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Lonari

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Oder: Der ewige Kampf mit den Medikamenten, ein Drama in drei Akten.

Prolog: Die heilige Krankenkassenkarte.

Vor einigen Monaten.

Ich: „Mama, der Pflegedienst kann für uns komplett die Medikamentenversorgung übernehmen. Das heißt: Wenn die Medikamente zur Neige gehen, dann rufen die beim Arzt an, bestellen ein neues Rezept, holen das Rezept ab, gehen in die Apotheke, besorgen die Medikamente und bringen sie zu Dir. Klingt doch super, oder?“

Mama: „Oh ja, das wäre ja toll, das würde Dich ja sehr entlasten, zumal meine sieben Medikamente ja nie gleichzeitig zu Ende gehen und Du ständig ein Auge darauf haben und immer wieder loslaufen musst.“

Ich: „Ganz genau. Und alles, was Du dafür machen musst, ist einmal pro Quartal Deine Krankenkassenkarte an den Pflegedienst aushändigen, damit sie die beim Arzt durchziehen lassen können.“

Mama: „Kommt nicht infrage! Ich gebe doch meine Krankenkassenkarte nicht irgendwelchen Fremden in die Hand! Wenn die verloren geht! Nicht auszudenken!“

Ich: „Aber Mama, was soll denn dann passieren?“

Mama: „Kann man nie wissen! Dann findet die jemand und geht auf meine Kosten zum Arzt!“

Ich: „Aber Mama, da ist doch Dein Bild drauf. Das würde man in der Arztpraxis doch merken.“

Mama: „Seine Bankkarte gibt man doch auch nicht einfach so aus der Hand!“

Ich: „Ja, aber damit kann ja auch viel mehr Schindluder getrieben werden. Wenn die Krankenkassenkarte weg ist, dann ruft man einfach die Krankenkasse an, lässt sie sperren und bekommt eine neue. Ich glaube, das kostet noch nicht mal was! Außerdem verliert der Pflegedienst die schon nicht. Das machen die täglich!“

Mama: „Nein. Trotzdem. Kommt nicht infrage.“

Erster Akt: Ein Rezept in der Vorweihnachtszeit.

Was Mama nicht will, will Mama nicht. Also übernehme ich weiterhin die Bevorratung ihrer Medikamente. Das bedeutet, ich checke alle 14 Tage den Bestand und bestelle nach, wenn es etwas nachzubestellen gibt. Es sind sieben Medikamente. Sieben Medikamente, die immer in unterschiedlicher Anzahl verpackt sind und nie gleichzeitig zu Ende gehen. Man kann sie nicht auf einmal bestellen, dann streikt der Hausarzt irgendwann, weil man zu Hause eine eigene Apotheke eröffnen könnte.

Vor Weihnachten ist es besonders wichtig, in dieser Hinsicht aufmerksam zu sein. Denn zwischen den Jahren und Anfang Januar hat die Hausarztpraxis geschlossen und wird von einer anderen Praxis am anderen Ende der Stadt vertreten. Um Umwege in den Ferien zu vermeiden, ließ ich mir am 10.12.2018 also ein Rezept für zwei Herzmedikamente ausstellen, die meinen Berechnungen zufolge am 09.01.2019 zu Ende gehen würden.

Wie es die Vorweihnachtszeit so an sich hat, habe ich es tatsächlich bis zum 08.01.2019 nicht geschafft, das Rezept einzulösen. Aber ich war ja auch noch in der Zeit. Noch.

Zweiter Akt: Der Einlauf vom Pflegedienst.

Am 08.01.2019 liege ich krank im Bett, weiß aber natürlich, dass Mamas Medikamente heute zu Ende gehen. Aber ich bin eben krank. Kommt vor. Pflegende Angehörige werden auch krank!

Das Telefon klingelt, der Anrufbeantworter springt an. Ich höre meine Mutter, wie sie sich darauf lautstark empört: „Unmögliche Behandlung!“, „Im Ton vergriffen“ und „Muss ich mir denn alles gefallen lassen hier?“.

Der Pflegedienst ist wie jeden Tag bei ihr gewesen, um die Medikamenteneinnahme zu begleiten und hat festgestellt: Zwei der Medikamente sind heute zu Ende! Und dann haben sie Mama im unangemessenen Tonfall dafür angemotzt, obwohl sie die Letzte ist, die was dafür kann. Mama hat sich aufgeregt. Ich höre mir ihre Schilderungen an, greife fiebrig und mit Krächzen im Hals zum Telefon, rufe die Pflegedienst-Zentrale in unserem Stadtteil an und mache der diensthabenden Schichtleitung klar, dass sie mit einer herzkranken Achtzigjährigen anders umzugehen haben. Dabei bin ich trotzdem noch halbwegs freundlich, weil ich weiß, dass die alle unterbezahlt unter Dauerdruck stehen, und weil ich weiß, dass der Pflegedienst eigentlich Recht hat: Die Medikamente dürfen nicht zu Ende gehen. Schließlich würden sie die Bevorratung ja auch liebend gern übernehmen. Aber das verhindert meine Mutter ja mit ihrer Krankenkassenkarten-Verlustangst. Es ist kompliziert!

Die Schichtleitung reagiert beschämt darauf, dass die Pflegerin sich im Ton vergriffen hat und verspricht, sich um diese Angelegenheit zu kümmern.

Dritter Akt: Das abgelaufene Rezept.

Ich raffe mich auf und schleppe mich zur Apotheke. Vorsichtshalber rufe ich vorher bei der Apotheke an, um nachzufragen, ob ich ein Rezept vom 10.12.2018 einen Monat später noch einlösen könne. Die freundliche Apothekerin flötet:

Aber natürlich können Sie das! Ein Rezept ist genau vier Wochen lang gültig!

Ich stecke das Rezept ein und gehe in die Apotheke. Die Apothekerin zieht das Rezept durch ihr Lesegerät und sagt:

Das Rezept ist nicht mehr gültig.

Ich denke noch so bei mir: „Ach Mensch, jetzt schlägt meine Erkältung sich schon auf mein Hörvermögen nieder. Ich könnte schwören, die Apothekerin hätte gerade gesagt, das Rezept sei nicht mehr gültig, obwohl sie 15 Minuten zuvor am Telefon noch das Gegenteil versichert hat.“

Aber doch. Das Rezept sei genau eine Stunde zuvor abgelaufen, angeblich. Ich würde gern im Dreieck springen. Aber erstmal können vor husten.

Epilog: Warum nicht gleich so.

Mama lässt den Pflegedienst nun die Medikamentenversorgung übernehmen und trennt sich ab jetzt freiwillig einmal pro Quartal von ihrer Krankenkassenkarte. Ich hatte die Faxen dicke. Und die Pflegerin hat sich in aller Form bei Mama für den unangemessenen Tonfall entschuldigt. Geht doch. Es geht alles, man muss nur wollen. Und wir sind alle nur Menschen. Selbst pflegende Angehörige sind nur Menschen.

Heute ist Mamas Umzug genau ein Jahr her. Wie wir den Möbelwagen gepackt haben, mit den nötigsten Sachen. Wie wir gemeinsam zum PKW gegangen sind und wussten: Sie kehrt jetzt nicht mehr zurück. Ich sehe uns beide noch die Straße entlang fahren und höre sie sagen: „So, das war’s dann jetzt mit mir und Düsseldorf. Das war’s! 40 Jahre sind vorbei.“ Es war auch für mich ein komischer Moment. Ich würde noch etliche Male wiederkehren, um das Haus zu verkaufen, aber ich löste an diesem Tag ja auch mein altes Zuhause auf, indem ich Mama mitnahm. Keine Eltern mehr in Düsseldorf. Das war traurig und erleichternd zugleich.

Und wo stehen wir nun?

Ich bin so stolz auf sie. So stolz auf uns. Die ersten Monate waren wirklich hart für sie, aber jetzt hat sie sich eingelebt. Seit einigen Wochen machen wir immer Sonntagsausflüge. Nach der Elbphilharmonie war die Lüneburger Heide dran, wir haben zu viert eine herrliche Kutschfahrt gemacht. Und heute ging es an den Elbstrand in Bassenfleth. Mama hat sich tapfer über den Deich gekämpft und 200 Meter bis zum Strand ohne Rollator bewältigt, an meinem Arm. Das ist sehr viel für sie. Aber sie hat es geschafft. Vor Ort haben wir den eigens gekauften Campingstuhl aufgestellt, und sie sagte: „Es ist so rührend, wie ihr das alles für mich macht.“

Sie spart sonst mit Lob.

Auch, wenn ich immer spüre, dass sie für alles, was wir tun, dankbar ist: Sagen tut sie es so deutlich eher selten, und das ist auch okay. Umso überraschter war ich heute, dass sie unsere Bemühungen so deutlich wahrnahm und artikulierte, was in ihr vorging. Vollkommen zufrieden und glücklich saß sie zwei Stunden lang in ihrem Campingstuhl, sprach über ihr Leben und beobachtete die Container-Pötte und Segler, die elbauf- und elbabwärts an uns vorbei zogen. Ich liebe diesen Strand, und es war ein toller Nachmittag. Es ist so schön, zu sehen, wie gut ihr sowas tut und wie sie aufblüht. Und dass sie zwischendurch versehentlich mit dem Campingstuhl umgekippt und auf dem etwas hügeligen Weg rückwärts in die Büsche gefallen ist, konnte sie nicht erschüttern. Sie saß verdattert im Busch und lachte in sich hinein, und weh getan hat sie sich zum Glück nicht, ist recht weich gelandet.

Wir schmieden Reisepläne.

Mama ist zwar immer noch nicht die Mobilste. Wir haben ja auch noch nicht alle Gesundheitsbaustellen beackert: Unter anderem müsste der Hüftschaden noch operiert werden, den sie seit Geburt mit sich herumschleppt, und der mit dem Alter natürlich nicht besser geworden ist. Mit dem Rollator kann sie sich sehr gut fortbewegen, aber ohne ist es doch sehr schwierig. Davon abgesehen geht es ihr aber gut, die Augen tun wieder ihren Dienst, das Herz wird medikamentös ganz gut in Schach gehalten. Und da heißt es:

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Mama hat Wünsche. Sie möchte einige Orte sehen und Dinge nachholen, die sie in den letzten Jahren versäumt hat. Letzte Woche lief im ZDF die schöne Doku „Mit 80 Jahren um die Welt„, in der ein paar Achtzigjährige noch mal gemeinsam die ganze Welt bereisen. Das hat sie schwer beeindruckt. Seitdem ist ihre ohnehin schon beachtliche Wunschliste noch mal um ein paar Ziele gewachsen:

  • Sie möchte nach Kiel, wo sie in den Fünfzigern ihre Teenagerzeit verbracht hat. Ist so gut wie erledigt.
  • Sie möchte nach Helgoland. Wir werden am Hamburger Hafen in den Halunderjet steigen, morgens hin, abends zurück, vielleicht sogar noch während unseres Sommerurlaubes.
  • Bei uns steht auch noch eine Minikreuzfahrt Kiel-Oslo auf dem Zettel.
  • Sie möchte nach Grottkau. Das ist der Ort in Schlesien, in dem sie geboren wurde, und es ist ein sehnlicher Wunsch, dorthin noch mal zurück zu kehren. Hier wird es schon etwas schwieriger, denn die Fahrt dorthin wird lang, aber davon lassen wir uns natürlich nicht ins Boxhorn jagen. Wir fahren sie dorthin, mit Zwischenstopps, aber das benötigt etwas mehr Planung und Vorlaufzeit.
  • Sie möchte mit der Queen Mary 2 fahren. Vor der Transatlantik-Tour hat sie Angst, weil sie denkt, es sei ein ungutes Zeichen, dass die Titanic ausgerechnet an ihrem Geburtstag (allerdings einige Jahre vor ihrer Geburt) auf genau dieser Strecke gesunken sei. Obwohl New York sie durchaus reizen würde, vor allem die Hafeneinfahrt. Aber wir denken erst mal über Hamburg-Southampton nach.
  • Daran könnte man nämlich gut einen langersehnten London-Besuch mit Besichtigung des Buckingham Palace anschließen.
  • Sie möchte mit der transsibirischen Eisenbahn fahren, das ist der vermutlich am schwierigsten zu realisierende Wunsch.

Ich hoffe wirklich sehr, dass wir möglichst viele dieser Punkte möglichst bald abhaken können. Denn niemand weiß, wie lange es ihr noch so gut geht wie heute. Wir haben keine Zeit zu verlieren.

Mama wohnt jetzt seit fast zwölf Monaten bei uns in Hamburg. Wenn ich so zurück blicke, muss ich sagen, das war eine schöne Zeit bisher. Wir hatten schon so viele, schöne Momente, und sie sieht ihre Enkelin nun aufwachsen. Es gibt immer noch Tage, an denen ich das gar nicht glauben kann. Wie viel sich verändert hat, und wie gut es ihr inzwischen geht. Sie hat eine schöne, eigene Wohnung, in der sie gut zurecht kommt, mit einer großen Sonnenterrasse, auf der sie im Sommer sehr gern sitzt. Sehr komfortabel. Genau so wie das wirklich leckere Mittagessen auf Rädern, das sie fast täglich bezieht und sehr genießt, nachdem sie ja monatelang von mir bekocht wurde und dies zwar akzeptabel, aber bei Weitem nicht zufriedenstellend fand (ich werde das auch noch mal irgendwann verbloggen müssen).

Sie hat aus dem Stand Pflegegrad 3 bekommen.

Von wegen „Ich doch nicht!“, aber auch das ist noch einen schönen, weiteren Blogeintrag wert. Seitdem erhält sie nun täglich Besuch vom Pflegedienst, der morgens kommt, um die Medikamentengabe zu überwachen. Eigentlich kann sie das selbst, aber darum geht es irgendwie gar nicht. Es verschafft mir zwar Gewissheit, dass sie die Herzpillen täglich korrekt nimmt (vor der letzten Augen-OP fielen ihr einzelne Tabletten gern mal unbemerkt runter).

Aber viel wichtiger ist: Der Besuch gibt ihrem Tag Struktur, und die Pflegebediensteten sind zu Bekannten geworden. Durch den Notrufknopf an ihrem Arm kann ich sie nun halbwegs beruhigt alleine lassen, wenn ich an zwei Tagen in der Woche nach Lübeck muss. Und jeden Mittwoch schickt uns der Pflegedienst seit einiger Zeit die Haushaltshilfe Frau D., die mir das Putzen von Mamas Wohnung größtenteils abnimmt und mit ihr spazieren geht. Eine richtig strenge, resolute Dame, die Mama Beine macht, wenn sie keine Lust hat, rauszugehen oder in ihrem eigenen Haushalt zu helfen. Frau D. lässt sich nicht abwimmeln und dringt besser zu ihr durch als ich.

Aber ich bin ja auch nur die Tochter, auf mich muss man ja nicht hören.

Aber wenn eine nahezu Fremde einen Vortrag zum Thema „Wie wichtig Bewegung im Alltag ist“, dann fängt Mama ab dem nächsten Tag an, täglich Morgengymnastik zu machen. Eine bittersüße Erfahrung für mich, aber das Ergebnis zählt, und dann ist ja auch egal, wer sie dazu gebracht hat, Frau D. oder ich. Da darf ich nicht eitel sein. Ich liebe Frau D.  Ich wüsste schon gar nicht mehr, was wir ohne sie machen würden. Neben ihrer Hartnäckigkeit ist sie auch noch mit Humor ausgestattet. Beides braucht sie auch, bei meiner Mutter. Genauso wie der Optiker, bei dem wir heute waren. Der brauchte auch sehr viel Humor. Und Geduld. Ganz viel Geduld. Mamas zweite Augen-OP ist sehr gut verlaufen. Sie sieht jetzt wieder richtig viel, aber mit dem Lesen hapert es leider noch. Sie braucht eine Brille. Das passt ihr nicht, denn sie hat ja noch NIE eine Brille gebraucht, und wie sieht sie denn dann aus, mit so einem Nasenfahrrad, und wenn sie eine bekommt, dann trägt sie die mit Sicherheit nicht draußen.

Tritratrullalla.

Ein Theater. Aber sie kann es drehen und wenden, wie sie will. Lesen klappt nicht. Und das ist natürlich hinderlich, wenn man seine heißgeliebten Opern-Arien nicht mehr nachsingen kann, weil man die Noten und den Text nicht erkennt (ihren direkten Nachbarn stehen lustige Zeiten bevor!). Jedenfalls fanden wir uns heute beim Optiker wieder, um ihrer Gesichtsverunstaltung Vorschub zu leisten. Wir wurden gebeten, uns zunächst ein Gestell auszusuchen. Mama hatte keine Lust dazu, also stand ich auf, ließ meinen Scanner-Blick durch den Laden wandern und fand zielsicher das einzige Modell, bei dem ich mir sicher war, dass es ihr gefallen würde. Volltreffer. Ich kenne meine Mutter eben doch schon etwas länger. So weit, so unkompliziert. Doch dann folgte der schwierigere Part, das Vermessen der Augen mit verschiedenen Gläsern und Gerätschaften.

Optiker: „Und wie ist es jetzt?“

Mama: „Hervorragend, ganz hervorragend!“

Optiker: „Nein, ich meine, ist es jetzt besser oder schlechter?“

Mama: „Das weiß ich doch jetzt nicht mehr.“

Optiker: „Okay, drehen wir noch mal zurück.“ (klick) „Jetzt?“

Mama: „Nein, also DAS geht gar nicht.“

Optiker: „Alles klar, wieder zurück zur besseren Variante.“ (klick) „Stimmt’s?“

Mama: „Hm, nein, keine Änderung.“

Optiker: „Aber gerade sagten Sie doch, das wäre ganz hervorragend?“

Mama: „Geht so. Ich finde, es geht so.“

Ich (denke): „Willkommen in meiner Welt, lieber, armer Optiker.“

Optiker: „Und so?“

Mama: „Ja, das ist SUPER, jetzt sehe ich alles richtig scharf.“

Optiker (klickt): „Und jetzt?“

Mama: „Ja, ganz toll.“

Optiker: „Also besser als gerade?“

Mama: „Besser als was?“

Optiker: „ALS DAS GLAS DAVOR!!!!“

Mama: „Ach so. Nee, ungefähr gleich gut.“

Optiker (klick): „Und jetzt?“

Mama: „Keine Änderung.“

Optiker (klickt): „Und jetzt?“

Mama: „Immer noch. Gleich gut.“

Optiker (klickt): „Jetzt besser?“

Mama: „Immer noch gleich gut.“

Optiker (klickt): „Und nun?“

Mama: „Also, das zwei Gläser vorher, das war RICHTIG gut.“

Optiker: „Aha. Dann drehe ich das jetzt noch mal zurück.“ (klickt)

Mama: „Nein, furchtbar. Ganz schlecht.“

Ich entwickelte langsam Zweifel, ob der Optiker jemals dazu imstande sein würde, die richtige Stärke für Mama zu identifizieren. Sie machte es ihm wirklich nicht leicht.

Optiker: „Jetzt lesen Sie mal die Buchstaben in der ersten Reihe vor.“

Mama (kneift die Augen zusammen): „(………..) Ist das ein A?“

Optiker: „Das frage ich SIE!“

[Es war ein H]

Mama: „Also, A, G, K, F, O.“

[Alles falsch]

Mama: „Oder warten Sie. A, F, L, X, C. Ist doch richtig, oder?“

Optiker: „Nicht ganz, wir nehmen mal eine andere Tafel.“

Mama (vom Ehrgeiz getrieben, man hat ja schließlich noch Augen wie ein Adler!): „Nein, warten Sie, das kriege ich noch hin!“

Optiker: „Werte Dame, ich glaube, Sie haben den Sinn des Tests nicht verstanden. Es geht nicht darum, es zu schaffen. Sie können hier ja auch nicht durchfallen. Ich möchte ja nur herausfinden, was sie tatsächlich noch entziffern können.“

Mama (empört): „Sie sind ja nicht gerade motivierend!“

Optiker: „Es war nicht meine Absicht, Sie zu demotivieren. Dazu gibt es auch gar keinen Grund. Mit dem linken Auge kriegen Sie mit Brille wieder 80 Prozent.“

Mama: „Der Augenarzt hat aber was von 60 Prozent gesagt.“

Optiker: „Vielleicht war das ein Schätzwert?“

Mama: „Aber da muss man sich doch drauf verlassen können, dass man 60 Prozent bekommt, wenn der das sagt.“

Optiker: „Aber 80 Prozent sind doch besser, freuen Sie sich doch!“

Mama: „Auf nichts ist mehr Verlass! Ich frage mich auch, wieso ich nach der OP auf dem linken Auge besser sehe, als auf dem rechten?“

Optiker: „Das müssen Sie Ihren Augenarzt fragen.“

Mama: „Ja, aber auf dessen Angaben kann man ja offenbar nichts geben.“

Optiker: „Noch mal zurück zur Tafel. Die zweite Reihe bitte.“

Mama: „7, 4, 6, 8, 9.“

[Es waren alles Buchstaben]

Optiker (der Verzweiflung nahe): „Sind Sie sicher?“

Mama: „Natürlich bin ich mir sicher.“

Optiker: „Also, dann fangen wir jetzt noch mal von vorne an.“

Ich habe einen guten Arbeitgeber, bei dem man 10 Extra-Urlaubstage pro Jahr dazu kaufen kann. Das habe ich gemacht, und diese Tage nutze ich für die Termine, zu denen ich meine Mutter begleiten muss. Am heutigen Nachmittag hatte ich mir also Urlaub genommen. Manchmal ist arbeiten weniger nervenaufreibend.

Am 05.03.2018 hatte meine Mutter einen OP-Termin für die zweite Runde Grauer Star. Endlich. Und ja, Betonung auf „hatte“. Mir ist bewusst, dass der Termin in der Zukunft liegt, aber leider hatte er sich erledigt, bevor er hätte stattfinden können. Obwohl ich im Vorgespräch mit der Klinik mehrfach darauf hingewiesen hatte, man möge bezüglich dieser Angelegenheit ausschließlich mit mir kommunizieren, weil ich alle Termine meiner Mutter koordiniere, weil sie es nicht selber tun kann, rief die Klinik bei meiner Mutter an und teilte ihr mit, der Termin müsse verschoben werden. Meine Mutter rief mich daraufhin atemlos an, und ich konnte zusehen, wie ich die Kohlen wieder aus dem Feuer bekam.

„Der Chefarzt hat Urlaub genommen.“

Nun, dachte ich, die Klinik würde den OP-Termin schon aus gutem Grund verschieben, aber geklärt werden musste das dennoch. Ich meldete mich also bei der Hamburger Augenklinik am anderen Ende der Stadt, mit der wir in dieser Angelegenheit zu tun hatten. Unter der angegebenen Nummer war entweder dauerbesetzt, oder es ging einfach niemand ran. Meiner Hartnäckigkeit sei Dank hatte ich schließlich die liebe Frau M. am Telefon.

„Ja, das ist richtig. Wir mussten den OP-Termin Ihrer Mutter um eine Woche nach hinten verschieben, auf den 12.03.2018.“ sagte Frau M.

„Tja. Das geht nicht.“ erwiderte ich gelassen.

„Warum nicht?“ kam natürlich verständnislos zurück.

„Ganz einfach: Weil meine Mutter nicht dazu in der Lage ist, ohne Begleitung zur OP zu fahren, und weil ich die einzige Person weit und breit bin, die sie begleiten kann, und weil ich genau in dieser Woche im Urlaub bin. Ich habe meinen Urlaub so geplant, dass ich zuerst mit meiner Mutter die Augen-OP machen und anschließend wegfahren kann.“ schilderte ich die Lage, tief einatmend.

„Ach so. Aber wenn wir das verschieben, wird es Anfang April.“ erhielt ich darauf als Information. Ich atmete erneut tief ein. Ist der Geburtsvorbereitungskurs vor neun Jahren doch noch für irgendwas gut gewesen.

„Wieso musste der erste Termin denn überhaupt verschoben werden?“ erlaubte ich mir, mal freundlich nachzufragen. Nur so aus Interesse. Und weil ich der Meinung war, ein Recht auf Hintergrundinformationen zu haben und nicht einfach mit einer Terminverschiebung abgespeist zu werden. Hätte ich lieber gelassen.

„Ähm. Na ja. Also.“ stotterte es aus der Leitung zurück, und ich wurde hellhörig. „Nun ja. Der Chefarzt hat sich zum ursprünglichen OP-Termin spontan Urlaub genommen.“

„Ach so!“ lachte ich ebenso spontan auf. „Das ist aber schön für den Chefarzt! Und sagen Sie, ist er der einzige weit und breit, der diese OP durchführen kann?“ Diese Frage würde ja wohl erlaubt sein.

„Ja.“ ihrem Tonfall zufolge war das die selbstverständlichste Sache der Welt, dass eine namhafte Klinik ihre OP-Termine Monate im Voraus auf Basis einer solch dünnen Personaldecke machte. Was war ich doch naiv, dass ich dachte, dort gäbe es Vertretungen und mehr als einen einzigen Arzt, der sich dieser OP annehmen konnte. Abwegig!

„Ach. Okay. Und wer garantiert mir jetzt, dass dem werten Chefarzt Anfang April nicht nochmal spontan der Sinn nach Urlaub steht?“

„Niemand.“ erhielt ich als Antwort.

„Wissen Sie, auch wenn Sie das vielleicht überrascht, aber es ist nämlich nicht so, dass ich hier an 24 Stunden am Tag rumsitze, Däumchen drehe und darauf warte, meine Mutter irgendwohin begleiten zu können. Ich habe einen Vollzeitjob, ein Kind und – na ja, ein Leben eben, das ich drumherum organisieren muss. Das heißt, für den neuen Termin…

a) frage ich jetzt den Vater meiner Tochter, der auch voll berufstätig ist, ob er an diesem Termin Zeit hat, unsere Tochter von der Schule abzuholen,

b) nehme ich extra einen meiner kostbaren Urlaubstage, weil es nicht anders geht, und verschiebe Meetings, die für diesen Tag geplant waren,

c) reorganisiere ich private Termine, die ebenfalls an diesem Tage stattfinden sollten.

Da hätte ich schon gern eine etwas konkretere Zusage als ‚Kann ich nicht versprechen, dass der Doktor da nicht wieder in den Urlaub fährt.'“

Schweigen am anderen Ende. Seufzen am anderen Ende. Dabei sollte ich doch diejenige mit dem Monopol auf kellertiefe Seufzer haben, in diesem Kontext!

„Ich kann es nicht versprechen.“ gab Frau M. matt zurück.

„Okay. Dann Anfang April. Ich trage mir jetzt den neuen Termin ein und organisiere alles um. Bitte, bitte, bitte melden Sie sich direkt bei mir, falls wieder irgendwas dazwischen kommen sollte. Und sagen Sie: Wir hätten ja jetzt auch den Termin zur Narkose-Vorbesprechung gehabt. Muss der auch verschoben werden, oder kann der bleiben?“ fragte ich vorsichtshalber nach, denn mit meiner Mutter unternahm man am liebsten so wenige Extratouren wie möglich ins Krankenhaus. Es ist nämlich in der Regel kein Spaziergang.

„Nein, der Narkosetermin kann bestehen bleiben, gar kein Problem.“ winkte sie ab, und ich war erleichtert, hätte aber stattdessen alarmiert sein müssen.

„Und muss ich zum Narkosetermin bereits die Einweisung vom Augenarzt mitbringen?“ erkundigte ich mich noch; woran man nicht alles denken musste!

„Nein, die brauchen Sie erst am Tag der OP.“ verkündete Frau M. mit dem Brustton der Überzeugung.

Tja. Und dann kam der Tag der Narkosevorbesprechung.

Apropos „Es ist nämlich in der Regel kein Spaziergang“

Frühmorgens mussten wir mit dem Taxi quer durch Hamburg, an einem Tag, an dem das Wetter es für angemessen hielt, uns 15 Zentimeter Neuschnee mit auf den Weg zu geben, und an dem das Schicksal uns einen Taxifahrer bescherte, der nicht mit seinem Automatikgetriebe umgehen konnte und des Deutschen kaum mächtig war. Zwei Stunden. Zwei Stunden Stop and Go, Vollgas und Vollbremsung, immer wieder. Meine verzweifelten Versuche, dem Mann das von der Rückbank drohende drohende Unheil mit Händen und Füßen zu erklären, verpufften. Meine stöhnende Mutter kündigte immer wieder an, sich gleich übergeben zu müssen. Ich konnte nicht genau sagen, wie ernst die Lage wirklich war, da sie per sé nicht die Leidensfähigste ist und zu leichten Übertreibungen neigt, aber darauf ankommen lassen wollte ich es natürlich auch nicht.

Der Taxifahrer wiederum war kein Meister in Sachen gelassener Fahrweise geschweige denn dazu in der Lage, den Anweisungen seines Navigationsgerätes angemessen Folge zu leisten. Sobald das Navi eine Schlagdistanz von weniger als einem Kilometer anzeigte, schaffte er es zuverlässig, verkehrt abzubiegen und die Restrecke wieder auf mehrere Kilometer auszudehnen, da an diesem Tag dank diverser Unfälle sämtliche Einfallstraßen gesperrt waren. Spoiler: Auch diese Fahrt hatte dennoch ein Ende, und meine Mutter musste sich nicht übergeben.

Nach den bis dato längsten zwei Stunden meines Lebens stand ich endlich an der Patientenannahme der Augenklinik, und was bekam ich zu hören?

„Nein, wenn die OP erst in vier Wochen ist, können Sie den Narkosetermin nicht heute machen, wer hat Ihnen das denn erzählt?! Dazwischen dürfen höchstens zwei Wochen liegen!“

Und:

„Wo ist die Krankenhauseinweisung Ihres Augenarztes?“

Wir hatten es allein meiner liebenswürdig-diplomatischen Art zu verdanken, dass wir an diesem Tag nicht unverrichteter Dinge wieder nach Hause geschickt wurden.

Manchmal kann ich auch Drama. Wenn ich muss. Was in letzter Zeit für meinen Geschmack viel zu oft der Fall ist.

Ich brauche sowas nicht.

So ein Ding ist total unnötig.

Ich habe nicht darum gebeten.

Bitte, was hat der gekostet? Ach Du liebe Zeit!

Interessiert mich doch nicht, dass der überall Testsieger ist. Der wird hier nur rumstehen, Dein Testsieger.

Ja, ich habe ihn in der Wohnung benutzt. Na und?

Manchmal ist er schon ganz hilfreich. An so Tagen, an denen ich mich nicht so fühle.

Das Ding ist total segensreich. Du hast ihn genau zur richtigen Zeit angeschafft.

Ich sehe ihn jetzt als Trainingsgerät.

Das wäre dann die Geschichte von Mutti und ihrem neuen Ferrari. Wir versuchen, das Wort „Rollator“ zu vermeiden. Einen Rollator zu benutzen ist für sie ungefähr gleichbedeutend, als würde sie sich das Wort „ALT“ einfach direkt auf die Stirn tätowieren lassen. Weshalb man sich natürlich selbstredend so lange gegen das Ding sperrt, bis man ihn auch gleich überspringen und sich direkt in den Rollstuhl verfrachten lassen kann.

Nein, da nutzte gutes Zureden meinerseits mal wieder äußerst wenig. Es musste schon das quietschfidele, vorurteilsfreie Enkelkind um die Ecke gepest kommen und den Ferrari für sich entdecken, bis man den skeptischen Blick mal weitete und merkte, dass es gar nicht so furchtbar war, sich ein Hilfsmittel zu genehmigen. Das Enkelkind hat sich nämlich gnadenlos auf das neue Fortbewegungsmittel gestürzt und damit jauchzend Wettrennen mit sich selbst quer durch die Wohnung veranstaltet. Hätte meine Mutter nicht für möglich gehalten, dass man mit dem Ding Spaß haben kann. Hat sie auch nicht. Jedenfalls streitet sie es vehement ab.

Sie hat es aber auch nicht leicht.

Und das meine ich jetzt gar nicht ironisch. Zwar hat sich in den letzten Monaten seit ihrem Umzug vieles zum Besseren gewendet:

  • Sie ist jetzt bei einem guten Hausarzt, der ihr Herz regelmäßig prüft.
  • Sie nimmt jetzt die richtigen Herztabletten.
  • Und das regelmäßig.
  • Sie hat die ersten Wochen fast ausschließlich in der Sonne auf ihrer Terrasse gesessen.
  • Wir haben das Haus verkauft.
  • Es gibt jetzt einen Notrufknopf an ihrem Handgelenk (ähnliche Dramaturgie wie beim Rollator, versteht sich).
  • Mit angeschlossenem Notdienst, der direkt in die Wohnung kommt und mich benachrichtigt.

Manches ist aber leider auch schlechter geworden. Aus dem grauen, pfeifenden Star wurde ein grüner. Die Seele leidet noch immer unter all den Ereignissen des Jahres 2017. Die Hüfte ist kaputter, als ich gedacht habe, und es besteht ein Verdacht auf beginnende Demenz, der noch nicht ausdiagnostiziert wurde. Nach einem Sturz im Bad neulich machte sie das erste Mal Bekanntschaft mit einem Hamburger Krankenhaus, und seitdem gibt es endlich einen Eilantrag in Sachen Pflegegrad. Viel schneller geht das Ganze allerdings dadurch auch nicht, ich warte seit zwei Wochen auf Rückmeldung und harre gespannt der Dinge. Denn eines steht fest: Alleine schaffen wir das alles nicht, wir brauchen Unterstützung. Durchatmen is‘ nicht, im Gegenteil: Ein langer Weg liegt vor uns, mit vielen Arztterminen, viel Bürokratie und mit Sicherheit einigen Unwegsamkeiten.

Denn wenn ich eines in den letzten Monaten gelernt habe, dann das: Sobald ich auch nur annähernd denke, jetzt hätte ich aber langsam mal alles geregelt und nun würde es ruhiger werden, kommt das nächste, unvorhergesehene Ereignis um die Ecke und wirft alles über den Haufen. Aber: Was auch immer es ist, ich muss dafür nicht mehr nach Düsseldorf fahren. Wir sind beide hier, und wir sind zusammen, und das ist gut.

Nun ist es passiert. Mama wohnt drei Haustüren weiter. Und das hört sich so simpel an, aber in Wahrheit war es ein Akt. Umziehen ist ja immer einer. Und wenn man nicht selbst umzieht, sondern den Umzug für jemand anderen organisiert, und wenn dieser andere jemand die eigene Mutter ist, und wenn mit dem Umzug nicht nur organisatorischer Aufwand, sondern auch der Abschied vom eigenen Elternhaus einher geht, dann ist es eben doch noch mal was ganz anderes. Ich werde mal versuchen, die letzten drei Wochen anhand der mir am häufigsten gestellten Fragen Revue passieren zu lassen. Hier meine Top5:

1.) Wo ist mein… (hier wahllos irgendeinen Haushaltsgegenstand einsetzen)?

Es ist ja nicht so, als sei ich besonders chaotisch, wenn es ums Umziehen geht. Es gab schon Umzüge, da hatte ich zu viel Zeit und habe jeden Karton durchnummeriert und den Inhalt feinsäuberlich in einer Excel-Liste dokumentiert. So einen Unsinn mache ich nach sieben Umzügen in neun Jahren nicht mehr, aber es hat dennoch alles seine Ordnung bei mir, natürlich auch beim Umzug meiner Mutter. Das Problem ist nur, dass sie ja nichts mehr sieht. Sie hat also selbst nicht gesehen, in welche Kartons ich was gepackt habe und in welchen Schrank ich es wieder ausgepackt habe. Und was sie nicht selbst sieht, glaubt sie nicht. Wo kämen wir denn da hin, wenn sie sich auf meine Erzählungen verließe. Alles selbst nachzuprüfen, ist ihr aber zu anstrengend. Hinzu kommt, dass der Ortswechsel sie sowieso mental überfordert. Und so stellt sie mir drei Millionen Mal an einem Tag dieselbe Frage nach dem Verbleib ein und desselben Gegenstandes, die ich ihr natürlich gerne beantworte, und dann hat sie diese Information nach fünf Minuten wieder vergessen. Als wäre sie geblitzdingst worden. Vielleicht reißt bei uns aber auch einfach nur ständig die Matrix. Was weiß denn ich!?!

2.) Wann kommst Du wieder?

Zwanzig Jahre. So lange lebe ich fernab meiner Eltern ein eigenständiges Leben in Hamburg. Kommen und gehen, wann man will, tun und lassen, was man will. Das ist nun Geschichte. Ich habe jetzt wieder eine Mutter. Nicht, dass ich vorher keine gehabt hätte, aber sie ist eben nicht präsent gewesen. Meine Mutter lebte ihrerseits schon immer nach dem schönen Motto „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“ Jahrelang hatte sie also kaum eine Ahnung, was ich im Alltag so treibe und konnte sich daher auch nicht einmischen. Nun weiß sie praktisch alles: Wo ich wann hingehe, welche Besorgungen ich mache, mit wem ich wann – und vor allem wie lange – verabredet bin. Das ist für beide Seiten noch gewöhnungsbedürftig. Sie hat plötzlich wieder Action in ihrem Leben, und ich einen Kontrolletti an meiner Seite. Wer sich mit 38 schon immer mal wieder fühlen wollte wie mit 14, dem kann ich das Modell „Mama zieht zu mir“ nur wärmstens empfehlen. Ein wahrer Jungbrunnen. Haha. Ha.

 

3.) Kann ich hier noch irgendwas selbst entscheiden?

Eine rhetorische Frage, über die ich mich anfangs stets aufgeregt habe, um dann festzustellen, dass genau das ihre Absicht gewesen ist. Seitdem antworte ich nur noch: „Natürlich nicht. Warum auch?“ und erreiche damit jedesmal eine leichte Pulsveränderung auf der Gegenseite. Ich weiß, ich darf die herzkranke Frau nicht zu sehr aufregen, aber alles gefallen lassen muss ich mir deshalb noch lange nicht. Mama konnte aufgrund ihrer gesundheitlichen Defizite keine einzige Kiste selbst packen. Also habe ich das alles gemacht, und ich habe es gern getan. Anfangs war ich außerdem bemüht, sie bei jedem Einzelteil um ihre Meinung zu fragen, hinsichtlich der Entscheidung, was mitsollte und was wegkonnte. Das erwies sich als mehr oder weniger unpraktikabel, weil wir auf diese Weise drei Stunden pro Kiste brauchten, aber nur ein einziges Wochenende Zeit hatten, um alles einzupacken. Und weil Mama stets nach zehn Minuten keine Lust mehr hatte, Entscheidungen zu treffen. Also blieb auch das an mir hängen. Ich musste mir also beispielsweise die Frage, ob die stumpfe, uralte Krups-Brotschneidemaschine in der neuen Küche tatsächlich noch Verwendung finden würde, selbst beantworten. Ergebnis: Sie steht noch in Düsseldorf. Das ist natürlich unverzeihlich. Immer, wenn Mama herausfindet, dass ich irgendetwas ohne sie entschieden habe, wird mir mit dem Brustton abgrundtiefster Empörung Frage Nummer drei gestellt. Wir drehen uns in letzter Zeit desöfteren im Kreise.

4.) Warum musst Du nur immer so übertreiben?

Direkt in der ersten Woche habe ich mit Mama die ersten Arztbesuche hier in Hamburg absolviert. Wir haben gleich mehrere Baustellen zu beackern: Das Herz muss regelmäßig zum Ärzte-TÜV, es fehlt noch die Grauer-Star-OP am linken Auge, und die Hüfte dürfte auch mal wieder zum Onkel Doktor. Mit dem Hausarzt haben wir angefangen, und dort bekommt man ja erst mal einen Fragebogen zum allgemeinen Gesundheitszustand in die Hand gedrückt. Es war nicht gerade leicht, bei der Beantwortung der einzelnen Punkte einen gemeinsamen Nenner zu finden. Als wir uns zur Frage nach dem regelmäßigen Alkoholkonsum durchgekämpft hatten, waren Mutter und Tochter aufgrund der vorangegangenen Wortgefechte nicht gerade bester Stimmung. Nun folgte also: Trinken Sie regelmäßig Alkohol? Dazu muss man wissen: Mama hat in den letzten zwei, drei Wochen eine Vorliebe für Underberg als Betthupferl entwickelt. Ich beobachte diese Entwicklung argwöhnisch, muss ihr aber zugestehen: Hätte ich erst vor Kurzem meinen Mann verloren, mit dem ich 43 Jahre verheiratet war, und hätte meine Tochter mich drangsaliert, 500 Kilometer zu ihr in den Norden zu ziehen, herzkrank und nichtssehend, bräuchte ich vermutlich abends mehr als einen Underberg vor dem Einschlafen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass man auf diese Frage nicht einfach guten Gewissens mit „Nein!“ antworten kann. Ich kreuzte „Gelegentlich“ an und bekam oben stehende Frage zu hören. Mal wieder.

5.) Warum bist Du noch nicht wieder zurück?

Diese Frage schließt sich in der Regel nahtlos an Frage 2 an. Mama hat jetzt wieder Festnetz in Hamburg, und sie macht regen Gebrauch davon. Gestern klingelte mein Handy, als ich gerade in der Spirituosenabteilung des Supermarktes stand. „Du wolltest doch um halb sechs wieder da sein!“, schallte es mir um fünf nach halb sechs im vorwurfsvollen Ton entgegen. Da hatte sie wohl irgendwie vergessen, dass sie mich zwei Stunden zuvor mit einer Einkaufsliste von der Länge einer abgewickelten Klopapierrolle losgeschickt hatte, um in mindestens fünf verschiedenen Geschäften ihre Wünsche zu erfüllen, und ich verteidigte mich wahrheitsgemäß mit der Angabe, ich sei gerade auf der Suche nach ihrem Martini Rosso, nach dem sie ausdrücklich verlangt hatte, weil sie mal Abwechslung vom Underberg wollte. So viel zum Thema „gelegentlich“.  Sie wechselte wie immer geschickt das Thema, indem sie mir einen Vortrag über Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit hielt, ohne zu merken, dass ich mein Smartphone in den Einkaufskorb gelegt hatte und nur noch am Rande zuhörte. Bis sie mir in voller Lautstärke die Frage stellte, ob ich auch brav an diesem nasskalten Regentag mein Unterhemd angezogen hatte. Da habe ich dann aufgelegt. Unter den mitleidigen Blicken der anderen Kunden vor dem Schnapsregal.

Fazit nach drei Wochen

Ja, wir müssen uns noch eingrooven. Ja, ich habe das alles so gewollt. Ja, ich bin vielleicht ein bisschen bescheuert. Nein, es ist nicht immer einfach. Aber es macht mich einfach nur glücklich und froh, dass sie hier ist, in meiner Nähe. Es ist ein Geschenk, Zeit mit ihr verbringen zu dürfen und mich um sie zu kümmern. Vorgestern waren wir zusammen an der Ostsee, von der sie nicht gedacht hatte, sie in ihrem Leben noch mal zu sehen zu bekommen. Die Freudentränen in ihren Augen waren und sind all das wert.

Die letzten Wochen waren schwer für uns alle. Nach Papas Tod bin ich fast zwei Wochen lang nur gerannt, um Dinge zu organisieren. Gerannt, um die Bestattung auf die Beine zu stellen, für die ich gefühlte 3 Millionen Entscheidungen treffen musste. Gerannt, um fristgerecht alle Formalitäten zu erledigen. Gerannt, um viele Dinge aufzufangen und zu retten, auf die einen niemand vorbereitet, in die man von jetzt auf gleich hineingezogen wird, ohne Atempause, ohne Zeit zum Nachdenken geschweige denn zum Trauern. Nun steht ein schwarzweißes Porträtfoto auf meiner Anrichte, umrahmt von Kerzen und liebevollen Kondolenzbriefen, und der HSV hat sich gestern vor dem Abstieg gerettet, und es ist das erste Mal, dass ich nach einem solchen Erlebnis nicht Papa anrufen und mich gemeinsam mit ihm darüber freuen kann.

Fußball gucken geht gerade gar nicht.

Das haben wir immer gemeinsam gemacht, über die Entfernung hinweg. Es hat uns immer verbunden Jetzt nicht mehr. Es fällt mir schwer, ohne Papa Spaß daran zu haben. Aber auch das wird wiederkommen, das weiß ich. Ich bin mir sicher, er sitzt gemeinsam mit Hermann Rieger irgendwo da oben, trinkt ein Bier und isst Marzipanschokolade, während er sich über unsere Rettung freut. Mama hingegen freut sich, dass sie das teure Sky-Abonnement endlich los ist. Da kennt sie nichts.

Apropos Mama.

Mama hat den Umbruch noch lange nicht begriffen. Er ist weg, sie ist allein, das Haus ist groß und leer. Das ist ihre Situation momentan. Ich fahre so oft hin, wie ich kann, aber ich kann eben auch nicht an 7 Tagen die Woche. Sie wird zu mir ziehen. Ich habe von ihr eine Vollmacht und den Auftrag erhalten, einen Mietvertrag für sie zu unterzeichnen. Es wird kommen, aber es dauert eben auch. Zuerst müssen wir entscheiden: Geht es direkt ins betreute Wohnen, oder soll es doch noch mal eine eigene Wohnung werden, in die man schließlich auch ambulante Pflegedienste bestellen kann. In unserem Gebäudekomplex sind immer noch schöne, moderne und nahezu barrierefreie Wohnungen zu haben. Eine davon haben wir reserviert, 80 Quadratmeter, zwei Zimmer, eine riesige Südwest-Terrasse, die sie eigentlich gar nicht braucht. Alles viel zu groß, aber eben auch stufenlos, was in unserer Gegend eine Seltenheit ist. Die Entscheidung zwischen betreutem Wohnen und „normaler“ Wohnung fällt aus mehreren Gründen nicht leicht.

Vorteile betreutes Wohnen

Gesellschaft: Die plötzliche Einsamkeit ist eine harte Nuss für Mama. Plötzlich ist das Haus so leer, es gibt keinen Ansprechpartner mehr. In Service-Wohnanlagen gibt es eine Menge Unterhaltung und viele Bewohner, die in derselben Situation sind.

Pflege vor Ort: Die meisten Wohnanlagen bieten bestimmte Zusatzservices an, die man je nach Bedarf dazu buchen kann. Das geht alles sehr leicht und unbürokratisch vonstatten. Hinzu kommt, dass meist vor Ort bereits eine pflegegerechte Möblierung vorzufinden ist, die nicht erst noch angeschafft werden muss.

Nachteile betreutes Wohnen

Begrenztes Raumangebot: Betreutes Wohnen ist zwar an sich eine tolle Sache, aber die Räumlichkeiten sind traditionell beengt. Mama hat Ansprüche. Ich sage nur: Gäste-WC.  Außerdem sollte die Wohnung mindestens zwei Zimmer haben und über einen schönen Balkon oder eine ansprechende Terrasse verfügen. Mehr als anderthalb Zimmer sind in Servicewohnanlagen aber nirgends zu haben. Von einem Balkon oder einem getrennten Gäste-WC ganz zu schweigen.

Lange Wartelisten: Betreutes Wohnen ist beliebt. Wir brauchen eine schnelle Lösung für Mama, aber die Wartelisten sind lang.

Teuer: Betreutes Wohnen ist natürlich auch nicht billig. Mama hat noch keinen Pflegegrad, und es wird ein wenig dauern, bis sie ihn bekommt. Je höher der Pflegegrad, desto mehr davon übernimmt zwar die Pflegekasse, aber desto höher ist auch der Eigenanteil.

Fazit: Eigene Wohnung?

Im Moment spricht viel für ihre eigene Wohnung hier in unserer unmittelbaren Nähe. Wenn alles gut läuft, unterzeichnen wir kommende Woche den Mietvertrag, und dann kann es auch schon losgehen mit den Umzugsvorbereitungen.

Tja, und nun sitze ich hier, im elterlichen Wohnzimmer, und habe eine Tafel Marzipanschokolade auf dem Schoß. Es war Papas Lieblingsschokolade, und die letzte Tafel, die ich online für ihn bestellt habe. Ich werde sie jetzt gleich öffnen und aufessen, und das macht mich gerade sehr glücklich. Weil ich weiß, dass er sie mir angeboten hätte. Mit einem Glas Wasser. Er hat immer allen Gästen ein Glas Wasser oder etwas anderes zu trinken angeboten.

Leider sitzt er mir nicht mehr gegenüber, auf seinem Lieblingssofaplatz.

Und dort wird er auch nie wieder sitzen. Papa ist vergangene Woche von uns gegangen. Es ging leider alles sehr schnell. Wie ich bereits schrieb, musste ich ihn letzten Mittwoch von Hamburg aus mit Verdacht auf Dehydrierung in Düsseldorf ins Krankenhaus einliefern lassen. Vor der Einlieferung plagte ihn bereits seit mehreren Tagen ein Magendarm-Virus, mit welchem eine deutliche Schwächung und ein großer Wasserverlust einhergingen. Ich vermute zudem, dass seine Parkinsonmedikamente in dieser Zeit nicht mehr anschlugen, sofern er sie denn überhaupt noch genommen hatte. Dann ist er auch noch mehrfach böse gestürzt, was allerdings noch halbwegs glimpflich ausging, von einigen heftigen Hämatomen an der Schulter und in der Seite einmal abgesehen. In diesem schlechten Allgemeinzustand wurde er eingeliefert und sofort an den Tropf gehängt. Die ersten beiden Tage ging es noch aufwärts. Seine Werte verbesserten sich, er entwickelte wieder mehr Appetit und war der Lieblingspatient der Oberschwester.

Eines war da allerdings schon klar: Nach Hause zurück würde er nicht mehr können.

Darin waren die Sozialmanagerin des Krankenhauses und ich uns sofort einig, nachdem sie Papa besucht hatte. Ihr Spezialgebiet: Pflegeüberleitung. Ein sehr wichtiger Job und eine großartige Unterstützung für Angehörige wie mich. Meine nächste Spende geht definitiv an diese Einrichtung. Ich kann gar nicht sagen, wie hilfreich sie war. Sie sprach mit Papa, der zu diesem Zeitpunkt geistig noch anwesend und zu Antworten in der Lage war. Und siehe da: Er willigte endlich, endlich, endlich ein, sich vom Medizinischen Dienst in einen Pflegegrad einstufen zu lassen. Er hatte nun eingesehen, pflegebedürftig zu sein und wollte Mama nicht mehr zumuten, sich 24 Stunden am Tag um ihn kümmern zu müssen. Ich war erstaunt über so viel Einsicht und erleichtert zugleich. Die Sozialmanagerin krempelte die Ärmel hoch, um einen Kurzzeitpflegeplatz für meinen Vater für die Zeit nach dem Krankenhausaufenthalt zu organisieren, erst mal hier vor Ort in Düsseldorf. Mein Job war es, gleichzeitig in Hamburg einen Langzeitpflegeplatz zu finden, für die Zeit nach der Kurzzeitpflege. Wir begannen zu telefonieren und alles Notwendige in die Wege zu leiten.

Doch dazu kam es dann leider nicht mehr.

Sein Zustand verschlechterte sich am fünften Tag des Krankenhausaufenthaltes plötzlich. Zufällig waren wir exakt in diesem Moment vor Ort. Wir kamen in sein Zimmer, da wollte er sich gerade aufsetzen, weil er über  „unwahrscheinliche Schmerzen“ in der Seite klagte, auf die er vor ein paar Tagen gefallen war. Nun wollte er sich durch einen Positionswechsel Erleichterung verschaffen und eigentlich am liebsten ganz aus dem Bett aussteigen, wozu er allerdings gar nicht imstande war. Gleichzeitig schimpfte er. Die Pflegerinnen hatten kurz zuvor versucht, ihn zu mobilisieren. Es war ihm ja gut gegangen bis dato, also lautete ihr Plan, ihn so schnell wie möglich wieder an Bewegung zu gewöhnen. Allem Anschein nach wollten sie mit ihm den Sitz auf der Bettkante üben. Er schimpfte darüber, weil es ihm überhaupt nicht recht gewesen ist. Er hätte richtig schuften müssen. Und hinzu kam, dass die Übungen offenbar Schmerzen ausgelöst hatten. Die nun immer schlimmer wurden. Er bekam zuerst ein orales Schmerzmittel, was aber kaum anschlug. Die nachfolgende Schmerzspritze hingegen tat es. Er beruhigte sich zusehends, fiel aber in eine Art Delirium.

Das Leben zog in Bildern an ihm vorbei.

Er war nun nicht mehr ansprechbar. Zwar nahm er uns zwischendurch immer mal wieder wahr, allerdings nur sehr kurz. Er fragte namentlich nach seiner Enkelin und wollte, dass ich ihn umarme und ihm einen Kuss gebe. Ich kam seinem Wunsch nach und tupfte ihm immer wieder Schweiß von der Stirn. Er erzählte mit offenen Augen von Erlebnissen aus seinem Leben, als würde er sie gerade noch mal durchleben. Da wusste ich, dass er gehen würde. Es war sichtbar, es war ahnbar. Die kommende Nacht und den kommenden Tag sollte er noch erleben, aber in der zweiten Nacht riss mich ein Anruf aus dem Tiefschlaf, den ich vermutlich nie wieder vergessen werde. Die Stürze, die Dehydrierung, der Magendarm-Virus und die Parkinsonerkrankung hatten ihn auf seinen letzten Weg geführt.

Tschüß, Papa.

Wie schade, dass wir keine Zeit mehr zusammen haben. Wie schade, dass ich ihn in Hamburg nicht mehr betüdeln kann. Schade, dass wir nie wieder zusammen Fußball gucken werden. Schade. Es gibt so viel, wofür ich ihm dankbar bin, und all das habe ich in seinen Abschiedsbrief geschrieben. Dann bin ich in den vergangenen Tagen wie ein Duracell-Häschen durch den Ort gerannt, um alles zu organisieren.

Nach vier Tagen erst konnte ich mich zum ersten Mal zurück lehnen.

Es ist verrückt, woran Angehörige sofort denken müssen und welche Formalitäten danach verlangen, sofort erledigt zu werden, um keine Nachteile zu erfahren. Und das mitten in der Trauer. Beispielsweise bin ich in der einen Nacht um 1:30 Uhr aus dem Bett gesprungen, weil mir plötzlich wie Schuppen von den Augen fiel, dass die Lebensversicherung noch nicht Bescheid weiß. Und die wollen spätestens 48 Stunden später eine Nachricht bekommen, sonst ziehen die sich aus der Affäre. Ich habe es exakt nach 47 Stunden und 59 Minuten geschafft, sie per E-Mail zu benachrichtigen. Aber das ist noch mal eine andere Geschichte. Ich hantiere hier mit To-Do-Listen, Verpflichtungen und Entscheidungen, die ich gar nicht treffen möchte, aber treffen muss. Ich suche Blumen für ihn aus, seinen Sarg, seinen Grabschmuck, seine Totenkleidung, ich hole Unterschriften ein, beantrage Gelder für Mama, gebe Trauerbriefe in Auftrag, deren Texte ich mitten in der Nacht schreibe, um dann panikerfüllt erst im Nachhinein zu checken, ob ich auch bloß keinen Rechtschreibfehler eingebaut habe (habe ich nicht, Redakteursroutine sei Dank). Und ich führe Gespräche darüber, welche Inhalte wir uns in seiner Trauerrede wünschen. Als Musik gibt es Bachs Air und James Lasts Biscaya, das hätte ihm gefallen.

Kommenden Freitag findet die Beerdigung statt.

Bis dahin funktioniere ich, habe aber zwischendurch sehr traurige Momente. Mit seiner Lieblingsstrickjacke in der Hand saß ich neulich zusammengesunken auf seinem Lieblingssofaplatz, da war ich noch nicht so weit wie jetzt. Jetzt kann ich mir die Erlebnisse von der Seele schreiben, und jetzt kann ich mit einem Lächeln hier sitzen und seine letzte Tafel futtern. Marzipan. Auf Dich, Papa.

 

Vor zwei Wochen wähnte ich uns am vorläufigen Ende des Weges und schrieb: „Ich kann nur noch abwarten und rein gar nichts mehr tun. Und dann, wenn es passiert ist (was auch immer), muss ich springen und zusehen, dass ich rette, was noch zu retten ist. Darauf bereite ich mich vor, so gut es geht. Denn es wird was passieren, es ist spürbar, es ist absehbar. Im Alltag können sie fast nichts mehr alleine, jede Treppenstufe quält sie, jeder Arzttermin ist ein riesiges Problem. Ich weiß nicht, wie sie in Zukunft ohne mich klarkommen wollen, aber irgendwie geht es ja von Woche zu Woche.“

Irgendwie jetzt nicht mehr.

Was soll ich sagen. Da sind wir nun. Jetzt geht es eben nicht mehr. Der Moment ist da, und er kam mit Wucht: Papa ist an zwei Tagen mehrfach im Raum gestürzt, hat sich heftige Blessuren zugezogen, ist aus dem Bett gefallen, allem Anschein nach schleichend dehydriert, woraufhin die Parkinson-Medikamente nicht mehr anschlugen (wie ich vermute), was wiederum gepaart mit der Dehydrierung einen Zustand geistiger Verwirrung auslöste. Man sitzt nicht aus heiterem Himmel auf seinem Bett, beschwert sich über die vielen, anwesenden Menschen im Schlafzimmer und möchte nach Hause gebracht werden.

Umbruch in Sicht.

Ich musste ihn von Hamburg aus auf Hinweise der Nachbarin meiner Eltern hin gegen den leichten Widerstand meiner Mutter in Düsseldorf ins Krankenhaus verfrachten lassen, was aus der Ferne gar  nicht mal so einfach ist. Seitdem organisiere ich und telefoniere und koordiniere und freue mich sehr darüber, dass es im Krankenhaus eine Sozialstation mit sehr erfahrenen Managerinnen gibt, für die meine Situation (Eltern haben jahrelang nicht auf mich gehört, und jetzt haben wir den Salat) absolut alltäglich zu sein scheint. Wenn alles gut läuft, dann kommt nächste Woche der Medizinische Dienst, gibt ihm (endlich!) einen Pflegegrad, dem mein Vater hoffentlich auch zustimmt, was ich momentan noch nicht zu prophezeien wage. Zumal ich hier aus der Ferne nicht einschätzen kann, ob er zur Zustimmung oder Ablehnung überhaupt noch in der Lage ist. Falls nicht, hätten wir noch einen Termin beim Betreuungsgericht vor uns, und Gott sei Dank sind die juristischen Formalitäten in dieser Hinsicht bereits durch die Vorsorgevollmacht geregelt. Das lässt mich in all dem Chaos-Sog-Strudel gerade ein wenig aufatmen.

Wie geht es weiter?

Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Vermutlich müssen wir einen Kurzzeitpflege-Platz für ihn in Düsseldorf organisieren. Das kann aber nur eine Übergangslösung sein. Ich werde einen weiteren Versuch starten, sie in meine Nähe zu holen und hoffe, dass ihnen die Notwendigkeit nun klar ist. Meine Mutter ist mit der Situation völlig überfordert, denn sie hat sie nicht kommen sehen. Das mag nun unglaublich klingen, aber so ist es. Sie hat nicht nur all die Jahre all meine Warnungen in den Wind geschlagen, sondern offenbar auch dermaßen erfolgreich verdrängt, dass sie sich nun an nichts erinnern kann. Es ist ihr schleierhaft, weshalb ich überhaupt nicht überrascht bin. Und ich kann nur eins: Tief durchatmen, keine Vorwürfe mehr machen und Verständnis haben. Ich muss den „Ich hab es Euch doch gleich gesagt“-Impuls, der mir dauernd auf der Zunge liegt, ständig unterdrücken in den nächsten Tagen. Denn ich habe es mit einer herzkranken Frau zu tun, die nur noch über 20 Prozent Sehkraft verfügt und der ganzen Lage sehr hilflos gegenüber steht.

With a little help from my friends.

So heftig das alles auch ist, ich bin nicht allein. Ich habe die besten Freunde der Welt in Düsseldorf. Die mich trotz neugeborenem Baby und zwei Jungs und genügend eigenen Baustellen zum hunderttausendsten Mal beherbergen, zuhören, aufmuntern, helfen. Ich habe einen Freund, der mich immer die 500 Kilometer da runter fährt (und wieder hoch), damit ich das nicht alleine machen muss. In Düsseldorf gibt es noch Verwandte, die meine Situation genau kennen, die genau wissen, wie viel ich in den letzten Jahren versucht habe, die zuhören, Beistand leisten und im Rahmen ihrer Möglichkeiten unterstützen. Ich habe hier in Hamburg eine Oma für meine achtjährige Tochter, die immer einspringt und aufpasst und bekocht und an meiner Stelle bemuttert, während ich sie vermisse. Es gibt hier den Vater meines Kindes, der nie meckert, weil sich alle Absprachen in Sachen Kinderbetreuung von einem Moment auf den anderen ändern und der sich noch gut an all die Jahre erinnert, in denen er mich nach elterlichen Telefonaten, die nicht so lustig waren wie die Bestelldialoge, aufmuntern musste. Ich habe einen Chef, der mich notfalls von Düsseldorf aus arbeiten lässt, und ich habe Kollegen, die aufmuntern und Verständnis zeigen. Ohne all diese Menschen hätte ich schon lange den Kopf in den Sand gesteckt, aber so halte ich ihn aufrecht. Und fahre ich jetzt nach Düsseldorf, um die nächsten Schritte in Angriff zu nehmen und versuche, immer nur von Etappenziel zu Etappenziel zu denken.

Weiter geht’s.

 

Nein, wir wollen nicht umziehen.

Nein, wir wollen nicht aus dem Haus raus.

Nein, ich möchte keine zweite Augen-OP.

Nein, nein, nein, nein, nein. Ich esse meine Suppe nicht.

Tja. Was soll ich sagen, wir sind in der absoluten Sackgasse gelandet, und das auf allen denkbaren Ebenen. Mama hat sich zwar mit einem Auge tapfer dem grauen Star gestellt, sich aber direkt danach wieder in die Nörgelecke verzogen, weil sich mit der OP wohl überhaupt nichts gebessert hat. Rechts. Wo sie vorher schon 0 Prozent Sehkraft hatte. Nun weigert sie sich standhaft, am linken 20-Prozent-Auge rumdoktern zu lassen, was ich irgendwie nachvollziehen kann. In puncto Sehkraft würde ich mich vermutlich auch an jedem verbleibenden Prozentpunkt festklammern und keinen mehr da ranlassen.

Trotzdem schade.

Sie war so voller Zuversicht und Pläne, und nun ist das alles wieder für die Katz. Kein Umzug, keine Veränderung, kein gar nichts. Papa kommt das sehr entgegen, der will ja eh nix. Nichts im Sinne von gar nichts. Keine Geburtstage mehr feiern, kein Weihnachten mehr (es sind ja eh schon alle tot, mit denen das alles Spaß gemacht hätte – bis auf ich oder das Enkelkind, aber wir zählen da leider nicht), keine fremden Leute im Haus, kein Hörgerät, keinen Rollator, keinen Hausnotrufknopf, keine Freundschaften mehr, keine Freude, keine Abwechslung,  kein gar nichts. Wenn man sonst nichts mehr vom Leben will, dann nur noch eins: seine Ruhe. Und Mama, sie träumt nur davon, dass es anders sein könnte, aber den Mut und die Kraft, es anzugehen, hat sie auch nicht.

Ich bin mit meinem Latein am Ende.

Ich habe Zukunftsvisionen ausgemalt, gut zugeredet, Mut gemacht, genörgelt, beschworen, geschimpft, geweint, gebettelt, gemotzt, gebetet, argumentiert, gehofft, gebangt, geschrieen, überzeugt, beredet, überredet, resigniert. Ich war immer überzeugt davon, bei mir würde es ihnen so viel besser gehen. Und das sicher nicht aus egoistischen Gründen. Mein Alltag hätte sich durch das Pflegen meiner Eltern hier vor Ort schließlich auch rapide verändert. Jetzt werden sie für immer weit weg sein, und ich weiß nicht, wie ich ihnen aus der Ferne bei all dem wirklich helfen soll.

Ich habe ein ewiges, emotionales, sich inzwischen schon Jahre hinziehendes Auf und Ab aus erleichterndem „Ja, ist ja gut, wir ziehen ja um.“ und niederschmetterndem „Nein, doch nicht, lass uns endlich in Ruhe.“ hinter mir. Jetzt kann ich nicht mehr. Die ganze Sache hat schon lange begonnen, sich auf meine Gesundheit auszuwirken, und nun muss ich mal eine Grenze ziehen. Ich habe ein Kind, und das braucht eine fitte Mutter, kein Wrack.

Schluss.

Der Punkt ist gekommen. Jetzt ist er da. Ich habe begriffen, dass ich keinen Einfluss auf sie habe und musste einsehen, dass ich auch nie welchen hatte.  Ich kann nur noch abwarten und rein gar nichts mehr tun. Und dann, wenn es passiert ist (was auch immer), muss ich springen und zusehen, dass ich rette, was noch zu retten ist.  Darauf bereite ich mich vor, so gut es geht. Denn es wird was passieren, es ist spürbar, es ist absehbar. Im Alltag können sie fast nichts mehr alleine, jede Treppenstufe quält sie, jeder Arzttermin ist ein riesiges Problem. Ich weiß nicht, wie sie in Zukunft ohne mich klarkommen wollen, aber irgendwie geht es ja von Woche zu Woche. Sie wollen es so. Sie wollen meine Hilfe nicht, weder hier in Hamburg noch in Düsseldorf vor Ort.

Die Mittwochsdialoge sind das einzige, das uns noch zum Telefonieren bringt.

Kurz anrufen, ihre Stimmen hören, aha, es ist also noch alles irgendwie okay, wie geht es Euch?, was wollt Ihr bestellen?, Bestellung aufnehmen, Bestellung absenden, auf Wiedersehen, ich werde abgewürgt. Bloß nicht zu viel reden, sie haben Angst, ich könnte wieder mit dem Thema Umzug anfangen oder nach dem Stand ihrer Medikamentenversorgung fragen und ob sie sie überhaupt noch nehmen. Bitte keine Einmischung, es geht Dich nichts an. Nach mir wird sich nicht mehr groß erkundigt, ich bin nur noch zur Lebensmittelversorgung da.

Ich kann nur noch warten. Und hoffen, dass es noch irgendwie glimpflich ausgeht.

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