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Lonari

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Vor zwei Wochen w√§hnte ich uns am vorl√§ufigen Ende des Weges und schrieb: „Ich kann nur noch abwarten und rein gar nichts mehr tun. Und dann, wenn es passiert ist (was auch immer), muss ich springen und zusehen, dass ich rette, was noch zu retten ist. Darauf bereite ich mich vor, so gut es geht. Denn es wird was passieren, es ist sp√ľrbar, es ist absehbar. Im Alltag k√∂nnen sie fast nichts mehr alleine, jede Treppenstufe qu√§lt sie, jeder Arzttermin ist ein riesiges Problem. Ich wei√ü nicht, wie sie in Zukunft ohne mich klarkommen wollen, aber irgendwie geht es ja von Woche zu Woche.“

Irgendwie jetzt nicht mehr.

Was soll ich sagen. Da sind wir nun. Jetzt geht es eben nicht mehr. Der Moment ist da, und er kam mit Wucht: Papa ist an zwei Tagen mehrfach im Raum gest√ľrzt, hat sich heftige Blessuren zugezogen, ist aus dem Bett gefallen, allem Anschein nach schleichend dehydriert, woraufhin die Parkinson-Medikamente nicht mehr anschlugen (wie ich vermute), was wiederum gepaart mit der Dehydrierung einen Zustand geistiger Verwirrung ausl√∂ste. Man sitzt nicht aus heiterem Himmel auf seinem Bett, beschwert sich √ľber die vielen, anwesenden Menschen im Schlafzimmer und m√∂chte nach Hause gebracht werden.

Umbruch in Sicht.

Ich musste ihn von Hamburg aus auf Hinweise der Nachbarin meiner Eltern hin gegen den leichten Widerstand meiner Mutter in D√ľsseldorf ins Krankenhaus verfrachten lassen, was aus der Ferne gar ¬†nicht mal so einfach ist. Seitdem¬†organisiere ich und telefoniere und koordiniere und freue mich sehr dar√ľber, dass es im Krankenhaus eine Sozialstation mit sehr erfahrenen Managerinnen gibt,¬†f√ľr die meine Situation (Eltern haben jahrelang nicht auf mich geh√∂rt, und jetzt haben wir den Salat) absolut allt√§glich zu sein scheint. Wenn alles gut l√§uft, dann kommt n√§chste Woche der Medizinische Dienst, gibt¬†ihm (endlich!) einen Pflegegrad, dem mein Vater hoffentlich auch zustimmt, was ich momentan noch nicht zu prophezeien wage. Zumal ich hier aus der Ferne nicht einsch√§tzen kann, ob er zur Zustimmung oder Ablehnung √ľberhaupt noch in der Lage ist. Falls nicht, h√§tten wir noch einen Termin beim Betreuungsgericht vor uns, und Gott sei Dank sind die juristischen Formalit√§ten in dieser Hinsicht bereits durch die Vorsorgevollmacht geregelt. Das l√§sst mich in all dem Chaos-Sog-Strudel gerade ein wenig aufatmen.

Wie geht es weiter?

Ganz ehrlich, ich wei√ü es nicht.¬†Vermutlich m√ľssen wir einen Kurzzeitpflege-Platz f√ľr ihn in D√ľsseldorf organisieren. Das kann aber nur eine √úbergangsl√∂sung sein. Ich werde einen weiteren Versuch starten, sie in meine N√§he zu holen und hoffe, dass ihnen die Notwendigkeit nun klar ist. Meine Mutter ist mit der Situation v√∂llig √ľberfordert, denn sie hat sie nicht kommen sehen. Das mag nun unglaublich klingen, aber so ist es. Sie hat nicht nur all die Jahre all meine Warnungen in den Wind geschlagen, sondern offenbar auch derma√üen erfolgreich verdr√§ngt, dass sie sich nun an nichts erinnern kann. Es ist ihr schleierhaft, weshalb ich √ľberhaupt nicht √ľberrascht bin. Und ich kann nur eins: Tief durchatmen, keine Vorw√ľrfe mehr machen und Verst√§ndnis haben. Ich muss den „Ich hab es Euch doch gleich gesagt“-Impuls, der mir dauernd auf der Zunge liegt, st√§ndig unterdr√ľcken in den n√§chsten Tagen. Denn ich habe es mit einer herzkranken Frau zu tun, die nur noch √ľber 20 Prozent Sehkraft verf√ľgt und der ganzen Lage sehr hilflos gegen√ľber steht.

With a little help from my friends.

So heftig das alles auch ist, ich bin nicht allein. Ich habe die besten Freunde der Welt in D√ľsseldorf. Die mich trotz neugeborenem Baby und zwei Jungs und gen√ľgend eigenen Baustellen zum hunderttausendsten Mal beherbergen, zuh√∂ren, aufmuntern, helfen. Ich habe einen Freund, der mich immer die 500 Kilometer da runter f√§hrt (und wieder hoch), damit ich das nicht alleine machen muss. In D√ľsseldorf¬†gibt es noch¬†Verwandte, die meine Situation genau kennen, die genau wissen, wie viel ich in den letzten Jahren versucht habe, die zuh√∂ren, Beistand leisten und im Rahmen ihrer M√∂glichkeiten unterst√ľtzen. Ich habe hier in Hamburg eine Oma f√ľr meine achtj√§hrige Tochter, die immer einspringt und aufpasst und bekocht und an meiner Stelle bemuttert, w√§hrend ich sie vermisse. Es gibt hier den Vater meines Kindes, der nie meckert, weil sich alle Absprachen in Sachen Kinderbetreuung von einem Moment auf den anderen √§ndern und der sich noch gut an all die Jahre erinnert, in denen er mich nach elterlichen Telefonaten, die nicht so lustig waren wie die Bestelldialoge, aufmuntern musste. Ich habe einen Chef, der mich notfalls von D√ľsseldorf aus arbeiten l√§sst, und ich habe Kollegen, die aufmuntern und Verst√§ndnis zeigen. Ohne all diese Menschen h√§tte ich schon lange den Kopf in den Sand gesteckt, aber so halte ich ihn aufrecht. Und fahre ich jetzt nach D√ľsseldorf, um die n√§chsten Schritte in Angriff zu nehmen und versuche, immer nur von Etappenziel zu Etappenziel zu denken.

Weiter geht’s.

 

Nein, wir wollen nicht umziehen.

Nein, wir wollen nicht aus dem Haus raus.

Nein, ich möchte keine zweite Augen-OP.

Nein, nein, nein, nein, nein. Ich esse meine Suppe nicht.

Tja. Was soll ich sagen, wir sind in der absoluten Sackgasse gelandet, und das auf allen denkbaren Ebenen. Mama hat sich zwar mit einem Auge tapfer dem grauen Star gestellt, sich aber direkt danach wieder in die N√∂rgelecke verzogen, weil sich mit der OP wohl √ľberhaupt nichts gebessert hat. Rechts. Wo sie vorher schon 0 Prozent Sehkraft hatte. Nun weigert sie sich standhaft, am linken 20-Prozent-Auge rumdoktern zu lassen, was ich irgendwie nachvollziehen kann. In puncto Sehkraft w√ľrde ich mich vermutlich auch an jedem verbleibenden Prozentpunkt festklammern und keinen mehr da ranlassen.

Trotzdem schade.

Sie war so voller Zuversicht und Pl√§ne, und nun ist das alles wieder f√ľr die Katz. Kein Umzug, keine Ver√§nderung, kein gar nichts. Papa kommt das sehr entgegen, der will ja eh nix. Nichts im Sinne von gar nichts. Keine Geburtstage mehr feiern, kein Weihnachten mehr (es sind ja eh schon alle tot, mit denen das alles Spa√ü gemacht h√§tte – bis auf ich oder das Enkelkind, aber wir z√§hlen da leider nicht), keine fremden Leute im Haus, kein H√∂rger√§t, keinen Rollator, keinen Hausnotrufknopf, keine Freundschaften mehr, keine Freude, keine Abwechslung, ¬†kein gar nichts. Wenn man sonst nichts mehr vom Leben will, dann nur noch eins:¬†seine Ruhe. Und Mama, sie tr√§umt nur davon, dass es anders sein k√∂nnte, aber den Mut und die Kraft, es anzugehen, hat sie auch nicht.

Ich bin mit meinem Latein am Ende.

Ich habe Zukunftsvisionen ausgemalt, gut zugeredet, Mut gemacht,¬†gen√∂rgelt, beschworen, geschimpft, geweint, gebettelt, gemotzt, gebetet, argumentiert, gehofft, gebangt, geschrieen, √ľberzeugt, beredet, √ľberredet, resigniert. Ich war immer √ľberzeugt davon, bei mir w√ľrde es ihnen so viel besser gehen. Und das sicher nicht aus egoistischen Gr√ľnden. Mein Alltag h√§tte sich durch das Pflegen meiner Eltern hier vor Ort schlie√ülich auch rapide ver√§ndert. Jetzt werden sie f√ľr immer weit weg sein, und ich wei√ü nicht, wie ich ihnen aus der Ferne bei all dem wirklich helfen soll.

Ich habe ein ewiges, emotionales, sich inzwischen schon Jahre hinziehendes Auf und Ab aus erleichterndem „Ja, ist ja gut, wir ziehen ja um.“ und niederschmetterndem „Nein, doch nicht, lass uns endlich in Ruhe.“ hinter mir. Jetzt kann ich nicht mehr. Die ganze Sache hat schon lange begonnen, sich auf meine Gesundheit auszuwirken, und nun muss ich mal eine Grenze ziehen. Ich habe ein Kind, und das braucht eine fitte Mutter, kein Wrack.

Schluss.

Der Punkt ist gekommen. Jetzt ist er da. Ich habe begriffen, dass ich keinen Einfluss auf sie habe und musste einsehen, dass ich auch nie welchen hatte. ¬†Ich kann nur noch abwarten und rein gar nichts mehr tun. Und dann, wenn es passiert ist (was auch immer), muss ich springen und zusehen, dass ich rette, was noch zu retten ist. ¬†Darauf bereite ich mich vor, so gut es geht. Denn es wird was passieren, es ist sp√ľrbar, es ist absehbar. Im Alltag k√∂nnen sie fast nichts mehr alleine, jede Treppenstufe qu√§lt sie, jeder Arzttermin ist ein riesiges Problem. Ich wei√ü nicht, wie sie in Zukunft ohne mich klarkommen wollen, aber irgendwie geht es ja von Woche zu Woche. Sie wollen es so. Sie wollen meine Hilfe nicht, weder hier in Hamburg noch in D√ľsseldorf vor Ort.

Die Mittwochsdialoge sind das einzige, das uns noch zum Telefonieren bringt.

Kurz anrufen, ihre Stimmen h√∂ren, aha, es ist also noch alles irgendwie okay, wie geht es Euch?, was wollt Ihr bestellen?, Bestellung aufnehmen, Bestellung absenden, auf Wiedersehen, ich werde abgew√ľrgt. Blo√ü nicht zu viel reden, sie haben Angst, ich k√∂nnte wieder mit dem Thema Umzug anfangen oder nach dem Stand ihrer Medikamentenversorgung fragen und ob sie sie √ľberhaupt noch nehmen. Bitte keine Einmischung, es geht Dich nichts an.¬†Nach mir wird sich nicht mehr gro√ü erkundigt, ich¬†bin nur noch zur Lebensmittelversorgung da.

Ich kann nur noch warten. Und hoffen, dass es noch irgendwie glimpflich ausgeht.

Gro√üe Aufregung im Hause Mission MamaPapa –¬†mein kleines Blog hier ist mit seinen 70 Facebook-Fans f√ľr einen Preis nominiert, und zwar f√ľr den Goldenen Blogger 2017,¬†der morgen im Rahmen einer kleinen Feier im Telef√≥nica Basecamp in Berlin verliehen wird.

Ich trete da in der Kategorie „Mama/Papa/Eltern“ gegen zwei ziemlich gro√üartige Blogs¬†an: Christine Finke von mama-arbeitet.de, bei der ich schon l√§nger still mitlese. Und wochenendrebell.de, den ich durch die Nominierung erst kennen gelernt habe.¬†Starke Themen, sch√∂ne Texte. Beide Blogs haben ein Vielfaches meiner Reichweite, und schon allein deshalb gucke ich ganz sch√∂n ehrf√ľrchtig auf die Konkurrenz und freue mich umso mehr wie ein kleiner Schneek√∂nig: Was f√ľr eine Ehre, mit den beiden zusammen nominiert zu sein. Ich rechne mir da nur wenig Chancen aus, aber ich freue mich wie bl√∂d auf einen sch√∂nen Abend und auf eine spannende Erfahrung in Berlin.

P.S. Ein Teil der Kategorien wird per Online-Voting vergeben. Ich wei√ü noch nicht, ob meine Kategorie darunter f√§llt, und das wird auch erst am Abend selbst bekannt gegeben. Falls das so sein sollte: Das Voting geschieht √ľber den Twitter-Account¬†@goldeneblogger. Falls Ihr f√ľr mich abstimmen wollt, dann folgt dem Account und¬†schaut dort mal morgen, am 30.01.2017, ab 19 Uhr dort vorbei.

Nachdem sich mein Vater im M√§rz vergangenen Jahres endlich dazu durchgerungen hatte, dem Umzug zuzustimmen, um es sich dann im November anders zu √ľberlegen, sich dann im Dezember aber noch mal Bedenkzeit erbat,¬†warte ich auf das Ende eben dieser. Wenn wir mittwochs die Bestellung erledigen, frage ich meist noch mal ganz dezent nach, ob denn die Entscheidungsfindung nun in B√§lde abgeschlossen sei.¬†Nicht, dass ich mir noch gro√üe Hoffnungen auf eine konkrete Ansage machen w√ľrde, aber manchmal √ľberraschen mich die Antworten dann doch. So wie beim letzten Mal. Da kam sie auch so pl√∂tzlich, die Antwort. Zwischen Milcht√ľtenproblematik und Apfelsaftbestandsdiskussion. Mit anderen Worten: Ich war darauf in dieser Sekunde nicht vorbereitet. Es lief ungef√§hr folgenderma√üen ab.

Mama: „Wir brauchen Orangensaft. Insgesamt sechs Mal.“

Ich: „Alles klar.“

Mama: „Und¬†diesmal keine Milch. Um Gottes Willen, keine Milch! Davon ist noch massenhaft da.“

Mir ist zwar schleierhaft, was sie mit „massenhaft“ meint, denn meinen Berechnungen zufolge d√ľrfte es sich allerh√∂chstens noch um 1 einsame T√ľte handeln, aber gut. Ich bin inzwischen weit davon entfernt, die Mengenplanung meiner Mutter infrage zu stellen. Weshalb sollte sie auch innerhalb einer Woche nicht sechs Flaschen Orangensaft, daf√ľr aber nur eine T√ľte Milch verbrauchen. Wer bin ich, das zu kritisieren?

Ich: „Okay. Keine Milch. Keine Sorge, ich bestelle keine Milch.“

Papa (z√§hlt derweil im Hintergrund wie immer den Getr√§nkebestand durch): „Apfelsaft ist alle.“

Mama: „Nein, keinen Apfelsaft. Ich habe schon Orangensaft bestellt.“

Ich (kann nun doch nicht umhin, einen vorsichtigen Gegenvorschlag zu machen, begebe mich aber mal wieder auf ganz d√ľnnes Eis): „Du k√∂nntest¬†es ja anders aufteilen. Statt sechs Flaschen O-Saft vielleicht nur 3, daf√ľr aber auch 3 Flaschen¬†Apfelsaft.“

Mama (h√∂rbar erz√ľrnt): „Nein.“

Ende der Durchsage.

Mama: „Ich wollte zwischendurch mal fragen, wie geht es eigentlich L?“(meiner Tochter, Anm. d. Red.)

Papa (ungeduldig): „Nein, jetzt machen wir erst mal die Bestellung fertig!“

L√§uft ja mal wieder wie am Schn√ľrchen heute.

Mama: „Ich werde mich doch wohl noch nach meinem Enkelkind erkundigen d√ľrfen, oder seit wann ist das verboten?!?“

Papa: „Ja? Na dann k√∂nnte ich ja auch mittendrin erz√§hlen, dass wir uns eine neue Variante in Sachen Umzug √ľberlegt haben!“

Ich (aufhorchend): „Ach ja? Welche denn?“

Papa (kapitulierend): „Wir werden uns eine kleine Wohnung in D√ľsseldorf mieten und eine Ferienwohnung in Hamburg kaufen. So k√∂nnen wir einige Wochen im Jahr an beiden Orten verbringen. Die perfekte L√∂sung.“

Stille. Denn ich brauche so 5-10 Sekunden, um die Informationen zu verarbeiten. Mir kommt die L√∂sung n√§mlich nicht ganz so perfekt vor, wie sie mir angepriesen wird. Mir schie√üen stattdessen so Tatsachen durch den Kopf wie die Immobilit√§t meiner Eltern¬†oder beispielsweise¬†die Frage, ob das Modell „ein Wohnsitz in D√ľsseldorf und einer in Hamburg“¬†finanziell gesehen im Verh√§ltnis zur Rente meiner Eltern nicht eine Spur zu mond√§n daherkommt. Aber ich will nicht direkt den Spielverderber geben, wo ich schlie√ülich froh sein kann, dass sie offenbar endlich damit angefangen haben, miteinander dar√ľber zu sprechen (und nicht blo√ü mit mir, am Telefon, weil ich regelm√§√üig damit herumnerve).

Ich: „√Ąh. Hm. Ja. Und wie kommt Ihr dann immer von Hamburg nach D√ľsseldorf und wieder zur√ľck?“

Papa (verst√§ndnislos): „Wieso? Du f√§hrst uns, das ist doch wohl klar!“

Ich: „Ach so?“

Papa: „Ja, etwa nicht?“

Ich: „√Ėhm. Wie oft denn so?“

Papa: „Na, alle paar Wochen h√∂chstens.“

Ich: „…“

Papa: „Was hast du denn nun daran wieder auszusetzen?!“

Ja, echt mal, dem undankbaren Kind kann man es aber auch nie recht machen!

Mal unter uns gesagt: Ich halte das nicht f√ľr praktikabel. Und zwar nicht deshalb, weil ich sie nicht fahren w√ľrde. Inzwischen w√ľrde ich sie auch freiwillig zum Mond und wieder zur√ľck fliegen, wenn das bedeutete, dass ich sie einige Wochen im Jahr in meiner N√§he h√§tte und mich k√ľmmern k√∂nnte. Das Problem, das ich darin sehe: Sie sind zu solchen Fahrten vermutlich gar nicht mehr in der Lage. Viereinhalb Stunden pro Tour – das darf man mit 80 auch nicht untersch√§tzen. Aber, ich habe ja nunmal vor, sie in allem zu unterst√ľtzen, ganz egal, wie ihre Entscheidung ausf√§llt. Und wenn es das ist, was sie m√∂chten – so sei es.

Ich: „Gar nichts, Papa. Ich bin voll bei Euch.“

Wo auch immer.

Abseits von den vielen, oftmals¬†am√ľsanten¬†Supermarkt-Telefonaten, die ich mit meinen Eltern so f√ľhre, gab es rund um die Frage, wie es mit ihnen weiter gehen soll,¬† in den letzten Wochen und Monaten viele ernste Momente, in denen wir gemeinsam¬†wichtige Entscheidungen treffen mussten.

Seit zirka anderthalb Jahren organisiere ich den Haushalt meiner Eltern aus der Ferne. Und zwar ziemlich genau seit meine Mutter mit einer Herzinsuffizienz im Krankenhaus gelandet war, ohne mir ein Sterbenswörtchen davon zu verraten.

Damals war ich erst mal sprachlos, und dann bekam ich auch noch die vier verbalen Backpfeifen verpasst.

Ich musste mir pl√∂tzlich √ľber alle m√∂glichen Dinge Gedanken machen, √ľber rechtliche Schritte wie die Vorsorgevollmacht, Patientenverf√ľgung und Bankvollmachten, aber auch ganz grunds√§tzlich √ľber die Frage, wie lange es noch so weitergehen sollte /¬†konnte wie bisher.

Wie lange w√ľrden meine Eltern noch allein zu Hause zurecht kommen?

Kamen sie es √ľberhaupt noch?

Und wer hatte eigentlich das Recht, dar√ľber zu urteilen und zu entscheiden?

Von Beginn an begleitete mich ein Mythos, n√§mlich der vom Notarzt, der, einmal gerufen, jederzeit daf√ľr sorgen k√∂nne, dass meine Eltern im Pflegeheim landen, nachdem er ihre h√§usliche Umgebung als nicht mehr tragbar eingestuft h√§tte. Keine sch√∂ne Aussicht, vor allem, wenn man Eltern hat, die einem Notf√§lle gern mal verschweigen. Ich m√∂chte¬†das n√§chste Mal nur ungern nach zwei Wochen von den Nachbarn erfahren, dass einer von beiden seit¬†14 Tagen¬†im Heim lebt.

Ich hatte damals¬†ein sehr hilfreiches Gespr√§ch mit der Leiterin eines ortsans√§ssigen Pflegeheims. F√ľr mich stand zwar direkt au√üer Frage, meine Eltern ins Pflegeheim zu geben, aber ich suchte jemanden, der sich mit dem Thema „Selbstbestimmung im Alter“ auskannte und mir den ein oder anderen guten Ratschlag geben konnte. Denn: Wenn auch das Pflegeheim f√ľr uns keine L√∂sung darstellte, so war doch relativ schnell klar, dass meine Eltern bald zumindest Hilfe in den eigenen vier W√§nden ben√∂tigen w√ľrden. Doch auch das war bis dato ein absolutes Tabu-Thema f√ľr sie gewesen.

Ich konnte sie ja noch nicht mal zu simplen Hilfsmitteln wie einem Rollator oder einer Abst√ľtzstange am Bett √ľberreden.

Ein fremder Mensch in ihrem Haus geschweige denn das Beantragen einer Pflegestufe – f√ľr Mama und Papa undenkbar! Aber f√ľr mich lag auf der Hand, dass sie Hilfe brauchten, nur leider half das¬†gute Zureden nichts.

Jedenfalls kl√§rte mich die Heimleiterin dar√ľber auf, dass √Ąrzte Patienten nicht einfach so einweisen k√∂nnen.¬†Und sie gab mir¬†einen grunds√§tzlichen¬†Rat, an dem ich mich bis heute festhalte. Sie sagte mir, sie h√§tte schon oft erlebt, dass Angeh√∂rige den Willen der Betroffenen ignorieren und einfach Dinge entscheiden, koste es, was es wolle. Daf√ľr ziehen sie bis vors Betreuungsgericht, um¬†quasi¬†eine¬†Entm√ľndigung zu erreichen.¬†Hat der Betroffene den Angeh√∂rigen zuvor freiwillig √ľber die Vorsorgevollmacht als Betreuer bestimmt (was bei meinen Eltern und mir jetzt¬†der Fall ist),¬†kann der Angeh√∂rige ein psychologisches Gutachten erstellen¬†lassen,¬†um die Gesch√§ftsf√§higkeit des Betroffenen festzustellen. Ist diese nicht mehr gegeben, setzt das Betreuungsgericht den in der Vorsorgevollmacht definierten Betreuer ein, und dieser hat dann in der Regel die M√∂glichkeit, den Betroffenen in ein Pflegeheim zu geben. Notfalls auch gegen den Willen. In diesem Moment wurde mir erst richtig bewusst, wie viel Verantwortung damit einher geht, dass ich f√ľr Mama und Papa laut Vorsorgevollmacht als Betreuerin definiert bin.

Die Heimleiterin riet mir, ihren Willen zu respektieren.

Denn was bringt es, wenn die pflegebed√ľrftige Person zwar perfekt versorgt ist, man sich bis zur quasi-Entm√ľndigung¬†derma√üen entzweit hat,¬†dass man¬†kein Wort mehr miteinander spricht?¬†Ist das ein erstrebenswerter Zustand? Ist es richtig, den¬†Betroffenen¬†endg√ľltig seiner Selbstbestimmung zu berauben, nur, um ihn¬†in guten H√§nden zu wissen? Sie erz√§hlte mir, sie h√§tte schon viele Angeh√∂rige gesehen, die den harten Weg gegangen, letztlich aber am Zerw√ľrfnis verzweifelt waren. Ich w√ľrde das ebenso wenig wegstecken k√∂nnen, klar.¬†Gleichzeitig muss ich aber st√§ndig¬†abw√§gen: Kann ich ihren Verbleib in den eigenen vier W√§nden verantworten, und wenn ja, wie lange noch? Papa schl√§ft vor dem Herd ein und kann jederzeit eine der Treppen hinabfallen, Mama kann das Haus nicht mehr ohne st√ľtzende Hilfe verlassen, und keiner von beiden ist dazu in der Lage, Alltagsbesorgungen zu erledigen, was beispielsweise die Medikamentenversorgung erschwert.

Aber reicht das schon aus, um ihnen ungewollte Hilfe – in welcher Form auch immer –¬†aufzuzwingen? Ist es nicht schon eine Frechheit sondergleichen von mir, √ľberhaupt dar√ľber nachzudenken, ob und wann ich den Weg √ľber das Betreuungsgericht gehen soll?

Und wann ist „nicht mehr gesch√§ftsf√§hig“ eigentlich „nicht mehr gesch√§ftsf√§hig genug“?

F√ľr mich steht sp√§testens seit dem¬†Gespr√§ch mit der Heimleiterin fest: Ich handele nicht gegen ihren Willen. Niemals soll es so weit kommen.¬†Das Problem ist nur, dass ich es auch nicht f√ľr immer garantieren kann. Vielleicht gibt es in Zukunft einen Moment, in dem ich merke, dass ich es eben doch nicht mehr verantworten kann, nichts zu unternehmen. Das ist aus 500 Kilometern Entfernung aber vergleichsweise schwieriger zu beurteilen als aus der Nachbarschaft. Vielleicht wird¬†es auch einfach der Moment sein, in dem ich vollends damit √ľberfordert bin, st√§ndig runterzufahren. Dahinter verbirgt sich die Frage: Wie weit muss / kann ich mich aufopfern, und¬†ab wann habe ich das Recht, dabei auch an mich zu denken? Ich vermag nicht zu prognostizieren, wann ich an den Punkt komme, an dem ich pl√∂tzlich doch den harten Weg gehen w√ľrde, um eine dringend notwendige Verbesserung gegen ihren Willen herbeizuf√ľhren, und wenn sie¬†nur im¬†Engagement eines Pflegedienstes innerhalb der eigenen vier W√§nde besteht.

Davon mal abgesehen: Ich bin davon √ľberzeugt, dass sie in meiner N√§he lebend noch viel l√§nger ein selbstbestimmtes Leben in ihrem eigenen Zuhause f√ľhren k√∂nnten als in D√ľsseldorf. Deshalb k√§mpfe ich daf√ľr, sie vom Umzug zu √ľberzeugen.

Apropos „√ľberzeugen“ – genau da liegt der Hase begraben: Sie m√ľssen wollen.

Ein Oxymoron, doch genau so ist es: Wenn ihr Wille fehlt, kann ich nichts machen. Im M√§rz wollten sie, aber jetzt hat Papa es sich anders √ľberlegt. Nun¬†bin ich hinsichtlich organisatorischer Dinge zur Passivit√§t verdammt, und mir bleibt blo√ü¬†die Rolle der zeigefingerhebenden N√∂rgeltochter, deren Argumente ohnehin die meiste Zeit zum einen Ohr rein und zum anderen Ohr wieder rausgehen. Wenn ich sie nicht noch vom Umzug √ľberzeugen kann,¬†dann hangeln wir uns in Zukunft in D√ľsseldorf von k√∂rperlicher Einschr√§nkung zu k√∂rperlicher Einschr√§nkung, f√ľr die wir dann jeweils vor Ort L√∂sungen finden m√ľssen.

Keine sehr erbauliche Aussicht. Deshalb arbeite ich aber noch lange nicht gegen¬†ihren Willen an, gegen¬†ihre Selbstbestimmung oder gegen ihr Recht darauf, eigene Entscheidungen f√ľr ihr Leben zu treffen. Wie auch immer das Ganze ausgeht, wo auch immer der Weg einmal endet – solange¬†ich die Wahl habe, bleibe ich lieber die zeigefingerhebende N√∂rgeltochter, statt zur elendigen Verr√§terin zu werden,¬†die ihnen alles m√∂gliche aufgezwungen hat. Am Ende z√§hlt nur, wie wir uns gegenseitig in Erinnerung behalten werden.¬†An diesem Ziel orientiere ich mich, vor allem in den dunkleren Momenten, in denen ich damit hadere, wenig tun zu k√∂nnen.

Solange ich die Wahl habe.

Es ist manchmal nicht einfach. Ich will ja nicht jammern, aber doch, es muss auch mal sein – ich hab’s manchmal nicht leicht mit den beiden. Sie es auch nicht mit mir, das gebe ich zu. Die letzten Wochen waren schwierig, und deshalb habe ich auch so wenig gebloggt. Mir fehlten die Worte daf√ľr. Manchmal war ich der Verzweiflung nahe, manchmal w√ľtend, manchmal kurz vor der Resignation. Was ist passiert?

Sagen wir mal so, mein Vater macht dem Blog-Untertitel „Einen alten Baum verpflanzt man nicht. Oder vielleicht doch?“ gerade alle Ehre in Sachen Unentschlossenheit. Er hat es sich n√§mlich anders √ľberlegt. Das mit dem Umzug. Beziehungsweise, er hat es sich gar nicht √ľberlegt. Im Prinzip weist er jede √úberlegung von sich. Er will nicht mehr dar√ľber nachdenken.

Es soll sich jetzt gefälligst nichts mehr ändern.

Und zwar „nichts“ im Sinne von „gar nichts“. Er m√∂chte jetzt weder umziehen noch irgendwas an seiner aktuellen Wohnsituation verbessern, was allerdings dringend n√∂tig w√§re. Wenn schon kein Umzug, dann w√§re ja wenigstens denkbar, dass wir das f√ľnfst√∂ckige, treppenlastige Haus altersgerecht umbauen lassen. Aber nein.¬†W√§hrend meine Mutter durchaus am Umzug festh√§lt, denn es war schon immer ihr Wunschtraum, wieder zur√ľck in den Norden zu gehen, blockiert mein Vater¬†ihren Wunsch durch seinen Widerwillen. Nennt man Pattsituation, glaube ich.

Leider ist meine Mutter auch nicht gerade die Entscheidungsfreudigkeit in Person, was den Umzug betrifft. Erw√§hnte ich letztens, dass ich keinen Makler rufen darf, solange ihre Augen nicht wieder in Ordnung sind? Ja, erw√§hnte ich. Hintergrund: Das Dach meines Elternhauses ist kaputt, und der Makler sollte im Hinblick darauf mal die Lage checken und beurteilen, ob man es (angesichts der aktuellen Immobilienpreissituation in D√ľsseldorf und sowieso) erst reparieren und dann verkaufen sollte oder umgekehrt.

Der Maklertermin¬†war abgemachte Sache, bis Mama¬†mit der Augendiagnose um die Ecke kam und darauf beharrte,¬†es d√ľrfe kein Fremder ins Haus, nicht mal in meinem Beisein, und zwar so lange nicht, bis sie des Sehens wieder vollkommen m√§chtig sei. Ich seufzte, ich akzeptierte, ich organisierte Termine in der Augenklinik und fand mich damit ab. Immer sch√∂n ein Mini-Schrittchen nach dem anderen.

Bis mein Vater sich am Telefon verplapperte.

Ja, es war wieder eins unserer ber√ľhmt-ber√ľchtigten Telefonate, vor denen ich immer ein wenig Respekt habe, weil ich nie wei√ü, welche √úberraschung mich diesmal erwartet. So auch neulich. Nachdem wir das √ľbliche Einkaufs-Tamm-Tamm hinter uns gebracht hatten, fragte ich, wie es denn sonst so gehe.

Papa: „Ganz gut. Mir tun nur die Knie weh.“ (Tja, die b√∂sen Treppen, was soll ich sagen?)

Ich: „Nicht sch√∂n. Brauchst Du eine Salbe aus der Apotheke? Oder sollen wir einen Arzttermin machen?“

Papa (grummelig, er hasst √Ąrzte): „Nein, blo√ü nicht, geht schon. Ist blo√ü dieses Nasskalte hier im Haus.“

Ich (seufzend): „Ja, weil das Dach kaputt ist. Kein Wunder.“

Papa (√ľberrascht): „Wie, Du wei√üt davon?“

Ach, Papa. Langsam schl√§gt sich seine Krankheit leider auch auf das Ged√§chtnis nieder. Im Vergleich zu anderen Parkinson-Patienten, die ich kenne, ist er zwar geistig noch sehr fit, aber manchmal merkt man es doch. Bei meinem letzten Besuch in D√ľsseldorf hatten wir gerade erst √ľber das kaputte Dach gesprochen. Oder anders gesagt: Ich war √ľber die W√§schewanne¬†gestolpert, die mitten im Schlafzimmer stand und der Regensammlung diente, und hatte h√∂flich¬†um Aufkl√§rung gebeten.

Ich: „Klar wei√ü ich das noch, wir haben doch gerade erst dar√ľber gesprochen. Aber Mama will ja niemanden ins Haus lassen, bevor ihre Augen nicht wieder in Ordnung sind.“

Papa: „Wieso? Der Dachdecker war doch gerade erst da?!“

Okay. In diesem Moment wurde mir klar: Mama m√∂chte nicht, dass ich das organisiere, und zwar ganz unabh√§ngig von ihrem eingeschr√§nkten¬†Sehverm√∂gen. Ich h√§tte es wissen m√ľssen. Mit anderen Worten: Halt Dich da raus, das schaffen wir schon alleine.

Leider lassen sie sich ohne meine Hilfe¬†aber regelm√§√üig √ľbervorteilen.

Ich sage nur: Der neue Fernseher f√ľr¬†ein paar Tausender von Elektro M√ľller, der Luxusstaubsauger vom Vertreter, oder aber – auch eine sch√∂ne, neue Geschichte: die Anschlussfinanzierung, die ihnen angedreht wurde. Zwei Achtzigj√§hrigen f√ľr eine lachhafte Restschuld¬†eine Anschlussfinanzierung mit zehnj√§hriger Zinsbindung und nur einem Prozent Tilgung pro Jahr und nat√ľrlich sensationell niedriger Monatsrate anzubieten, finde ich kriminell.¬†Und bei Gelegenheit werde ich auch noch mal ein H√ľhnchen mit dem „ach so netten Herrn XY“ (Mama) von der gro√üen, gelben Bank rupfen. Die meine Eltern am ausgestreckten Arm verhungern l√§sst. Statt die Restschuld abzutragen, zahlen sie in den kommenden Jahren¬†quasi sowas wie Miete an die Bank, obwohl sie l√§ngst fertig sein k√∂nnten. H√§tten sie mal ihre Tochter gefragt, die bei einem Baufinanzierer arbeitet und sich damit bestens auskennt. Aber nein! All das zeigt: Sie wollen meine Hilfe nicht. Bei den ganzen Kleinigkeiten wie Fernseher und Co. kann ich das ja noch akzeptieren. Aber bei der Frage, wie und wo sie in Zukunft leben wollen, leider nicht.

Denn ich mache mir Sorgen, große Sorgen.

Es kann jederzeit etwas passieren, und dann bin ich, die einzige Hilfe weit und breit, 500 Kilometer weit weg. Und dann kann ich zusehen, wie ich alles in den Griff bekomme: Ihre Belange und meine, schlie√ülich habe ich auch Familie hier oben im Norden.¬†Abgesehen davon, dass es f√ľr mich auch nicht gerade leicht ist, auf Dauer ihren ganzen Alltag aus der Ferne zu organisieren, ihre Medikamentenversorgung, ihre Lebensmitteleink√§ufe, Arzttermine und so weiter und so fort. Ich habe das alles im Griff, ich mache das alles gern, und ich mache das alles nun auch schon sehr lange. Es zehrt aber auf Dauer an meinen Kr√§ften, alleine die viele Fahrerei ist wirklich anstrengend. So kann es nicht ewig weiter gehen.¬†Deshalb war ich sehr froh √ľber ihre¬†Entscheidung im letzten Fr√ľhjahr, den Umzug zu wagen. Und sehr desillusioniert, als ich merkte, dass sie es eigentlich gar nicht wollen, weil sie einfach nicht mitziehen.

Das machen meine Nerven nicht mit.

Jedenfalls nicht lange. Nach der Sache mit dem heimlich bestellten Dachdecker hatte ich genug. Es wurde noch mal Tacheles geredet. Ganz in Ruhe, ohne emotional zu werden, ganz sachlich und aufs Wesentliche fokussiert – worauf ich immer noch ein bisschen stolz bin, denn in der Regel ist mir bei diesen Gespr√§chen immer zum Heulen zumute, was selten zu irgendwas Gutem f√ľhrt.

Ich habe ihnen also ganz ruhig erkl√§rt, dass ich es leid bin. Sie haben im vergangenen M√§rz entschieden, umziehen zu wollen, torpedieren aber seither alle meine Organisationsversuche mit allen m√∂glichen Mitteln.¬†Wir haben zwar diverse¬†Vorsorgevollmachten notariell abgeschlossen, aber so lange sie im Vollbesitz ihrer geistigen Kr√§fte sind, kann ich ohne ihre Zustimmung nicht mal einen Stromvertrag k√ľndigen.

Das ist ja an sich auch gut so. Aber sie k√∂nnen sich nicht f√ľr einen Umzug entscheiden, meine Hilfe zwar grunds√§tzlich annehmen, mir aber dann bei jedem Kinkerlitzchen Steine in den Weg legen,¬†indem sie sich allerlei Ausreden einfallen lassen¬†und¬†Termine mit fadenscheiniger Begr√ľndung verschieben oder hinterr√ľcks einen Dachdecker engagieren, obwohl wir besprochen hatten, erst mal einen Fachmann f√ľr Hausverk√§ufe beurteilen zu lassen, ob das √ľberhaupt sinnvoll ist.

Also habe ich ihnen in diesem Gespr√§ch klar gemacht, dass der Wille zum Umzug von ihnen ausgehen muss, wenn √ľberhaupt.¬†Sie m√ľssen eine Entscheidung treffen und dann dahinter stehen. Ganz egal, wie sie ausf√§llt.¬†Und sie k√∂nnen mir Bescheid sagen, wenn das der Fall ist.¬†Vorher mache ich nichts mehr.¬†Nichts im Sinne von „gar nichts“. Seitdem warte ich und hake bei jedem Telefonat nach. Mit bisher mauem Erfolg und dem Resultat, dass Papa sich jetzt am Telefon verd√§chtig oft¬†viel tauber stellt, als er eigentlich ist. Aber ich bleibe hartn√§ckig.

Fun Fact am Rande: „Und, wie l√§uft es mit dem Block, Kind?“

Meine Eltern wissen, dass ich hier √ľber unsere gemeinsamen – wie soll ich es ausdr√ľcken – Erlebnisse schreibe. Mit knapp 80 haben sie zwar nur eine ganz vage Vorstellung davon, was ein Blog ist und wie man es ausspricht, aber ich konnte ihnen begreiflich machen, dass hier Fremde mitlesen und was das bedeutet. Sie sind einverstanden, haben vollstes Vertrauen, dass ich sie nicht blo√üstelle (ich bem√ľhe mich), und gleichzeitig sind sie ein bisschen stolz darauf.

Fragt mich meine Mutter neulich: „Und, wie l√§uft es mit Deinem Block?“

Ich: „Nunja. Am Rand steht: ‚Zwei Achtzigj√§hrige ziehen um.‘ Wenn Ihr so weiter macht, werde ich es wohl bald schlie√üen m√ľssen.“

Mama: „Kommt gar nicht infrage. Dann ziehen wir eben um.“

Die Hoffnung lebt.

Hier pfeift gerade gar nichts von D√§chern. In den letzten vier Wochen war es hier still, weil nicht viel passiert ist. Der Umzug stagniert, leider, weil meine Mutter der Ansicht ist, es d√ľrfe nicht weiter gehen, so lange sie ihre Augen-OP noch nicht hatte. Denn sie sieht ja nicht so gut. Ich kann unm√∂glich den Makler ins Haus lassen, wenn sie nur die H√§lfte sieht. Dass ich alles sehe, ist irrelevant. Das muss ich respektieren, auch, wenn’s schwer f√§llt.

Immerhin sind wir beim Thema „Augen“ einen guten Schritt weiter gekommen, sie war n√§mlich beim Arzt, um sich anzuh√∂ren, was nun zu tun sei. Da ich leider nicht mitgehen konnte, musste ich mich im Nachhinein zum Pudelkern durchfragen.

Ich: „Find ich super, Mama, dass Du da warst.“ (Und nicht gekniffen hast, wie ich schon bef√ľrchtete, was nicht so super gewesen w√§re, da Facharzttermine rar sind und der n√§chste vielleicht 2017 erst h√§tte stattfinden k√∂nnen)

Mama (ganz relaxed): „Jaja, das war ja nun keine gro√üe Sache.“

Ich: „Und, was hat er gesagt?“

Mama (kurz und knapp): „Muss operiert werden.“

Ich: „Und wo?“

Mama: „Uniklinik. Augenklinik.“

Ich: „Aha. Hast Du schon eine √úberweisung daf√ľr bekommen?“

Mama: „Nein.“

Ich: „Warum nicht?“

Mama: „Weil das Quartal bald zu Ende ist. Die √úberweisung brauche ich f√ľrs neue Quartal. Dann muss ich noch mal hin.“

Ich (skeptisch): „Aber √úberweisungen gelten doch normalerweise quartals√ľbergreifend?“

Mama: „In diesem Fall nicht.“

Ich (stirnrunzelnd): „Das w√§re mir neu, aber okay.“ (Ich vermute eine Zeithinausz√∂gerungstaktik dahinter, will aber nicht ungerecht sein, denn vielleicht stimmt es ja tats√§chlich)

Mama: „Ich muss auf jeden Fall deshalb noch mal zum Augenarzt¬†zuerst, im kommenden Quartal.“

Ich: „Aber die kann er doch dann sicher auch per Post schicken. Am besten, ich rufe da mal an und frage nach, ob das wirklich n√∂tig ist, so lange zu warten. Vielleicht hast Du da was falsch verstanden. Wie ist denn seine Telefonnummer?“

Mama (murmelt die exakte Nummer leise vor sich hin): „0211-12345678.“ Und dann lauter an mich gewandt: „Die wei√ü ich nicht, da muss ich jetzt erst nach oben gehen, um die zu holen.“

Ich (des H√∂rens m√§chtig, habe die gemurmelte Nummer nat√ľrlich schnell mitgeschrieben): „Ich kann die auch googeln. Wie hei√üt er denn?“

Mama: „Hab ich vergessen. Irgendein komplizierter, ausl√§ndischer Name.“

Ich: „Du willst also nicht, dass ich da anrufe.“

Mama: „Das hab ich doch gar nicht gesagt. Ich komme nur ad hoc nicht auf die Telefonnummer. Kein Mensch kann sich alle Telefonnummern merken.“

Sehr unglaubw√ľrdig. Doch, liebe Mama, Du kannst das. Konntest Du schon immer. Manchmal vergisst Du nur, dass ich Dich gut genug kenne, um das zu wissen. Zumal ich diese merkw√ľrdige Eigenschaft, Zahlen besser zu behalten als alles andere, von Dir geerbt habe.

Ich: „Na gut. Ich kenne zwar weder seinen Namen, noch seine Telefonnummer,“ (h√ľstel), „aber ich finde das schon heraus. So viele Augen√§rzte gibt’s ja nicht bei Euch in der N√§he.“

Mama: „Wie Du meinst.“

Sie hat Angst und m√∂chte die OP hinausz√∂gern. Deshalb will sie nicht, dass ich da anrufe, um alles zu beschleunigen. Ich verstehe sie ja, aber es hilft ja alles nichts. Sie sieht schlecht, und das ist ja kein Zustand. Wer irgendwann wieder alleine auf die Stra√üe gehen m√∂chte, muss sehen. Ich begleite sie ja auch und versuche, ihr die √Ąngste zu nehmen. Eine grauer-Star-OP dauert nur wenige Minuten und kann in der Regel ambulant durchgef√ľhrt werden. Hinterher sieht sie wieder wie ein junges M√§dchen. Zuerst gilt es, den Widerstand zu durchbrechen. Auch, wenn es nur zu ihrem Besten ist,¬†die G√§ngel-Rolle gef√§llt mir gar nicht.

P.S. Nat√ľrlich konnte ich die gemurmelte Nummer googeln und sie exakt dem Augenarzt zuordnen. √Ątsch.

 

Der Weg zur Bank ist ja f√ľr meine Mutter heute nicht mehr so einfach. Deshalb bringe ich ihr normalerweise bei jedem meiner Besuche Bargeld von ihrem Konto mit. So auch letztes Mal. Leider hatte ich das Bargeld noch im Portemonnaie, als ich l√§ngst wieder Zuhause in Hamburg war – √§rgerlich, aber kommt vor. ¬†Deshalb wurde die Haushaltsgeld-Problematik in unserem letzten Supermarkt-Bestell-Telefonat¬†zum Thema.

Ich: „Tut mir leid, Mama, ich √§rgere mich total, dass ich vergessen habe, Dir in D√ľsseldorf das Geld zu geben.“

Mama (heute die Gro√üz√ľgigkeit in Person): „Schon gut. Jeder macht mal Fehler.“

Ich habe trotzdem ein schlechtes Gewissen, ich will ja auch nicht, dass meine Eltern bargeldmäßig auf dem Trockenen sitzen.

Mama: „Einhundert Euro hab ich noch, damit kommen wir noch hin.“

Autsch. Ich miserable Tochter.

Ich: „Ich k√∂nnte ja was mit der Post schicken.“

Mama: „Mit der Post? Nein, nein, nein. Das sagt einem doch schon der gesunde Menschenverstand, dass man kein Bargeld mit der Post schickt!“

Ich: „Aber ich komme erst in vier Wochen wieder, so lange reicht das Geld doch nie und nimmer.“

Mama (z√∂gerlich): „Na ja, Du k√∂nntest es ja vielleicht Zwanziger-weise verschicken. Dann ist es ja noch zu verschmerzen, wenn mal ein Umschlag abhanden kommt.“

Wof√ľr wir dann mehrere¬†Wochen br√§uchten, um das Haushaltsgeld von A nach B zu transferieren. Aber, so what.

Ich (erleichtert √ľber diese halbwegs passable L√∂sung): „Okay. So machen wir’s.“

Mama (wenn schon, denn schon): „Und wenn Du sowieso schon zur Post gehst, dann hol mir doch bitte auch gleich zehn¬†Briefmarken f√ľr Standardbriefe und steck sie mit dazu.“

Ich: „Alles, was Du willst, Mama.“

Eigentlich m√ľsste ich wissen, dass es unklug ist, sowas so leicht dahinzusagen.

Mama: „Ich brauche auch noch Briefumschl√§ge. Nimm einfach einen gro√üen Umschlag und steck alles¬†da rein.“

Ich: „Okay… mach ich…“

Nächstes Telefonat. Die Sendung war nicht hundertprozentig zu Ihrer Zufriedenheit.

Mama: „Danke f√ľr die Post. Du hast Dir wirklich M√ľhe gegeben.“

Miserable Tochter, die Fortsetzung.

Ich: „?!? Stimmte damit irgendwas nicht?“

Mama: „Na ja, Du hast Siebzig-Cent-Briefmarken genommen.“

Ich: „Ja, weil Du meintest, Du br√§uchtest Briefmarken f√ľr Standardbriefe. Und die kosten 70 Cent.“

Mama: „Nein, 45 Cent.“

Ich (also bin ich jetzt doof, oder was ist hier los?): „Nein, Mama, heutzutage m√ľssen 70 Cent auf den Briefumschlag. 45-Cent-Briefmarken sind f√ľr Postkarten.“

Mama: „Das kann doch gar nicht sein. Briefe haben IMMER 45 Cent gekostet.“

Es folgt: Miserable Tochter, der unr√ľhmliche H√∂hepunkt.

Ich: „Ja, damals, als Du noch den Weg zum Briefkasten geschafft hast, ¬†haben die vielleicht noch 45 Cent gekostet.“

Kaum habe ich das ausgesprochen, beiße ich mir auch schon auf die Unterlippe. Das war jetzt fies.

Mama (altbekannter Brustton der Emp√∂rung): „Also SO lange ist das ja nun auch noch nicht her!!“

Doch, so lange war das her. Das wei√ü ich deshalb so genau, weil ich schon seit Jahren keine Post mehr von ihr bekommen habe, obwohl sie fr√ľher eine begeisterte Briefeschreiberin gewesen ist.

Ich (aus mir spricht das schlechte Gewissen): „Entschuldige bitte, war nicht so gemeint. Aber sag mal, ich dachte, der Weg zum Briefkasten sei so beschwerlich – wie willst Du das denn in Zukunft schaffen?“

Mama: „Ach, zerbrich Dir mal nicht meinen Kopf, das kriege¬†ich schon hin.“

Ich (hellh√∂rig): „Wem musst Du denn so dringend Briefe schicken? Kann ich das nicht von hier aus f√ľr Dich erledigen?“

…Pause…

Mama (einsilbig): „Nein, kannst Du nicht.“

Ich: „Aha. Geheimnisse?!?“

Mama (lacht gek√ľnstelt): „Ach was. Papperlapapp.“

Jetzt kommt’s raus. W√§hrend ich quasi seit Jahren keine Post mehr von ihr bekomme (auch die fr√ľher obligatorische Geburtstagspostkarte ist zur Seltenheit geworden, aber ich bin ja auch nur die Tochter), scheint sie ausgiebige Brieffreundschaften mit dem gro√üen Unbekannten zu pflegen. So unbekannt ist der, glaube ich, gar nicht. Es gibt da so einen omin√∂sen, fr√ľheren Ex-Kollegen, der es ihr immer angetan hatte, aber da bohre ich lieber nicht nach und √ľbe mich zur Abwechslung mal darin, eine weniger miserable¬†und daf√ľr umso¬†diskretere Tochter zu sein.

Aber man¬†wird ja wohl noch dar√ľber bloggen d√ľrfen.

Seit meinem letzten Besuch in D√ľsseldorf Anfang August ist meine Stimmung ein wenig getr√ľbt.¬†Grund: Meine Eltern strapazieren meine Geduld. Meine Eltern sind nicht gerade die entscheidungsfreudigsten, pragmatischsten Typen, beide nicht.¬†Wir kommen nicht so richtig vorw√§rts, was mir gar nicht behagt. Ich w√ľrde jetzt n√§mlich am liebsten die √Ąrmel hochkrempeln, Umzugsunternehmen bestellen, einen Makler anheuern, das Haus weiter entr√ľmpeln, die neue Wohnung anmieten und den Umzug √ľber die B√ľhne bringen. Aber alles, was ich darf, ist den Makler anheuern.

Besser als gar nichts, aber nicht gerade ein Quantensprung.

Denn da waren sie wieder, meine altbekannten Probleme. Mein Tempo – welches auch immer – ist nicht das Tempo, das meinen Eltern gef√§llt. Dem einen geht es viel zu schnell (Papa: „Also, das mit dem Umzug kann ich mir in den n√§chsten drei Jahren vorstellen!“), der anderen viel zu langsam (Mama: „Ich m√∂chte lieber heute als morgen raus aus diesem Loch“ – damit meint sie vor allem ihren Stadtteil, weniger das Haus).

Diese Ambivalenz macht das ganze Vorhaben nicht gerade leichter. Grundsätzlich ist es ja so: Ohne die Unterschriften und ohne die Zustimmung meiner Eltern darf ich aktuell rein gar nichts.

Ja, wir haben letztes Jahr die Vorsorgevollmachten unter Dach und Fach gebracht. Das bringt mir im Augenblick¬†aber noch n√ľscht. Denn in den Vorsorgevollmachten ist lediglich definiert, dass ich f√ľr sie entscheiden darf, sobald sie selbst nicht mehr dazu in der Lage sind. Das ist aber noch nicht der Fall. Sie sind sehr wohl noch dazu in der Lage, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, und zwar jeder f√ľr sich selbst. Eigentlich ja sch√∂n f√ľr sie, aber mir macht gerade das im Moment das Leben schwer, vor allem, weil der eine was anderes will als die andere.¬†Eigentlich m√ľssten sie sich erst mal einigen. Das wird aber nix, weil sie das Thema untereinander erst gar nicht ansprechen. Das macht eine Einigung ungleich schwieriger. Denn selbst bei meiner Mutter, die unbedingt zur√ľck in den Norden will, machen sich des√∂fteren Zweifel breit, ob sie das alles √ľberhaupt noch schaffen kann. Und mein Vater wirft dann zum passenden Zeitpunkt ein:

Einen alten Baum verpflanzt man nicht.

Schon macht meine Mutter wieder einen halben R√ľckzieher, und dann bin ich wieder gefragt, beziehungsweise meine √úberzeugungskraft. Ich hatte in letzter Zeit sehr viele Momente, in denen ich dachte: „NA DANN LASSEN WIR ES EBEN!!!“, aber das ist auch keine Alternative. Ich muss da durch, mit ihnen. Wir m√ľssen da durch, zusammen. Irgendwie. Ich kann sie nicht alleine lassen, dort unten. Umgekehrt wollen sie mir nicht zur Last fallen,¬†und generell¬†passt es ihnen gar nicht, dass sie mich ab und zu doch um Hilfe bitten m√ľssen,¬†wie beispielsweise beim Einkauf.¬†Ihre Hilfsbed√ľrftigkeit geht allerdings inzwischen schon weit dar√ľber hinaus.

Was meine Eltern nicht mehr können:

  • Das Haus verlassen:¬†Am Eingang ist kein Gel√§nder installiert, und ohne ein solches wird es leider schwierig,¬†aber eines anzubringen. Warum bringen wir keins an? Gro√üe Emp√∂rung: „Wir geh√∂ren doch nicht zum alten Eisen!!“
  • Aus Punkt eins ergibt sich, dass alles, was au√üenh√§usig stattfindet, zum Abenteuer wird.
    • Beispielsweise einkaufen:¬†Sie schaffen den Weg nicht mehr, der n√§chste Supermarkt liegt zirka einen Kilometer¬†Luftlinie entfernt. Warum schaffen wir keinen Rollator an? Antwort: „Wir sind doch noch keine Greise!“
    • Arzttermine machen:¬†Meine Mutter ist der Meinung, eine Herzinsuffizienz sei ein Klacks und bed√ľrfe keiner weiteren Beobachtung, mein Vater kann seinen Neurologen nicht ausstehen, was der Frequenz seiner Arztbesuche nicht gerade zutr√§glich ist, und abgesehen davon kommt er¬†nicht mehr alleine aus dem Taxi heraus. Dar√ľber spricht man aber selbstverst√§ndlich nicht so gerne.
    • Medikamente besorgen: Ich time meine Besuche dementsprechend.
    • Bargeld besorgen: Auch das erledige, wenn ich vor Ort¬†bin.
    • Bankgesch√§fte erledigen: Mache ich online f√ľr sie.
  • Innerh√§usig l√§uft es aber auch nicht besser:
    • Kochen im Sinne von „Mahlzeiten planen, dementsprechend den Einkauf planen, Mahlzeiten zubereiten“:¬†Der ganze Vorgang √ľberfordert sie, sie machen sich seit Wochen nur noch Dosensuppen warm, W√ľrstchen hei√ü oder rufen bei der Pommessbude gegen√ľber an. Die¬†Essen-Auf-R√§dern-Dienste fand meine Mutter allesamt kulinarisch unbefriedigend und zu teuer. Was ist auch schon so ein matschiges Rindergulasch gegen so eine richtig sch√∂ne Portion Pommer mit Mayo?
    • Kochen im Sinne von „Herd einschalten und Herd wieder ausschalten“: Mein Vater ist neulich vor den Kartoffeln eingeschlafen.
    • Den Haushalt in Schuss halten:¬†Sie kaufen zwar noch mit Begeisterung sauteure Staubsauger, die Anwendung strengt sie aber k√∂rperlich viel zu sehr an.
    • Die Treppen im Haus bew√§ltigen:¬†5 Stockwerke, jedes Zimmer liegt in einem anderen.
    • Den Rasen m√§hen: Das¬†machen netterweise die Nachbarn.

… und das sind nur die Punkte, die mir jetzt spontan einfallen.

Trotzdem läuft es ja noch. Irgendwie.

Manchmal muss ich mich schon wundern, wie sie es trotz aller Widrigkeiten noch hinkriegen, sich von Woche zu Woche zu hangeln. Was auch dazu beitr√§gt, dass sie der Meinung sind, es liefe doch an und f√ľr sich wie am Schn√ľrchen. Die Einsicht, dass sie mich in ihrer N√§he ben√∂tigen, ist trotz allem, was schon passiert ist, noch nicht wirklich gesackt. Was zur Folge hat, dass ich bei jedem Anruf mit unbekannter, D√ľsseldorfer Nummer zusammen zucke. Denn nat√ľrlich mache ich mir jeden Tag Sorgen.¬†Aber ganz offensichtlich m√ľssen sie erst wieder maik√§ferm√§√üig auf dem R√ľcken liegen, bevor sie mir zustimmen, wenn ich sage, dass wir den Umzug langsam mal ein weeeenig beschleunigen sollten. Ihr Motto dabei lautet:

Nerv uns nicht, wir wollen ja umziehen Рaber doch nicht jetzt!

Im Augenblick wei√ü ich nicht, was noch passieren muss, damit sie ihre Einstellung √§ndern. Dass ich jetzt zumindest mal den Makler engagieren darf, ist einzig und allein ein Zugest√§ndnis daran, dass sie ja vor einigen Wochen angek√ľndigt hatten, mitkommen zu wollen. Aber irgendwas sagt mir, dass sie hoffen, er w√ľrde das Haus als unverk√§uflich deklarieren.

Meine Mutter sieht nicht mehr so gut. Mit 78 ja auch nichts so Besonderes. Ich bin 37 und habe auch schon -3 Dioptrien. Will gar nicht wissen, wie schlecht ich mit 78 sehen werde. Im Gegensatz zu meiner Mutter trage ich seit Feststehen meiner Sehschw√§che eine Brille.¬†Meine Mutter ist der Meinung, eine Brille sei keine besonders √§sthetische Angelegenheit,¬†weshalb sie das Tragen einer solchen verweigert.¬†Da sie bl√∂derweise ohne Brille nicht mehr lesen kann, musste sie sich vor ein paar Jahren wohl oder √ľbel irgendwann auf eine einlassen.¬†Die setzt sie jedoch nur zum Lesen auf. Ein Jammer, denn drau√üen auf der Stra√üe beispielsweise k√∂nnte sie die Brille auch ganz prima brauchen,¬†um beispielsweise n√§herkommende Autos zu erkennen.

Wenn meine Mutter in ihrem¬†beschaulichen, D√ľsseldorfer Vorort¬†auf die Stra√üe geht, m√ľsste eigentlich stadtteilweit eine Alarmsirene f√ľr alle anderen Verkehrsteilnehmer ert√∂nen.

Aber alles Reden bringt nichts. Sie braucht ja auch keinen Rollator, obwohl ihr die Fortbewegung ohne Hilfsmittel sehr schwer fällt.

Ich habe irgendwann eingesehen, dass nicht ich es bin, die zu irgendeiner Einsicht kommen muss, sondern sie. Und dass meine Worte uns in dieser Hinsicht kein St√ľck weiter bringen. H√∂ren und f√ľhlen, sage ich nur. Wer nicht will, der muss.

Gelegentlich f√§llt ihr das Thema jedoch auf die F√ľ√üe. Ich bewundere sie aber auch daf√ľr, mit wie viel Starrsinnigkeit sie selbst dann noch die Konsequenzen ihrer Passivit√§t wegignoriert. Wie neulich am Telefon.

Ich: „Hallo Mama, ich bin’s! Wie geht’s Euch?“

Mama: „Ganz gut. Ich sehe nur nichts mehr.“

Ich (erschrocken): „Wie – Du siehst nichts mehr?“

Mama (relativierend): „Na ja, ich sehe schon noch was. Aber ich kann kaum noch lesen.“

Ich (erleichtert, aber alarmiert): „Okayyyy… das ist ja nicht so toll. Wie w√§re es, wenn Du das mal vom Augenarzt untersuchen l√§sst.“

Mama: „Jaja. Muss wohl gelasert werden.“

Ich: „Wie lautet denn die Diagnose?“

Mama: „Die Linsen sind ein bisschen tr√ľb.“

Ich: „Also…mit anderen Worten…grauer Star?“

Schweigen.

Ich: „Seit wann wei√üt Du das denn?“

Mama: „Ach, erst seit anderthalb Jahren.“

Ich: „WAS? Und das sagst Du mir erst jetzt?!“

Telefonate mit meiner Mutter. Immer wieder sch√∂n. Hat was von Wundert√ľte. Leider wei√ü man nie, ob die darin enthaltene √úberraschung positiver oder negativer Natur ist.

Mama: „Ach, das bisschen. Ist ja nun auch kein Weltuntergang.“

Ich: „Ja, aber wenn du nichts mehr siehst, ich meine – das Lasern ist doch wohl keine gro√üe Sache!“

Mama: „Ich habe aber Angst.“

Ich: „Das brauchst Du nicht. Die machen sowas heutzutage sogar ambulant. Ich komme mit, halte H√§ndchen und bringe Dich hinterher nach Hause.

Mama: „Nein, das brauchst Du nicht. Das macht Papa schon.“

Ich: „Mama,¬†bist Du sicher, dass Papa den Heimweg vom Augenarzt noch findet?“

Mama (felsenfest): „Aber nat√ľrlich.“

Dazu muss man wissen: Sie ist allerdings auch der Meinung, er k√∂nne¬†noch alleine den M√ľll rausbringen, obwohl er die Treppenstufen vor dem Haus nicht mehr bew√§ltigt. Die Nachbarn bringen den M√ľll weg. Aber wen interessieren schon diese unwichtigen Details.

Ich: „Dir ist klar, dass Du nach dem Eingriff erst mal nur verschwommen siehst, und dass Dich jemand st√ľtzen und mit dem Auto nach Hause bringen sollte? Ich sehe Euch schon orientierungslos durch D√ľsseldorf tapern, Du halb blind und Papa hilflos.“

Mama: „Nun mach das mal nicht schlimmer, als es ist. Das schaffen wir noch sehr gut alleine.“

Ich (muss die Chance nutzen und auf den Sinn und Zweck des Umzugs anspielen): „Das w√ľrde ich Euch ja w√ľnschen, aber ich habe da so meine Zweifel. F√ľr mich ist das mal wieder ein sehr gutes Beispiel daf√ľr, wie dringend erforderlich Euer Umzug in meine N√§he ist.“

Mama: „Jetzt fang nicht wieder davon an. Ich habe gerade schon genug Sorgen.“

Thema abgeb√ľgelt.

Erwähnte ich schon, dass es mit der ganzen Umzugsgeschichte ein wenig schleppend läuft? An mir liegt das nicht.

Ich werde am Tag ihres Augenarzttermins also bangend auf mein Handy gucken und hoffen, dass mich im Anschluss keine unbekannte D√ľsseldorfer Nummer anruft und mir irgendein Fremder mitteilt, meine Eltern seien irgendwo orientierungslos herumirrend aufgefunden worden. Oder ich fahre einfach hin und begleite sie gegen ihren Willen. Ich muss noch mit mir selbst ausknobeln, wie ich mich verhalten soll.¬†Vielleicht werfe ich eine M√ľnze und hoffe, dass mich die Entscheidung – wie auch immer sie ausf√§llt – am Ende nicht um den Schlaf bringt. So wie neulich, als meinen Eltern mal wieder die Medikamente ausgingen, ich aber just zu diesem Zeitpunkt nicht kommen konnte, weil mein Kind Geburtstag feierte.

Meine Mutter beruhigte mich, sie w√ľrde den Weg zur Apotheke mit Links alleine schaffen, um dann auf dem Weg b√∂se zu st√ľrzen. An den Beinschmerzen laboriert sie heute noch herum, und mein schlechtes Gewissen erinnert mich st√§ndig daran. Manchmal machen sie es mir auch nicht leicht.