, 2024: Es stellte sich heraus, dass ich mit meiner Prognose sogar noch zu optimistisch gewesen war. Es dauerte nämlich nach ihrer Rückkehr nach Hause noch nicht mal 5 Tage, bis das ganze Spielchen wieder von vorne losging.

Bis sie also wieder komplett bettlägerig war und nichts mehr ging, von 100 Prozent die Alte direkt hinein in den epileptischen Anfall und rien ne va plus. Und wieder einmal, wie schon so oft in den vergangenen Monaten, war es kompletter Zufall und reines Glück, dass ich sie rechtzeitig fand.

Weil ich jeden Tag mehrfach anrief und nachgucken fuhr, wenn sie nicht reagierte.

Ein herrliches Schreckensszenario für mich. Ich habe heute noch vor Augen, wie ich immer den Schlüssel im Schloss ihrer Haustür umdrehte und innerlich aufatmete, wenn mir ihr fröhliches „Hallooohooo“ entgegen kam.

Was an diesem Tag im Mai dann eben nicht der Fall war. Diesmal lautete die Diagnose: epileptischer Anfall. Wieder blieb sie für einige Tage zur Beobachtung im Krankenhaus. Doch dieses Mal hatte ich die Faxen dicke, ließ mich nicht von ihr bequatschen und bemühte mich um einen Platz in der vollstationären Pflege.

Den wir dann tatsächlich auch bekamen, dem Himmel sei Dank (ein Sechser im Lotto heutzutage!).

Wieder in derselben Einrichtung, in der es ihr während der Kurzzeitpflege zwei Wochen zuvor nicht gefallen hatte, im Jahr zuvor aber außerordentlich gut. Ich schickte Stoßgebete zum Himmel, sie möge sich nur noch ans vorige Jahr erinnern.

Und wurde quasi erhört – wenn auch nicht ganz so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Genau genommen hätte ihr Umzug ein traumatisches Erlebnis für mich werden können, wenn die sensible Pflegerin der Einrichtung nicht so geistesgegenwärtig gehandelt und mich an der Tür abgefangen hätte, als ich Mama noch am ersten Tag dort besuchen wollte.

„Ihre Mutter wird Sie heute nicht wiedererkennen“, sagte sie.

Da war er, dieser Moment, den man als Angehörige einer Demenzpatientin natürlich schon all die Jahre kommen sieht und fürchtet. Ich bin der Pflegerin so dankbar, dass sie mich nicht ins offene Messer rennen ließ, sondern mir die Chance gab, vorher einmal durchzuschnaufen und mich auf die Situation gedanklich einzustellen. Und sie hatte Recht. Mama schaute mich mit leeren Augen an und fragte:

Wer sind Sie denn?

Mama sollte den ganzen Nachmittag lang nicht drauf kommen, wer sie da geduldig durch den sonnigen Park schob. Sie hielt mich für eine Pflegekraft des Hauses.

Der Auslöser für diesen Zustand: Als meine Mutter per Krankentransport aus der Klinik in die neue alte Einrichtung gebracht wurde, hatte sie mal wieder die Demenz-Medikamente nicht rechtzeitig bekommen. Sprich: Das Krankenhaus hat nicht drauf geachtet, und die Pflegeeinrichtung durfte das nun ausbaden.

Was nun folgte, war ein verrücktes Wechselbad der Gefühle.

Denn schon nach wenigen Tagen hier war sie wieder ganz die Alte und ein Meckerheini wie eh und je.

Der natürlich aber wieder nicht verstand, was er hier sollte –

…zwischen den ganzen Dementen?!?

Es war Mama nicht zu vermitteln, dass sie genauso dement wäre wie „die“, wenn sie ihre Tabletten nicht regelmäßig nähme. Wie soll sie das auch verstehen, ich verstehe es ja selbst kaum. Aber es ist real:

Nimmt sie die Tabletten, ist sie wie früher. Nimmt sie sie nicht, ist sie voll dement. Angeknipst, ausgeknipst, und das manchmal innerhalb von Stunden.

Noch verrückter: Mama ist gar nicht klar, was für ein Glück sie hat, dass die Medikamente überhaupt noch dazu in der Lage sind, sie bei Bewusstsein zu halten. Was bei den anderen in ihrer Abteilung eben teilweise schon nicht mehr der Fall ist. Irgendwie kann ich verstehen, dass das ihre Auffassungsgabe übersteigt. Denn ich finde das ehrlich gesagt auch fast unglaublich zu beobachten.

Das Problem daran: Mama müsste darauf vertrauen, wenn ich ihr sage – zu Hause stirbst du. Das tat sie aber nicht.

Ich musste in dieser Phase bei jedem einzelnen Besuch brutal deutlich werden:

Beim nächsten Mal finde ich dich vielleicht nicht mehr rechtzeitig. Und dann bist du weg. Dir kann’s dann ja egal sein, aber vielleicht denkst du dabei auch ein Mal an mich.

Doch nichts davon kam bei ihr an. Ob ich das nun sagte oder mein Freund T oder die Pflegerin oder der Hausarzt oder ein Sack Reis in China. Sie wollte es nicht hören. Ich war der Verzweiflung nahe und kam mir vor wie die Protagonistin eines nicht enden wollenden Albtraums, dazu verdammt, meine Mutter immer rechtzeitig zu finden und ständig Gewehr bei Fuß zu stehen.

Aber ich beschloss, nicht sofort zu reagieren, sie nicht sofort wieder nach Hause zu bringen – sondern das Ganze erstmal auszusitzen. Zumal ich auch gar keine Kraft mehr für weitere Runden übers Krankenhaus gehabt hätte. Zumal wir in den Monaten davor ja auch schon ein paar gedreht hatten.

Es folgten mehrere Wochen Gemecker, und ich kam mir vor, wie damals bei der Kita-Eingewöhnung meiner Tochter.

Wobei diese im Vergleich wesentlich unkomplizierter verlaufen war.

Fast jeden Tag ging ich hin, fast jeden Tag musste ich gute Nerven mitnehmen und wusste nie, was mich erwartete.

Mamas Erinnerungen an den vorangegangenen Aufenthalt in der Einrichtung waren zwar nicht zurückgekehrt, dafür war sie aber in Sachen Kritik leider auch wieder ganz die Alte.

Straße immer noch zu laut, Pflegerinnen immer noch so dreist („Die wollen mich abends ausziehen! Ist das zu fassen?!“). Bettnachbarinnen immer noch suboptimal.

Mecker, mecker, mecker. Für mich war das nur schwer auszuhalten, ihr ungerechtes Gemecker.

Denn dass sie jetzt wieder sehr viel mehr gute als schlechte Zeiten hatte, verdankten wir ausschließlich der guten Betreuung im Pflegeheim.

Das nämlich nicht nur äußerst sensible Mitarbeiterinnen hat, sondern sich auch sonst sehr liebevoll um alle Bewohner und Angehörige kümmert. Wenn ich dort bin – und das bin ich oft – sehe ich immer, wie sehr sich hier um alle und jeden bemüht wird.

Alle sind immer freundlich, der Gesundheitszustand der einzelnen Bewohner wird genau unter die Lupe genommen, Ärzte kommen regelmäßig ins Haus, beim täglichen Veranstaltungsprogramm ist für jeden was dabei (ich finde zB toll, mit welchen Geschicklichkeitsspielen hier gerade Demenz- und Parkinsonpatienten animiert werden), es gibt hier regelmäßig Besuchshunde zum Streicheln, alle Feste werden ordentlich gefeiert, gerade wurde immer EM zusammen geguckt, es gibt Singrunden, der Pastor kommt regelmäßig, im Erdgeschoss gibt’s nen Friseur, es wird für alles gesorgt und es ist immer was los.

Für mich das Wichtigste: Ich kann auch als Angehörige jederzeit mit jedem reden, darf fast zu jeder Tageszeit unangekündigt ins offene Haus reinschneien, und für jedes Problem wird eine Lösung gefunden.

Trotzdem nahm das Gemoser kein Ende, und ich machte ich mir wochenlang Sorgen darum, wie schlecht es ihr in der Einrichtung ging. Obwohl ich doch vom Grunde meines Herzens wusste, wie richtig das alles war und dass sie jetzt endlich gut aufgehoben war.

Der Witz ist: Das hätte ich mir alles sparen können. Die ganzen Sorgen waren vollkommen überflüssig.

Warum? Weil ich die Rechnung ohne ihre Demenz gemacht und gar nicht bedacht hatte, dass Mama nach einer Weile einfach alles schon wieder vergessen haben würde.

So klar sie tagtäglich unter guter Medikation auch zu sein scheint, so viel vergisst sie aber doch von dem, was gerade erst geschehen war. Irgendwann hatte sie folgerichtig also auch schon wieder keine Ahnung, wie sie überhaupt in der vollstationären Pflege gelandet war.

Und das spielte uns diesmal sehr in die Karten. Denn bei meiner Mutter ist das so: Wenn sie erstmal eine Weile irgendwo ist und sich daran gewöhnt hat, hat sie wieder große Angst vor der Veränderung – auch, wenn diese Veränderung bedeutet hätte, in ihre eigene Wohnung zurückkehren zu können. Sprich: Auf einmal hatte sie selbst davor Muffensausen.

Woran ich das bemerkte? Nun, das Gemecker wurde von Besuch zu Besuch weniger.

Nun könnte man denken, sie hätte einfach kapituliert, aber so war es nicht. Die Wahrheit ist: Sie fing an, sich dort wohler zu fühlen.

  • Plötzlich ging sie zu Singrunden und trällerte ihre geliebten Arien.
  • Dann war sie bei Gedächtnisspielen dabei gewesen und konnte mit ihrem Wissen über die Hauptstädte der Welt auftrumpfen.
  • Dann schwärmte sie vom leckeren Mittagessen (auch, wenn ihr Frühstück und Abendbrot manchmal etwas karg erschienen, weshalb ich ihr mal die ein oder andere Stulle extra mitbrachte).
  • Letztlich sah sie nach einem Friseurbesuch unten im Erdgeschoss 10 Jahre jünger aus und erhielt überall Komplimente, die sie in ihrem leeren Zuhause nicht bekommen hätte.

Und last but not least zog eine Bettnachbarin ein, die noch älter war und kein Wort mehr von sich gab.

Ich will hier nicht ins Detail gehen – aber ich glaube, meine meistens recht fidele, laute, singende Mutter fällt in ihrem „angeknipsten“ Zustand in so einem Pflegeheim ziemlich aus dem Rahmen. Wenn man sie in ein Zimmer mit jemandem steckt, der vielleicht etwas von seinem Lebensmut eingebüßt hat, ist Mama möglicherweise gar nicht mal die allerschlechteste Medizin (und sei es, dass sie derjenigen so sehr auf den Wecker fällt, dass die von alleine anfängt, sich bemerkbar zu machen…)

Auf einmal meckerte sie bei meinen Besuchen also nicht mehr, sondern erzählte begeistert, wie sie die Bettnachbarin zum Reden animiert hatte.

Und wie die Pflegerinnen verschwörerisch zwinkernd den Daumen in ihre Richtung hochreckten, nachdem sie das mitbekommen hatten. Plötzlich fühlte Mama sich hier gebraucht.

Und fragte überhaupt nicht mehr danach, wann sie endlich wieder nach Hause könne. Stattdessen sagte sie eines schönen Nachmittags zu mir – und diesen Moment hätte ich am liebsten für die Ewigkeit aufgenommen (um ihn ihr im Zweifelsfall auch später nochmal vorspielen zu können):

„Ja, ich musste erst selbst fühlen, dass ich die Geborgenheit hier brauche“.

Dann sprach sie davon, sie könne nie wieder ohne so einen Notrufknopf direkt am Bett leben und ohne die Gewissheit, dass selbst mitten in der Nacht sofort jemand käme, wenn sie Hilfe benötigte. Und dass sie froh sei, hier zu sein.

Ich dachte erst, ich hätte mich verhört – aber dann war ich unglaublich erleichtert, dass sie es endlich kapiert hatte und mir keine Vorhaltungen mehr machte.

Und wie geht’s nun weiter?

Nachdem sie nun also verinnerlicht hat, dass sie am richtigen Ort ist, ist jetzt klar, dass es definitiv kein Zurück mehr nach Hause gibt. Ende September lösen wir ihre Wohnung auf. Die Möbel werden größtenteils erstmal eingelagert.

Aber meine Mutter ist ja immer für eine Überraschung gut.

Zwar fühlt sie sich nun wohl, und eigentlich ist alles bestens – aber nun äußerte sie immer wieder, sie hätte gern wieder das Gefühl, in unserer Nachbarschaft zu sein. Aktuell müssen wir 35 Minuten mit dem Auto fahren, um zu ihr zu kommen. Das ist nicht schlimm, aber es fühlt sich für sie zu weit weg an.

Und ich mache auch keinen Hehl daraus, dass es auch für uns praktischer wäre, sie in der Nähe zu haben.

Sprich: Sie steht bei einer Einrichtung in unserer Nachbarschaft auf der Warteliste.

Ob und wann sie da was bekommt, steht aber noch in den Sternen. Und ob sie sich dann, wenn es so weit ist, überhaupt noch an ihren Wunsch erinnert, nochmal umziehen zu wollen, auch.

Wichtig wäre natürlich auch, dass sie sich dann in der neuen Einrichtung genauso wohl fühlt wie in der alten. Das könnte eine neue Herausforderung werden, denn zum Einen ist die alte Einrichtung schwer zu toppen, und zum Anderen erzählte sie neulich….

Meine Bettnachbarin und ihr Mann sind für mich auch schon wie Famillie.

Woraufhin ich mir so denke:

Nachtigall, ick hör dir trapsen.

Ich verwette meinen linken Arm darauf: Sie wird nicht wieder rauswollen, wenn es irgendwann so weit wäre.

Aber dann ist das so – und was gibt’s Besseres? Sie ist angekommen.

Und ich kann auch endlich mal wieder durchatmen. Endlich keine Sorgen mehr. Endlich bin ich den ständigen Druck los, immer rechtzeitig da zu sein, wenn’s brennt. Endlich weiß ich sie gut aufgehoben. Endlich ist sie wieder gut drauf, nicht mehr bettlägerig – und wir können noch richtig schöne Sachen unternehmen. Das haben wir die letzten Wochen auch schon fleißig gemacht:

Los ging’s Ende Juni mit einem Ausflug nach Krautsand an die Elbe, den sie sich schon lange gewünscht hat.

Es folgte ein Nachmittag in die Heimat ihrer Kindheit, Kiel, Anfang Juli mit Besuch am Falckensteiner Strand und Kaffeetrinken inklusive Ausblick auf ihr neues Lieblingskreuzfahrtschiff „Mein Schiff 7“ am Norwegenkai.

Gestern waren wir schick essen am Elbufer in Finkenwerder… und es werden hoffentlich noch viele Ausflüge folgen. Mama plant eine weitere Kreuzfahrt für Ostern 2025. Wenn sie so weitermacht, halte ich das nicht für unrealistisch.

Die Reise, der Kampf, die vielen Nerven – es hat sich gelohnt. Ich atme tief durch.

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